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Diebe der Nacht von Thilo Corzilius

Rezension von Matthias Hofmann

 

Jetzt mal Hand aufs Herz. Würden wir einem Trickbetrüger trauen? Einem Dieb? Einem Scharlatan? Natürlich nicht. Und genau das macht die handelnden Figuren um den jungen Dieb Glin Melisma zu Antihelden.

 

Offiziell haben sie sich den Namen »Die Herbstgänger« gegeben und sind als durch die Lande ziehende Theaterschauspielertruppe unterwegs. Das Fördern der kulturellen Unterhaltung gilt tagsüber und während einer Vorstellung. Aber eigentlich tun sie gerne betrügen, stehlen und tricksen. Unter normalen Umständen, und wäre Diebe der Nacht kein Fantasyroman, wären solche Typen nicht tolerierbar. Es sei denn, es würde sich um Menschen vom Schlage eines Robin Hood handeln, also solche, die den Reichen nehmen und den Armen geben. Dies ist bei den Herbstgängern nicht der Fall. Sie nehmen und bereichern sich selbst. Das ist ein Aspekt, den ein gerecht denkender Mensch ausblenden muss, wenn er die Figuren dieses Romans grundsätzlich sympathisch finden will.

 

Thilo Corzilius, der 1986 geborene Autor des Romans, »mochte Diebe, Hochstapler und Trickbetrüger in Geschichten schon immer«, wie er im Nachwort erklärt.

 

Der studierte Theologe mit einer Leidenschaft für Regenwetter ist kein Fantasynovize. Er hat vor Jahren schon zwei Romane bei Piper veröffentlicht (Ravinia, Epicordia). Für das Setting seines neusten Werks hat er die Lagunenstadt Mosmerano erfunden. Sie basiert auf dem alten Venedig und sorgt mit ihrem Inselcharakter und den vielen verschiedenen Stadtteilen, die alle nur durch Brücken verbunden sind, für eine ganz besondere, mitunter geheimnisvolle Atmosphäre.

 

Das gesamte World Building von »Diebe der Nacht« ist Corzilius sehr gut gelungen. Wir haben eine gut durchgemischte Reihe von unterschiedlichen Charakteren jeglichen Alters und Geschlechts, inklusive Homosexualität (wobei diese keine große Rolle spielt, sieht man einmal von einem Plot-Element ab, welches eine gescheiterte, einstmals gute, Liebesbeziehung ins Spiel bringt). Vor uns wird eine frühneuzeitliche Welt, ähnlich der Renaissance in Italien, ausgebreitet, die in sich stimmig ist und angereichert wurde mit etwas Magie in Person von Menschen, die leichte übernatürliche Tricks beherrschen, und einer Prise Steampunk, in Form von Artfakten aus einer früheren Zeit, geschaffen von einem Volk namens Skyldar. Diese sind größtenteils raffinierte, mechanische Gadgets, die aber kein echtes Eigenleben besitzen. Eine Ausnahme ist die mechanische Grille mit dem reizenden Namen »Schönheit«, die sich meist im Hintergrund aufhält bzw. auf Glins Schulter sitzt oder sich in der Kleidung versteckt. Ihre genaue Entstehung bleibt ungeklärt. Sie handelt nach eigenem Willen und greift in Extremsituationen auch ins Geschehen ein.

 

Die Haupthandlung erzählt von den Herbstgängern, die in Mosmerano den großen Coup planen, der sich um ein wertvolles Kunstgemälde dreht, welches es gar nicht gibt. Dazwischen funkt Aurinius von Veelyn, der ehemaliger Freund und Liebhaber von Glins Ziehvater, der als böser Antagonist fungiert.

 

In Zwischenkapiteln, jeweils als »Interludium« gekennzeichnet, wird in Rückblenden davon erzählt, wie die Gruppe von schauspielernden Dieben zusammengefunden hat.

 

Corzilius hat »Diebe der Nacht« nicht nur gut strukturiert, sondern auch stilistisch einwandfrei geschrieben. Auch wenn die einzelnen Charaktere mitunter recht klischeehaft geraten sind, agieren sie auch in unglaublichen Situationen glaubhaft. Die Wirkung des Romans wird abgerundet durch eine Landkarte der Welt der Herbstgänger (»Die Ruhende Welt«) sowie einem Stadtplan der Lagunenstadt Mosmerano. Dazu gibt es einen Anhang mit ausführlichen Informationen über die handelnden Personen, die Kultur und weiteres. Auch ein Inhaltsverzeichnis ist vorhanden, was heutzutage nicht selbstverständlich ist, aber zum positiven Gesamteindruck beiträgt.

 

»Diebe der Nacht« ist flott lesbare Unterhaltungslektüre, für Fantasyfans, die keine Drachen, Orks, Feen oder Zwerge brauchen, um in eine andere Welt abtauchen zu können. Es handelt sich nicht um den Start einer neuen Saga oder eines sonstigen Mehrteilers. Zumindest nicht zum Stand November 2020. Das hat in diesen Zeiten mit Endlosserien fast schon Seltenheitswert. Schauen wir mal, ob Thilo Corzilius der Versuchung widerstehen kann, und nicht doch noch ein weiteres Abenteuer von Glin & Co. nachschiebt.

 

Was soll’s: Wer sich so viel Mühe mit dem Erfinden einer Fantasywelt gegeben hat, wie Corzilius, dem sei das erlaubt.

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Eure Meinung:

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Buch:

Diebe der Nacht

Autor: Thilo Corzilius

Hardcover, 480 Seiten

Klett-Cotta Hobbit-Presse, 19. September 2020

Titelillustration: Federico Musetti

 

ISBN-10: 3608983309

ISBN-13: 978-3608983302

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B087N5G91B

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Weitere Infos:


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Erstellt: 12.11.2020, zuletzt aktualisiert: 18.01.2021 19:37