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Die Radleys von Matt Haig

Ein Vampirroman

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension

Die Radleys sind eine ziemlich durchschnittliche Familie der britischen Mittelschicht – oder? Da ist der jugendliche Sohn Rowan. Er liest nachts Gedichte von Lord Byron, weil er mal wieder nicht schlafen kann. In der Schule wird er sich durch seine Übermüdung zum Gespött der Klassenkameraden machen. Da ist Tochter Clara. Sie liebt Tiere – dabei stößt sie allerdings auf keinerlei Gegenliebe; Tiere können sie nicht ausstehen. Sie kann gar nicht verstehen, warum. Seit einer Woche ist sie sogar Veganerin. Da sind die Eltern Peter und Helen. Er ist praktizierender Arzt, sie Hausfrau. Er erinnert sich an einen aufregenden Moment der Vergangenheit, sie erinnert ihn daran, dass sie ein neues Leben führen und nicht über die Vergangenheit reden wollen. Eine durchschnittliche Familie also. Am Freitagmorgen erbricht sich Clara wieder einmal. Helen und Peter machen sich Sorgen um ihre Ernährung. Rowan wird im Bus von Toby Felt und Stuart Harper geärgert – sein Gedichtband fliegt aus dem Fenster. Zu schwul. In der Schule wird es nicht besser: Rowan blamiert sich erneut vor Eve Copeland, in die er unsterblich verliebt ist. Eve dagegen will mit Clara, ihrer besten Freundin, zur Party – Toby wird da sein, und für den interessiert sich Eve. Auf der Party geht es Clara dann wirklich übel. Sie schleppt sich in Richtung Straße. Kein Handy-Empfang. Der besoffene Stuart Harper folgt ihr und macht sie hemmungslos an. Als sie nicht nachgibt, wird er handgreiflich und die Dinge laufen aus dem Ruder – Clara erfährt, was sie wirklich ist. Durchs Telefon stammelt sie nur etwas vom vielen Blut. Helen und Peter rasen sofort los, doch Peter ruft zuvor seinen Bruder Will an, der weiß, wie man Leichen verschwinden lässt. Helen ist über diese Art von Hilfe nicht erfreut – sie fürchtet die Ankunft Wills.

 

1993 sind die Radleys von London nach Bishopthorpe gezogen, einem verschlafenen, kleinen Örtchen auf dem englischen Lande nahe York. Es gibt eine Apotheke, dafür kein Kino, jedermann kennt jeden, Tratsch macht schnell die Runde. Insgesamt wird das Setting relativ wenig ausgeführt – gerade soweit, wie es die Geschichte benötigt. Das sind in erster Linie die sozialen Geflechte. Konkreta spielen nur selten eine Rolle, wenn sie gerade in der Hand gehalten werden bzw. der Blick darauf liegt. Panorama-Beschreibungen gibt es nur sehr wenige. Coziness a la Rosamunde Pilcher entsteht so nicht. Das Setting ist damit ein knapp ausgeführtes Milieu.

Die Geschichte hat nur ein phantastisches Element: Vampire. Sie erinnern an eine Mischung aus G. R. R. Martins Fiebertraum-Vampiren und Anne Rices Interview mit einem Vampir-Vampiren. Einerseits gibt es Vampire, die als solche bereits geboren werden – wie die gebürtigen Radleys – andererseits können Sterbliche konvertiert werden. Vampire können durchaus ohne menschliches Blut auskommen, aber sie verlieren dann ihre Stärken – behalten aber ihre Schwächen. Trinken Vampire Blut, dann verbannen sie ihre Empathie-Fähigkeit ins Unterbewusstsein; sie werden zu waschechten Soziopathen. Der Witz der Geschichte liegt nun in diesem Spannungsverhältnis: Trinken sie kein Blut, fühlen sie sich mies, trinken sie Blut, begehen sie miese Taten. Hier treten die Abstinenzler auf den Plan: Sie versuchen, ihre Blutsucht zu überwinden. Oder zumindest dauerhaft zu unterdrücken.

