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Die Weihnachtsgeschichte hinter der Weihnachtsgeschichte

Artikel von Karin Reddemann

 

Es war einmal ein Schriftsteller, der ein Weihnachtsmärchen erzählte. Es handelt von einem Mann namens George Bailey aus Bedford Falls, der sich am Heiligabend in den Fluss stürzen will, weil er keinen Sinn mehr sieht. Wie der letzte, absolute Versager kommt er sich vor. Und in seinem ganzen Jammer und Kummer meint er, dass es den Menschen in seiner Stadt, die geliebte Ehefrau und die gemeinsamen Kinder eingeschlossen, ohne ihn viel besser gehen würde. Aber dann taucht ein seltsamer Fremder auf und öffnet ihm auf schon recht wundersame Art die Augen. Der geheimnisvolle Retter entpuppt sich als Engel, der sich seine Flügel noch verdienen muss, indem er Gutes tut. Im speziellen Fall einen Mann, der sich dummerweise umzubringen gedenkt, wieder seinen gescheiten Weg zurück in das Leben finden zu lassen. In ein so seliges, harmonisches, wunderbares Leben, dass man vor lauter Rührung herzhaft gähnen möchte. Aber schön ist es eben doch.

 

Nun erzählte der Schriftsteller, dessen Name Philipp Van Doren Stern lautete, sein Weihnachtsmärchen und hoffte auf ein Chapeau!, aber niemand hörte wirklich zu. Und niemand zog folglich den Hut vor ihm! Er schrieb The Greatest Gift im November 1939, bot seine Kurzgeschichte verschiedenen Verlagen an und musste zu seiner grenzenlosen Enttäuschung einsehen, dass wohl niemand Interesse an einer Veröffentlichung hatte. Beirren ließ er sich davon aber nicht, sprich, er zerriss und verfeuerte sie nicht gar oder schrieb sie gequält um, sondern verwahrte sie einfach ordentlich und wohl auch geduldig auf.

 

Als 1943 die Feiertage wieder vor der Tür standen, verschickte Philipp Van Doren Stern »The Greatest Gift« an 200 Freunde und gute Bekannte als seine persönliche Weihnachtspost. Wohl eine Herzensangelegenheit! Die sich dann aber tatsächlich als goldrichtige Idee herausstellte. Denn zufällig fiel dem Produzenten David Hempstead die Geschichte in die Hände. Und der war begeistert, sah im Geiste schon den smarten Hollywood-Gentleman Cary Grant als George Bailey niedergeschlagen auf der verschneiten Brücke über dem Fluss stehen und kaufte dem überglücklichen Verfasser die Filmrechte für 10.000 US-Dollar ab. Das war eine stolze Summe für die damalige Zeit, und Van Doren Stern durfte sich denn auch wahrhaftig über sein eigenes Weihnachtsmärchen freuen. Und darüber wundern, wie magisch das Leben manchmal so spielt.

 

Das alles freilich wiegt natürlich nicht auf, dass der Film, der auf seiner Geschichte basiert, It’s a wonderful Life getauft wurde und 1946 in die Kinos kam, heute noch weltweit ausgestrahlt wird, ohne, dass sich jemand an die besonderen Umstände, die ihn möglich gemacht haben, tatsächlich erinnern kann. Zumal man schon etwas Film-Knowhow und eben auch ein gewisses Alter erreicht haben muss, um überhaupt noch die ehemals großen Namen richtig zuzuordnen.

 

Regie führte Frank Capra, der zwei Jahre zuvor mit Arsen und Spitzenhäubchen einen Evergreen gelandet hatte. Den George Bailey spielte letztendlich James Stewart, weil Cary Grant terminlich ausgebucht war. Stewart dürfte auch jüngeren Filmfans vertraut sein, er übernahm in den 1950ern Hauptrollen in absoluten Hitchcock-Klassikern wie Das Fenster zum Hof, Der Mann, der zuviel wusste und Vertigo. Als Mary Hatch Bailey, Ehefrau von George, wurde die noch recht unbekannte junge Schauspielerin Donna Reed engagiert, die 1953 den Oscar erhielt als beste Nebendarstellerin in Verdammt in alle Ewigkeit.

