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Die Vereinigung jiddischer Polizisten von Michael Chabon

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Der Polizist Meyer Landsman ist am Ende – seit er vor zwei Jahren seine Frau Bina verlassen hatte, hat er eine enge Beziehung zum Alkohol entwickelt. Er ist schließlich in der heruntergekommenen Absteige Hotel Zamenhof gelandet. Zwei Monate vor der Reversion, bei der geprüft werden soll, wie die USA mit dem semiautonomen jüdischen Distrikt Sitka weiterverfahren wollen, wird ein Jid im Stockwerk unter Landsmans Zimmer tot aufgefunden – jemand hatte ihm in den Hinterkopf geschossen. Wer mag den Junkie hingerichtet haben? Und hat das aufgefundene Schachspiel etwas damit zu tun? Schnell stellt sich heraus, dass der tote Jid sich unter einem falschen Namen im Hotel eingemietet hatte und wohl ein Schwarzhut, also ein strenggläubiger Jude, gewesen war. Krass überrascht stellt Landsman fest, dass sein neuer Vorgesetzter Bina Gelbfish heißt und ihre erste Amtshandlung ist es, den Fall des toten Schachspielers offiziell als ungelöst abzuschließen – die Regierung hat beschlossen, dass bei der Reversion keine Fälle mehr offen sein sollen, neue Fälle werden also als ungelöst ad acta gelegt. Das wurmt Landsman. Er beschließt, trotzdem am Fall dranzubleiben.

 

Landsman versieht seinen Dienst in Sitka, einem Distrikt in Alaska, der weltweit zum Anlaufpunkt für alle Juden wurde, nachdem 1948 das Experiment "Israel" scheiterte. Seither wird der semiautonome Distrikt von der US-amerikanischen Regierung nur geduldet. Die Jids von Sitka liegen seitdem noch mit den Tlingit-Indianern im Dauerstreit, auf deren Stammesgebiet sich Sitka befindet – Gewalt ist selten, aber die Beziehungen sind sehr frostig. Doch in zwei Monaten kann alles anders werden, denn dann steht die Reversion an – seltsame Zeiten für Juden. Neben dem Scheitern Israels und der Einrichtung Sitkas gibt es noch ein paar weitere Abweichungen vom realen Geschichtsverlauf – so kassierte Berlin statt Hiroshima die Bombe – doch diese sind für Landsmans Ermittlungen nicht weiter von Belang.

Bei der Beschreibung dieses Setting geht Chabon gerne und ausführlich ins Detail. So gelingt es ihm, dem Leser einen Eindruck der Vielfalt jüdischen Lebens zu vermitteln, ohne dabei jemals Anspruch auf historische Akkuratheit zu erheben. Setting und Figuren sind derart eng miteinander verwoben, dass der Roman wunderbar als Beispiel für die Funktionsweise des Settingtypus "Milieu" herhalten kann.

Offenkundiges phantastisches Element ist das Alternativwelt-Setting, doch es gibt noch ein weiteres Motiv zu beachten – religiöse Wunder. Eine der Figuren ist nach verschiedenen Zeugenaussagen dazu in der Lage Wunder zu wirken – andere sind der Ansicht, es sei nur ein unglaublich stark ausgeprägtes Charisma. Eine endgültige Klärung gibt es nicht, damit ist es (in dieser Hinsicht) wiederum ein Fall von todorovscher Phantastik.

 

Die Figuren gehören sicherlich zu den Glanzstücken des Romans. Einerseits gelingt es Chabon mit wenigen Worten erinnerungswürdige, kraftvolle Figuren zu zeichnen, andererseits gibt es bei allen wichtigen Figuren einen Punkt, an dem der Leser seine Meinung über die Figur mehr oder minder revidieren muss – ohne dass der Dreh unplausibel wirkt. Wenig überraschend ist die Zahl der wichtigen Figuren eher niedrig, was dem Leser aber vermutlich erst in der Rückschau auffallen wird, denn die Randfiguren füllen die Lücken wieder aus. Bleibt zu vermerken, dass die insgesamt zum Exzentrischen neigenden Figuren durchaus rund wirken.

