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Dieser feige Bastard

Reihe: Sin City Bd. 4

Rezension von Christian Endres

 

Die vielleicht verruchteste Stadt der Comicgeschichte lockt ihre zahlreichen Fans zum vierten Mal und lädt zum betörenden Tanz – diesmal unter anderem mit der nicht minder betörenden Stripperin Nancy und einem erschütternden Teil von deren Vergangenheit und ganz persönlicher Geschichte, aber auch mit dem knallharten Cop Hartigan und einmal mehr dem skrupellosen Roark-Clan, dessen finstere Seite wir schon im ersten Band der Reihe kennen gelernt haben und der die Stadt der Sünde auch im vierten Band wieder an allen Ecken und Enden manipuliert und in vielerlei Hinsicht mit Geld, Macht und Einfluss regiert ...

 

Der moralisch nur sich selbst und seinen Moralvorstellungen verpflichtete Cop Hartigan steht kurz vor der Pensionierung und blickt auf eine Karriere als unbestechlicher, stets mit seinem Gewissen im Reinen gewesener Polizist in einer sonst durch und durch korrupten Stadt zurück. Bevor er sich jedoch in den wohlverdienten Ruhestand verabschieden und sein krankes Herz fortan schonen kann, muss er sich noch einmal seinem Gewissen stellen und es in der Folge mit dem jüngsten Sprössling des einflussreichen Roark-Clans aufnehmen, der wiederum wenig auf sein eigenes Gewissen hört und nebenbei eine ganz besondere Vorliebe für die Schreie junger Mädchen hegt; Mädchen etwa wie die kleine Nancy, die sich derzeit in seinen Fängen befindet ...

 

Hartigan greift ungeachtet aller Konsequenzen für sich und seine ihm ohnehin etwas befremdende Zukunft ein – und schafft sich damit in Senator Roark einen Todfeind, der dem Polizisten jede erdenkliche Qual zu Teil werden lässt. So vergehen acht Jahre in Pein, Schande und Leid. Acht Jahre, in denen es für Hartigan stets nur einen einzigen Lichtblick gibt, während er in seiner Zelle unbeugsam vor sich hin brütet und alles erduldet: Nancy. Nancy, die er gerettet hat; Nancy, deren junges Leben er beschützt und gegen sein verblühendes eingetauscht hat; Nancy, die ihm jeden Donnerstag einen Brief schreibt.

 

Doch als Hartigan seine Nancy eines Tages in Gefahr wähnt, legt er ungeachtet seines Alters und der erlittenen Demütigungen hinter Gittern noch einmal alle Resignation ab und erhebt sich wie ein Phönix aus seiner sinnlosen Gefangenschaft, um sich erneut den Roarks entgegenzustellen und Nancy ein zweites Mal zu retten. Zumindest glaubt er das ...

 

Ich denke, die ersten drei Bände von Sin City haben hinlänglich bewiesen, dass Frank Miller ein begnadeter Erzähler ist, der einer klassisch anmutenden Krimigeschichte immer noch eine besondere Note herauskitzeln kann oder sie zumindest dermaßen gekonnt in Szene setzt, dass einem die bedienten Klischees nicht stören. Obendrein versteht Miller es natürlich auch noch hervorragend, seine Story in außergewöhnlichen Bildern festzuhalten, die den Betrachter einfach in den Bann ziehen und einen immens hohen (künstlerischen) Anspruch haben. Alleine seine Seitenaufteilung und der Umgang mit dem ihm zur Verfügung stehenden Raum ist spektakulär, und dass das gesamte Artwork von Sin City innovativ ist, muss ich hoffentlich nicht mehr eigens erwähnen, da es auch in Dieser feige Bastard nicht anders ist. Falls es dennoch nach wie vor den ein oder anderen Zweifler geben sollte: Man kann guten Gewissens behaupten, dass alleine schon das Artwork dieses Comics für sich genommen das Eintrittsgeld wert ist ...

