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Die Nacht der Tausend Nächte von Nagib Machfus

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Es gibt wunderbare Neuigkeiten! Endlich, nach drei Jahren des Geschichtenerzählens, ist es Schehrezad gelungen, den Sultan Schehrijar von seinen mörderischen Gelüsten abzubringen. Er akzeptiert sie als Ehefrau. Die Zeit des Bangens ist endgültig vorüber – oder? Während Schehrezad Abscheu vor ihrem Gatten wegen seiner blutigen Vergangenheit empfindet, gerät der Sultan immer wieder in finstere, grüblerische Stimmungen. In solchen Zeiten gibt es wieder guten Grund, leise aufzutreten. Auch in der Stadt steht es nicht zum Besten, denn in der Zeit vor Schehrezad, den Jahren des Grauens, sind nicht nur zahllose Jungfrauen, sondern auch unzählige aufrechte Männer ermordet worden – es sind fast nur noch Speichellecker, Schurken und Schwächlinge übrig geblieben. In dieser Zeit der Ungewissheit treten vier Dämonen auf den Plan. Zwei sind gläubig und wollen den Menschen eine Chance geben, zwei lieben das Chaos. Und das laute Wehklagen der Menschen, die Gott ihnen gegenüber bevorzugt. Welche Seite des Menschen wird am Ende den Sieg davontragen – die Mitmenschlichkeit oder die Selbstsucht?

 

Das Geschehen trägt sich in einer nicht genannten Stadt des Mittleren Ostens zu – irgendwo im mittelalterlichen arabischen Kulturraum. Dabei spielt Machfus das Konkrete klar herab: Zwar wird geritten und nicht gefahren, mit Pfeil und Bogen statt mit Gewehren geschossen, doch diesen Details kommt keine tragende Funktion zu – es ist bloße Kulisse. Wichtiger ist das Leben der Figuren. Lastenträger, Wasserträger, Schuhmacher und Barbiere gehen mit Notablen wie Ärzten, Kaufherren oder dem Polizeichef um. Zentral ist die veränderte Moral. Demokratie gibt es nicht im Entferntesten und Frauen haben einen sehr festen Platz in der Gesellschaft. Dennoch ist die Moral abstrakt genug gehalten, um im Wesentlichen auch vom modernen westlich geprägten Leser akzeptiert zu werden.

Das Setting ist also mehr Ambiente als Milieu, im Konkreten sehr schwach ausgeprägt und im Ideellen so weit abstrahiert, dass es generell akzeptiert werden kann. Kurzum: Es soll der Geschichte nicht im Weg stehen – ganz so, wie es bei europäischen Märchen üblich ist.

Die phantastischen Elemente unterscheiden sich vor allem in der Verwendung von denen aus Tausendundeine Nacht. Wichtigstes Element sind die vier Dämonen – eigentlich sind es Dschinn; der Begriff "Dämon" ist vermutlich in Anlehnung an die Übersetzung Enno Littmanns gewählt. Ganz wie in Aladins Wunderlampe geht die magische Macht überwiegend von ihnen aus. Zumeist leitet eine ihrer Zaubereien für eine Figur eine umwälzende Veränderung ein; anschließend treten die Dämonen wieder beobachtend in den Hintergrund. So ist das Wirken der Dämonen zwar ausschlaggebend, aber doch nur peripher. Weiterhin gibt es einen Engel – den Todesengel um genau zu sein – einen Meermann und eine Tarnkappe. In Sindbads Erzählungen tauchen weitere bekannte Elemente auf, die jedoch wiederum nur Aufhänger sind.

