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Dracula von Bram Stoker

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Der junge englische Anwalt Jonathan Harker reist im Auftrag seiner Kanzlei nach Transsylvanien. In der Nähe von Bistritz liegt das Schloss Dracula, dessen Herrn er bei der Übersiedlung nach England behilflich sein soll. Schon auf dem Weg dorthin ereignen sich Merkwürdigkeiten: Die Einwohner versuchen ihn von der Reise abzubringen, machen das Zeichen gegen den Bösen Blick gegen Jonathan und schenken ihm Kruzifixe oder dergleichen. Dann entpuppt sich der Kutscher des Grafen, der den Anwalt in der Nacht vom Borgopass abholt und zum Schloss bringt, als unheimlich kräftig; außerdem scheint er Macht über wilde Wölfe zu haben. Gastgeber Dracula ist noch seltsamer: Er scheint nie zu essen, ist nur des Nächtens zu sprechen und nötigt den Engländer seinen Aufenthalt zu verlängern – er sei ein stolzer Mann, der nicht wegen seines schlechten Englisch auffallen wolle; Jonathan möge es ihm beibringen. Als der Graf dann vordatierte Briefe verlangt, schwant Jonathan Übles. Doch als er das Schloss durchstöbert, werden noch seine schlimmsten Ahnungen übertroffen: Im Schloss hausen grausame Vampire und der Graf ist deren Anführer.

 

Zu den Stärken des Romans gehört das Wechseln der Schauplätze: Jonathan Harker reist zu Draculas Schloss, der lässt sich via Varna mit der Demeter nach Whitby fahren, was in der Nähe Hillinghams, dem Anwesen der Westenraas, liegt. Von dort ist es nur ein Katzensprung ins London des ausgehenden 19. Jh., wo Dr. Seward, ein Freund von Lucy Westenraa, sein Asyl für Irre führt und Draculas neues Heim, die alte Carfax Abtei zu finden ist. Schließlich geht es wieder via Varna und Galatz mit den verschiedensten Verkehrsmitteln zum Schloss in Transsylvanien.

Für diesen Kreislauf, aus dem unzivilisierten Osten in den zivilisierten Westen und zurück in den unzivilisierten Osten, hat Stoker zahlreiche Reiseberichte studiert um so seine faszinierende 'Authentizität' zu erzeugen – es selbst hat wie Karl May seine exotischen Schauplätze nie bereist und sich auch manche künstlerische Freiheit genommen: Wer der Wegbeschreibung des Romans folgt, wird sich schwer tun den Borgopass zu finden.

Dracula wird üblicherweise als letzte gothic novel begriffen – dabei finden sich einige Unterschiede zum entsprechenden Typos. So sind sich die Schauplätze – düstere Schlösser in finsteren, abgelegenen Gegenden – zwar sehr ähnlich, doch die Verwendung ist klar different: Wo es vorher symbolische Kulissen waren, wurden sie nun zu einem traditionsbedingten Ambiente. Generell sind die Beschreibungen des Settings nicht zu detailliert und eher oberflächlich, was möglicherweise durch Stokers Tätigkeit am Theater befördert wurde.

 

Häufig kritisiert werden dagegen die Figuren: Sie sind zu flach und undifferenziert – sie unterscheiden sich in erster Linie durch ihren Namen und ihren Beruf, Unterschiede im Charakter muss man mit der Lupe suchen. Ungewöhnlich groß ist die Zahl der Protagonisten, klein dagegen die der Nebenfiguren und Antagonisten. Bei den Protagonisten – den Vampirjägern – gibt es drei Gruppen: die Harkers, Van Helsing, und die drei Freunde. Jonathan Harker ist ein englischer Aufsteiger; er hatte sich durch harte Arbeit vom Anwaltsgehilfen zum Kompagnon der Kanzlei heraufgearbeitet. Mina, Jonathans Verlobte, ist eine Lehrerin, die autodidaktisch Stenographieren lernt. Fleiß, Pflichtbewusstsein und die bedingungslose Liebe zueinander zeichnet die beiden aus. Die treibende Kraft der Vampirjäger ist das holländische Allround-Genie Abraham Van Helsing: Unnachgiebig setzt der dominante Mediziner, Jurist und Philosoph sich für seine Ziele ein und geißelt ein Nachlassen der Anderen mit strengen Worten. Sein Freund Dr. John Seward hat zwar eine eigene Perspektive, aber kaum eigenen Charakter: Er ist Arzt und englischer Gentleman. Ähnlich ist Arthur Holmwood, der spätere Lord Godalming: Er ist Gentleman und englischer Adliger. Von seinen beiden Freunden hebt sich der Texaner Quincey P. Morris nur wenig ab: Der self-made man ist lakonisch und vertraut mehr als Andere auf seinen Instinkt (i. e. ordnet sich bedingungslos Van Helsing unter), doch auch er unterscheidet sich kaum von einem englischen Gentleman. Die Charaktergleichheit aller Protagonisten wird daran deutlich, dass es keine Meinungsverschiedenheiten gibt, wenn die Figuren den gleichen Informationsstand haben.

