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Gelenkte Träume

Die Phantastik des Jorge Luis Borges

 

Essay von Thomas Jeenicke

 

In Ägypten zur Zeit des Kaisers Diokletian: Der römische Tribun Flaminius Rufus erfährt von einem fernen Fluss, dessen Wasser ewiges Leben gewähre und an dessen Ufer sich die prächtige Stadt der Unsterblichen erhebe. Er macht sich auf den Weg durch die Wüste, um nach langer und gefahrvoller Reise die sagenhafte Stadt tatsächlich zu erreichen. Aber der Eintritt zum Quell ewigen Lebens scheint versagt: zu Fuße der hohen Mauern findet sich nur ein schlammiges Rinnsal und die Umgebung ist bloß von apathischen Troglodyten bevölkert. Durch ein unterirdisches Labyrinth gelangt der Tribun schließlich doch hinein, trifft dort aber keinen einzigen Bewohner an. Stattdessen muss er feststellen, dass die Stadt einem schier wahnsinnigen Bauplan folgt. Entsetzt flieht er wieder hinaus zu den Troglodyten, von denen er einen schließlich zum Reden bringt. Er stellt sich als der Dichter Homer heraus. Flaminius Rufus erfährt, dass der kümmerliche Fluss der Quell des ewigen Lebens ist, und dass die Troglodyten die Unsterblichen sind, die von ihrer nicht enden wollenden Existenz in den Stumpfsinn getrieben worden sind. Nach Jahrhunderten raffen sie sich dennoch auf und verstreuen sich in alle Welt auf der Suche nach einem anderen Fluss, der möglicherweise den Effekt des ersten wieder aufhebt. Und wirklich: nach tausendjähriger Irrfahrt erlangt der Tribun seine Sterblichkeit zurück.

 

Soweit könnte der Leser den Eindruck einer typischen Abenteuergeschichte gewonnen haben, doch mit der Wiedererringung der Sterblichkeit ist der kleine Text (er trägt den Titel Der Unsterbliche) keineswegs abgeschlossen. Flaminius Rufus, Ich-Erzähler der Geschichte, blickt auf seinen Bericht zurück und weist selbst auf einige Ungereimtheiten hin. Seine Schlussfolgerung: Es vermengen sich hier die Erinnerungen zweier Personen, und er, der Erzähler, sei gar nicht der römische Militär, sondern der griechische Dichter. Und mehr noch: nicht nur die Identität von Flaminius/Homer steht zur Debatte, eine weitere Nachschrift lässt Zweifel an dem gesamten Bericht aufkommen. Zu Anfang wurde die Erzählung präsentiert als ein Manuskriptfund. Nun deutet der anonyme Herausgeber einige Einwände an, die gegen die Glaubwürdigkeit des Berichtes in einer Studie vorgebracht worden seien, weist aber den Vorwurf, der Text sei »apokryph«, zurück.


Jorge Luis Borges (1969)
Jorge Luis Borges (1969)

Diese Doppelbödigkeit, die Verschachtelung verschiedener Fiktionsebenen, die den Leser in ein Labyrinth hinein-, aber nicht wieder hinausführt, ist ein schönes Beispiel für den Erzählstil des argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges. Nicht nur im phantastischen Genre zählt Borges zu den wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts; sein Einfluss ist auch bei heutigen Größen wie Neil Gaiman, William Gibson oder Gene Wolfe (um nur ein paar Namen zu nennen) noch deutlich spürbar.

