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Erdsee – Die erste Trilogie von Ursula K. Le Guin

Rezension von Matthias Hofmann

 

Wer sich mit dem Genre Fantasy beschäftigt, der kommt an zwei Trilogien nicht vorbei. Neben J. R. R. Tolkiens Mittelerde-Epos Der Herr der Ringe gilt die Erdsee-Trilogie von Ursula K. Le Guin als das Werk, das man gelesen haben muss, um verstehen zu können, was gute Fantasyliteratur ausmacht.

 

Wer Le Guins Bücher von Erdsee noch nicht kennt, kann diese Lücke nun preiswert schließen. Nach einer opulent aufgemachten und reichlich bebilderten Hardcover-Gesamtausgabe, die 2018 erschienen ist und alle Erdsee-Romane und Geschichten in einem prächtigen Band vereinigt, macht Fischer TOR nun das gesammelte Werk in Form von zwei preisgünstigen Paperbacks für die Masse zugänglich.

Die erste Trilogie erschien im Original von 1968 bis 1972. Auf Deutsch veröffentlichte der Heyne Verlag die nach heutigen Maßstäben schmalen Bände damals mit Illustrationen von Hubert Schweizer. Ich hatte sie in den 1980er-Jahren gelesen und gute Erinnerungen daran. Und ich kann sagen, dass sie auch heute noch, besonders in der Neuübersetzung von Karen Nölle, überzeugen, vor allem, wenn man bedenkt, wie progressiv Le Guin mit ihrer Fantasy einst war.

Erdsee ist eine Welt, die aus einer Myriade von Inseln besteht, die von einem endlos scheinenden Ozean umgeben sind. Erzählt wird die Geschichte des jungen Ziegenhirten Ged, der zum Zauberlehrling wird und sich zum begabten Magier entwickelt. Auch sein Leben im fortgeschrittenen Alter wird nicht ausgespart. Nur im ersten Roman ist er die direkte Hauptfigur, in den beiden anderen Teilen spielen andere Personen die Hauptrolle, wie z. B. in Die Gräber von Atuan die junge Frau Arha, der eingeredet wurde, dass sie ihr Leben als Hohepriesterin fristen muss und daher keine eigene Identität hat.

Magie ist in der Welt von Erdsee etwas Alltägliches. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, denn auf fast jeder noch so kleinen Insel lebt meist ein Magier, wie eine Art Landarzt, der Menschen heilen kann oder mit seiner Magie Schiffe sicher in einen Hafen bringt, falls Unwetter droht.

Ein Magier von Erdsee, den ersten Roman, hat Le Guin als Auftragsarbeit geschrieben. »Die Vorstellung für ein bestimmtes Publikum oder ein bestimmtes Alter zu schreiben, schreckte mich ab«, schreibt sie in ihrem Nachwort. Sie hatte bis dato sowohl Science Fiction als auch Fantasy geschrieben, aber weil sie sich für die Form an sich interessierte und nicht, weil sie für ein bestimmtes Zielpublikum, in diesem Fall Jugendliche, schreiben wollte.

Zum Glück hat sie es trotzdem getan. Im Jahre 1967 waren Magier in der Regel alte Männer mit weißem Bart. Ein spitzer Hut durfte auch nicht fehlen. So wie bei Merlin oder eben Tolkiens Gandalf. Aber, so fragte sich Le Guin, die mussten doch auch mal jung gewesen sein? Wie sind sie zum Zauberer geworden, dachte sie sich und erkannte: »Schon hatte ich mein Buch.«

Natürlich ist da viel mehr. So gibt es in Erdsee keine Konflikte durch Kriege. Keinen Militarismus, keine großen Schlachten, denn Le Guin fand, dass ein Held, dessen Heldentum darin bestünde, andere umzubringen, für sie uninteressant sei. Ihr kam es mehr auf Gefahren, Herausforderungen, Wagnisse und Mut an. »Ich verabscheue die hormonellen Kriegsorgien unserer visuellen Medien, das mechanische Gemetzel endloser Bataillone schwarzgekleideter, gelbzähniger, rotäugiger Dämonen.«

Ein durchaus progressives Wagnis, denn zwar war Tolkien der Maßstab aller Dinge in Sachen High Fantasy, aber dort wimmelte es von Heerscharen von Orks, und brutale Schwert-und-Magie-Helden wie Conan erlebten zu jener Zeit gerade eine Renaissance. Und auch die Tatsache, dass ihr Held Ged nicht dem gewohnten Rassenklischee entsprach, setzte Zeichen. 1967 waren viele Leser nicht bereit, einen dunkelhäutigen Helden zu akzeptieren. Auch wenn es im fernen Norden ihrer fiktiven Welt weißhäutige Erdsee-Bewohner gibt, variiert die Hautfarbe von Geds unmittelbaren Landsleuten zwischen Kupfer- und Kaffeebraun.

Ursula K. Le Guins »Erdsee-Trilogie« ist auch heute noch mit großem Gewinn zu lesen. Sie macht außerdem deutlich, dass man mit einem schönen, klaren Stil und originellen Ideen sehr gute Romane schreiben kann. Dagegen wirken die Ergüsse heutiger Fantasyautorinnen und -autoren sehr geschwätzig und deren Werke aufgebläht. Wie Le Guin mustergültig beweist, kann man, wenn man sein Werk richtig strukturiert, gut mit rund 200 Seiten auskommen, um nicht nur gut zu unterhalten, sondern auch wichtige Botschaften zu verpacken.

 

Wer nur Harry Potter kennt und entdecken möchte, was höchstwahrscheinlich J. K. Rowling inspiriert hat, sollte diesen Fantasy-Meilenstein lesen. Neil Gaiman, der auf dem Klappendeckel zitiert wird, hatte in diesem Fall so richtig recht, wenn er über den ersten Erdsee-Romane gesagt haben soll: »Erdsee ist die beste Geschichte über einen Jungen, der auf eine Zauberschule geschickt wird. Bis heute.«

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Buch:

Erdsee – Die erste Trilogie
Originaltitel: A Wizard of Earthsea (1968) / The Tombs of Atuan (1971) / The Farthest Shore (1972)
Autorin: Ursula K. Le Guin
Taschenbuch, 592 Seiten
Fischer TOR, 28. Oktober 2020
Übersetzung: Karen Nölle
Titelillustration: Charles Vess 

ISBN-10: 3596704057
ISBN-13: 978-3596704057

Erhältlich bei: Amazon

Kindle-ASIN: B07ZGFF28H

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Weitere Infos:


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Erstellt: 07.04.2021, zuletzt aktualisiert: 07.04.2021 19:42