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Die Ohnmächtigen von Boris Strugatzki

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Wirre Gerüchte in Sankt Petersburg berichten von einem Penner in der Straßenbahn, der absolut exakt das Verhalten der Fahrgäste vorherzusagen vermag, von einem rätselhaften Alten, der mit einem einzigen Satz Menschen auf einen völlig neuen Lebensweg bringt, von unerklärlichen Todesfällen.

 

Dahinter steht eine Gruppe von Menschen, deren jeder eine andere außergewöhnliche, übernatürliche Begabung besitzt: Dieser erkennt unfehlbar jede Lüge, jener hat ein absolutes Gedächtnis, andere können die Psyche von Menschen manipulieren, über Insekten gebieten oder sogar mit bloßem Hass töten. Die Geschichte ihres Lehrers, der diese Gaben in ihnen entdeckte, reicht zurück bis zu den Menschenversuchen der Stalinzeit ...

 

Als die Politmafia versucht, einen von ihnen zu erpressen, und verlangt, dass er mit seiner besonderen Gabe Einfluss auf das Ergebnis der bevorstehenden Wahl nimmt, versuchen sie gemeinsam das Unheil abzuwenden.

 

Rezension:

Ein Strugatzki-Roman ist seit Jahren nun schon keine triviale Lektüre. Wahrscheinlich liegt das vor allem auch daran, dass Boris Strugatzki in einem Land lebt, das ebenfalls in keinerlei Weise trivial ist. Und so schwergewichtig wie das Land ist auch dieses Werk, dass bereits 2003 unter dem Pseudonym S. Wititzki erschien. Allein diese Tatsache weist einen Weg zur Interpretation.

Auf jeden Fall ist Die Ohnmächtigen ein Buch, dass man nach der erstmaligen Lektüre erneut zur Hand nimmt, um das Meer der Figuren erneut zu durchpflügen. Das liegt zum einem sicher an den für Deutsche ungewohnten Namen, die zudem noch mit Spitznamen versehen wurden, in erster Linie aber ist es einem Erzählstil geschuldet, der beständig die Perspektive und die agierende Figur wechselt.

Die Gruppe eigenartiger Menschen, die sich darum bemühen in einer fremdbeherrschten Welt sich selbst zu bewahren, spürt die verschiedenen Arten der Ohnmacht nach.

Wadim, der das Talent der Zukunftsveränderung besitzen soll, wird mit brutaler Gewalt gezwungen, die bevorstehende Wahl zu Gunsten eines Mafiosi zu verändern, ohne dass er weiß, wie er das vollbringen soll. Von seiner Ohnmacht niedergeschlagen, sucht er Hilfe bei seinen Freunden, die jeder aus seiner eigenen kleinen Nischenwelt heraus das große wagen, dem Bösen den Kampf ansagen und in typisch russischer Manier den Sieg nicht davon tragen, das jedoch mit Triumph.

Die Handlung springt von Figur zu Figur, stets erfahren wir mehr über sie durch die anderen, getränkt ist diese Melasse mit der bitteren Beschreibung einer trostlosen russischen Realität, fremd genug für uns, um bizarr zu sein, erschreckend real jedoch, wenn man die Meldungen der Presse verfolgt. Was als virtuelle Demokratie bezeichnet wird, spricht aus jedem Abschnitt dieses Buches. Der Kampf gegen die Hinterlassenschaften der Kommunisten und Stalins führte ebenso zur Deformation der Menschen, wie es der heutige Staatstotalitarismus weiterführt. Jeder ist gezwungen mitzumischen, ohnmächtig gegenüber den administrativen Ressourcen, die das Land fest im Griff haben und nichts anderes zulassen, als das sich Mitmahlenlassen in den vorhandenen Mühlen.

Wenn Giftzahn dann doch zuschlägt, den Hass freien Lauf lässt, trifft es irgendwen und es ist ebenso egal, denn Schuld ist nicht das Thema, Schuld wäre etwas zu Benennenswertes, aber davon gibt es in Russland zu viel - oder zu wenig, je nach dem, ob man sich selber Macht zugesteht.

Boris Strugatzki literarisiert seinen Roman, pflastert ihn mit Zitaten, die Erik Simon größtenteils und sehr akribisch im Anhang benennt, und dieses Transportieren von Ansichten durch das Buket eines bunten Blumenstraußes erinnert so sehr an das andeutungsvolle Schreiben in der DDR, dass es schmerzt und mahnt in gleicher Weise.

Das dabei Literatur entsteht, fernab jeglicher konsumfreudiger Völlerei und Künstlichkeit ist ein Wunder. Die Ohnmächtigen finden bei Strugatzki weder Hoffnung im Glauben, noch in der Tat, sie verschieben die Rettung auf die nächste Generation.

 

Fazit:

Strugatkis phantastisch angehauchter Gegenwartsroman ist eine verschachtelte Fabel über die größte Bevölkerungsgruppe Russlands, den Ohnmächtigen. Ihm gelingt dabei ein intensiver Blick, der trotz aller Maskierung und Reduzierung auf Archetypen ein breites gesellschaftliches Spektrum der russischen Gesellschaft aufzeigt. Beklemmend und augenöffnend.

Eure Meinung:

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Die Ohnmächtigen

Autor: Boris Strugatzki

Original: Bessilnie mira cewo, 2003

Übersetzer: Erik Simon

Klett Cotta, 2007

Hardcover mit Schutzumschlag, 340 Seiten

Umschlag: Dietrich Ebert

ISBN-10: 3608937749

ISBN-13: 978-3608937749

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 21.05.2007, zuletzt aktualisiert: 16.08.2019 12:16