 

Jorge Luis Borges wird am 24. August 1899 in Buenos Aires geboren. Er stammt aus einer der alteingesessenen argentinischen Familien, die allerdings nicht der Schicht reicher Großgrundbesitzer angehört. Seine englische Großmutter macht »Georgie« schon früh mit der angelsächsischen Sprache und Kultur vertraut, sieben prägende Jugendjahre in Europa (zunächst in Genf, dann in Spanien) eröffnen ihn auch die dortigen Literaturen. In dieser Zeit fasst er den Beschluss, selbst Dichter werden zu wollen. Wieder in Argentinien erringt er zwar kleine Achtungserfolge, der Durchbruch bleibt ihm aber zunächst versagt. Krankheit und Tod des Vaters zwingen Borges, dessen formale Ausbildung dürftig ist, schließlich dazu, sich einen Gelderwerb zu suchen. Er arbeitet als Hilfsredakteur in einer Boulevardzeitung, findet dann Anstellungen in einer öffentlichen Bücherei eines Vorortes von Buenos Aires. Nach öffentlicher Kritik an dem autoritär-populistischen Präsidenten Perón verliert er die Arbeit wieder. Literaturwissenschaftliche Vorträge dienen als Ersatzverdienst; vor jedem Auftritt muss Borges (ansonsten Abstinenzler) mit einem Glas Pfirsichschnapps seine Schüchternheit abmildern.


Das Aleph, Cover von Nikola Röthemeyer
Das Aleph, Cover von Nikola Röthemeyer

Mit den Erzählbänden Fiktionen (1944) und Das Aleph (1949) gelingt endlich der literarische Durchbruch. Übersetzungen ins Französische 1951 markieren den Beginn seines Weltruhmes. Als Perón vom Militär gestürzt wird, erheben die neuen Machthaber Borges zum Direktor der argentinischen Nationalbibliothek – gerade zu dem Zeitpunkt, als sich die Sehschwäche, an der er seit Kindheitstagen leidet, zur Erblindung auswächst. Den (eher repräsentativen) Direktionsposten hält er von 1955 bis 1973 inne.

 

Borges hat stets eine demokratische Gesinnung vertreten, doch Frustration über das anhaltende Chaos im Lande und Abscheu gegen den immer noch virulenten Peronismus lassen ihn 1976 Partei für eine neue Militärjunta ergreifen. Auch ist er sich nicht zu schade, im benachbarten Chile von General Pinochet eine Ehrung entgegenzunehmen. Zwar distanziert sich Borges bald wieder von der Diktatur in Argentinien, doch diese Eskapade hat ihn wohl jede Chance genommen, jemals den Literatur-Nobelpreis zu erhalten, obgleich Niveau und Einfluss seines Werkes unumstritten sind. (Alleine schon der »Magische Realismus« der lateinamerikanischen Literatur ist ohne Borges gar nicht denkbar.)

 

Borges‘ Verhältnis zu Frauen war stets schwierig und von Komplexen geprägt. Die enge Bindung an die Mutter lässt gerade Beziehungen zu ihm intellektuell ebenbürtigen Partnerinnen scheitern. 1967 heiratet Borges eine alte Jugendfreundin, doch diese von seiner Mutter eingefädelte »Vernunftehe« hat nicht lange Bestand. Eine glückliche dauerhafte Beziehung findet Borges erst im hohen Alter mit seiner langjährigen (und erheblich jüngeren) Assistentin María Kodoma. Allerdings stimmt sie erst spät einer Ehe zu; im April 1986 heiraten die beiden in Genf. Borges war bewusst in die schweizerische Stadt zurückgekehrt, um dort den Tod zu erwarten. Er stirbt schließlich am 14. Juni desselben Jahres.

 

Das Werk, das Borges hinterlassen hat, ist von kleinen Formen geprägt: neben Lyrik finden sich Erzählungen und Essays, die zumeist nur wenige Seiten lang sind. Realistische Geschichten aus dem gewaltgeprägten Südamerika stehen neben Detektivstories (viele zusammen mit seinem Freund Adolfo Bioy Casares verfasst) und dem phantastischen Genre, dem Borges seine Bekanntheit verdankt. Auch die Essays decken ein weites Themenspektrum ab. Es gibt literaturhistorische bspw. über James Joyce, Cervantes, Tausendundeine Nacht, Franz Kafka, die altnordischen Sagen und Dante. Als Skeptiker schreibt Borges über die Kabbala und den schwedischen Mystiker Swedenborg, über den Buddhismus und die christliche Dreieinigkeitslehre. Immer wieder kreist er um die philosophischen Probleme von Zeit, Gedächtnis und Identität.

