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Ein Fremder auf der Flucht (DVD)

Rezension von Björn Backes

 

Don Siegel gehört zweifelsohne zu den wichtigsten Western-Regisseuren aller Zeiten und schuf vor allem mit der Dirty Harry-Reihe einen Meilenstein der ewiglangen Genre-Historie. Eine seiner unscheinbarsten Produktionen stammt aus dem Jahre 1967, war seinerzeit lediglich fürs TV gedacht und entstand in gerade einmal 16 Tagen effektiver Arbeitszeit am Set. Allerdings brauchte sich die Legende während dieser Zeit auch kaum Sorgen um das Gelingen des einmaligen Projekts machen. Große Namen wie Henry Fonda, Anne Baxter, Michael Parks und Dan Duryea ließen sich zu einer außergewöhnlichen Kooperation hinreißen, deren wahres Leitbild sich deutlich von den klassischen Western-Klischees distanziert. Kein Wunder also, dass das Resultat eindeutig Bände sprach und spricht.

 

Story:

Ben Chamberlain reist auf der Suche nach der Schwester seines besten Freundes in das westliche Provinzkaff Banner, ein abgeschiedenes Nest, welches lediglich durch seine Eisenbahnlinie im Gespräch bleibt. Doch als der unscheinbare Herumtreiber vor Ort nach Alma Britten fragt, stößt er nur auf eisernes Schweigen. Die Bekanntschaft der Dame bringt offensichtlich Schwierigkeiten mit sich, und sein Interesse an ihr macht Chamberlain alsbald verdächtig – verdächtig, Britten kürzlich ermordet zu haben. Der überraschende Tod der Gesuchten wird Ben auf Anhieb zum Verhängnis. Provinzsheriff MacKay nutzt die Gunst der Stunde, den Neuankömmling als Sündenbock anzuprangern und den generellen Unmut des Kleinstädtchens auf ihn zu übertragen. Außerdem fordern seine gelangweilten Handlanger förmlich nach einer neuen Aufgabe und schließen sich der Hatz auf Ben bereitwillig an. Drei Stunden Vorsprung gewährt MacKay seinem neuen Kontrahenten – drei Stunden, in denen seine mörderische Diebesbande sich für eine weitere unrechtmäßige Genugtuung sammeln kann.

 

 

Rezension:

Den Informationen des Begleithefts zufolge basierte „Ein Fremder auf der Flucht“ zu einem nicht unwesentlichen Teil auf politischen Hintergründen. Zu jener Zeit tobten in Vietnam die finalen Schlachten des Krieges, der letztendlich nur als Ventil für die eigenen Missstände des wachsenden Amerikas diente und zumindest gewissermaßen den Sündenbock, wenn auch vergeblich, in kulturell völlig anderen Zonen suchte. Ähnliches geschieht auch in diesem recht außergewöhnlichen Western. Sheriff MacKay repräsentiert dabei die Rolle des unerbittlichen, nicht immer legal handelnden Gesetzesvertreters, der sich zugunsten des sauberen Bilds seiner Stadt weder eine Prostituierte wie Alma Britten, noch einen nutzlosen Herumtreiber wie Ben Chamberlain leisten kann. Geschäftsmann Gorman lässt ihn unmissverständlich wissen, dass der Fortschritt seines Verwaltungsbezirks unmittelbar mit der Entwicklung der Eisenbahnlinie und dem sauberen Image Banners in Verbindung steht. Und dies ist durch die vermeintlich unbefugten Eindringlinge der heimtückischen, falschen Stadt laut Gormans und MacKaysd Meinung eindeutig gefährdet.

Also beginnt die erwartete Jagd auf Chamberlain, die ebenfalls nach einem ganz unkonventionellen Strickmuster in die Gänge kommt. MacKay bestimmt die Regeln, gewährt ihm einen Vorsprung, lässt ihn aber auch wissen, welche Konsequenzen er bei fehlgeschlagener Flucht zu erwarten hat. Von Unschuld, einer fairen Gegenüberstellung, geschweige denn einer ernst zu nehmenden Zeugenaussage ist an dieser Stelle schon längst nicht mehr die Rede.

