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Die Maschinen von Ann Leckie

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Breq ist eine Kämpferin, die auf einem einsamen Planeten auf Rache sinnt. Hinter ihrer verletzlichen, menschlichen Fassade verbirgt sich mehr, als es zunächst den Anschein hat: Sie wurde von den Radch geschaffen, die nach und nach das gesamte Universum unterworfen haben. Breq ist nur dem Äußeren nach eine Frau, vor allem aber ist sie ist eine perfekt konstruierte Maschine, abgerichtet zum Erobern und Töten. Nun aber beschließt sie das Unmögliche: Ganz allein will sie es mit Anaander Mianaai aufnehmen, dem unbesiegbaren Herrscher der Radch. Denn Breq will endlich frei sein.

 

Rezension:

Ancillary Justice hat 2014 so ziemlich alle Genre-Preise abgeräumt und damit auch recht unterschiedliche Geschmäcker auf sich vereinen können. Für ein Roman-Debüt eine beachtliche Leistung. Dabei gilt die Auszeichnung meist zwei Aspekten, die Ann Leckies Werk von aktuellen Genre-Veröffentlichungen abgrenzen: Geruhsames Erzählen und konsequente geschlechtsneutrale Handlung.

 

In seinem Vorwort weist Übersetzer Bernhard Kempen auf die Probleme hin, die sich beim Übertragen ins Deutsche ergeben, wenn man die bewusste Verwendung von weiblichen Sprach-Formen beibehalten will. Er entschloss sich unter anderem Begriffe wie Leutnant zu Leutnantin umzubauen. Was allerdings irgendwie am Ziel vorbeigeht. Zum einen sind militärische Begriffe von Natur aus mit männlichen Ideen verknüpft. Viel wichtiger aber ist, dass es Leckie in »Ancillary Justice« überhaupt nicht darum geht, für gendergerechte Sprache zu kämpfen. Vielmehr beweist sie, dass für die Handlung eines begeisternden SF-Buches das Geschlecht ihrer Figuren keinerlei Rolle spielt. In dieser Präzision dürfte der Roman damit tatsächlich einzigartig sein.

 

Der Weltenbau von »Ancillary Justice« ist nicht sonderlich neu. Die Radchaai, eine expansive, humanoide Rasse, erobert in Annexions-Wellen die Gebiete anderer Rassen und Reiche. Wer sich wehrt, stirbt oder wird eingefroren um später als Körper für KI-gesteuerte Soldaten oder Avatare diverser Schiffs-KIs verwendet zu werden, die zum Teil tausende Jahre alt sind.

Wer kooperiert, wird ins Reich aufgenommen und bekommt früher oder später Bürgerrechte. Da das Geschlecht keine Rolle spielt und selbst die Fortpflanzung in höchstem Maße technisiert und geplant verläuft, gibt es nur eine Anredeform, die weibliche. Herrin der Radch ist Anaander Mianaai, die in diversen Körpern im ganzen Reich präsent ist.

 

Zu Beginn befinden wir uns jedoch außerhalb des Radch-Reiches. Nach einer langen Suche ist Protagonistin Breq kurz davor, eine uralte Waffe für einen zunächst noch unklaren Plan zu finden, als sie über eine alte Bekannte stolpert. Seivarden diente einst als eine Leuntnantin auf der Gerechtigkeit der Torren, deren einer der Schiffs-Avatare, in der Übersetzung Hilfseinheit genannt, Breq ist. Vollgestopft mit Implantaten und dem gesamten Wissen und den Erinnerungen der Schiffs-KI. Die Gerechtigkeit der Torren gehörte zu den größten Schiffsklassen und vor siebenhundert Jahren befand sich Seivarden unter ihrer Besatzung. Durch eine relative Raumreise strandete die Soldatin schließlich Drogensüchtig im Dreck vor Breq, dem Tode nah. Aus ihr selbst unbegreiflichen Gründen entschließt sich Breq, Seivarden nicht nur zu retten, sondern auch in ihren Plan einzubeziehen. Denn Breq will Gerechtigkeit, Ancillary Justice …

 

Es gibt diverse Möglichkeiten, die Entwicklung von Breq innerhalb des Romans zu deuten. Sie löst sich vom einstigen Kollektivwesen und findet ihre Individualität. Der Pfad läuft entlang von Gefühlen, die sie als Avatar gar nicht haben dürfte, allen voran Liebe.

Dabei wird sie zum Spielball politischer Intrigen, die bereits uralt sind und dennoch entwickelt sie sich zu jenem unberechenbaren Werkzeug, das nicht nur seine Rolle erkennt, sondern auch zu nutzen weiß. Im Verwirrspiel der Motive erzählt Leckie mit diversen Rückblenden, wie das Reich der Radch zu jenem explosiven Showdown treibt, in dem nicht nur Breq unterzugehen droht, sondern alle Radchaai.

Mit Breq erschafft Leckie eine ganz eindringliche Figur. Die fokussierte Reinkarnation einer uralten Wesenheit, die ähnlich der Herrin der Radch bereits in ihre Komponenten zu zerfallen begann. Dabei bündelte sich das Menschliche über Musik und Gefühle wie Liebe und Loyalität zu einem ganz neuen Geschöpf. Aus dem verstümmelten Körper eines besiegten Feindes und dem versklavten Geist einer KI wird eine Radch.

 

Die Darstellung dieser politischen Verwicklungen ist Ann Leckie fast ebenso wichtig, wie der emotionale Menschwerdungsprozess Breqs. In unzähligen und sehr ausführlichen Gesprächen breitet sich vor unserem Auge das ganze Ausmaß von Reformstau und Zerfallssymptomen aus, denen jedes große Reich irgendwann anheim fällt. Im Zusammenspiel mit der langsamen Erzählweise entstehen so einige eher langweilige Passagen, die jedoch immer gerade rechtzeitig enden, um den Lesefluss nicht nachhaltig zu stören.

 

Die Heyne-Ausgabe wird ergänzt durch ein kurzes Interview mit der Autorin. Das geniale Cover von Billy Nunez wurde leider völlig zugekleistert mit Werbung und einem mehr als peinlichen deutschen Titel, der nicht nur inhaltlich falsch ist, sondern auch das schöne Wortspiel des Originals komplett ignoriert.

 

Fazit:

Eine epische Liebesgeschichte vor dem Hintergrund einer eher durchschnittlichen Space Opera. Besonders wird der Roman jedoch durch eine sorgfältige Erzählweise, die weder hetzt noch grundlos hin und her springt. Dabei gelingt Ann Leckie ein SF-Opus, der komplett ohne geschlechtsspezifische Handlungsteile auskommt.

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Buch:

Die Maschinen

Original: Ancillary Justice, 2013

Autorin: Ann Leckie

Übersetzer: Bernhard Kempen

Taschenbuch, 541 Seiten

Heyne, 9. Februar 2015

Titelbild: Billy Nunez

 

ISBN-10: 3453316363

ISBN-13: 978-3453316362

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00R3627OG

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

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Erstellt: 30.03.2015, zuletzt aktualisiert: 03.07.2017 19:52