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Kolumne: Die Sache mit ... der Kritik

Autor: Holger M. Pohl

 

 

Ich sollte endlich Kontinuität in meine Kolumnen bringen, verdammt nochmal. Das ist eine Kritik. Und ich kritisiere mich selbst. Wäre ja noch schöner, wenn andere mich kritisieren. Das geht ja mal gar nicht! Das verbitte ich mir auf das Schärfste! Ihr dürft allenfalls sagen: Schöne Kolumne! Das wäre eine Art von Kritik von dritter Seite, die ich mir gefallen lasse!

Leider kann man es sich nicht immer aussuchen, wann man Kritik bekommt oder von wem oder welche. In aller Regel bekommt man sie aber dann, wenn man sie nicht haben will; man bekommt sie von welchen, von denen man sie nicht haben will; man bekommt sie auf eine Art und Weise oder in einer Form, die man nicht haben will. Kritiker sind da sehr flexibel. Und ich meine jetzt beileibe nicht nur die professionellen Kritiker, sondern Kritiker aller Art.

Nun ist ja zunächst einmal an Kritik nichts Schlechtes. Der Duden zeigt, dass Kritik viele Bedeutungen haben kann. Positive ebenso wie negative. Über positive freut man sich, über negative ärgert man sich. Das geht mir so, das geht jedem so, der mit seinem Werk an die Öffentlichkeit geht. Kritik kommt, darüber sollte man sich im Klaren sein. Wer als Autorin oder Autor keine Kritik haben möchte, der sollte sich eben auch nicht ans Licht der lesenden Öffentlichkeit trauen. Nur leider, leider können allzu viele nicht mit Kritik umgehen. Vielleicht weil sie nicht die Kritik bekommen, die sie haben möchten? Nämlich positive.

Wenn ich so durch die Foren geistere oder bei Facebook unterwegs bin, da gibt es jeden Tag eine Menge an Büchern oder Leseproben, die hoffnungsvolle Autorinnen oder Autoren den Lesern präsentieren. Besonders Facebook scheint da eine beliebte Präsentationsplattform zu sein. Social Media ist eben en vogue! Die meisten dieser Leseproben, die da in diversen Gruppen gepostet werden, interessieren mich nicht. Ich bleibe meinem Genre der Phantastik treu. Wird aber eine Leseprobe vorgestellt, die diesem meinem Lieblingsgenre zuzuordnen ist, dann riskiere ich einen genaueren Blick. Vielleicht hat die Autorin oder der Autor ja einen kritischen Blick, einen kritischen Kommentar verdient.

Nun, verdient haben sie beides meistens. Denn wie gesagt: Kritik gibt es immer und sie kommt immer. Nur kommt sie oft nicht von mir. Weil ich mich nicht traue? Oh, trauen würde ich mich schon, aber ich habe nicht das Verlangen im Gegenzug etwas zu erhalten, was Kritiker oft genug bekommen. Knallhart gesagt: Dumme, oft auch persönliche Anmache! Weil die Autorin oder der Autor nicht das an Feedback bekommen hat, wonach die Schreiberseele lechzt: Lobhudelei! Ich gebe nämlich nicht mehr sehr viel auf das Geschwätz: “Anbei meine Leseprobe. Ehrliche Kritik gewünscht!” Die Erfahrung zeigt nämlich, dass alles mögliche gewünscht ist, nur nicht unbedingt Ehrlichkeit.

Ehrlichkeit kann manchmal nämlich wehtun. Und wenn ich eine Leseprobe durch habe, bei der bereits im ersten Satz schon mehr Fehler als Worte sind, bei der sich die Frage stellt, ob der Verfasser auch nur entfernt das Handwerkszeug beherrscht, bei der im Grunde genommen eigentlich gar nichts stimmt … wenn ich da mit Ehrlichkeit kommen würde, käme eine Antwort, die sich gewaschen hat. Das sind dann oft die Momente, in denen ich bedauere, dass Autorin oder Autor doch kein anerkannter Ausbildungsberuf sind. Und die Momente, die mir zeigen, dass die Dame oder der Herr Schreiber eigentlich gar keine Kritik wünschen - und schon gar keine ehrliche!

Ich schweige daher in sehr, sehr vielen Fällen, so sehr es mich auch in den Fingern juckt. Wenn ich zu Müll nicht Müll sagen darf, dann sage ich lieber gar nichts. Klingt hart? Ist hart, aber siehe oben: Ehrlichkeit kann manchmal wehtun. Die Erfahrung zeigt nämlich auch, dass diese Damen und Herren sich immer persönlich angegriffen fühlen, wenn man ihr mit Herzblut geschriebenes Werk negativ kritisiert. Nur ist Herzblut in vielen Fällen nicht immer ausreichend. Ich spielte leidenschaftlich gerne Fußball - deswegen bin ich aber trotzdem kein Lionel Messi.