Die Hauptfigur ist Meyer Landsman. Er ist ein berühmt-berüchtigter Nos (Nase, also Cop) – ihm ist es als Einzigem gelungen, das Schweigen der Schwarzhüte zu brechen bzw. zu umgehen und einen Verbover ins Gefängnis zu bringen. Doch das ist lange her. Seit er seine Exfrau Bina (jetzt wieder) Gelbfish zur Abtreibung drängte, weil das Kind möglicherweise behindert wäre, geht es bergab mit ihm – er trennte sich von Bina und fing das Trinken an. Einst war er ein geachteter, aber unbequemer Nos, der respektlos gegen alle Normen verstoßen konnte. Er hatte sich einige Freunde und zahlreiche Feinde gemacht. Alkohol und Respektlosigkeit haben zwar die Zahl seiner Feinde anwachsen lassen, aber nicht die seiner Freunde; im Gegenteil, der Geduldfaden seiner verbliebenen Freunde ist dünn geworden – und das in diesen für Juden seltsamen Zeiten.

Ebenfalls wichtig sind Landsmans Cousin Berko Shemets und Bina Gelbfish. Berkos Vater und Landsmans Onkel ist der FBI-Mann in Sitka gewesen, bis ein Journalist allerlei illegale Machenschaften aufdeckte, die der alte Shemets unternahm, um für Sitka eine dauerhafte Autonomie zu erreichen. Berkos Mutter war eine Tlingit. Das Ergebnis ist ein gewaltiger Jude mit einem Mongolengesicht. Er ist der vernünftige Partner im Landsman-Shemets-Team. Zusätzlich hat er Frau und Kinder, die ihn zur Zurückhaltung aufrufen, doch aus seinen eigenen Gründen ist er seinem älteren Cousin gegenüber loyal. Landsmans Beziehung zu Bina war von jeher gespannt und nach der Trennung wurde sie auch nicht besser. Auf dem ersten Blick wirkt Bina komisch – mit ihrem kaum gebändigtem, rotem Haarschopf und der riesigen Handtasche, in der sich neben Taschenlampen auch mumifizierte Bananen befinden. Doch der Eindruck täuscht; tatsächlich ist sie einer der härtesten Nos, die Sitka zu bieten hat. Und sie will Karriere machen, auch nach der Reversion. Ist sie bereit, den Preis dafür zu zahlen?

 

Beim Plot gibt es keinen Anlass zum Zaudern: Zwar entwickeln sich die wichtigsten Figuren, doch unzweifelhaft ist Die Vereinigung jiddischer Polizisten ein Polit-Thriller. Es beginnt mit dem hingerichteten Junkie, der sich als "Emanuel Lasker" eintrug. Der echte Lasker war ein genialer Schachspieler und ist seit Jahrzehnten tot. Landsman kommt schnell dahinter, dass man 'Lasker' als 'Frank' in Schachspielerkreisen kennt – aber aus Angst nicht über ihn sprechen will. Bald hat Landsman Verdächtige gefunden, doch irgendwann dämmert ihn, dass die auch nur Juniorpartner sein können. Daraus erwachsen zwei wichtige Spannungsquellen: Zunächst stellen sich die Fragen, wer 'Lasker' ermordete und warum. Dann gibt es zahlreiche direkte Bedrohungen Landsmans, die im sozialen Bereich anfangen – Suspendierung droht – aber schnell physisch werden. Ab einem gewissen Grad steht fest, dass Landsmans Gegenspieler den Ermittler auf die eine oder andere Weise zum Schweigen bringen müssen. Hinzu kommen noch die indirekte Bedrohung durch die Reversion, die Bizarrheiten der seltsamen Zeiten und der Humor, der aus Landsmans Ironie und den vielen grotesken Momenten erwächst.

