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Die Maske des roten Todes

Gruselkabinett 46

Hörspiel

 

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Im späten 18. Jh. sucht eine schreckliche Seuche Italien heim. Es beginnt mit Schwindel und unbestimmten Schmerzen, dann schwitzt das Opfer Blut und kurze Zeit später ist es tot. Nach dem blutigen Schweiß wird die Krankheit "roter Tod" genannt. Prinz Prospero indes sind die Leiden seiner Untertanen herzlich egal: Sollen sie sich doch selbst um ihre Probleme kümmern, er will von ihnen nicht belästigt werden. Auf dem Heimweg von einer kleinen lustvollen Eskapade fährt er mit seinen Ministern in seiner Kutsche an einem Künstlerpärchen vorüber. Der Mann heißt Hopp-Frosch und hat stark verkümmerte Beine – er bewegt sich mithilfe seiner kräftigen Arme unbeholfen hopsend fort. Ihn begleitet die schöne Tänzerin Tripetta – die allerdings auch eine Zwergin ist. Die Minister würden die junge Frau gerne für das Bett mitnehmen, und Prospero hätte die beiden grotesken Figuren gerne für seine Menschensammlung – und die Artisten wollen nur von der Seuche fort. So begibt man sich gemeinsam zur alten Abtei, in der der Prinz so lange ausschweifende Feste zu feiern gedenkt, bis die Seuche vorüber ist. Hundert (gesunde) Freunde werden geladen. Unterdessen müssen Tripetta und Hopp-Frosch für Unterhaltung sorgen, wollen sie nicht Prosperos sadistisches Missfallen zu spüren bekommen.

 

Dem Leser wird möglicherweise aufgefallen sein, dass nicht eine, sondern zwei Kurzgeschichten Poes verwendet wurden – neben Die Maske des roten Todes noch Der Froschhüpfer (engl.: Hop-Frog). Die beiden Geschichten haben gewisse Gemeinsamkeiten; es bietet sich daher an, sie zusammen zu veröffentlichen. Neben den feudalistischen Settings geht es jeweils um einen sadistischen adligen Herrn, der seine Untertanen misshandelt. In Die Maske des roten Todes ist es die spöttische Verachtung, die in Prosperos ausschweifendem Fest zum Ausdruck kommt, während draußen die Armen jämmerlich zugrunde gehen. Die gated community ist ein beliebtes Motiv, das sich in so unterschiedlichen Geschichten wie George A. Romeros Dawn of the Dead bzw. Land of the Dead oder Margaret Atwoods Oryx und Crake findet. In Der Froschhüpfer ist es der namenlose König, der seinen Hofnarren Hopp-Frosch quält. Marc Gruppes Bearbeitung verknüpft nun beide Geschichten – Prospero und seine Minister übernehmen die Rolle des namenlosen Königs. Dadurch werden beide Geschichten natürlich erheblich gestreckt – sowohl Prosperos gruselige 'Moritat' wie auch Hopp-Froschs conte cruel. Die Länge ist zwar für das Hörspiel notwendig, tut den Geschichten aber nicht gut – bekanntlich liegt die Würze in der Kürze. Es wäre vielleicht besser gewesen, die beiden Geschichten zu verschachteln (eine als Binnenerzählung zu verwenden) oder ganz unverknüpft nacheinander zustellen. So werden die zwei hervorragenden Kurzgeschichten leider über Gebühr in die Länge gezogen.

 

