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Eis von Anna Kavan

Rezension von Ralf Steinberg

 

Rezension:

Nach einem Atomkrieg breitet sich der arktische Eisschild aus und zerstört nach und nach die menschliche Zivilisation. In dieser postapokalyptischen Welt macht sich der männliche Protagonist auf, ein unbenanntes, zerbrechlich scheinenden Mädchen wiederzusehen, zu der er widersprüchliche Gefühle entwickelt. Dabei gerät er in Konflikte mit einem Ehemann und einem Wächter genannten Warlord. Ziel ist stets die Kontrolle über die Frau zu bekommen. Während sich Kriege und Eis beständig auf die Figuren zu bewegen, wiederholen sich die Suchreisen des Protagonisten ebenso wie die Treffen mit dem Mädchen und dem Wächter.

 

Eis von Anna Kavan besitzt keinen gewöhnlichen Plot. Vielmehr begleiten wir sich wiederholende Sequenzen, die in Zeit und Raum springen, selbst die Erzählperspektive wechselt von einem Absatz zum nächsten. Ursache und Wirkung spielen darum auch kaum eine Rolle, denn ihre Bezüge verschwinden in einem fort.

 

Der Protagonist sehnt sich in den dunklen Momenten der Suche nach dem Mädchen, doch sobald er sie gefunden hat, verfällt er in Hass und Gewalt, Die Szenen, in denen das Mädchen immer wieder Opfer des Mannes wird, sind beängstigend, vor allem weil der Mann danach wegrennt und sich fast sofort erneut auf die Suche macht und dann doch nur wieder brutal das Mädchen bezwingt und missbraucht. Dabei erkennt er zwar, dass er nur wiederholt, was dem Mädchen in der Kindheit, durch ihren Ehemann und dem Wächter widerfuhr, aber er verfällt dennoch immer wieder in die selben Handlungen. In einigen Szenen sieht er sich sogar als Spiegelbild des Wächters, meint, er zu sein, eins mit dem Wächter, um dann von ihm verhöhnt und fortgestoßen zu werden, der Verlust des Mädchen als Preis des Versagens, dem brutaleren Mann nicht gewachsen zu sein.

 

Eingebettet sind diese harten Szenen in sehr schöne Eis- und Kälte-Beschreibungen einer postapokalyptischen Welt. Meist Städte oder ihre Ruinen, bevölkert mit Menschen, die in Regimes zu überleben suchen, deren Regeln bizarr anmuten, doch selten lange Bestand haben. Das Eis oder andere Mensch tauchen auf und zerstören alles, zwingen die Bevölkerung zu wilder Flucht, gegen deren Strom sich der Protagonist dann erneut auf die Suche begibt.

 

Die Perspektiv- und Erzählwechsel erfolgen stets völlig zufällig im nächsten Absatz. Mal ist das Mädchen tot, dann lebt es wieder. Mal ist der Protagonist in der Erzählsituation real, mal nicht. Mal Täter, mal Beobachter. Orte, Personen, Zeiten fließen ineinander, alles bleibt offen, in Schwebe. Bis zum Ende klärt oder fügt sich nichts zusammen, die Dinge bleiben zersplittert, auseinanderdividiert.

 

Wir erleben vielleicht – jede andere Interpretation dürfte genauso stimmig klingen – ein komplettes Innenleben einer einzigen Person. Verschiedene Aspekte der Persönlichkeit kämpfen mit- und gegeneinander, tun sich Gewalt an, versuchen miteinander klarzukommen, sehen sich aber auf einem Weg in eine eisige Erstarrung.

Ein Buch, dessen Lektüre nicht einfach sein mag, aber das durch seine Offenheit, eine ans Unerklärliche reichende Handlung, trotzdem fesselt. So rätselhaft sich das Werk auch gibt, man spürt, dass es Hinweise auf Dinge in uns gibt, die wir uns selbst nicht eingestehen würden. Anna Kavan streicht über sie mit einem atemlosen, eisigem Hauch, dass uns die Haare aufstellen und wir in die Wärme fliehen.

 

Fazit:

»Eis« von Anna Kavan nimmt uns mit auf eine surreale Lesereise. Auf ihr verwischen Zeit und Betrachtungsweisen zu einem poetischen Bewusstseinstrip tief hinein in eine von Kälte und Gewalt bestimmte Welt, die vielleicht nur im Innern der Figuren existiert, vielleicht aber ebenso in uns.

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Eure Meinung:

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Buch:

Eis

Original: Ice, 1967

Autorin: Anna Kavan

ÜbersetzerInnen: Silvia Morawetz und Werner Schmitz

Gebundene Ausgabe, 184 Seiten

Diaphanes, 5. Mai 2020

 

ISBN-10: 3035801355

ISBN-13: 978-3035801354

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B0868ZJTQP

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Weitere Infos:


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Erstellt: 05.09.2020, zuletzt aktualisiert: 05.09.2020 13:56