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ein totes im see’bolo von Gecko Neumcke

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Im See'bolo herrscht Aufregung: Karl, der alte Straßenkämpfer, wird mit drei Messerstichen im Rücken und Geldscheinen in den verkrallten Fingern aufgefunden. Geld? Das ist doch bei der Revolution abgeschafft worden, zusammen mit Kapitalismus, Zweigeschlechtlichkeit und dem ganzen anderen Gedöns. Allem Anschein nach stecken hinter dem Mord die Conos, die die Marktwirtschaft wieder einführen möchten. Doch auch Karls wunderliche Oldie-Kommune scheint etwas zu verbergen. Und so muss Precious, das den Oldies bei ihren Alltagsproblemchen unter die Arme greift, plötzlich Marple-Marlowe spielen – dabei würde es viel lieber ein paar Runden als Müllmensch drehen …

Ein Krimi aus einer besseren Zukunft, in der trotzdem dauernd alles schiefgeht.

 

Rezension:

Der seltsame Titel ein totes im see’bolo weist nicht nur darauf hin, dass Autor Gecko Neumcke einer eigenwilligen Schreibweise frönt, er bezieht sich für Insider deutlich erkennbar auf das Buch bolo’bolo des ziemlich seltsamen Schweizer Autors P.M., einem Pseudonym des Philologen Hans Widmer

Die Gesellschaftsform, die P. M. beschrieb, erinnert an Kommunismus, Hippies und Planwirtschaft. Heutzutage nicht unbedingt positiv besetzte Begriffe.

Allerdings trifft man mit Strömungen wie etwa dem Konsumverzicht auch in unserer Zeit auf Ideen, die zumindest Teile der kapitalistischen Gesellschaft in Frage stellen und versuchen, seine negativen Aspekte zu besiegen. Alles steigt und fällt jedoch mit dem Mensch. Ein einziger Egomane kann ein Kollektiv sabotieren. Und von solch einer Entwicklung berichtet Gecko Neumcke.

 

Wir begleiten einen jungen Menschen namens Precious durch die Welt des see’bolos, eine Art Kommune. Da man sich recht frei entscheiden kann, welches Geschlecht man gerade hat, redet man in Neumckes Zukunft von sich in der dritten Person und Precious ist ein recht umtriebiges Es.

Der Tagesablauf in einem bolo wird von vier verschiedenen Tätigkeitsvierteln bestimmt. Das notwendige Viertel stellt den Beitrag zum wirtschaftlichen Fortbestehen dar, quasi die Arbeit. Preschi fährt in diesem Viertel durchs bolo und sammelt Müll ein. Im Politik-Viertel nimmt es an demokratisches Prozessen teil und im freien Viertel hat mensch Freizeit.

Das Repro-Viertel dient gesellschaftlich-nützlicher Tätigkeit und hier ist Preschi in einer Art Altenheim unterwegs, hilft dort aus und ist stets gern gesehen. Die Alten sind alle beim Sturz des Kapitalismus dabei gewesen, hängen an ihren Geschlechtern und probieren Drogen durch. Was man im Ruhestand halt so tut.

Und nun wurde Karl ermordet. Erstochen. Und er hatte Vouchers in der Hand. Das sind quasi Geldscheine, die ein Landwirtschaftsteam vor kurzem eingeführt hat, um ganz besondere Produkte von ihnen zu erwerben. Karl war natürlich gegen diese kapitalistische Idee der »conomies«.

Klare Sache, das Preschi in die Mordermittlungen hineinschlittert …

 

Der Kriminalfall steht gar nicht so sehr im Mittelpunkt der Erzählung. Vielmehr nutzt Neumcke die Ermittlungen, um Preschi die verschiedensten Dinge erledigen zu lassen, die einen tieferen Einblick in das Leben des see’bolos geben. So besuchen wir eine basisdemokratische Sitzung, ein gemeinsames Kochen und Kantinenessen und diverse weitere Alltäglichkeiten. Stets ist der Ton warm und herzlich. Gerade im Zusammenspiel mit dem hyperaktiven und typisch kindlich-neugierigen Amber, bereitet der Autor eine Lebensweise vor uns aus, die trotz aller Individualität gemütlich kuschelig wirkt. Hier zeigen sich Neumckes Erfahrungen im Altenheim. Selten liest man so feinfühlig über das Leben einer Gruppe älterer Menschen.

