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Dubliner von James Joyce

Rezension von Ralf Steinberg

 

Rezension:

15 Geschichten vereint Dubliner. Wie Übersetzer Harald Raykowski in seinem Nachwort zitiert, stellte James Joyce sie nach vier Themen zusammen: Kindheit, Jugend, Reife und öffentliches Leben.

Dabei bebildern sie alle das Leben in Dublin um die Jahrhundertwende. Irland ist unter englischer Vorherrschaft ein gelähmtes Land. Das betrifft sowohl die Wirtschaft, als auch die Bevölkerung. Nach den schweren Hungersnöten, Auswanderungswellen und etlichen gescheiterten Unabhängigkeitsbewegungen scheint das Leben zum Stillstand gekommen zu sein, träge und wie im Nachwort mehrfach verdeutlicht wird, paralysiert.

Joyce blickt dabei auf die Menschen von Dublin mit einem sehr naturalistischen Blick. Genauste Beobachtungen liefern diverse Details, die er in seine schlaglichtartigen Geschichten einbaut. Es gibt keine großartigen Wendungen, keine Pointen oder finale Szenen.

Man wird mitten hinein geworfen und irgendwo endet die Geschichte, ohne dass unbedingt ein erzählerisches Ende erreicht zu sein scheint.

Doch bei genauerer Betrachtung erkennt man sehr wohl, das Joyce jeweils alles beschrieb, was das Bild abzurunden hilft.

Lässt man sich durch die Geschichten treiben, lernt man eine Menge Figuren kennen, deren Leben nicht unbedingt hochdramatisch sein muss. Und selbst wenn das Drama vorhanden ist, bleibt der Blick neutral. Es gibt keine auktoriale Wertung oder Beeinflussung der LeserInnen. Stets muss man sich selbst ein Urteil bilden und auch das ist kein unbedingter Zwang, wie etwa bei Zwei feine Herren, deren moralische Bedeutungen zeitgenössische Kenntnisse zu verlangen scheinen.

Aber dabei handelt es sich um eine Ausnahme. Die meisten Geschichten funktionieren wie alte Fotografien, deren Protagonisten still stehen mussten für die Aufnahme und die dafür diesen eingefrorenen Moment mit unglaublicher Tiefenschärfe darbietet.

Die Einzelheiten mögen noch so charakteristisch sein und heute längst vergessen, aber in ihrer natürlichen Umgebung wirken sie nicht als Fremdkörper.

 

Die Geschichten in »Dubliner« handeln von der Begegnung mit dem Tod, wie in Die Schwestern, folgen Spaziergängen durch Dublin in Eine Begegnung, beleuchten Entscheidungen, die durch die Konventionen gar keine sind, sondern Zwänge, für die ein Kampf sich nicht lohnt, wie die drohende Heirat in Die Pension oder die verpasste Chance auf ein Ende der Einsamkeit (Ein trauriger Fall).

Zwar spürt man immer auch die Melancholie, die sich hinter dieser Schicksalsergebenheit zeigt, sie gewinnt aber selten Raum, da die Geschichten entweder darüber hinweggehen oder schon zu Ende sind, bevor sich ein richtiges Melodram entwickeln kann.

Interessant sind auch die vielen Dialoge, in denen sich nicht nur die Umgangsformen zeigen, sondern auch der kulturelle Hintergrund. Dialekt, Sprachstile, Lieder, Gedichte und vor allem diverse Auslassungen sorgen für eine große Unmittelbarkeit, lassen die Grenze zum lesenden Beobachter dünn werden.

Besonders deutlich wird es in der abschießenden Erzählung Die Toten. Joyce lässt uns hier so dicht an die Figuren herantreten, dass wir ihr vorweggenommenes Verschwinden ebenso deutlich vor Augen haben, wie die schlafende Frau und starke Erregung ihres Mannes.

Im Nachwort erklärt Harald Raykowski dass Joyce mit Gretta seiner eigenen Frau ein Denkmal gesetzt hat und es muss sich um eine sehr tiefe Liebe gehandelt haben, nicht ohne dem Mysterium Ehefrau ganz auf die Schliche gekommen zu sein.

Ganz nebenbei fließt auch die Auseinandersetzung mit den nationalistischen Bestrebungen ein, die bei den Menschen nicht so sehr in politischen oder gar militärischen Widerstand besteht, sondern vor allem kulturell. Fast kämpferisch wird da die irische Sprache verwendet, obwohl kaum mehr als ein Auf Wiedersehen beherrscht wird, Lieder und Geschichten mit historischem Kontext erinnern an das traurige Schicksal Irlands und provozieren am Ende dann doch noch eine indirekte Positionierung von Joyce. Denn der autobiografisch angelegte Gabriel in »Die Toten« will weg aus Irland, will nicht in der Enge und dem Jammer verweilen.

Joyce schrieb einige der Geschichten auch tatsächlich bereits im Ausland, und trotzdem wurden sie nicht zu hassvollen Tiraden, sondern zu starken Beweisen seiner Heimatverbundenheit und obwohl er nicht zurückkehrte, zeigen sie, dass ihm das Schicksal Irlands nicht egal war.

 

Neben dem feinen Nachwort enthält der Band zwei Karten Dublins, die allerdings im vorliegenden Format eher Illustrationen als nutzbare Stadtpläne darstellen sowie wie gewohnt eine Zeittafel, die Biografie und Werkgeschichte einordnet.

 

Fazit:

Wagen Sie den Einstieg in das Werk von James Joyce und lernen durch seine Augen ein Dublin kennen, dass ganz im dunklen Schatten Großbritanniens lag. Dessen Einwohner wie gefangen lebten, eingezwängt in Resignation, Konventionen und der Notwendigkeit, das Leben irgendwie zu meistern. Folgen Sie dem harten Blick des Autors, der weder beschönigt noch verurteilt und selten länger irgendwo verweilt. Meist eben nur so lange, dass sich ein Bild auf der Netzhaut der Geschichte einbrennt.

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Eure Meinung:

Yip, 30.01.2016, 16:34:
Ein Fazit im Klappentextmodus? :-D Trotzdem macht die Rezension Lust aufs Einlesen in einen scheinbar etwas lesbareren Text als "Ulysses". (Der einzige Joyce-Text, den ich bisher wagte...)
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Buch:

Dubliner

Original: Dubliners, 1914

Autor: James Joyce

Übersetzer: Harald Raykowski

Taschenbuch: 318 Seiten

Deutscher Taschenbuch Verlag, 1. Oktober 2012

 

ISBN-10: 3423140690

ISBN-13: 978-3423140690

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 24.01.2016, zuletzt aktualisiert: 19.07.2017 22:34