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Die Sünder von Brett McBean

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Wir erinnern uns: Vor knapp 2 Jahren sorgte ein bis dato unbekannter australischer Autor für einen Paukenschlag, dessen Nachhall bis heute nicht verklungen ist. Die Mutter, so der Titel von Brett McBeans deutschsprachigem Einstand, entpuppte sich als ungemein intensiver Höllentrip, der Kritiker und Leser gleichermaßen begeisterte – und zwar völlig zu Recht.

Auch mit seinen beiden Nachfolgeromanen Die Bestien und Das Motel stellte der sympathische McBean sein bemerkenswertes Talent unter Beweis. Doch wie die meisten (nicht nur) seiner Zunft, begann McBean keinesfalls direkt mit Romanen, sondern verdiente sich seine ersten Sporen mit Kurzgeschichten und Erzählungen, welche in den unterschiedlichsten Anthologien und Magazinen veröffentlicht wurden. Mag es sich auf den ersten Blick ein bisschen unspektakulär anhören, so sollte man die kurze Form des Erzählens keinesfalls unterschätzen. Hier darf ein Autor nicht um den heißen Brei herumreden, ebensowenig wie ihm 200, 300 oder mehr Seiten vergönnt sind. Demzufolge fallen narrative Fehler dem geneigten Leser umso deutlicher auf. Gleichzeitig kann mithilfe der Kurzgeschichte auch mal experimentiert werden und Ideen verwirklicht, die schlichtweg zu kurz für einen Roman gewesen wären.

 

Mit der Eröffnungsstory Ein schöner Ort verwirklichte McBean jedoch weniger eine Idee, denn einen Traum, da diese Story im Zombie-Umfeld von Brian Keenes The Rising spielt – allerdings mit einem gravierenden Unterschied: anstelle der Vereinigten Staaten platzierte McBean seine herrlich gruslige Mär ins australische Outback, das spätestens seit dem Film Wolf Creek ein bisschen was von seiner Romantik eingebüßt haben dürfte. Hier unterstützt die Einöde zusätzlich die nihilistische Endzeitstimmung und schafft nahezu umgehend dennoch eine völlig autarke Atmosphäre. Gekrönt wird das Ganze von einem überraschenden, traurigen Ende. Kein Wunder also, das Keene begeistert war und seitdem zu einer Art Mentor für McBean geworden ist.

 

Mit Amandas Geschenk wagt sich McBean daraufhin auf – scheinbar – dünnes Eis, sind Geister- und Gespenstergeschichten alles andere als einfach zu verfassen. Doch auch hier zieht McBean sämtliche Register; gelingt ihm ein hervorragender Spagat zwischen (subtilem) Grusele und Traurigkeit. Großartig.

 

Die Prämisse von Gestohlene Leben hätte durchaus dem Verstand eines Richard Laymon entsprungen sein können und macht deutlich, warum McBean ausgerechnet diesen Autor immer wieder als Einfluss benennt. Tja und was macht man nun als Ehemann, wenn sich die Entführer von Frau und Kind melden und gewissermaßen als »Lösegeld« die unglaubliche Forderung stellen, dass nur eine der beiden weiter leben darf? Praktisch sofort baut McBean eine Intensität und Rasanz auf, vor der man einfach nur den Hut ziehen kann. Das völlig unerwartete, herrlich fiese Ende ist gewissermaßen die blutigrote Kirsche obendrauf.

 

Wie man sich doch irren kann: In Eine neue Religion rechnet McBean keinesfalls mit den kirchlichen Irrungen und Wirrungen ab. Vielmehr präsentiert er einen funkelnagelneuen, wesentlich unheimlicheren Heiland – jedenfalls für gewisse Leute. Mit gerade mal zweieinhalb Seiten einer der kürzesten Beiträge, aber dennoch mehr als überzeugend.

 

In Genie eines kranken Geistes setzt sich der bekennende Ripperologe mit einer sehr interessanten Frage auseinander: Was geht im Hirn eines irren Serienkillers vor? Diese Reise führt in sehr dunkle Abgründe. Bitterböse, einschließlich einer weiteren exzellenten Auflösung.

 

Leider nur bedingt überzeugend ist daraufhin Das Meeresrauschen in der Muschel. Hier vermengt der Autor eine mysteriöse Fahrstuhlfahrt mit den Taten eines Killers. Trotz des erneut sehr guten Endes will sich die Begeisterung nur bedingt einstellen. Guter Durchschnitt.

 

Danach zieht McBean abermals sämtliche Register. Eine Frage des Glaubens behandelt nur auf den ersten Blick abermals die wandelnden Toten. Vielmehr sind sie hier Mittel zum Zweck und verweisen auf jenen Horror, der religiöser Besessenheit entspringt.

 

Mit Der Sarg nimmt sich der Australier eines eigentlich alten Schuhs an: lebendig begraben zu werden. Trotzdem gelingt es ihm, umgehend eine klaustrophische, packende Stimmung zu erzeugen, die den Leser prompt am Kragen packt und nicht mehr loslässt.