So beginnt ein wechselseitiges Komplott, welches Ben zum falschen Opfer einer spontanen Intrige macht, in der schließlich die politischen Parallelen tatsächlich sehr deutlich zum Vorschein kommen. MacKay handelt falsch, handelt jedoch auch aus Furcht, denn die wahrhaftig kriminellen Elemente, die sich derzeit noch in Banner herumtreiben, kann er noch insoweit steuern, dass sie für seine Pläne das geringste Übel darstellen. Dementsprechend leichter fällt es ihm, sich über die falsche Moral hinwegzusetzen und seine diesbezüglichen Bedenken auszublenden, schließlich ist jeder noch so zwielichtige Verbündete letztendlich immer noch ein Verbündeter – und solche braucht MacKay zur Durchsetzung seiner Ziele nun mal in großer Anzahl.

Chamberlain ist auf der anderen Seite nicht untätig; er knüpft Kontakte mit einigen Viehhirten, die mit dem Sheriff noch eine offene Rechnung haben, und verschlägt sich in diesem rasanten Katz-und-Maus-Spiel auf ihre Seite. Doch im Gegensatz zu seinen Häschern agiert er besonnen und gelassen, lässt sich auf MacKays höhnischen Deal ein und erstellt somit Schritt für Schritt einen fruchtbaren Plan für seine stille Rache.

 

Ist die Entwicklung des Plots mit einem klassischen Western nur noch geringfügig vergleichbar, setzt Siegel die wesentlichsten Glanzpunkte schließlich mit der stillen Atmosphäre der 67er-Produktion. „Ein Fremder auf der Flucht“ stellt das übliche Spielchen Unschuldig gegen Fies mit zierlichen Wendungen, mutiger Zurückhaltung und ohne jegliche Effekte dar, geht dabei jedoch das Risiko ein, dass Action-Fans dem Streifen die lange Nase zeigen. Aufgrund der brillanten Akteure sollte dies aber grundsätzlich eher der Einzelfall sein. Fonda leistet in der Rolle des flüchtenden Fremden eine seiner stärksten Charakter-Jobs im Western-Metier ab, während Tarantino-Liebling Michael Parks zu einem würdigen Kontrahenten avanciert. Das Zusammenspiel der beiden Protagonisten ist schlichtweg fabelhaft, bedarf indes aber auch nicht vieler Worte, um diese absolut brillante, zynisch bestimmte Atmosphäre aufrecht zu erhalten. Dementsprechend ist die scheinbare politische Komponente des Filmes zunehmend zweitrangiger Natur und übernimmt zu keiner Zeit die Kontrolle über die Story. Was aber auch alles andere als förderlich wäre, denn auch samt der phasenweise merkwürdigen Entwicklungen ist „Ein Fremder auf der Flucht“ trotzdem ein reiner, stringenter, starker Western.

 

 

Fazit:

Für eine TV-Produktion ist „Ein Fremder auf der Flucht“ ein geradezu überdurchschnittlicher starker Beitrag zur Hochzeit des Western Ende der sechziger, wenngleich weniger radikal als die Filme im Italo-Style oder die schießlustigen Publikationen eines Clint Eastwood. In Siegels kleinem Meisterstück überzeugt vorwiegend die brillant-stille Atmosphäre sowie natürlich die absolute Starbesetzung, die andererseits aber sowieso schon ein Garant für einen außergewöhnlich guten Streifen sein sollte – und erwartungsgemäß auch ist. Don Siegel hatte zu seiner besten Zeit eben ein Gespür für fortschrittliche Ideen im damals heiß umworbenen Genre. Der hier vorliegende Streifen ist für diese „Unterstellung“ der beste Beweis!

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 202303311155229849c9a0
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DVD:

Ein Fremder auf der Flucht

USA, 1967

Regie: Don Siegel

Original: Stranger On The Run

Darsteller: Henry Fonda, Anne Baxter, Michael Parks

Genre: Western

Länge: ca. 93 Minuten

Koch Media, 2007

FSK: 12

Umfang: 1 DVD

DVD-Features: Bildergalerie

 

ASIN: B000VLD9II

 

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 27.01.2008, zuletzt aktualisiert: 29.11.2019 10:36