 

Ein weiterer Bonus ist diesmal außerdem, dass die einzelnen Abenteuer aus Basin City mit jedem weiteren Band immer ein Stückchen mehr miteinander verwoben werden und man hie und da das ein oder andere bekannte Gesicht (oder T-Shirt ...) sieht oder einen nicht weniger bekannten Gesprächsfetzen aufschnappt. Das gibt der Serie Tiefe, verleiht ihr Glaubwürdigkeit und vermittelt beim Leser den Eindruck, einen weiteren, mehr oder weniger exklusiven Einblick in die Welt von Millers manchmal tragischen, manchmal aber auch witzigen oder, wie im Falle der beiden Ganoven Mr. Klump und Mr. Shlubb, äußerst eloquenten Protagonisten aus der Stadt der Sünde zu bekommen.

 

Wie immer besticht das schmucke Hardcover aus dem Hause Cross Cult durch eine sorgfältige Verarbeitung und ein tolles Design von Außen- und Innenteil, was von einer gelungen Typographie bis hin zur Sketch-Gallerie zum Thema Sin City gegen Ende des Bandes reicht. Eine kleine Besonderheit gibt es trotz aller erfreulicher Routine dann aber doch noch zu vermerken: Ab und dann werden Millers wundervolle s/w-Zeichnungen nämlich von einer gelben Sonderfarbe unterstützt – ein nettes Gimmick, dessen Ursprung wohl im etwas doppeldeutigen Titel des 1996 erschienen Originals zu suchen ist (That Yellow Bastard, wobei »yellow« im umgangssprachlichen Englischen ab und dann gerne sinngemäß für »feig(e)« verwendet wird), welcher sich natürlich nur sehr schwer ins Deutsche hätte übertragen lassen, dennoch sinnigerweise für die Aufmachung und Gestaltung übernommen worden ist, auch wenn der Titel zu Recht etwas abgewandelt wurde. Trotzdem: Nach dem kleinen Ausflug ins Englische weiß der yellow Farbton auf dem Umschlagmotiv und dem Buchrücken natürlich gleich doppelt zu gefallen, und auch das angestrebte Buchrückenmotiv der Reihe nimmt – passend zum Inhalt des vierten Bandes – langsam Form an. Bereits zum jetzigen Zeitpunkt machen die ersten vier der sieben Bände einiges her und sind ein echter Hingucker.

 

Fazit: Miller bleibt seiner extravaganten Linie treu und legt mit dem vierten Band der Sin-City-Reihe einmal mehr eine intensive und schonungslos erzählte Geschichte aus Basin City, der Stadt der Sünde, vor, die durch knallharte Szenen, tolle Atmosphäre und künstlerisch anspruchsvolles und innovatives Artwork besticht, obendrein aber auch eine sowohl gestalterisch, als auch technisch hervorragend gemachte Hülle spendiert bekommen hat.

 

Von der Story her reiht sich Dieser feige Bastard für mich knapp hinter Stadt ohne Gnade ein, bietet aber eine Steigerung zum Vorgänger, Das große Sterben, und dürfte ungefähr auf einer Stufe mit Eine Braut, für die man mordet stehen. Gerade wer mit Marv aus dem ersten Band sympathisierte und mit ihm gelitten hat, wird den alten Haudegen Hartigan sofort ins Herz schließen, wenngleich auch dieser – ebenso wie Marv – ganz millerlike kein Happy End abbekommen hat ...

 

Kurzum: Hier stimmt einfach alles: Story, Sprache, Artwork, Aufmachung – ein moderner Klassiker in würdiger Verpackung. Wer sich selbst einen Gefallen tun will, der benimmt sich auch bei Band vier nicht wie ein feiger Bastard und greift zu.

 

Eure Meinung:

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Comic:

Dieser feige Bastard

Reihe: Sin City Bd. 4

Autor: Frank Miller

Verlag: Cross Cult

Format: Hardcover

Sprache: Deutsch

ISBN-Code: 3936480141

Anzahl Seiten: 240

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 02.12.2005, zuletzt aktualisiert: 29.12.2017 14:03