Die Sicht der Dinge von Jiro Taniguchi

Rezension von Christian Endres

 

Spätestens seit »Vertraute Fremde« (dt. ebenfalls bei Carlsen) oder »Wanderer im Eis« (dt. bei Schreiber & Leser) ist Jiro Taniguchi auch hierzulande als der gefeierte Superstar-Vertreter anspruchsvoller Mangas bekannt. Mit »Die Sicht der Dinge« setzt Carlsen nun nicht nur seine ambitionierte Graphic Novel-Reihe fort, sondern bringt auch den nächsten Titel der inoffiziellen Social-Drama-Werkausgabe von Taniguchi.

 

Dieser legt mit dem vorliegenden Band wieder ein unglaublich dicht erzähltes Werk vor, das nicht nur durch seinen optischen Realismus oder seine akkurate Recherche besticht. Erneut ist eine japanische Familie das zentrale Thema, und erneut ist es eine tragische Vaterfigur, um die Taniguchi seine mit viel Gefühl geschilderte Geschichte aufbaut. Teilweise semiautobiografisch, teilweise einfach nur mit einem meisterhaften Gespür für Begebenheiten, Dialoge und Bildfolgen, erzählt Taniguchi davon, wie Yoichi wegen der Totenwache seines kürzlich verstorbenen Vaters in den Schoß seiner Familie zurückkehrt und dort wider Erwarten keine Ablehnung erfährt, obwohl er sich die letzten Jahren keinen Deut um die anderen gekümmert und nur für sein eigenes Leben in Tokyo gelebt hat. Darüber hinaus muss Yoichi Stück für Stück erkennen, dass er seinen verstorbenen Vater die letzten Jahren nicht immer ganz richtig eingeschätzt und in der Folge behandelt hat, die Erinnerungen nicht immer die sichersten gewesen sind ...

 

Recht früh zeigt Taniguchi, dass es in vielen Dingen nicht nur auf die Details, sondern vor allem auch auf die Perspektive ankommt - die Sicht der Dinge eben. Hauptcharakter Yoichi muss das - genauso wie einige Wahrheiten über seine Mutter, seinen Vater und sich selbst - zum Teil äußerst schmerzhaft erfahren. Taniguchis Sicht der Dinge indes ist bereits von der ersten Seite an perfekt. Der Japaner weiß schlicht und ergreifend, aus welcher Perspektive er gerade erzählen, mit wessen Augen er eine ganz bestimmte Szene einfangen muss, um sie seiner homogenen Erzählung hinzuzufügen. Es scheint, als würde ihm das ganze keine Mühe bereiten - dabei fesselt seine knapp 300 Seiten starke, einfühlsame Geschichte vom ersten bis zum letzten Panel.

 

Meisterhaft erzählt, aufwendig gezeichnet, sehr schön aufgemacht - wieder ein Ausnahmecomic mit viel Gefühl.

 

Und mindestens genauso viel Seele.

 

 

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Comic:

Die Sicht der Dinge

Autor und Zeichner: Jiro Taniguchi

Paperback, 283 Seiten

Carlsen, Februar 2008

ISBN: 3551777314

Erhältlich bei: Amazon


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zuletzt aktualisiert: 20.04.2019 08:39 | Users Online
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