Die Stunde des Raben von Matthew Pearl

Rezension von Christel Scheja

 

Edgar Allan Poe ist durch seine Gedichte, Romane und Erzählungen wie etwa „Der Rabe“, „Die Grube und das Pendel“ oder „Der Untergang des Hauses Usher“ als einer der großen Phantasten des 19. Jh. bekannt geworden. Ebenso gilt er durch seinen Roman „Die Morde in der Rue Morgue“ als Begründer des Kriminalromans. Weniger bekannt sind allerdings die Umstände seines Todes. Genauso geheimnisvoll und von düsteren Schatten umgeben wie seine Werke sind auch die letzten Tage seines Lebens, kurz vor seinem Todestag, dem 7. Oktober 1849. Das ist für Matthew Pearl Grund genug, um eine eigene Geschichte, aufbauend auf den bekannten Informationen und Fakten, zu erzählen.

 

Quentin Clark ist ein junger und aufstrebender Anwalt aus einem der guten Häuser Baltimores, der eine gute und ertragreiche Karriere vor sich hat, und sich nun, da er halbwegs etabliert ist, mit dem Gedanken trägt, seine Jugendfreundin Hattie Blum zu ehelichen.

Er verschwendet kaum Gedanken an andere Dinge - bis der 8. Oktober 1849 sein ganzes Leben durcheinander bringt.

Er beobachtet zufällig das schlichte und in aller Eile vonstatten gehende Begräbnis eines Mannes, dessen Werke er sehr verehrt hat und kann es gar nicht glauben: Edgar Alle Poe soll tot sein? Der Mann, der mit treffender Feder die menschlichen Schattenseiten aufzeichnete, und bahnbrechende neue Wege in der Literatur ging?

Clark kann nicht anders, er muss der Sache nachgehen. Schnell findet er heraus, dass der Autor unter sehr seltsamen Umständen starb, nachdem er mehrere Tage unauffindbar gewesen war.

Die Nachforschungen wachsen sich zu einer wahren Besessenheit aus. Der junge Anwalt sucht immer mehr Personen auf, die mit Poe zu tun gehabt haben und wittert eine Verschwörung. Doch er kann keinerlei Beweise für seine Vermutungen erbringen und stößt schließlich auf eine Mauer des Schweigens.

Da sich nun auch seine Freunde und Verwandten von ihm anwenden, beschließt Clark, sich professionelle Hilfe zu holen - von keinem anderen als dem Mann, der das direkte Vorbild für den Helden aus Poes „Die Morde in der Rue Morgue“ gewesen ist.

Der Anwalt reist nach Paris, doch auch in der französischen Hauptstadt ist nicht alles so, einfach, wie er sich es erhofft hat. Zum einen muss er als Ausländer im krisengeschüttelten Frankreich einige Repressalien hinnehmen. zum anderen präsentieren sich ihm zwei mögliche Kandidaten: Auguste Duponte, ein lethargischer und zurückgezogen lebender Mann im Ruhestand und der zwielichtige Baron Claude Dupin, der aus der Geschichte eigenen Profit schlagen will.

Alle drei gehen in Baltimore den Spuren der letzten Tage Poes nach, nicht ahnend, dass sie damit eine ganze Kette dramatischer Ereignisse los treten...

 

Auch wenn Edgar Allan Poe nicht mehr persönlich auftritt, so ist er in Matthew Pearls Roman doch allgegenwärtig, das zentrale und beherrschende Thema im Leben seines Protagonisten Quentin Clark, der sich von einem bekennenden Liebhaber seiner Werke zu einem besessenen Sucher nach den Umständen des Todes seines Idols wandelt. Die Veränderung kommt schleichend, und da das Buch in der Ich-Form geschrieben ist - geradezu selbstverständlich. Jedoch stehen nicht die Charaktere und ihre Entwicklung im Vordergrund, sondern einzig und allein die Suche nach der Wahrheit hinter dem Umständen des Todes von Edgar Allan Poe. Wie in den Geschichten des großen Autors selbst tun sich bei genauerem Hinsehen die Abgründe der menschlichen Seelen auf - nicht wenige der Menschen, denen Clark bei seinen Nachforschungen begegnet, haben nachvollziehbare Motive oder triftige Gründe, um einen unliebsamen Dichter wie Poe auszuschalten. Doch die Wahrheit ist am Ende eine ganz andere und ihre Begleitumstände verzerren das Bild erneut.

Matthew Pearl nimmt sich die Freiheit, mit zwei fiktiven Vorbildern von Dupin, dem Held aus „Die Morde in der Rue Morgue“ zu spielen. Duponte und der Baron sind extrem gegensätzlich und sich eigentlich spinnefeind- fügen am Ende jedoch ungewollt für Quentin die Puzzelteile zu einem glaubwürdigen Ganzen zusammen.

Der Roman lebt vor allem durch die atmosphärische Darstellung des Lebens in einer amerikanischen Stadt der Ostküste vor 150 Jahren. Baltimore wirkt als Schauplatz sehr beschaulich, die Kreise, in denen Clark verkehrt gehören zu der besseren Gesellschaft, zeigen aber stellenweise sogar schon erstaunlich sozialkritische Anwandlungen und überraschende Begeisterung für bahnbrechende literarische Entwicklungen - auch wenn sie ansonsten nicht viel besser ist, wie die moderne Öffentlichkeit, und sich auch von Klatsch, Gerüchten und Skandalen beeinflussen lässt.

 

Der Autor nimmt sich Zeit, den Fall aufzurollen und die Begleitumstände von Poes Tod zu klären. Leider führt das in der zweiten Hälfte immer wieder zu kleineren Durchhängern, die das Lesevergnügen und den Lesefluss etwas trüben, insgesamt aber weiß „Die Stunde des Raben“ durch den lebendigen Lokalkolorit und die geschickt ineinander verwobene Geschichte zu überzeugen.

Wer Mystery-Thriller im historischen Gewand und um real existierende Personen mag, wird sicherlich seinen Spaß an dem Buch haben.

 

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Die Stunde des Raben

Autor: Matthew Pearl

gebunden, 575 Seiten

Knaur, erschienen Februar 2007

Titelfoto von A. Fradkin

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Karl-Heinz Ebnet

ISBN 978-3-426-19737-0

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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zuletzt aktualisiert: 04.02.2019 15:57 | Users Online
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