 

The Song remains the Same könnte indirekt als Fortsetzung zu »Genie eines kranken Geistes« angesehen werden. Abermals werden hier ähnliche Zutaten verwendet, jedoch mit einem gänzlich anderen Ausgang. Ein weiteres Highlight.

 

Danach folgt mit Die Versuchung der Rechtschaffenen erneut ein Experiment, welches zumindest in meinen Augen bedingt erfolgreich ist. Der vermeintliche Erlöser, ein Haufen Obdachlose, Pfirsiche … dem Ganzen fehlt leider die Ordnung. Sorry, Mister McBean, aber das war nicht wirklich überzeugend. Zu viel Eraserhead, zu wenig klare Linie.

 

Abermals auf »Laymon-Gebiet« begibt sich McBean in Der Müllmann, in dem George mit seinem Sohn zwecks Abschreckung die lokale Müllkippe besucht. Denn Georges Junge ist ein wenig anders. Tötet lebende Katzen und so. Doch es kommt anders …

Ein weiterer garstig-schwarzhumoriger Geniestreich.

 

Möglicherweise das pièce de résistance ist jene Abrechnung mit kultisch verehrten Game- und Realityshows, Wer wird überleben? Beginnt die längere Erzählung zunächst im Stil von Running Man und Konsorten, schlägt sie bereits nach kurzer Zeit einen völlig anderen Weg ein. Famos!

 

In Junkies macht sich McBean über eine ganz spezielle Zunft lustig, welcher der Autor ebenfalls angehört: den leidenschaftlichen Filmfreaks. Und wonach sind die süchtig? Was sind deren wahre Gelüste? McBean zeigt es – und begibt sich streckenweise in jene Gefilde, die eigentlich den Bizarro-Autoren vorenthalten sind. Wunderbar schräg.

 

Leider nur durchschnittlich ist der Versuch, einen klassischen Krimi mit Mystery-Elementen zu schreiben. Bei Ein Licht für eine Rose fehlt einfach jener Faktor, der McBeans Arbeiten für gewöhnlich so mitreißend werden lässt. Chance vertan.

 

Der ewige Kreis: Wer McBeans hervorragenden Roman »Die Bestien« kennt und schon immer mal mehr Einblicke in Bezug auf überfahrene Tiere und Seelen in Dosen wissen wollte, ist hier goldrichtig.

 

Man sollte seine Sprösslinge nicht zu sehr verwöhnen; sicher. Aber im Falle des Protagonisten von Das Projekt zeigt sich, dass man manche Wünsche eines Kindes vielleicht besser doch erfüllen sollte, bevor sie eine hässliche Wendung nehmen …

 

In Der Unheimliche Ort verarbeitet McBean ein eigenes Kindertrauma – Trolle und Kobolde, die es ja bekanntlich auf kleine Jungs abgesehen haben. Eine klassische Horrorstory, die es locker mit Kings ähnlich gelagertem Katzenauge erinnert. Trotz der Vorhersehbarkeit liest man gerne weiter.

 

Kein Kindheitstrauma, dafür aber ein Kindheitshöhepunkt bildet das Grundgerüst von Weihnachtliches Leuchten; eine teils traurige, teils unheimliche Geschichte.

 

Mad Fred ist eine weitere, prosaische Forschungsreise – und für den Ripperologen McBean die perfekte Möglichkeit, sich in Sachen Jack the Ripper hemmungslos auszutoben. Im Zeitungsstil spekuliert er über einen der möglichen Verdächtigen. Leider nur zu lange. Man muss sich wohl schon intensivst mit der Thematik auseinander gesetzt haben, um »Mad Fred« auch wirklich genießen zu können.

 

Ganz anders Ungeborene Leben. Hier spielt McBean ein bisschen mit Science Fiction-Elementen Marke Philip K. Dick und zieht sich bemerkenswert gut aus der Affäre; trotz der sehr überschaubaren Länge.

 

Wenn der Morgen kommt … was dann? Die Abschlusserzählung, deren Ursprung in einer schlaflosen Nacht des Autors ihren Ursprung hat, erzählt von einem Häftling und dessen zermarterndem Warten, bis sich die Gefängnistore auch für ihn öffnen. Ein wahrlich krönender Abschluss.

 

Es ist ein weites Feld, das von Brett McBean beackert wird – mit überwiegend höchst erfreulichen Resultaten. Trotz des einen oder anderen Ausreißers nach unten (eine stets subjektive Meinung; besonders bei Kurzgeschichten) stellt »Die Sünder« eine prächtige Sammlung von bisweilen meisterhaften Kurzgeschichten und Erzählungen dar, die beweisen, das er auch die kurze Form herausragend beherrscht. Eine ganz klare Kaufempfehlung!

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Eure Meinung:

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Buch:

Die Sünder

Orginaltitel: Tales of Sin and Madness

Autor: Brett McBean

Übersetzerin: Doris Hummel

Taschenbuch. 380 Seiten

Festa-Verlag, 15. August 2012

 

ISBN-10: 3865521487

ISBN-13: 978-3865521484

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B008OLV36M

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

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Erstellt: 05.01.2013, zuletzt aktualisiert: 04.02.2019 15:57