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Endstation

Autor: Marcel Schmutzler

 

Vor mir verschwanden die Lichter der U-Bahn in den Tunnel. Außer Atem blickte ich erst auf meine Uhr, dann auf die Anzeigetafel. 1:23 Uhr. Eine Bahn musste noch kommen, das wäre dann die letzte. Ich sah mich auf dem Bahnsteig um. Erst jetzt entdeckte ich ihn. Er saß eingehüllt in eine dunkle Jacke, die Hände in den Jackentaschen und das Kinn in einen Schal vergraben. Ich ging auf ihn zu.

„Hallo, ...“, begrüßte ich ihn.

Er sah nicht einmal auf, sondern blickte weiter unbewegt vor sich hin.

„Was machst du denn noch hier?“ versuchte ich es erneut. Wieder keine Reaktion.

Ich setzte mich neben ihn.

„Die Bahn ist gerade weg.“

Eine blöde Bemerkung. Wahrscheinlich hatte er das gesehen.

Ich betrachtete ihn von der Seite. Endlich rührte er sich. Er nickte und öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen. Dann schloss er ihn wieder, ohne dass ein Wort ihn verlassen hatte. Vielleicht wollte er mir auf diese Weise mitteilen, dass ich ihm nichts Neues verraten hatte.

„Wartest du noch auf jemanden?“

Ein Blinzeln war die einzige Bewegung, die ich feststellen konnte. Einmal, zweimal. Warum ignorierte er mich? Hatte ich ihm etwas getan? Vielleicht hatte er auch zu viel getrunken oder irgendwelche Drogen genommen, die sich nun bemerkbar machten.

Schweigend saßen wir nebeneinander, bis die U-Bahn mit kreischenden Bremsen einfuhr. Ich stand auf.

„Die Bahn ist da“, sagte ich zu ihm und ging auf die Tür zu.

Er machte keine Anstalten, sich zu erheben.

Die Türen glitten auf. Immer noch keine Bewegung in ihm. Ich blieb eine Weile in der Tür stehen, damit sie sich nicht wieder schloss. Ungerührt verharrte er auf seiner Bank. Als das Abfahrtssignal ertönte, ging ich in den ansonsten leeren Wagen und setzte mich. Ich sah ihm nach, bis der Bahnsteig aus meinem Blickfeld verschwand.

Die nächste Station kam. Nur eine Person wartete. Ich blickte ihr entgegen. Meine Gedanken überschlugen sich. Zunächst dachte ich, die Bahn wäre vielleicht im Kreis oder zurück gefahren, ohne dass ich es gemerkt hatte. Aber der Name der Haltestelle war der richtige. Ich fuhr diese Strecke regelmäßig, ein Irrtum war ausgeschlossen. Dennoch konnte kein Zweifel bestehen. Die Person dort auf der Bank war er, eingehüllt in Jacke und Schal, die Hände in den Taschen, wie er schon zuvor gesessen hatte. Wie war das möglich? Selbst wenn er sofort nach der Abfahrt aus seiner Lethargie erwacht wäre und ein Taxi genommen hätte, wäre er kaum rechtzeitig angekommen.

Niemand stieg aus. Vielleicht war ich der einzige Mensch in dieser U-Bahn. Ich erwartete natürlich, dass er nun einstieg, wenn er solche Mühen auf sich genommen hatte, sie einzuholen – wie auch immer er es geschafft hatte. Aber er rührte sich nicht. Die Bahn fuhr wieder an.

Ich wandte meinen Blick von dem dunklen Fenster ab. Vielleicht hatte mich nur die Müdigkeit in die Irre geführt. Eine ähnliche Person in gleicher Kleidung. Zu dieser Jahreszeit zogen sich die Menschen nun einmal dicker an und aus irgendwelchen Gründen auch dunkler. Herbstuniformen. Aber eine weitere Person, die die letzte Bahn tatenlos an sich vorbei fahren ließ?

Ich versuchte den Gedanken abzutun. Eine Lösung würde ich nicht finden. Ich konnte ihn ja bei unserer nächsten Begegnung fragen, ob er es gewesen war und wie er es angestellt hatte. Etwas ruhiger lehnte ich mich zurück. Nur um umso mehr hochzufahren, als die Bahn ihren nächsten Halt erreichte. Wieder saß er da. Alle meine Gedanken und Vermutungen waren über den Haufen geworfen. Vielleicht war es nicht unmöglich, was hier passierte, aber doch sehr unwahrscheinlich. Und welchen Grund sollte es haben? Eine neue Idee kam in mir auf. Vielleicht spielte er mir einen Streich. Wollte mich verarschen. Warum sollte er mich sonst verfolgen? Die Frage war: Tat er es im Scherz oder war er mir übel gesonnen. Erneut überlegte ich, ob es in letzter Zeit eine unerfreuliche Begegnung zwischen uns gegeben hatte. Aber mir fiel nichts ein.

Ich war kaum noch überrascht, als mich an der nächsten Haltestelle dasselbe Bild erwartete. Und an der übernächsten. Nachdenken konnte ich über das, was geschah, nicht mehr. Die Verwirrung war etwas anderem gewichen. Ich konnte es nicht verleugnen: Ich hatte Angst. Es mochte an der späten Stunde liegen und daran, dass niemand sonst da war, der mir hätte helfen können. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass ich auf mich allein gestellt war. Ich griff in meine Jackentasche und suchte nach meinem Handy. Es war nicht da. Ich musste es zu Hause gelassen haben.