 

Und Weihnachtswunder-Erzähler Philipp Van Doren Stern? Der war weiterhin erfolgreich auf seinem Spezialgebiet, dem Verfassen historischer Arbeiten, ganz speziell über den amerikanischen Bürgerkrieg. Als Herausgeber veröffentlichte er auch Werke von Edgar Allan Poe und Thomas De Quincey. Über ihn als Autor weiterer Fantasy-Kurzgeschichten ist freilich nichts zu finden. Die große weite Welt weiß aber eben von dieser einen, und das ist viel, vermutlich viel mehr als genug. Er selbst bekundete, auf seine Idee zu »The Greatest Gift« angesprochen, die Geschichte sei ihm im Traum eingefallen. Eine gescheite, da passend (be-)rührende Erklärung für ein Weihnachtsmärchen mit Halleluja-Ende.

 

In der deutsch synchronisierten Fassung lief »It’s a wonderful Life« unter dem Titel Ist das Leben nicht schön? am 16. Dezember 1961 erstmalig in der ARD. Und läuft und läuft, immer pünktlich zur Weihnachtszeit rund um den Globus. Ein absoluter Klassiker mit Magie und Moral.

 

Die Story sei hier nur skizziert, wer sie kennt, darf sentimental lächeln, die mit ihr Unvertrauten lächeln einfach milde mit. Denn nicht vergessen: Es ist Weihnachten! Zwar schwarz-weiß, aber wenn schon.

 

George Bailey, gepeinigt von Schulden, Zukunftssorgen und der Einbildung, er sei nutzlos für alles und jeden, wird von einem Engel in Gestalt eines liebenswürdig aussehenden, älteren Mannes davon abgehalten, seinem ihm so hoffnungslos erscheinenden Leben ein Ende zu setzen. Der Engel namens Clarence (Henry Travers) versetzt George an diesem Heiligabend in eine Welt, in der er nie geboren wurde. Was soll man sagen? Das friedliche, idyllische Städtchen Bedford Falls hat plötzlich Striplokale und Spielhöllen und wird regiert vom fiesen, profitgierigen Henry F. Potter, dem George sowieso einen Großteil seiner Misere zu verdanken hat.

 

George irrt durch seinen Heimatort, niemand erkennt ihn, aber alle sind von einem anderen, übleren Schicksal geprägt. Sein Bruder ist schon als Kind gestorben, weil kein George dagewesen ist, der ihn hätte retten können vor dem Ertrinken; seine Frau Mary ist eine hausbackene Jungfrau, weil es keinen George gegeben hat, in den sie sich hätte verlieben können. Die vier Kinder existieren logischerweise nicht. Und etliche Menschen in der Stadt, denen der gutherzige George geholfen hat, haben eben diese Hilfe nie erhalten und sind irgendwie irgendwo versackt.

 

George erkennt, dass sein Leben bis dato und seine weiteren Wege sehr wohl jede Menge Sinn hatten und haben und noch haben werden, und er wünscht sich das Ende oder überhaupt etwas anderes als das Tatsächliche partout nicht mehr. Das wird ihm erfüllt. Und nicht nur das: In seiner Abwesenheit haben all seine Freunde für ihn gesammelt, und George ist seine Schulden an Potter, – die eh’ keine ehrliche Grundlage haben –, endlich los. Land ist in jeder Beziehung in Sicht. Clarence, dem Engel, schenkt die himmlische Macht für seinen großartigen Einsatz die ersehnten Flügel, und alle singen gemeinsam glückselig unter dem Weihnachtsbaum.

 

Hark! the herald angels sing

»Glory to the newborn King

Peace on earth and mercy mild,

God and sinners reconciled!«

 

Großes Ende und ganz großer Seufzer.

 

Wer das jetzt nicht nachvollziehen kann, hat nie mit Oma Aenne und Opa Ebsche, Oma Mia und Opa Peter, mit den Geschwistern und den Eltern und irgendwann mit den eigenen Kindern und Enkelkindern, – jetzt wird’s richtig gruselig alt, egal –, »Ist das Leben nicht schön?« gesehen. Und geantwortet:

»Wie schön.«

»Ja. Schön.«

»Immer noch schön.«

 

So schön, dass man vor lauter Rührung herzhaft gähnen möchte. Aber das hatten wir schon. Noch was vergessen? Aber ja: Schöne Weihnachten!

 

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Die Unvergessenen: It’s a wonderful Life


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Erstellt: 22.12.2022, zuletzt aktualisiert: 22.12.2022 21:22