Die Anzahl der Sprechrollen ist relativ durchschnittlich: Es werden insgesamt zehn Rollen aufgeführt. Da ist zunächst Hasso Zorn, der sich anscheinend zur Standardbesetzung für Erzähler entwickelt; zuletzt hatte ich ihn in dieser Rolle in Der Sandmann besprochen. Vermutlich ebenso bekannt sind seine Auftritte in Reihen wie Gabriel Burns, Point Whitmark oder Dorian Hunter. Überhaupt Gabriel Burns und Point Whitmark: Der Rote Tod (Axel Lutter), Prinz Prospero (Ernst Meincke) und Hopp-Frosch (Sven Plate) kennen sich bereits aus den beiden Serien. Das ist natürlich nicht alles, was die drei Vollprofis machen. Lutter wirkte u. a. an Faith van Helsing, "Bakerman" Meincke an Das Sternentor und "Jay" Plate an Dorian Hunter mit. Reinhilt Schneider spricht Prosperos Gespielin Guilietta, eine kleine Rolle mit eher ungelenken Texten – sie nimmt Zorn einige 'objektive' Beschreibungen ab. Dass diese Texte nicht allzu sehr stören, liegt an Schneiders können. Sie ist anders als Daniela Reidies (Tripetta) in puncto Hörspiel ein echtes Schwergewicht: Kommissar Dobranski, Die Hexe Schrumpeldei und Hanni und Nanni sind nur wenige aus der langen Liste ihrer Auftritte. Reidies kann dagegen nur mit wenigen Rollen aufwarten – immerhin gehört John Sinclair dazu. Noch bekannter sind vermutlich die Fernsehserien, an denen sie als Synchronsprecherin mitwirkte: Buffy – Im Bann der Dämonen oder Twin Peaks gehören dazu. Ich vermute, dass sowohl hier wie auch beim Sinclair ihre Stimme leicht gepitcht wurde, jedenfalls erkennt man die Stimme kaum wieder.

Insgesamt ist die Performanz gut ausgefallen – da gibt es nichts zu kritisieren.

 

Die Inszenierung der Sprechrollen ist relativ konservativ. So gibt es einen Erzähler und, wie erwähnt, beschreibende Rede Giuliettas. Beides wird aber eher zurückhaltend verwendet. Die Inszenierung von Musik und Geräuschen eher modern. Auch hinsichtlich der Tonschichten ist das Hörspiel gelegentlich sehr fortschrittlich: Oftmals sind es zwar nur ganz konservativ zwei Schichten (Geräusche bzw. Musik und Sprechrolle), bisweilen aber auch bis zu vier Schichten (Musik, Geräusche, begleitende Sprechrolle (Lachen etc.) und führende Sprechrolle (Dialog)). Die Geräusche sind meistenteils unauffällig, aber nichtsdestoweniger treffende Beiträge zur Stimmung; Ausnahmen sind die dumpfen Glockenschläge der Uhr und das unangenehme Quietschen, das mit den schicksalhaften Momenten verknüpft ist. Die Musik erzeugt ebenfalls eine Stimmung zwischen Renaissance und Barock. Die Streicher untermalen die lebhafte Stimmung des letzten Festes, die Bläser – Hörner und Klarinetten – stellen eine tragische Stimmung entgegen. Dieser Aspekt der Inszenierung ist tadellos gelungen.

 

Fazit:

Während in den Ländereien des Prinz Prospero der rote Tod reiche Ernte einfährt, gibt der Prinz in der Abgeschiedenheit seiner Abtei ein rauschendes Fest nach dem anderen – doch die Langeweile treibt ihn zu immer krasseren Taten. Die Maske des roten Todes ist im Großen und Ganzen ein gelungenes Hörspiel: Die Vorlagen von Poe sind hervorragend und die Inszenierung ist ebenfalls recht gut geworden. Einziges Manko ist die Verknüpfung der beiden Vorlagen, die leider jeweils die Clous etwas verwässert.

 

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Eure Meinung:

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Hörspiel:

Die Maske des roten Todes

Reihe: Gruselkabinett 46

Vorlagen: Edgar Allan Poe

Buch: Marc Gruppe

Produzent: Stephan Bosenius & Marc Gruppe

Label: Titania Medien

Erschienen: Oktober 2010

Umfang: 1 CD, ca. 65 min

ASIN: 3785743890

Erhältlich bei: Amazon

 

Sprecher (Auswahl):

Hasso Zorn

Axel Lutter

Ernst Meincke

Sven Plate

Daniela Reidies

Reinhilt Schneider

Serienguide:

Alles zur Reihe Gruselkabinett

Weitere Infos:


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Erstellt: 01.01.2011, zuletzt aktualisiert: 28.05.2019 19:09