 

Die Stoßrichtung des Settings setzt sich bei den Figuren fort. Zunächst einmal kommt sehr vielen eine tragende Funktion zu – fünfzehn von ihnen sind die zentrale Figur einer Episode. Daneben gibt es noch zahlreiche weniger wichtige Figuren. Bei dieser großen Anzahl können die Figuren natürlich nur skizziert werden. Meistenteils geht es in den Episoden um den Konflikt zwischen Selbstsucht und Mitmenschlichkeit bzw. Anstand. Die Figuren werden dem Kenner von Tausendundeine Nacht dann wiederum bekannt sein: Neben Schehrezad und Sultan Schehrijar trifft der Leser auf Sindbad den Seefahrer, den schönen Nureddin, Agar den Barbier und Kut al-Kulub. Besondere Aufmerksamkeit wird Scheich Abdallah al-Balchi, der moralischen Instanz des Viertels, der zumeist für den Betroffenen wertlose Ratschläge bereithält, Gamsa al-Balti, dem korrupten Polizeichef, und Fadil Sanan, der im Untergrund gegen die Ungerechtigkeit des Regimes kämpft, gewidmet.

 

Derselbe Duktus gilt für den Plot. Vereinfacht gesagt ist Die Nacht der Tausend Nächte ein Episodenroman. In knapp zwanzig Episoden wird die conditio humana diskutiert. Meistenteils wird ein Mensch auf eine moralische Probe gestellt – die Guten müssen sich bewähren, die Schlechten können Reue zeigen. Die Ergebnisse sind kaum vorhersehbar: Einige der Guten bleiben stark, andere scheitern, manche Sünder sühnen ihre Schuld, andere werden rückfällig. Auch geht mit einer moralischen Haltung nicht unbedingt eine Belohnung einher – mancher wird unschuldig hingerichtet, allerdings kommt kaum ein Schuldiger langfristig davon; früher oder später fallen sie dem Poeten zum Opfer. Damit ist ganz klar die aus der moralischen Probe entstehende Transversalspannung eine der zentralen Spannungsquellen.

Die andere ist das postmoderne Spiel mit den Motiven aus Tausendundeine Nacht – der Leser wird Vieles wiedererkennen, gleichzeitig aber auch überrascht werden, wie Machfus den Dingen beiläufig und völlig ungekünstelt einen neuen Dreh gibt.

 

In dieser Manier geht es auch bei der Erzähltechnik weiter. Die Handlung ist, wie erwähnt, episodisch und progressiv aufgebaut. Entwicklung und Desillusionierung halten sich die Waage. Die Frage nach Handlungs- bzw. Erzählsträngen scheint hier unangemessen; entweder gibt es nur einen sehr diffusen oder aber zahlreiche, die nur durch Setting, Figuren und Themen zusammengeklammert sind.

Damit gibt Machfus dem Aufbau der Textsammlung von Tausendundeine Nacht wiederum einen neuen Dreh – dort waren zahlreiche Erzählungen auf das Komplizierteste ineinander verschachtelt. Hier wird über Figuren und Themen eine sehr hohe Selbstreferenz geschaffen; es entsteht ein dicht gewebtes Netz von Verknüpfungen.

Der Stil des auktorialen Erzählers liegt wiederum zwischen der schlichten Knappheit eines Märchens und der klaren Eleganz moderner Literatur.

 

Fazit:

Nachdem Sultan Schehrijar die mutige Schehrezad als Gemahlin anerkannte, brechen in der Stadt dennoch ungewisse Zeiten an, denn vier Dämonen stellen die Bewohner immer wieder auf die Probe – und nicht alle bestehen. Nagib Machfus greift mit Die Nacht der Tausend Nächte die Textsammlung Tausendundeine Nacht auf und gibt den Episoden einen (post-) modernen Dreh mit dem er die conditio humana, das Leben zwischen Leidenschaft und Moral, thematisiert. Brillant durchgeformter "märchenhafter Realismus", bei dem alle Aspekte meisterlich aufeinander abgestimmt sind. Ohne profunde Kenntnis des Vorbilds wird dieser Episodenroman zwar nicht gut funktionieren, aber den Klassiker orientalischer Literatur sollte man ohnehin kennen.

 

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Roman:

Titel: Die Nacht der Tausend Nächte

Reihe: -

Original: Alf Layala wa Layla (1982)

Autor: Nagib Machfus

Übersetzung aus dem Arabischen: Doris Kilias

Verlag: Unionsverlag (Februar 2010)

Seiten: 250 Broschiert

Titelbild: Benjamin Jean Joseph Constant

ISBN-13: 978-3-293-20482-9

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 12.05.2010, zuletzt aktualisiert: 13.07.2019 19:34