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Die Weiden von Algernon Blackwood

Eine phantastische Geschichte und ein Reisebericht

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Die Weiden enthält zwei Werke von Algernon Blackwood: die Titel gebende phantastische Erzählung Die Weiden (83 S.) aus dem Jahre 1907 und den Reisebericht Eine Kanufahrt auf der Donau (53 S.) von 1901; außerdem findet sich dort noch ein Nachwort (6 S.) von Melanie Walz.

 

Die Weiden erzählt von zwei Männern, einem Engländer und einem Schweden, die mit einem kanadischen Kanu die Donau hinabfahren. Die Beiden sind zwar ein eingespieltes Team und haben schon öfters solche Reisen gemacht, doch bei Hochwasser ist die Donau nicht nur wunderschön, sondern auch gefährlich. Dieses gilt besonders für die einsame Wildnis zwischen Wien und Budapest: Leicht kann das kleine Boot in den Stromschnellen voll Wasser laufen, sich an einer Geröll-Untiefe den Kiel aufschlitzen oder sich in einem Moment der Unachtsamkeit in einem der vielen kleinen Nebenarme verirren. Aber es gibt in dem grünen Weidenmeer auch Schlimmeres. In Pressburg hatte man sie noch vor der kleinen Insel gewarnt – niemals zuvor habe ein Mensch sie betreten und sie sei vormenschlichen Mächten heilig. Die beiden Reisenden sind allerdings froh dem anstrengenden Strom zu entkommen und schlagen über die abergläubischen Hinterwäldler spottend ihr Nachtlager auf der Weideninsel auf. Dem sensibleren Engländer kommen in der Dämmerung jedoch Zweifel: Lachen die Weiden grausam und rücken sie an das Zelt heran – oder ist das nur seine überspannte Phantasie?

 

Die Geschichte spielt im Österreich-Ungarn des beginnenden 20. Jh. auf der Donau bzw. jener eigentümlichen Insel. Sie ist klein und die Wurzeln der Weiden halten den Sandboden kaum zusammen – das Hochwasser reißt große Stücke mit sich. Irgendetwas an der Insel ist unheimlich. Sind es die Geschichten der abergläubischen Leute, das Heulen des Windes und die seltsamen Geräusche der krummen und knorrigen Weiden? Ein sehr ungewöhnlicher Schauplatz für eine Haunted-House-Geschichte.

Zunächst ist die Beschreibung des Schauplatzes recht ausführlich, doch im Laufe der Geschichte wird sie deutlich knapper; da das Setting zur atmosphärischen Untermalung genutzt wird – und das Unheimliche dieser Gruselgeschichte vom Ort ausgeht – wird es allerdings niemals Nebensächlich.

Das phantastische Element ist kaum greifbar; Edmund Wilson nannte es in seiner berüchtigten Rezension Oo, those awful Orcs zu J. R. R. Tolkiens Herrn der Ringe Phantome, die ihn enttäuschten. Phantome sind es sicherlich und, dass sie enttäuschen können, ist verständlich – allein sie müssen es nicht: Wenn der Leser seine Phantasie benutzt, dann werden sie wirksam. Das ist übrigens das zentrale Motiv der Geschichte – und damit ist diese Parallele wohl kaum unbeabsichtigt.

 

Figuren gibt es nur zwei. Beide bleiben namen- und gleichsam gesichtslos: Sie werden nur rudimentär charakterisiert. Der Engländer ist etwas feinfühliger und dem Übernatürlichen gegenüber aufgeschlossener als der Schwede. Außer, dass die beiden schon häufiger gemeinsam solche Reisen unternahmen, erfährt man nichts über sie. Dennoch ist die Psychologie der Figuren fein beobachtet und entwickelt sich beständig.

 

Der Plot ist simpel: Zwei Männer fahren die Donau hinunter und die Warnung in den Wind schlagend errichten sie ihr Nachtlager an einem unheimlichen Ort. Wie für Haunted-House-Geschichten üblich gilt es jenem üblen Einflussbereich zu entkommen.

