Die Söhne Noahs (Herausgeber: Michael Schmitt)
 
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Die Söhne Noahs herausgegeben von Michael Schmitt

Rezension von Matthias Hofmann

 

Kleinverlage und Küchentischverleger gibt es viele. Auch im Bereich der Science Fiction und Fantasy. Solche von der Sorte, wie sie der Wandler Verlag darstellt, sind jedoch eine Seltenheit.

 

Warum? Sein Portfolio hebt sich wohltuend ab von dem mitunter langweiligen Einerlei der Konkurrenz mit einer leider oft generischen Flut von austauschbarem Lesestoff. Aber vor allem veröffentlicht man beim Wandler Verlag nicht das x-te deutschsprachige Talent, sondern übersetzt und publiziert Fantastik aus den USA. Was früher irgendwie selbstverständlich war, ist im Jahr 2026 eine Rarität. So wie die Anthologie Die Söhne Noahs, die just in diesem Februar erschienen ist.

 

Herausgeber ist Michael Schmitt, der Kopf hinter dem Verlag, und er ist mit seiner Geschichtensammlung ein großes Wagnis eingegangen. Denn die glorreichen Zeiten von Jeschkes Fundgruben der internationalen SF wie Heynes Story Reader oder Auswahlbänden von US-Magazinen wie Asimov’s Science Fiction und Magazine of Fantasy & Science Fiction sind längst passé. Es scheint, die Leute wollen vor allem dicke Romane lesen. Und Kurzgeschichten werden scheinbar nur noch publiziert, wenn sie aus Deutschland stammen, da sie nicht teuer übersetzt werden müssen.

 

Diese Anthologie ist zusätzlich aus anderer Sicht riskant, denn sie lässt sich nicht kategorisieren. Sie ist weder Science Fiction, noch Fantasy, noch Horror. Sie ist am ehesten Fantastik oder »Spekulative Fiktion«. Man könnte sagen: »Weder Fisch, noch Fleisch«, was für eine Einordnung im Buchhandel tödlich ist, aber ich persönlich würde einfach den positiven Slogan vom Klappentext nehmen: »Zehn Facetten der Fantastik … Hier kommt jeder auf seine Kosten!«.

 

Wen es also nicht stört, dass von Michael Schmitt ein ziemliches Sammelsurium angeboten wird, der sollte das Projekt unterstützen, denn es gilt ein paar Juwelen zu entdecken.

 

Die Autorinnen und Autoren, die Schmitt ausgewählt hat, sind auf den ersten Blick ziemlich unbekannt. Gleich zwei Mal wird Jack Cady aufgeboten, vielleicht der Zweitbekannteste von allen. Im Vorwort schreibt der Herausgeber, dass er Cadys Werk sehr schätzt und es im deutschsprachigen Raum gerne bekannter machen würde. Solche Autorenpflege ist nicht immer selbstverständlich. Im Wandler-Programm finden sich übrigens auch zwei Romane von Jack Cady, der immerhin für seine Werke mit dem Nebula, World Fantasy und Bram Stoker Award ausgezeichnet wurde.

 

Und in der Tat: Die titelgebende Erzählung Die Söhne Noahs sowie die Story Der Kesselflicker sind exzellente Beispiele von gut geschriebener Prosa, die mit mystisch-mysteriösen Elementen und mit einer schönen Portion magischem Realismus glänzen.

 

Wenn man den ganz großen Bogen spannen will, könnte man in Cadys Geschichten Anleihen bei der großen Flannery O’Connor erkennen, einer der wichtigsten Vertreterinnen der Southern-Gothic-Literatur. Soziale und religiöse Problemsituationen werden in einem ländlichen, zurückgebliebenen Ambiente behandelt und dadurch zu einem Subgenre der US-Schauerliteratur.

 

Zu den interessantesten Beiträgen zählt Enzyklopädie der Früchte von Hawaii von Alaya Dawn Johnson, die dafür den Nebula in der Kategorie »Beste Erzählung« gewonnen hat. Sie ist eine dieser ambitionierten Geschichten, bei der man in die Handlung reingeworfen wird und sich im Verlauf fortschreitender Lektüre den Zusammenhang zusammenreimen muss. Konzentriertes Lesen ist daher angesagt, aber es lohnt sich. In einer Welt, in der die Menschen einen Krieg gegen Vampire verloren haben, werden sie ob ihrer Nützlichkeit in verschiedenen Arten von Konzentrationslagern gehalten: natürlich als Nahrung in einer Blutfarm, aber auch in Arbeits- und Zuchtlagern oder zur reinen Unterhaltung.

 

Der bekannteste Name in der Anthologie dürfte John Crowley sein. Er gilt ebenfalls als ein Vertreter der komplexeren Literatur. Wenig überraschend hat mich seine Kurzgeschichte Exogamie eher ratlos zurückgelassen. Sein kurzer Versuch, eine Art Märchen zu schreiben, kommt kryptisch daher, ist schnell gelesen und ebenso schnell wieder vergessen.

 

Der Rest ist, wie bei jeder Anthologie, eine bunte Mischung. Ein, zwei Pointengeschichten mischen sich mit unterhaltsamen Storys, die »nice to have« sind. Ein Totalausfall ist unter den Beiträgen von William Hjortsberg, John S. McFarland, Richard Gavin, Jeffrey Thomas und Thomas A. Wandler nicht zu finden. Einzig das kurze Gedicht von Joscha Dinkel wirkt etwas deplatziert und verloren.

 

Neben einem Vorwort werden abschließend alle Kreativen mit kurzen Biographien gewürdigt. Ich hätte mir noch die Erwähnung der Erstveröffentlichung der einzelnen Storys gewünscht. Aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau.

 

Insgesamt hat mir die Anthologie »Die Söhne Noahs« gut gefallen. Wer schnelle Unterhaltung braucht, ist hier fehl am Platz. Wer jedoch abseits ausgetretener Genrepfade nach leicht gehobener Belletristik sucht, der sollte unbedingt in dieses besondere Buch reinschauen. Gerne mehr davon!

Inhalt

Die Söhne Noahs (The Sons of Noah) von Jack Cady

Enzyklopädie der Früchte von Hawaii ( A Guide to the Fruits of Hawaií) von Alaya Dawn Johnson

Exogamie (Exogamy) von John Crowley

Symbiografie (Symbiography) von William Hjortsberg

Die Kröten auf ihrem Gesicht (Toads on her Face) von John S. McFarland

Fremde von Joscha Dinkel

Anmerkungen zur Todespfeife der Azteken (Notes on the Aztec Death Whistle) von Richard Gavin

Traumtrunken (Drunk on Dream) von Jeffrey Thomas

Der Kesselflicker (Tinker) von Jack Cady

Die letzte Vorstellung von Thomas A. Wandler

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Buch:

Die Söhne Noahs

Herausgeber: Michael Schmitt

Übersetzung: Eva Bauche-Eppers, Karin Will, Michael Siefener, Joachim Kurtz

Taschenbuch, 244 Seiten

Wandler, 16. Februar 2026

 

ISBN-10: 3948825351

ISBN-13: 9783948825355

 

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 20.03.2026, zuletzt aktualisiert: 10.05.2026 18:50, 25973