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Die Reisen des Mungo Carteret von Gisbert Haefs

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Die Reisen des Mungo Carteret ist eine Sammlung von fünf Kurzgeschichten um eben jenen illustren Ermittler. Im 29. Jh. löst er im Auftrag des SIC, der Polizei des zukünftigen Sternenreiches Commonwealth, bizarre Kriminalfälle. Vier der Geschichten sind schon in den Jahren von 1989 bis 2002 anderweitig veröffentlicht worden; Tischgenossen ist für diese Sammlung geschrieben worden und somit eine Erstveröffentlichung.

 

Die eigentlichen Geschichten:

Wanderlust (31 S.): Mungo Carteret erleidet gerade Liebesqualen – seine Freundin hat sich von ihm getrennt – als er einen seltsamen Auftrag erhält: 3317, der Resident von Setebos, bittet Carteret diskret nach einen vermissten Qlf, einen gepriesenen Libidetektor, zu suchen. Falls dem Qlf etwas zugestoßen sein sollte, mögen die Überreste nicht zum Heimatplaneten, sondern zum Residenten gesandt werden. Für die stattliche Summe von 15.000 Drachmen (plus Spesen und weitere 15.000 dr bei Erfüllung des Auftrags) macht sich Carteret daran ein Alien aufzuspüren, dessen Motive ihm unverständlich bleiben müssen.

Thema von Wanderlust sind die sehr fremdartigen Qlf. Es handelt sich bei ihnen grob gesagt um dauergeile Ents. Konsequent, aber knapp wird die Frage verfolgt, inwiefern man die Psychologie von Wesen nachvollziehen kann, deren Physis sich massiv von der eigenen unterscheidet.

Mundwerk (25 S.): Privatagent Carteret erhält einen Auftrag, der ihn an den Rand der Verzweiflung bringt: Auf der unwirtlichen Welt Orbasang findet das Jahresdiner der 12 Grandgourmets statt. Dort werden Gefahr und Genuss miteinander verquickt – jede Speise ist potentiell giftig: Wird die Reihenfolge der Speisen nicht eingehalten, zu schnell oder zu langsam gegessen etc, dann droht der Tod. Selbst der SIC lehnt es ab bei Todesfällen ohne offensichtlich konventioneller Mordmethode zu ermitteln – er geht dann von Selbstmord durch Gift aus. Doch als einer der Gäste stirbt – sein Unterleib birst – sind die Grandgourmets beunruhigt; die Multimilliardäre beauftragen Carteret.

In der Umkehrung des Essen von der lebensnotwendigen Nahrungsaufnahme in potentiell tödlichen Genuss spiegelt sich Carterets Problem: Es hilft nicht einen giftigen Stoff zu finden, es muss der richtige giftige Stoff gefunden werden. Die Geschichte erinnert ein wenig an eine als Farce getarnte Police Procedure.

Heimweh (41 S.): Eigentlich meidet Carteret Versicherungsaufträge: Die großen Versicherungen haben ihre eigenen Agenten und die kleinen zahlen zu wenig. Jetzt übernimmt er dennoch einen, da die Bezahlung gut und sein Konto leer ist – außerdem langweilt er sich. Also geht es auf den höchst individualistischen Planeten Garm, wo bei einem Unfall ein Lagerarbeiter starb und eine sehr teure Ladung zerstört wurde. Sein Kontaktmann beim SIC warnt: Vor Kurzem sind zwei diesbezüglich ermittelnde Versicherungsagenten einem Unfall erlegen – der SIC hatte nichts finden können, aber irgendetwas passt nicht.

Kern dieser Geschichte sind die Unabhängigkeit und Selbstständigkeit zelebrierende und auf Hunde fixierte Gesellschaft Garms sowie die daraus resultierenden Probleme bei Schlüssen aus dem Verhalten von Garmaten.

Seelenkot (14 S.): Mungo zieht es mit Macht zurück auf die Erde, doch vom Kaff-Planeten Garm geht kein Raumschiff kernwärts; der Privatermittler ist dazu verdammt sich zu Tode zu langweilen. Da kommt die Bitte um Hilfe bei einem eigenwilligen Fall gerade recht: In der alten Hauptstadt Anubis wurden fünf Selbstmorde innerhalb von kurzer Zeit vermeldet – sonst gibt es nur drei bis vier pro Jahr auf dem ganzen Planeten. Etwas ist faul.

Hier wird das typische Motiv des Gaslighting-Krimis aufgegriffen und durch eine phantastische Substanz ermöglicht.

Tischgenossen (43 S.): Carteret erhält einen geheimnisvollen Auftrag vom SIC – es wird viel Geld geboten, aber keine Informationen, bevor der Ermittler nicht zusagt. Gelangweilt und knapp bei Kasse will er sich die Sache zumindest einmal anhören. Es geht um den Raumschiff-Magnaten Loredano, genauer gesagt: Um seine Frau – die wurde entführt – und die Blaupausen für ein neues Raumschiff (an denen die Flotte sehr interessiert ist) – die wurden gestohlen. Für eine Milliarde Drachmen und den Grundbesitz auf Ulalume erhält der Wirtschaftsadmiral beides zurück. Nun gehört die betreffende Region des Raumes nicht zum Commonwealth, daher kann der SIC dort nicht offiziell agieren – und hat schon drei inoffizielle Agenten verloren. Gerade vierzig geworden und in der Midlife-Crisis, lässt sich Carteret auf ein mörderisches Spiel ein, bei dem er zwischen den Fronten steht: Das Commonwealth will die Leistungen der Raumschiffwerften erhalten, Loredano will Frau und Pläne zurück (und unabhängig vom Commonwealth bleiben) und die Entführer wollen – Land?