Und was ist, wenn diese ehrliche, aber leider negative Kritik fundiert und konstruktiv ist? Noch so ein Wunsch, der gerne daher gesagt wird, aber bei Erfüllung leider allzu oft zum selben Ergebnis führt: Der Kritiker bekommt eine vor den Latz geknallt! Es spielt in vielen Fällen nämlich gar keine Rolle, ob diese negative und ehrliche Kritik aus einem “Die Geschichte ist entsetzlich!” oder einem “Die Geschichte ist aus folgendem Grund (man denke sich hier viele konstruktive Anmerkungen, Vorschläge etc.) einfach schlecht.” besteht.

Wie aber sieht es mit positiver Kritik aus? Da spielt es nicht die geringste Rolle, ob sie ehrlich ist oder gar fundiert und konstruktiv. Da wird weder das eine noch das andere hinterfragt. Ob nun jemand sagt “Ich fand diese Geschichte wahnsinnig toll!” oder “Mir hat diese Geschichte aus den und den Gründen (beliebig lang, beliebig konstruktiv) außerordentlich gut gefallen.” ist völlig gleichgültig. Das eine wie das andere wird von Frau oder Herrn Schreiber genüsslich aufgenommen und überschwänglich gefeiert.

Nehmen wir als Beispiel Iain Banks. Wenn ich sage: “Ich finde seine Bücher einfach nur furchtbar!” kommen garantiert mehr Nachfragen “Warum denn?”, als dieselbe Frage auf eine Äußerung “Banks? Einfach spitze!” kommt. Beide meiner Kritiken sind nicht fundiert und nicht konstruktiv. Dennoch werden sie unterschiedlich bewertet. Die eine ist akzeptabel, die andere nicht. Ihr dürft raten welche was ist. Und wenn ich nun ehrlich sein soll: Ich habe keinen Banks gelesen! Doch wie gesagt: Wetten dass ich die eine Kritik begründen müsste und die andere nicht?

Ist Kritik also im Grunde überflüssig? Nein, ist sie nicht. Überflüssig ist nur, wie manche damit umgehen. Den Umgang mit Kritik aber kann man lernen - und Autorinnen oder Autoren, die mit ihren Werken an die Öffentlichkeit gehen, sollten das auch beizeiten tun. Und sich ein dickes Fell aneignen. Wer zu Impulsivität neigt, der muss an sich arbeiten. Denn eine der Todsünden, die eine Autorin oder ein Autor begehen kann, ist auf eine negative Kritik, ob fundiert und konstruktiv oder nicht, mit mehr als einem “Danke für das Feedback!” zu reagieren. Widerspruch oder noch schlimmer Rechtfertigung führt zu nichts. Im Gegenteil, die darauf folgende Diskussion - so man es Diskussion nennen will, denn eigentlich wird es zu einem Schlagabtausch im virtuellen Boxring - zieht einen noch mehr runter als es die negative Kritik eh schon tut.

Und hier schließt sich der Kreis. Eine negative Kritik wird zum einen dem Kritiker um die Ohren geschlagen, bis er einen heißen Satz solcher hat, und nagt am Selbstbewusstsein der Autorin oder des Autors, auch wenn sie oder er das mit deftigen Sprüchen zu übermalen versucht. Und im Grunde ist es doch auch so: Ist die negative Kritik völlig Banane, diskreditiert sich wer eher damit? Der, der sie verfasst hat, oder der, dem sie gilt? Also erst einmal durchatmen und dann die ganzen positiven Kritiken zu Gemüte führen und sich in deren Licht sonnen. Wie, es gibt keine positiven Kritiken? Dann würde ich mal in mich gehen. Vielleicht haben die Kritiker ja doch recht. So etwas soll vorkommen … habe ich mir sagen lassen.

Ich muss aber zugeben, dass auch ich den Umgang mit Kritik lernen musste. Die Rechtfertigungsschiene hatte ich gut drauf. Manche negative Kritik, die ich für eines meiner Werke erhalte, trifft mich auch heute noch. Im Inneren. Nach außen bemühe ich mich um Gelassenheit. Und die täte allen - Kritikern und Kritisierten - manchmal ganz gut. Ansonsten entstehen weiter solche für die Mitleser höchst amüsanten und unterhaltenden Kämpfe, wie sie tagtäglich in irgendeinem Forum, in irgendeiner Facebook-Gruppe entstehen, wenn hoffnungsvolle Autorinnen und Autoren ihre Texte vorstellen.

Vielleicht kommt nun die Frage, ob oder wie man Gelassenheit lernen kann. Ich denke, einen pauschalen und allgemeingültigen Tipp gibt es nicht. Wir Menschen sind glücklicherweise unterschiedliche Individuen. Ich für meinen Teil habe mir einfach angewöhnt manches und manche zu ignorieren. In anderen Fällen schlafe ich einfach mal drüber und stelle dann fest, dass mein Zorn verraucht ist. Die Kritik gefällt mir zwar immer noch nicht, aber ich kann ruhiger mit ihr umgehen. Schont unheimlich die Nerven!

Doch eines weiß ich trotz allem: Lernen kann man aus jeder Kritik etwas. Und fast bin ich versucht zu sagen: Aus einer negativen noch mehr als aus einer positiven. Und wenn ich aus der negativen Kritik nur lerne, dass meine Geschichte entsetzlich ist. Hat doch auch was!

 

 

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Erstellt: 17.09.2017, zuletzt aktualisiert: 01.10.2017 15:44