Die drei Freunde werben um eine der Nebenfiguren: Lucy Westenraa. Die junge Frau ist hübsch, ein wenig eitel und naiv. Außerdem ist sie mit Mina befreundet. Eine weitere Nebenfigur ist ein Patient von Dr. Seward: R. M. Renfield ist ein Irrer, der unter massiven Stimmungsschwankungen leidet; inwiefern seine Zoophagie als psychotisch zu verstehen ist, bleibt unklar.

Der Antagonist ist natürlich Dracula, der einst als Woiwode gegen die Türken kämpfte. Er soll ein hervorragender Mensch – Krieger, Diplomat und Alchemist – gewesen sein. Stärker und klüger als alle Männer verfügt der Vampir über große Macht. Er setzt sie allerdings nur zögerlich und häufig ungeschickt ein. Eine individuelle Motivation verleiht Stoker ihm nicht: Er ist ein Unhold, ein Vampir, die tun so was, und damit gut.

 

Der Plot bricht ebenfalls mit der gothic novel. Zu Beginn scheint es eine ganz typische Schauergeschichte zu sein: Den Protagonisten, zivilisiert und gebildet, zwingt es (Geschäfte!) in eine entlegene, unzivilisierte Gegend. Dort wird er mit einigen schaurigen Details konfrontiert, er erkundet in typischer Abenteurermanier sein Gefängnis, wobei sein Leben und Seelenheil in Gefahr geraten. In dieser Episode kommen wahrhaft unheimliche Momente zur Wirkung. Die nächste Episode ist schon deutlich anders: Der Invasor Dracula bedroht nun Leben und Seelenheil der Lucy Westenraa. Vieles erinnert hier an die klassische Schauergeschichte, doch mit dem Auftreten des Genies Van Helsing wird die Dominanz des unheimlichen Irrealen durch den Einzug von logischer Deduktion und wissenschaftlicher Analyse unterwandert. In der dritten Episode wendet sich das Blatt vollends: Mit pedantischer Präzision werden Zeugen befragt und mit kriminalistischen Spürsinn Spuren verfolgt und schließlich scharfsinnig kombiniert um den Verbrecher Dracula auf die Schliche zu kommen – diese Episode erinnert in vielen Teilen an einen Krimi. Die vierte Episode endet dann folgerichtig mit einen Jagdplot: Die Vampirjäger treiben den Verbrecher in die Enge und zum Showdown.

Entsprechend sind die direkte Bedrohung der Figuren und die Konkurrenz zwischen Van Helsing und Dracula, Jäger und Beute, die zentralen Spannungsquellen; jenseits der ersten Episode gibt es kaum mehr unheimliche Momente. Aber diese Spannungsquellen gehen nicht immer auf, denn grade bei den Deduktionen irrt Stoker bisweilen. Ein frühes Beispiel sei genannt: Dracula zwingt Harker dazu vordatierte Briefe zu schreiben. Haker schließt daraus, dass er nur bis zum Datum des letzten Briefs zu leben habe. Eine solche Vorgehensweise ist aber unsinnig: Wozu die Briefe vordatieren, wenn der Schreiber sowieso bis zum letzten Datum zur Verfügung steht? Darüber hinaus gibt es ein paar Inkonsistenzen (Wann kann sich Dracula verwandeln – zum Auf- und Untergang sowie Zenit der Sonne oder bei Nacht? Und wann ist ein Sarg ein Sarg?) und auch der Plotfluss könnte vor allem in der zweiten Episode schneller fließen: Einige Digresse und Wiederholungen halten ihn deutlich auf.