Eigentlich geht es in dieser Geschichte eher um Diplomatie als um Kriminalität, denn außerhalb des Commonwealth besitzt der SIC keine Macht; wie der Titel schon andeutet, sind die Gepflogenheiten antiker Verschwörer von zentraler Bedeutung für die Geschichte.

 

Da es sich hier um Kurzgeschichten handelt, kann man nicht mit besonders ausgefeilten Settings oder Figuren rechnen; dennoch sind es keine uninteressante Klischees oder dergleichen.

Die Schauplätze sind verschiedene Planeten des 29. Jh., die zumeist im Commonwealth, einem sehr liberalen Sternenreich liegen. Die Regierung greift nur selten ein; in den Geschichten tritt sie nur als Kontakt/Hintermann in Form des SIC auf. Die Gesellschaftsformen der Planeten sind dann sehr unterschiedlich und können durchaus gewichtige Rollen spielen; die Settings neigen damit mehr zum Milieu als zum Ambiente.

Phantastische Elemente gibt es einige, entwickelt werden aber nur die für den Plot relevanten und auch nur soweit es erforderlich ist; diese sind allerdings durchaus originell.

Die Figuren neigen zur Exzentrik: Aristide Montgomery – "Mungo" – Carteret erhielt eine Ausbildung in SIC und Flotte, ist aber seit längerer Zeit als Privatermittler tätig; mit Qorba Salibi, legat – vermutlich bald kapitán – des SIC, verbindet ihn seit jener Zeit eine Freundschaft, die nicht nur Aufträge, sondern auch inoffizielle Informationen einbringt. Der gebildete Bonvivant investiert mit 1.000 dr pro Monat eine hübsche Summe in Weinkeller, Bibliothek und erotische Abenteuer. Seine Moral ist eher locker, wenn auch nicht boshaft: Mit gewisser Regelmäßigkeit macht er einen Abstecher bei seiner inzestuösen Cousine, aber Leid zufügen will er niemanden (oder besser: nur solchen, die es verdienen). Seine Methoden sind unkonventionell, aber sehr erfolgreich, denn nicht umsonst kann er so hohe Honorare einstreichen. Der Ermittler wirkt wie Agatha Christies Hercule Poirot der von Jack Vance interpretiert wurde.

Die anderen Figuren sind nur knappe Skizzen, die allerdings sehr wohl stimmig sind.

 

Zwar sind Settings und Figuren interessant, doch die wahren Stärken liegen im Plot. Es handelt sich bei ihnen jeweils um einen SF-Krimi mit einer ungewöhnlichen Idee. Hinweise gibt es auch, aber der Leser wird eher die literarischen Vorausdeutung erkennen als die Spuren, die Carteret zum Ziel führen; diese müssen so verschroben gedeutet werden, dass die Geschichten als klassische Whodunits kaum zu lesen sind. So liegen die Spannungsquellen eher in den Wundern als in den Rätseln und noch weniger in bedrohlichen Grundstimmungen; Action-Szenen gibt es keine – damit sind die Geschichten weit vom Thriller entfernt. Außerdem ist da noch der Humor zu nennen: Neben dem ironischen Erzählstil, gibt es Wortwitz, hintersinnige Scherze und groteske Albernheiten – auch hierin erinnern die Geschichten an die Pikaresken von Vance. Kein Wunder, denn Haefs schrieb sie als Hommage an den großartigen Fabulisten. So gibt es zahlreiche Anspielungen an dessen Geschichten zu finden, aber auch an die anderer Autoren: Einige Witze über die Reichsphilosophie der Neostoa werden besonders komisch, wenn man die späten Anhänger der realen Stoa kennt.

Die Erzähltechnik ist eher unauffällig: Aus der personalen Perspektive Carterets (wobei allerdings vielfach die Gedankengänge fehlen bzw. nur sehr knapp beschrieben werden) werden die Abenteuer sehr pointiert geschildert; sie entwickeln sich wie für Krimis üblich regressiv. Auffällig sind allerdings die vielen farbenfrohen und exzentrischen Wortschöpfungen: "Nachts erzählte sie von ihren Eindrücken bei der Betrachtung eines Films, auf dem zu sehen war, wie bei einem Tetron ohne funup der qukiqurrup eines kharep den passiven paaqukhat eines khelap einer langwierigen qatifnes-Behandlung unterzog, während gleichzeitig das tefep im kholpelef des khelap ausdauernd bepiqosniste, dabei seinen halbaktiven tiqutafat mit dem aktiven tefep in einer Mischung von qatifnes und khoqorretas verband…" Es geht um Alien-Sex. "'Die ultimative Pornographie', sagte Carteret erschöpft."

 

Fazit:

Privatermittler und Bonvivant Mungo Carteret ermittelt in fünf bizarren Fällen. Haefs SF-Krimis sind eine gelungene Hommage an Jack Vances Geschichten, aber auch darüber hinaus für Freunde komischer (im doppelten Sinne) Wundergeschichten zu empfehlen.

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Die Reisen des Mungo Carteret

Autor: Gisbert Haefs

Edition Phantasia (November 2007)

Broschiert, 167 Seiten

ISBN-10: 3937897240

ISBN-13: 978-3937897240

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 21.12.2007, zuletzt aktualisiert: 21.08.2019 20:32