Entsprechend ist die übernatürliche Bedrohung eine zentrale Spannungsquelle; die Entwicklung der Figuren und streckenweise poetische Sprache des Autors sind in diesem Zusammenhang ebenfalls zu erwähnen.

H. P. Lovecraft lobt Algernon Blackwood in seinem Werk Supernatural Horror in Literature (dt. Die Literatur der Angst. Zur Geschichte der Phantastik): "Die Einzigartigkeit des Könnens Mr. Blackwoods steht außer Zweifel." Es wundert da kaum, dass Lovecraft selbst gewisse Stilelemente zu übernehmen versuchte – darüber hinaus ließ er sich aber auch von der Art des Übernatürlichen inspirieren.

Der Plot fließt zunächst eher langsam, wird aber zunehmend schneller; ein rasanter Page-Turner wird es aber nie.

 

Abgesehen von der poetischen Sprache ist die Geschichte erzähltechnisch unauffällig. Vom englischen Ich-Erzähler wird das Geschehen empathisch in einem sich entwickelnden Strang geschildert; trotz einiger erläuternder Rückblenden ist die Handlung progressiv aufgebaut.

Die Sätze sind lang und kompliziert – Schachtelungen sind keine Seltenheit. Die gewählten Worte treffen stets und obwohl es verhältnismäßig viele Adjektive gibt, ist der Text nicht mit ihnen überfrachtet.

 

Eine Kanufahrt auf der Donau ist der Bericht einer Reise, die Blackwood selbst zusammen mit einem Freund unternommen hatte. Er war von Donauschlingen mit einem kanadischen Kanu zum Schwarzen Meer gefahren. Der Bericht beschreibt in zwei Teilen die Fahrt von Donauschlingen bis nach Budapest.

Ein Reisebericht enthält gewissermaßen Elemente von Wundergeschichten und Abenteuergeschichten: Berichtet wird von exotischen Gebaren und bestaunenswerten Örtlichkeiten – dieses kann nun grotesk und komisch, abstoßend oder anziehend wirken – und von kleinen Aufregungen. Blackwoods Reise ist hiervon keine Ausnahme: Er erläutert seinen Landsleuten, was eine Devotionalienhandlung ist, amüsiert sich über die Unmöglichkeit von Ortsansässigen klare (und noch weniger korrekte) Angaben über die Donau zu bekommen und schildert Momente einmaliger Schönheit. Es ist für den modernen Leser schon spannend zu sehen, wie die Mönche der Klöster weltgewandter sind als ihre weltlichen Nachbarn. Das ist natürlich wesentlich weniger pointiert als bei einem Roman, aber dafür ist es authentisch.

Weiterhin verdeutlicht es die Authentizität der Weiden – schließlich ist nicht jeder Leser auf der Donau von Wien nach Budapest gefahren.

Schließlich sieht man deutlich, welche Momente der Reise Blackwood inspirierten die phantastische Erzählung zu verfassen.

 

Das Nachwort ist recht knapp; neben einer kurzen Biographie ordnet die Autorin Blackwood und sein Werk ein, dabei entfernt sie sich jedoch kaum von Lovecrafts Text – wer diesen kennt, erfährt nicht viel Neues.

 

Fazit:

Zwei Reisende schlagen ihr Nachtlager auf einer übelbeleumdeten Weideninsel der Donau zwischen Wien und Budapest auf – und erleben unfassbares Grauen. Die Gruselgeschichte ist nicht bloß für Leser interessant, die H. P. Lovecrafts Vorbilder kennen lernen wollen, sondern immer noch für sich lesenswert. Wer Phantastik, wie sie von J. L. Borges in der Bibliothek von Babel präsentiert wird, mag, der wird sicherlich auch diesen Text schätzen. Der Reisebericht stützt die Erzählung dabei ganz gut, aber das Nachwort ist etwas blass.

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Die Weiden

Eine phantastische Geschichte und ein Reisebericht

Autor: Algernon Blackwood

Heinrich & Hahn (März 2007)

Gebundene Ausgabe: 149 Seiten

ISBN-10: 3865970443

ISBN-13: 978-3865970442

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 14.09.2007, zuletzt aktualisiert: 31.05.2019 18:27