 

Der erzähltechnische Bruch mit der gothic novel ist der radikalste und zugleich am meisten gelobte: Stoker macht sich als Erzähler 'unsichtbar'. Er verbirgt sich hinter einer Aneinanderreihung von Tagebuchabschnitten (von Jonathan, Mina und Lucy), Briefen, Telegrammen, Zeitungsartikeln und sogar Abschriften von Sewards auf einem Fonografen gesprochenem Tagebuch. Mit dieser Mischung aus objektiver und personaler Erzählperspektive hatte Stoker Neuland betreten – und wie üblich, wenn man Neuland betritt, erkundete er nicht die riskanten, sondern die sicheren Flecken. In vielerlei Hinsicht entfernt er sich nicht allzu sehr vom Althergebrachten. Leider, wie man aus heutiger Perspektive sagen muss: Die Möglichkeit der Unzuverlässigkeit (z. B. bei widersprüchlichen Schilderungen) der Erzähler wird nur angerissen und auch der Klang der verschiedenen Tagebuchstimmen ist zu ähnlich: Nur in vereinzelten Momenten ist Jonathan nüchtern, Mina freundlich oder Lucy naiv – der Hang zum Objektiven überwiegt, auch wenn es immer wieder besonders bei Seward zu Ausbrüchen voller Pathos kommt. Die Sätze neigen zudem stets zur Schachtelung, auch wenn es nie übermäßig komplex oder gar kompliziert wird.

Die Übersetzung wurde von Stasi Kull besorgt. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich der Österreicher H. C. Artmann, der einigen Erfolg mit verschiedensten Werken der Literatur hat – Freunde von Vampirgeschichten seien hier auf seinen parodistischen Roman Dracula, Dracula. Ein transsylvanisches abenteuer [sic!] hingewiesen. Die Übersetzung gilt als eine der vollständigsten, nimmt sich aber auch einige Freiheiten heraus, da eher der Inhalt als die Form vermittelt werden soll. Das führt zu einigen Eigentümlichkeiten, deren Sinn sich mir nicht immer erschließt: So wird aus der englischen Mrs. Westenra die deutsche Frau Westenraa, also mit doppelt "a". Ob dieses nun den Geist des Romans besser erfasst oder nur davon ablenkt, mag der geneigte Leser für sich selbst entscheiden.

 

Die Bedeutung des Romans für Literatur und Film, ja verschiedenste Aspekte der Kultur, kann kaum übertrieben werden. Seit der Erstveröffentlichung ist der Roman nie ausverkauft gewesen, er ist in nahezu alle Sprachen übersetzt und unzählige Male verfilmt worden, der Stoff wurde vielfach von anderen Autoren aufgegriffen – hier sei an Fred Saberhagens Die Geständnisse des Grafen Dracula, Kim Newmans Anno Dracula oder Carlos Fuentes Vlad erinnert. Indirekt ist der Einfluss noch viel größer: Vampire treten in der Werbung stets als Ableger von Christopher Lees Dracula-Interpretation auf und das Wort Transsylvanien ist fester mit Vampiren als mit dem realen Landstrich verknüpft.

Was zu dieser Beliebtheit und Wirkungsmacht führte ist heiß diskutiert worden: Seine positive Haltung zur modernen Frau, seine Bestätigung des Patriarchats, seine deutungsoffene Haltung gegenüber den gender-Aspekten, seine Sicht auf den Orient, seine Gegenüberstellung von Aberglauben und Wissenschaft, Zivilisation und Wildheit usw. usf.; einzig seine die handwerkliche Qualität war es offensichtlich nicht, denn obschon der Roman nicht uninteressant ist, ist er keineswegs ein Meisterwerk. Ken Gelder stellt in Reading the Vampire fest, dass der Vampir seine besondere Faszination aus dem Irrationalen zieht und daher nur schwerlich mit rationalen Mitteln zu verstehen ist. Ich möchte dem hinzufügen, dass es Stoker gelang diese Faszination in seinen Roman zu fokussieren.

 

Fazit:

Der junge englische Anwalt Jonathan Harker verhilft dem grausamen Vampir Dracula wider Willen zur Übersiedelung nach London, wo es einer Gruppe von beherzten Vampirjägern bedarf um den Untaten des adligen Blutsaugers ein Ende zu bereiten. Bram Stoker hat mit seinem Horror-Roman, der auf der Schwelle zwischen gothic novel und modernem Horror steht, nicht nur den Vampirroman verfasst, sondern auch einen Meilenstein der Literaturgeschichte und sogar der Pop-Kultur und darüber hinaus gelegt. Wer Dracula nicht kennt, kann nicht mitreden.

 

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Eure Meinung:

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Buch:

Dracula

Original: Dracula, 1897

Autor: Bram Stoker

Übersetzer: Stasi Kull

dtv, September 2008

Taschenbuch, 549 Seiten

Titelbild: Dieter Wiesmüller

 

ISBN-13: 978-3-423-62362-9

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 15.01.2009, zuletzt aktualisiert: 12.04.2019 16:18