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Die Schüler von Winnenden von Daniel Oliver Bachmann

Rezension von Christel Scheja

 

Daniel Oliver Bachmann hat das Buch nur zusammengestellt und in Form gebracht, die Texte selbst stammen von Jugendlichen und einer Lehrerin, die den Amoklauf eines Schülers in Winnenden am 11. März an der Albertville-Realschule hautnah miterlebt haben oder aber direkte Angehörige einiger Opfer sind. Jennifer, Steffen, Marie, Annabell, Pia und Frau Marie Luise Braun erzählen nicht nur von dem Vorfall selbst, sondern auch von den Tagen, Wochen und Monaten danach.

 

Winnenden ist eine ganz normale Kleinstadt in der Nähe von Stuttgart, in der es bisher keine besonderen Vorfälle gab, die sich tief in das Gedächtnis der Bewohner hätten einbrennen können. Das ändert sich jedoch am 11. März. Der Tag beginnt für viele Schüler – auch die der neunten und zehnten Klasse der Albertville-Realschule ganz normal. Sie erledigen ihre Aufgaben, diskutieren eifrig bei Themen, mit, die sie selbst betreffen.

Dann plötzlich fallen Schüsse. Ein Junge betritt einen der Unterrichtsräume und schießt um sich. Schließlich verlässt er die Schule irgendwann wieder und stirbt vermutlich durch eigene Hand, als ihn die Polizei stellt. Über zehn Jugendliche und Lehrer sind sofort tot, einige mehr sterben kurz danach.

Neben der Polizei ist auch die Presse schnell zur Stelle – doch die nehmen die Jugendlichen und Lehrer nicht war. Sie stehen unter Schock und erleiden ein schweres seelisches Trauma, das sie auch Jahre danach noch belasten wird. Letztendlich lernen sie aber auch, mit dem Geschehnis umzugehen und es auf ihre ganz persönliche Art und Weise aufzuarbeiten. Der Schmerz und die Angst sitzt auch in den Eltern und Geschwistern der Opfer tief, die damit leben müssen, das geliebte Menschen durch einen Gewaltakt aus ihrem Leben gerissen wurden.

 

Es sind nüchterne Worte, lebensnahe Schilderungen, ohne Wertung und Beurteilung. Die Berichte der Schüler und Schülerinnen stehen für sich selbst, geben – wenn auch aus der Distanz einiger Jahre – die Wahrnehmung des Amoklaufs und vor allem der Zeit danach wieder. Gerade weil die Schilderungen lebensnah sind und auf jedwede Dramatik verzichten, sind sie um so wirkungsvoller.

Das wer und warum ist zunächst nichts wichtig – nur die Wahrnehmung überlebt zu haben – oder als Angehöriger begreifen zu lernen, dass Schwester, Bruder oder Kind nicht mehr da sind, dass sie nicht mehr zurückkommen werden. Die Fassungslosigkeit, Angst, Lähmung und die Trauer kurz danach ist deutlich spürbar, ebenso wie die Ängste, die sich daraus entwickeln. Der Amoklauf ist auch Monate danach noch spürbar, die Furcht lauert im Hintergrund und kann durch noch so kleine Reize wie das Knallen einer Tür in den Vordergrund zurückkehren und die Psyche beherrschen.

Dazu kommt die Sensationslust der Medien, die die Schüler gerne in bestimmte Rollen drängen wollen, was diese aber nicht mit sich machen lassen. Verarbeitet haben die Jungen und Mädchen alles auf ganz eigene Weise, einige engagieren sich noch heute in einem Verein, der ähnliches verhindern will.

Das Buch ist ein schmuckloses, aber wichtiges Zeitdokument, eine Sammlung bewegender Momente, die Jugendlichen wie Erwachsenen deutlich machen, wie einschneidend ein solches Geschehnis bei den Betroffenen sein kann. Und das sollte es zu einem Klassiker machen, der auch im Schulunterricht gelesen werden sollen

 

„Die Schüler von Winnenden“ will auf stille und unaufdringliche Weise aufrütteln, es nicht noch einmal zu einem ähnlichen Amoklauf kommen zu lassen. Das gelingt dem Buch sehr gut, sind die Berichte der Schüler und der Lehrerin doch eindringlich und bewegend zugleich – regen durch ihre schlichten Schilderungen und die offengelegten Gefühle zum Nachdenken ein – und damit ist der Sinn dieser Sammlung mehr als erfüllt.

 

 

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Buch:

Die Schüler von Winnenden

Herausgeber: Oliver Bachmann

Taschenbuch, 162 Seiten

Arena, Februar 2013

 

ISBN-10: 3401067567

ISBN-13: 978-3401067568

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 30.05.2013, zuletzt aktualisiert: 28.10.2019 13:53