 

Da Metaphysik für Borges auch nur eine Spielart der (phantastischen) Literatur ist, nimmt es nicht Wunder, dass gerade diese Themen oftmals auch in den Erzählungen aufgegriffen werden – essayistische und fiktionale Texte erscheinen vielfach als gegenseitige Erläuterungen. Freilich mögen dadurch seine Geschichten einigen Lesern überreflektiert erscheinen; mitunter tritt die Handlung gänzlich in den Hintergrund oder ist gar nicht vorhanden. So beispielsweise in der berühmten Phantasie Die Bibliothek von Babel, die ein Universum schildert, das aus einer unendlichen Aneinanderreihung von Bibliotheksgalerien besteht. (Umberto Eco hat sich hier für die Struktur der Klosterbibliothek in Der Name der Rose inspirieren lassen.) Die Bücher selbst sind gefüllt mit zufälligen Wortgefügen, die oftmals keinen Sinn ergeben, manchmal aber eben doch.

 

Angemerkt sei hier, dass Borges‘ Erzählungen zwar anspielungsreich sind, er selbst aber keineswegs Einwände hatte gegen ein »hedonistisches« Lesen, das sich um die verschiedenen Bedeutungsebenen einfach nicht kümmert. (So, wie er auch der »Trivialliteratur« Wert zuerkannte und dem Hollywood-Kino positiv gegenüberstand, da es den Menschen die großen Epen zurückgegeben habe.) Auch ist Borges, auf der rein sprachlichen Ebene, nicht schwer zu lesen. Sein Stil ist klassisch-klar und eher nüchtern, jedoch (was man leicht übersehen kann) nicht ohne feinen Humor und Selbstironie. Diese Klarheit im Ausdruck kontrastiert mit dem Verwirrspiel auf inhaltlicher Ebene. Eher selten präsentiert Borges in sich abgeschlossene Fantasy-Welten; Thema ist vielmehr oft das Einbrechen des Phantastischen in die Wirklichkeit, die Vermengung und Verwischung beider Bereiche bis Realität und Fiktion, Traum und Wirklichkeit nicht mehr unterscheidbar sind.


25. August 1983, Cover von Bernhard Jäger
25. August 1983, Cover von Bernhard Jäger

Beispielhaft hierfür die Erzählung 25. August 1983. Ein Schriftsteller, er trägt den Namen »Borges«, trifft in einem Hotel ein, um dort seinem Leben ein Ende zu bereiten – gerade so, wie er es Jahre zuvor an eben jenem Ort in dem Entwurf einer Geschichte imaginiert hatte. Doch er muss eine Überraschung erleben: er findet im Hotel sein Jahrzehnte älteres, nach der Einnahme von Gift im Sterben liegendes Alter Ego vor, das behauptet, in seinem Heim zu sein und nicht in dem längst abgerissenen Hotel. Ein Dialog zwischen den beiden »Borges« klärt letztlich nicht auf, wer wessen Fiktion ist. Nach dem Tode des älteren Dichters flieht der jüngere hinaus in eine sich auflösende Realität. „Draußen warteten andere Träume auf mich“, sind seine letzten Worte in der Erzählung.

 

Die Träume des Jorge Luis Borges indes warten auf den Leser in Werkausgaben beim Carl Hanser und Fischer Taschenbuch Verlag. Ob nun als Neu- oder Wiederentdeckung, die Begegnung mit diesem Großmeister der Phantastik wird nicht der Faszination entbehren.

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Erstellt: 10.10.2014, zuletzt aktualisiert: 29.11.2019 14:09