Die Tür in der Mauer von H. G. Wells

Reihe: Die Bibliothek von Babel Bd. 29

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Die Tür in der Mauer ist der neunundzwanzigste Band der Bibliothek von Babel. J. L. Borges wählte für diesen fünf relativ kurze Geschichten aus dem Oeuvre des Briten H. G. Wells. Die zwischen 1896 und 1906 entstandenen Werke haben immer ein echtes Wunder zum Thema, doch dieses steht nicht immer im Mittelpunkt.

 

Zu den einzelnen Geschichten:

Die Tür in der Mauer (32 S.): Lionel Wallace erzählte seinem Freund die Geschichte von der Tür in der Mauer. Als kleiner Junge war er nach dem Tod seiner Mutter einsam. Er nutzte eine Chance um dem strengen Vater zu entkommen und riss aus. Bei seinem Streifzug durch London fand er eine weiße Wand mit einer grünen Tür, von der eine seltsame Attraktion ausging. Lionel öffnete sie und gelangte in einen zauberhaften Garten mit zahmen Leoparden, einer schönen, lieben Frau und Spielgefährten. Als er später nach Hause zurückkehrte und vom Garten erzählte, wurde er bestraft: Er solle keine Lügen erzählen. Jahre später war aus dem kleinen Lionel ein gestandener und erfolgreicher Politiker geworden. Er berichtete seinem Freund, wie es mit ihm und der grünen Tür weiterging.

Diese melancholische Geschichte ist eine todorovsche Phantastik: War Lionel einer kindlichen Phantasie aufgesessen oder war er wirklich in jenem wunderbaren Garten? Diese Frage steht jedoch nicht im Zentrum; es geht vielmehr um das Verhältnis vom gestandenen Mann zum kindlichen Wunder.

Plattners Geschichte (38 S.): Gottfried Plattners Herz schlägt am rechten Fleck – oder eigentlich nicht, denn es schlägt auf der rechten Seite seines Brustkorbs. Auch ist sein rechtes Auge etwas größer als das linke – doch das war nicht immer so: Es gibt einige Fotos, die vor dem Zwischenfall aufgenommen wurden, auf denen es umgekehrt ist. Es scheint, als sei eine Umkehrung geschehen, als er fort war. Ein Schuljunge hatte ein mysteriöses grünes Pulver mitgebracht und bei der Analyse desselben gab es eine Explosion, bei der Plattner verschwand. Nach seiner Rückkehr einige Tage später hat er höchst Sonderbares zu berichten.

Die Wundergeschichte beginnt humorig mit der umständlichen Vorstellung des langweilig normalen und leicht trotteligen Plattners, schlägt aber abrupt ins Unheimliche um, wenn er die heimische Dimension verlässt.

Die Geschichte des verstorbenen Mr. Elvesham (32 S.): Edward George Eden ist ein junger Mann. Er studiert Medizin, obwohl er aus ärmlichen Verhältnissen stammt. Ein Stipendium und eine Erbschaft ermöglichen ihm dieses – er muss trotzdem sorgsam mit dem Geld umgehen. Eines Tages lädt ihn ein Fremder zum Lunch ein. Es ist, so stellt sich heraus, der bekannte Philosoph Elvesham, der zwar über ein Vermögen, aber keine Nachkommen verfügt. Da er sterbenskrank sei, suche er einen Erben. Dieser, so der Fremde mit einem gierigen Blick auf den jungen Eden weiter, müsse aber absolut gesund sein.

Der geneigte Leser wird schnell darauf kommen, dass diese Horrorgeschichte ein bekanntes Motiv verwendet: Den Körpertausch, wie er von Anne Rices Nachtmahr, Lynn Flewellings Das Licht in den Schatten oder Tim Powers Die Tore zu Anubis Reich verwendet wird. Aus zwei Gründen ist die Geschichte immer noch reizvoll: Erstens ist sie siebenunddreißig Jahre älter als H. P. Lovecrafts Das Ding auf der Schwelle (z. B. in Der kosmische Schrecken) und damit die älteste mir bekannte Geschichte mit diesem Motiv. Zweitens ist es eine situative Kurzgeschichte aus der Sicht des Betroffenen.

Das Kristall-Ei (22 S.): Mr. Cave führt einen kleinen, etwas schmuddeligen Antiquitätenladen in der Nähe von Seven Dials. In der Auslage befinden sich exzentrische Stücke: Elefantenzähne liegen neben einem menschlichen Schädel, einem ausgestopften Affen, der eine Lampe hält, und dergleichen mehr in der Auslage. Außerdem ist dort noch ein eiförmiger Kristall. Diesen möchten zwei Herren, ein großer, hagerer Priester und ein junger Schwarzbart mit dunkler Hautfarbe, kaufen. Zunächst nennt Mr. Cave einen ungewöhnlich hohen Preis und als die Fremden darauf eingehen, bringt er eine unglaubwürdige Ausrede hervor – ein guter Kunde habe ihn zurücklegen lassen und er sei daher unverkäuflich. Dieses bringt Mr. Cave einigen Streit mit seiner Familie ein und so schafft er den Kristall heimlich zu seinem Freund Dr. Wace. Der Kristall hat nämlich eine mystische Eigenschaft: Er zeigt Bilder einer fremden Welt.