 

Zentraler Aspekt des Romans sind seine Figuren. Im Mittelpunkt von ihnen stehen die Radleys. Zunächst wirken sie wie Archetypen. Rowan ist ein jugendlicher Außenseiter, ein unsportlicher Träumer, der von seinen Mitschülern gehänselt wird und in die Klassenschönheit verknallt ist. Clara ist die gutmenschliche Rebellin aus der Mittelschicht, stets bemüht, alles gut zu machen; in der Klasse wird sie mal gerade so akzeptiert. Peter steckt in der Midlife-Crisis und träumt von seinen wilden Zeiten – bevor er Helen fand, bevor sie Abstinenzler wurden. Und Helen ist die Soccer-Mom, die verzweifelt versucht, für die Familie gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen. Will passt dagegen nicht in dieses Schema. Er weist zwar einige Züge des typischen (gestörten) Serienkillers auf, doch seine positiven Seiten werden dafür zu sehr ausgearbeitet. So rebellisch er sich auch gibt, eigentlich ist er ein wohlgelittener Professor für englische Literatur. In letzter Zeit driftet er allerdings etwas davon. Die vier Klischee-Radleys funktionieren deshalb so gut, weil sie vom Wesen her nun einmal keine Klischee-Spießbürger sind: Sie sind gnadenlose Raubtiere, deren Instinkt sie dazu drängt, alle leckeren Menschen lustvoll auszusaugen. Aber diese Monster wollen sie nicht sein, darum bemühen sie sich um Normalität – und zu der gehören eben diese Klischee-Rollen. Doch es gibt immer wieder Risse in dieser Normalität, und mit Claras Mord wird sie gefährlich deutlich zerbrochen.

Um die Radleys herum sind noch einige weitere Figuren positioniert: Da ist die frustrierte attraktive Nachbarin Lorna Felt, die Peter in Versuchung führt, da ist ihr Stiefsohn, das Ekelpaket Toby Felt, der vor allem Rowan schikaniert, da ist Eve Copeland, das nette Mädchen und Claras beste Freundin, um die Toby und Rowan 'rivalisieren'. Sie und ihr Vater Jared haben überdies eine bewegte Vergangenheit. Dazu gesellen sich noch einige weitere Mitschüler, Vampire und Polizisten.

Hinter den Klischees verbergen sich runde Figuren, die zwar nicht immer detailliert, aber stets psychologisch plausibel ausgeführt werden. Entwicklung kann es bei der Menge von Figuren nur wenig geben, aber mehr ist bei der Kürze des behandelten Zeitraums – eigentlich hat der Roman in Hinsicht des Plots Novellencharakter – auch gar nicht nötig.

 

Damit zum Plot. Man kann den Roman als Familiendrama oder besser noch als den Bildungsroman der Familie Radley verstehen. Zunächst wird die Ausgangssituation geschildert: Die Radleys versuchen, eine Klischee-Familie zu sein. Aber das läuft nicht so richtig rund. Mit dem Mord geraten die Dinge aus den Fugen. Nun stellt sich die Frage, ob man zurück zum unpassenden Klischee oder doch zum Monster werden will – immerhin gibt es jetzt die Sheridan-Gesellschaft, die ihre schützende Hand über gewisse Vampire hält. Oder gibt es zwischen dem Weg des Über-Ichs und dem Weg des Es noch einen Mittelweg? Am Ende wird die Familie Radley ihren Platz in der Gesellschaft gefunden haben – zumindest die, die überleben, denn wenn Vampire morden und nicht unter dem Schutz der Sheridan-Gesellschaft stehen, dann wird die "Unnamed Predator Unit" der Staatspolizei tätig – und ins Gefängnis kommen Vampire nicht.

Aus diesen beiden Aspekten speisen sich die meisten Spannungsquellen. Da ist zunächst der Humor, der aus Szenen erwächst, in denen Vampir-Abstinenzler völlig verkrampft versuchen als normale Menschen durchzugehen. Oder wenn die Kinder erkennen, wie sehr sie sich in allem getäuscht haben. Da gibt es mehr Sitcom als Slapstick, das ist eher grotesk als albern. Und es ist natürlich sehr makaber. Danach kommen die Auseinandersetzungen des 'Vampir-Thrillers'. Clara hat gemordet, besonders die männlichen Felts beäugen die Radleys misstrauisch. Da ist ein seltsamer Müllmann – und dann kommt Will, ein hemmungslos praktizierender Vampir. Helen fürchtet seine Ankunft nicht grundlos, wie sich herausstellen wird. Grusel, Horror, etwas Action – und vor allem Transversalspannung, die aus moralischen Dilemmata entsteht. Dies ist eine herausragende Seite des Romans: Haig lässt seinen Figuren keine einfachen Lösungen.