An der nächsten Station musste ich aussteigen. Mein Herz schlug schneller, als die schützende Dunkelheit in die Neonbeleuchtung der Station überging. Ich versuchte, den gesamten Bahnsteig mit einem Blick zu erfassen. Er war leer. Keine zusammengekauerte Gestalt saß auf einer der Bänke und starrte vor sich hin. Ich weiß nicht mehr, ob ich wirklich erleichtert war. Vielleicht lauerte er mir irgendwo auf. Kurz überlegte ich, ob ich weiterfahren sollte. Aber was brächte das? Irgendwann musste ich aussteigen, und von hier hatte ich es nicht weit bis zu meiner Wohnung. Wie in Trance erhob ich mich. Die Geräusche des Zuges drangen nur durch einen dichten Schleier aus Rauschen in mein Ohr. Langsam schob ich mich auf den Bahnsteig, um so lange wie möglich im Schutz des Zuges zu verharren.

Ich hatte gehofft, dass vielleicht noch ein, zwei Fahrgäste aus anderen Wagen mit mir aussteigen würden. Aber diese Hoffnung wurde enttäuscht. Wahrscheinlich war ich wirklich der einzige Passagier. Der Gedanke, dass es auch noch einen Fahrer geben musste, der mir vielleicht helfen konnte, kam mir plötzlich in den Sinn. Aber hinter mir setzte sich die Bahn bereits in Bewegung. Was hätte er auch tun sollen? Wenn er mir überhaupt glaubte.

Ich hastete der Treppe entgegen und rannte die Stufen hinauf. Jede Sekunde erwartete ich, dass er aus einer dunklen Ecke auf mich zusprang und entweder laut lachen oder über mich herfallen würde. Ich erreichte das obere Ende der Treppe. Ein Rascheln ließ mich herumfahren, obwohl ich mir vorgenommen hatte, nicht zurückzublicken. Einige Blätter tanzten über den Boden. Ich rannte weiter. Vielleicht hatte ich mir doch alles eingebildet? Der Gedanke beruhigte mich kaum. Sollte es wirklich Einbildung gewesen sein, bedeutete das, dass etwas mit mir nicht stimmte. Ich wusste nicht, was mir lieber wäre.

Der Schlüssel zitterte in meiner Hand, als ich die Haustür öffnete. Ich stürzte hinein und warf die Tür hinter mir zu. Die Anspannung fiel etwas von mir ab. Sicher würde ich mich aber erst fühlen, wenn ich mich in meinen eigenen vier Wänden befand. Ich hastete die Treppe hinauf. Zitternd und schwer atmend stand ich endlich in meiner Wohnung. Verriegelte die Tür. Versuchte, tief durchzuatmen. Ich brauchte einige Momente, bis ich mich einigermaßen erholt hatte. Mein Atem wurde ruhiger, das Beben in den Gliedern ließ nach. Mit einem Mal erschien mir die Heimfahrt beinahe wie ein Traum. Unwirklich. Die Angst steckte mir zwar immer noch im Körper, aber Erleichterung machte sich breit. So wie man sich bei einer Verletzung besser fühlt, wenn der Schmerz nachlässt, obwohl man weiß, dass die Wunde noch da ist. Ich würde ihn morgen anrufen und fragen, was es mit dieser Geschichte auf sich hatte. Dann wäre die Sache hoffentlich aus der Welt.

Ich ging ins Wohnzimmer und schaltete das Licht ein. Ein Schrei hallte durch die Wohnung. Mein eigener Schrei. In meinem Sessel saß er, in unveränderter Position und Kleidung, und starrte vor sich hin. Ich musste mich in der Tür festhalten. Mir wurde kalt, Schweiß trat auf meine Stirn. Mein Blick zog sich zusammen. Wie war er hereingekommen? Es war kaum noch möglich, einen Gedanken zu fassen. Hinter ihm in der Ecke lag mein Handy. Aber ich wagte mich nicht an ihm vorbei oder auch nur in seine Nähe. Ohne weiter nachzudenken, stürzte ich hinaus auf die Straße und rief von einer Telefonzelle aus die Polizei. Die Polizisten hielten mich natürlich für betrunken, als sie mich in der Kälte unruhig vor der Tür wartend vorfanden und ich ihnen wirr meine Geschichte erzählte. Das sagten sie mir auch. Dennoch begleiteten sie mich milde lächelnd zu meiner Wohnung hinauf. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis wir die Wohnungstür erreichten. Mit jedem Schritt wuchs die Furcht, dass wir die Zimmer leer vorfinden und sie mich endgültig für verrückt erklären würden.

Doch diese Angst wurde enttäuscht. Er war noch da.

„Da ist er. Er ist hier eingebrochen!“ schrie ich mit schriller Stimme und zeigte auf ihn. Meine ausgestreckte Hand zitterte unkontrollierbar. Es war alles zu viel für mich. „Er hat mich verfolgt!“

Die beiden Beamten näherten sich ihm vorsichtig. Auch ihr Erscheinen hatte ihn zu keiner Rührung veranlasst. Doch anstatt ihn zu packen und aus meiner Wohnung zu schaffen, stellten sie und der kurz darauf hinzugerufene Notarzt nur noch seinen Tod fest. Die anschließende Obduktion ergab, dass er um halb zwei gestorben war. Halb zwei. Während ich neben ihm gesessen und auf die U-Bahn gewartet hatte.

 

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Erstellt: 19.01.2013, zuletzt aktualisiert: 08.03.2018 19:26