 

Wir erleben die Geschehnisse zwar aus der Sicht von Preschi, da es aber ziemlich altruistisch und zurückhaltend ist, entfaltet sich die liebenswürdige Persönlichkeit vor allem über die Gespräche mit den anderen. Die Beziehung zu den alten Revoluzzern bringt eine sehr warmherzige Seite zum funkeln. In Summe führt das zu einer ungemein positiven Zukunft, einer strahlenden Utopie. Trotz des Mordes.

Oder gerade wegen.

Neumcke stellt das Handeln seiner Figuren in erklärbare Zusammenhänge. Wer Kollektivismus nicht kennt und ihn nie erlebt hat, wird dennoch die Beweggründe nachvollziehen können, warum jemand aus einem solchen System ausbrechen möchte. Erkennbar bleibt jedoch, dass hier gegen das Interesse der Mehrheit verstoßen wird. Bei Neumcke ist der Konsens über das Wie des Zusammenlebens sehr breit. Seine Zukunft ist keine Diktatur. Dei Meisten wollen so leben und finden es toll. Trotz einer Rückblende bleibt Neumcke eine Darstellung der psychologischen Umwälzung schuldig, die zu diesem neuen Wesen führte. Die Menschheit hat irgendwie plötzlich Vernunft angenommen. Eine zumindest sympathische Prämisse.

Wesentlicher Bestandteil der Wohlfühl-Lektüre ist der verschmitze Ton, in dem von der Zukunft berichtet wird. Es gibt stets augenzwinkernde Kommentare, witzige Verwendungen der asa'pili-Sprache und natürlich die vergnüglichen Althippie-Aktionen. So treibt die Erzählung beständig auf einer Woge der Heiterkeit, selbst in den eigentlich schlimmen Augenblicken.

 

Erstaunlicherweise stören Textformatierung, Kleinschreibung, Geschlechterneutraltät und asa'pili überhaupt nicht beim Lesen. Nach einer kurzen Eingewöhnung, flutscht das Lesen mit derselben Leichtigkeit, die der Text grundsätzlich ausstrahlt.

 

Das eBook ist vorzüglich aufbereitet, selbst die Kapitelüberschriften in ihrer eigenwillig-schrägen Anordnung verstärken die positiven Eindruck und zeigen, dass man tatsächlich auch hübsche eBooks produzieren kann. Hier hat der Verlag Das Beben ein beeindruckendes Editions-Beispiel geliefert.

 

Fazit:

Es muss eine Menge positiver Energie in einem Text stecken, der aus einem brutalen Mord eine durch und durch vergnügliche Utopie herauskitzelt, deren warmherzige Vision menschlichen Zusammenlebens Lust macht, sofort ins nächste bolo zu ziehen.

Gecko Neumcke schafft mit seiner Erzählung »ein totes im see’bolo« einen heiteren Blick in die Zukunft. Eine phantastische Abwechslung zur Masse an Dystopien und Zombie-Apokalypsen.

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Frank Böhmert
Dienstag, 08. April 2014 11:23 Uhr
Hach ja. Seit ein paar Tagen liegt die Broschüre mit dem Runterladcode auch bei mir auffem Lesestapel. Freu mich schon!

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eBook:

ein totes im see’bolo

Autor: Gecko Neumcke

Formate: PDF, mobi, epub-K, epub

Seiten: ca. 130

Das Beben, 15. März 2014

Cover: Lisa Naujack

ISBN: 978-3-944855-05-9

Kindle-ASIN: B00IYURQGO

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:

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Erstellt: 07.04.2014, zuletzt aktualisiert: 20.07.2018 11:16