Eine weitere eigensinnige Wundergeschichte, in der Wells die Erwartungen des Lesers z. T. gewitzt konterkariert. In mancherlei Belang erinnert sie an Weird-Geschichten von H. P. Lovecraft oder Clark Ashton Smith. Häufig wird sie in einem Zusammenhang mit Wells' Krieg der Welten gebracht.

Der Zauberladen (29 S.): Der Vater stößt bei einem Spaziergang mit seinem Sohn überraschend auf den Zauberladen. Das "Unsichtbare Ei", "Das schreiende Wickelkind, völlig menschlich" und das "Kauf mich und überrasche deine Freunde". Mit hinter kindlicher Schüchternheit verborgener Begeisterung lotst der Sohn den Vater in den Laden. Der Verkäufer beherrscht sein Handwerk gut: Er zaubert Glaskugeln aus Kopf, Mund und Ellenbogen hervor – entlockt damit dem Vater ein "Bravo!" – zieht Geschenkpapier aus einem leeren Hut und dergleichen mehr. Dem begeisterten Sohn soll das Magazin gezeigt werden, dass nur echte Zauber enthalte. Der Sohn verliert die Scheu und der Vater wird misstrauisch – oder ist es bloß Eifersucht?

Diese Geschichte beginnt als pikareske Vater-und-Sohn-Geschichte, auch wenn der Leser ahnt, dass noch etwas kommen wird. In der Tat werden die Tricks immer ausgefallener – dem Sohn erscheint alles wunderbar, dem Vater wird es immer unheimlicher; für den Leser eine wunderbar ambivalente Geschichte voller Zauber.

 

Die Geschichten verwenden als Ausgangsschauplatz stets eine englische Stadt der Jahrhundertwende von 19. zum 20. Jh., wenn genauer darauf eingegangen wird London. Nur in Plattners Geschichte wird dieser Schauplatz verlassen. Solange der Schauplatz nicht Teil des Wunders ist – wie etwa der Garten in Die Tür in der Mauer usw. – dann wird er nur sehr knapp beschrieben. Die Settings sind damit eher Ambientes, auch wenn die ebenso knapp skizzierten Figuren sehr gut zum jeweiligen Schauplatz passen. Es ist immer wieder überraschend mit wie wenigen Sätzen Wells plausible Figuren entwerfen kann.

 

Alle Geschichten verwenden ein echtes Wunder – nichts 'bloß' Unwahrscheinliches, sondern etwas, was es in Realitas nicht geben kann, ausgenommen der Garten in Die Tür in der Mauer; hierbei könnte es sich um eine Phantasie handeln. Die Wunder der drei mittleren Texte weisen auf die Weird-Fiction: Es findet ein krasser Bruch mit der Realität statt, der unheimlich wirkt. Bei diesem Bruch bleibt unklar, ob er sich irgendwie wissenschaftlich erklären lässt, ob es echte Magie ist, oder etwas, das sich mit keinem der beiden Ansätze adäquat verstehen lässt. Insgesamt beginnen die Geschichten häufig Humorvoll oder Fröhlich um dann im Verlaufe der Handlung ins Unheimliche oder Melancholische umzuschlagen. Doch die Wunder sind gar nicht mal immer das Zentrale. Häufiger geht es um die Haltung moderner Menschen zum Wunder: Lionel Wallace hält seine Karriere, letztlich sogar höfliches Gebaren für wichtiger, Mr. Cave mag es mit niemanden Teilen und dem Vater ist wahre Magie unheimlich – er wünscht nicht, dass sein Sohn so etwas sieht, auch wenn der Junge offenkundig Glücklich ist.

Der Plot fließt dabei eher betulich dahin, vor allem am Anfang wird die Situation umständlich und ausführlich dargelegt, was dem Werk nicht immer zum Nachteil gereicht. Die Sätze sind eher gradlinig, was zum bisweilen aufblitzenden Sarkasmus passt, wie auch die Tendenz des Handlungsaufbaus zu desillusionieren.

 

Fazit:

Die englischen Städte enthalten immer noch viele Wunder – allein hat der moderne Mensch keine Zeit mehr für sie, mag ihre Erfahrung nicht teilen oder fürchtet sie gar. Mit den Geschichten von H. G. Wells erinnert J. L. Borges völlig zu recht an Klassiker voller Wunder, die den Leser oftmals immer noch zum Staunen bringen können, und Menschen, die diese nicht mehr schätzen können. Am Ende sind Parabeln darunter, die heute uneingeschränkt wirken: Wenn Du, lieber Leser, auf die grüne Tür stießest, würdest Du sie öffnen – oder vorübergehen, weil dein Alltag zu wichtige Termine für dich bereit hält?

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Titel: Die Tür in der Mauer

Reihe: Die Bibliothek von Babel Bd. 29

Original: Ohne Angabe

Autor: Herbert George Wells

Übersetzer: Reinhild Böhnke u. a.

Verlag: Edition Büchergilde (April 2008)

Seiten: 156-Gebunden

Titelbild: Bernhard Jäger

ISBN-13: 978-3-940111-29-6

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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zuletzt aktualisiert: 19.07.2019 09:39 | Users Online
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