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Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten von Emma Braslavsky

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Berlin, in einer nahen Zukunft. Die Stadt pulsiert dank der Hubot-Industrie: Robotik-Unternehmen stellen künstliche Partner*innen her, die von realen Menschen nicht zu unterscheiden sind; jede Art von Beziehungswunsch ist erfüllbar, uneingeschränktes privates Glück und die vollständige Abschaffung der Einsamkeit sind kurz davor, Wirklichkeit zu werden. Doch die Zahl der Selbsttötungen hat sich verzehnfacht. Denn die neuen Wesen beherrschen zwar die hohe Kunst der simulierten Liebe, können aber keine Verantwortung für jene übernehmen, mit denen sie zusammenleben. Immer mehr Menschen gehen an sozialer Entfremdung zugrunde. Deshalb kommt Roberta auf den Markt. Sie soll die Angehörigen der Suizidant*innen ausfindig machen, um dem Sozialamt die Bestattungskosten zu ersparen. Versagt sie, wird sie in Einzelteile zerlegt und an die Haushaltsrobotik verscherbelt. Und nicht jeder ist am Erfolg ihrer Ermittlungen interessiert.

 

Rezension:

Die deutschsprachige Science-Fiction hat eine lange Tradition in der Erschaffung künstlicher Lebewesen. Vom Homunculus in Goethes Faust II über die Maria aus Thea von Harbous Metropolis bis hin zum Pantamann der Brauns. Stets wurde der Konflikt zwischen Bestimmung und menschlichem Vorbild in einen gesellschaftlichen und philosophischen Kontext gestellt.

So auch in Emma Braslavskys in ihrem neuesten Roman Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten.

 

Das Berlin der Zukunft hat ein neues Problem: Die Selbstmordrate steigt. Aufgrund gesetzlicher Bestimmungen müssen die Toten innerhalb von vierzehn Tagen bestattet werden. Wenn sich keine Angehörigen oder sonstwer für die Beerdigung finden, müssen die Sozialämter die Kosten übernehmen. Da die Ausgaben durch die vielen Selbstmorde explodierten, wurde ein spezielles LKA für Suizide geschaffen, dass die Kostenpflichtigen im Todesfall ermitteln soll. Doch die Aufklärungsrate ist mies und so wird beschlossen, eine spezielle Androidin als KI-Sonderermittlerin zunächst probeweise hinzuzuziehen.

Androiden, sogenannte Hubots, bestimmen inzwischen einen großen Teil der Berliner Beziehungen. Angepasst an persönliche Bedürfnisse, finanzielle Möglichkeiten und Verhältnisse, kann sich jede und jeder exakt die künstliche Person ordern, mit der sie oder er gern zusammenleben möchte. Oder Sex haben will. Oder all jene Dinge machen, die man mit Werkzeugen und Spielgeräten so machen möchte.

Die eingesetzten künstlichen Intelligenzen unterscheiden sich dabei stark in ihrer Komplexität. Lennard etwa fand auf der Straße eine Hubot, die von ihrem menschlichen Partner verlassen wurde. Der chronisch blanke Tauchlehrer kann sein Glück kaum fassen und nimmt Beata mit. Irgendwie bringt er das Geld auf, um Beata auf sich prägen zu lassen. Die recht simpel gestrickte Androidin geht ganz in der Rolle der ihn bekochenden Hausfrau auf. Lennard kann sich so ganz seinen Hobbys widmen, malen, koksen, dichten.

Bis er sich umbringt und der Testfall für KI-Sonderermittlerin Roberta Köhl wird …

 

Der Roman folgt zunächst Lennard bis zu seinem Tod, stellt dann Robertas Ermittlungen in den Mittelpunkt und verknüpft am Ende beide Perspektiven. Damit folgt Emma Braslavsky zwar einem klassischen Aufbau, ohne aber ein typisches Robotermärchen zu erzählen. Ihre Roberta ähnelt in bestimmten Teilen mehr dem Supercomputer HAL 9000,die zwar weniger gegen ihre Auslöschung kämpft, aber auch sie zieht aus dem Umgang mit den Menschen weitreichende Schlüsse, die sie die ihr einprogrammierten Grenzen überschreiteten lässt. Und natürlich ähnelt sie Dicks Replikanten.

 

Schon ihre Geburt bereitet Probleme. Die Entwickler ihrer KI benötigen drei Anläufe, um ihren Lern- und Erkenntnisprozess in menschenähnliche Bahnen zu lenken. In der Verstellung Robertas im Revier durch den Polizeipräsidenten stellt dieser klar, dass Roberta aus ihren sozialen Kontakten lernt. Da hat Roberta bereits ihre erste Nacht in einer Bar hinter sich, samt Sex auf der Toilette. Dabei ist sie auf Sex nicht programmiert, kann ihn nur technisch durchführen, aber nicht emotional nachfühlen.