Dazu kommt auch die Komplexität der Geschichte, denn Politik, Glaube, Geschäfte und Gefühle werden zu einem dicht geknüpften Netz verwoben. Das ist auf der einen Seite hochinteressant, auf der anderen Seite – im Rückblick – aber nicht 'natürlich' genug verknüpft, denn es gibt meines Erachtens zu viele Zufälle und wirkt so zuweilen gekünstelt.

Die Zufälle können auch als strukturelle Anspielung auf den hardboiled-Krimi gelesen werden, auf den schon die Figur des Landsman abzielt. Es gibt darüber hinaus Anspielungen – Mendel Schpilmans Zugzwang stammt von Vladimir Nabokov. Wichtiger sind natürlich die Anspielung auf die reale Politik – auch wenn niemals Ross und Reiter genannt werden, ist klar, dass es im Wesentlichen um die ultrakonservative Rechte der USA und um gewisse Kreise der israelischen Politik geht. Dennoch ist der Roman nicht als Allegorie zu lesen – die Tlingit stehen nicht für die Palästinenser.

Der Plotfluss ist aufgrund des zum Situativen neigenden Beschreibungen, der Komplexität und einiger weitausholender Einschübe eher gemäßigt, nimmt aber im Laufe der Erzählung etwas an Geschwindigkeit zu.

 

Die Erzähltechnik beinhaltet die offensichtlichste Stärke des Romans, doch zunächst zum konventionellen Handlungsaufbau. Es gibt einen Erzählstrang, der aus einer Mischung von personaler (Landsman) und auktorialer Perspektive erzählt wird. Da die Ermittlungen sich nur über wenige Tage hinziehen, ist der Aufbau dramatisch, obwohl es einige episodisch wirkende Einschübe gibt. Wie bei Thrillern üblich ist das Verhältnis von progressiven zu regressiven Momenten etwa ausgeglichen.

Der Stil ist lakonisch und recht salopp – das Außergewöhnliche daran ist die Wortwahl, die sich sehr ans Jiddische anlehnt: Ob Schammes (Kriminaler) oder Schlosser (Auftragsmörder), ob Latke (Streifenpolizist) oder Schtarker (Mafioso), alle lieben ihre Scholem (eigentlich Frieden, aber in Anlehnung an den Colt Peacemaker: Pistole). Ein fünfseitiges Glossar hängt dem Roman an und der Leser wird es brauchen – anfangs häufiger, doch wenn ihm erstmal klar ist, was der Kibitzer mit dem Shoyfer will, werden die Blicke in die letzten Seiten seltener. Die Sätze sind mittellang, gradlinig und adjektivarm – es ist kein Zufall, dass sie wiederum an den hardboiled-Krimi erinnern.

 

Fazit:

Der heruntergekommene Polizist Landsman stolpert über einen toten Junkie. Die Spur führt zu den Mächtigen, die nicht nur Landsmans Karriere schnell beenden können – wie sehr kann sich der störrische Ermittler auf die arg strapazierten Freundschaften verlassen, zwei Monate vor der Reversion? Mit Die Vereinigung der jiddischen Polizisten hat Michael Chabon einen sehr komplexen Polit-Thriller geschrieben, der ebenso sehr Alternativwelt-Geschichte wie Krimi ist. Die Stärken des Romans sind vielfältig – neben dem spannenden Plot, den erinnerungswürdigen Figuren und einer wunderbar durchgeformten Sprache gibt es einige anregende Bezüge auf jüdische Realität.

 

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Roman:

Titel: Die Vereinigung jiddischer Polizisten

Reihe: -

Original: The Yiddish Policeman's Union (2007)

Autor: Michael Chabon

Übersetzer: Andrea Fischer

Verlag: dtv (August 2009)

Seiten: 496 - Broschiert

Titelbild: gettyimages/Stockbyte

ISBN-13: 978-3-423-13793-5

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 19.10.2009, zuletzt aktualisiert: 04.02.2019 15:57