Dazu kommen noch zahllose Anspielungen, von Sheridan LeFanus Carmilla über Bram Stokers Dracula hin zu Stephenie Meyers Bis(s)-Reihe. Und der Familienname der Protagonisten ist derselbe wie der des irrsinnigen Vampirjägers Uriah in Richard Laymons Der Pfahl. Zufall, ist die Welt nur klein?

Der Plotfluss ist zu Beginn eher langsam, nimmt mit dem Mord Claras aber ständig an Fahrt auf, bis er am Ende beinahe die Rasanz eines Thrillers bekommt.

 

Erzähltechnisch ist der Roman einigermaßen ungewöhnlich, wobei er sich eher konservativer Mittel bedient. Zunächst fällt auf, dass die Kapitel eher kurz sind, meinst nur zwei oder drei Seiten, manchmal nur eine Seite, selten mehr als fünf Seiten. Von Kapitel zu Kapitel gibt es Sprünge: meistens bezüglich des Handlungsortes und Zeitraumes, stets in der Erzählperspektive. Diese ist zwar immer personal (manchmal mit auktorialen Momenten), aber die Perspektivfigur wechselt – es gibt derer mindestens zwölf. Eben durch diese vielen Wechsel entsteht der Eindruck einer auktorialen Perspektive. Die bisweilen ironische Distanz zu den Figuren zielt in dieselbe Richtung.

Ebenso ist nicht leicht zu entscheiden, ob alle Radleys einen eigenen Handlungsstrang haben oder ob sich die verschiedenen Erzählstränge zu einem einzigen Handlungsstrang verknüpfen. Ich bevorzuge letztere Betrachtungsweise. In diesem Fall ist der Handlungsaufbau im Wesentlichen progressiv, aber mit einigen regressiven Momenten (Helens Geheimnis, Wills Geschichte etc.). Das aktuelle Geschehen – die eigentliche Geschichte beginnt in der Nacht zum Freitag und endet in der Nacht zum folgenden Dienstag – wirkt ohnehin schon aufgrund der vielen Sprünge episodisch, was durch die regressiven Einschübe noch verstärkt wird, doch eigentlich ist der Aufbau dramatisch.

Die Sätze sind recht variantenreich, vom Einwortsatz über die gemäßigte Kette zum echten Schachtelsatz, doch Haig hat eine Vorliebe für zweigliedrige Sätze. Der Stil ist insgesamt leicht ironisch, in der Wortwahl zwischen nüchterner Neutralität und salopper Alltagssprache angesiedelt. Darin finden sich einige Euphemismen bzw. Code-Wörter aus dem Vampir-Jargon: Ein "Unblutiger" ist ein normaler Mensch, ein "Konverter" hat einen Menschen zum Vampir gemacht und in der "Roten Stunde" – 23 bis 0 Uhr – ist das Verlangen nach Blut am größten. Die meisten Metaphern kann man leicht selbst aufschlüsseln, für die übrigen gibt es am Ende des Romans das Glossar für Abstinenzler – neben dem Glossar gibt es noch weitere Auszüge aus dem Handbuch für Abstinenzler (zweite Auflage), die gelegentlich wertvolle Tipps zwischen den Kapiteln einstreuen.

 

Fazit:

Die Radleys sind eine Familie von abstinenten Vampiren, die im verschlafenem Örtchen Bishopthorpe versuchen, eine möglichst normale Familie darzustellen. Als Tochter Clara auf einer Party bei der Abwehr eines Möchtegernvergewaltigers herausfindet, dass sie eine Vampirin ist, geraten die Dinge gehörig ins Wanken. Zu allem Überfluss ruft Vater Peter auch noch seinen Bruder Will, der viel Erfahrung mit der Produktion und dem Entsorgen von Leichen hat. Die Radleys ist eine sehr interessante Vampirkomödie. Einerseits sind da die vielen grotesken Momente, wenn die Vampire vorgeben, normale Menschen zu sein, oder sich mit Alltagsproblemen herumschlagen, andererseits sind da die echten Dilemmata – leiden oder leiden lassen? Der Roman ist zwar nicht ohne Makel, insgesamt aber definitiv einen Eintrag im Vampirlexikon wert.

 

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Roman:

Titel: Die Radleys. Ein Vampirroman

Reihe: -

Original: The Radleys (2010)

Autor: Matt Haig

Übersetzer: Friederike Levin

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Seiten: 429 Gebunden

Titelbild: iStockphoto

ISBN-13: 978-3-462-04233-7

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 02.12.2010, zuletzt aktualisiert: 20.08.2019 17:14