Sie stößt überall auf Ablehnung. Obwohl sie extra als etwas ältere und unscheinbare, durchschnittliche Frau konstruiert wurde, um ihre fast ausschließlich männlichen Kollegen nicht zu düpieren oder anzumachen. Was sie jedoch erlebt, ist Angst vor Ersetzung durch Roboter.

Man ordnet sie der einzigen Frau im Suizid-LKA zu. Cleo Bruns erweist sich als verbitterte Frau, die vom täglichen Durchsetzungskampf in einer Männerdomäne erschöpft ist und Roborta als Zumutung empfindet.

Doch Roberta beginnt mit ihrer Arbeit und stürzt sich in die Ermittlungen.

 

Die Autorin zeichnet dabei eine Welt voller bürokratischer Blockaden, sexistischer Denkweisen und einer Paranoia, die sich auf die Hubots bezieht. Zwar nutzen die Menschen ihre künstlichen Sklaven in jeder Hinsicht aus, gleichzeitig macht sich Furcht breit,denn die Menschen wissen, oder spüren zumindest, dass ihnen die KIs intellektuell und meist auch körperlich überlegen sind.

Roberta nimmt das alles in sich auf. Sie lernt neben den Menschen auf ihrer Arbeit und in den beteiligten Behörden auch verschiedene Hubots kennen und dringt immer tiefer in Lennards Leben und soziales Umfeld ein. Das eigentliche Problem, jemanden zu finden, der die Bestattungskosten übernimmt, zwingt sie, auch dann weiter zu bohren, wenn an ihr aus allen Richtungen Zeichen gibt, die Sache abzublasen.

So wird ihr programmierter Auftrag zu Besessenheit, zu einer Obsession. Sie beginnt sich zu identifizieren, zu überschreiben.

 

Emma Braslavsky zeigt die Lebensarmut des Hubots Robarta im Vergleich zu Lennard, der zwar letztlich an seinem Leben scheiterte, aber im Gegensatz zu Roberta überhaupt ein Leben hatte. Dabei gibt es einige Punkte auf ihrem Weg, an dem Roberta ein eigenes Leben hätte aufbauen können. Sie sieht eine Frau mit Kind, die ihr ähnelt und will eine Zeit lang mehr über ihre Doppelgängerin herausfinden. Sie übernimmt Verantwortung über intellektuell schwächere Hubots, ihre Beziehung zu Cleo Bruns wird freundschaftsähnlicher und auch die Stadt nimmt sie langsam in sich auf. Berlin fungiert nur am Rande als Stadt, sie übernimmt die Rolle einer lebendigen Figur mit typischer Cyberpunk-Atmosphäre. Doch all diese Möglichkeiten, aus der KI-Sonderermittlerin Roberta eine eigene Persönlichkeit zu machen, sind ihrem Auftrag, Lennard unter die Erde zu bringen unterlegen.

 

Das beklemmende Ende des Romans kann man als düstere Vision sehen, als Scheitern einer Frau in den Zwängen unserer Gesellschaft. Oder aber auch als ein Sieg der Selbstverwirklichung. Als eine Hymne auf das Ausbrechen, auf das Durchbrechen der Regeln und Beschränkungen, die unser Leben bestimmen wollen.

Emma Braslavsky bringt uns diese Kämpfe mit ihren Niederlagen und Siegen in einer fließenden, teilweise sehr lyrischen Sprache nahe, wie sie der Titel »Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten« bereits andeutet. Ihre Figuren leiden an ihren Alpträumen in schwingenden Farben und Tönen, ihre Welt mag düster aber nicht farblos sein. Ein Herbstroman.

 

Fazit:

»Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten« von Emma Braslavsky ist ein Science-Fiction Roman, der sich intensiv in die Probleme einer Zukunft hineinversetzt, in der menschengleiche Androiden unsere Beziehungsleben verändert haben. Und es ist ein Roman über die Suche nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Science Fiction für hier und jetzt.

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Eure Meinung:

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Buch:

Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten

Autorin: Emma Braslavsky

Gebundene Ausgabe, 271 Seiten

Suhrkamp Verlag, 12. August 2019

Cover: Nurten Zehren

 

ISBN-10: 3518428837

ISBN-13: 978-3518428832

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B07QGDY9JF

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 24.09.2019, zuletzt aktualisiert: 27.03.2020 09:09