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Richter Di, historische Krimis und Sword & Sorcery

Essay von Oliver Kotowski

 

Hung drehte sich schnell im Sattel um und reichte seinem Herrn das Schwert. Da schwirrte ein Pfeil an seinem Kopf vorbei.

"Lass den Zahnstocher, wo er ist, Alter!" rief der Bogenschütze. "Der nächste Pfeil geht direkt in deine Kehle."

Richter Di erkannte mit einem Blick, dass die Lage für sie so gut wie hoffnungslos war. Jetzt verwünschte er sich dafür, dass er das Militärgeleit abgelehnt hatte.

Aus: Robert van Gulik: Geisterspuk in Peng-lai

 

So beginnt eine wunderbare Freundschaft aus einer großratigen Reihe historischer Kriminalromane: Robert van Guliks Richter Di-Reihe. Der Richter heißt mit vollem Namen Di Jen-dsiä und ist Bezirksrichter im alten China (genauer gesagt: im späten 7. Jh.), also der unterste Rang der kaiserlichen Zivilverwaltung. Zusammen mit seinen zunächst drei, später vier Gehilfen löst er die verschiedensten Fälle. Von kleinen Betrügereien bis hin zu weitreichenden Verschwörungen ist alles dabei: Mal muss er wie Holmes die Fakten mit scharfer Beobachtungsgabe und Analyse eruieren, mal muss er eher wie Sam Spade die üblichen Verdächtigen abklappern und etwas Druck ausüben, um die Täter dingfest zu machen.

Die Reihe beginnt mit Geisterspuk in Peng-lai, Richter Dis erstem Fall – oder genauer gesagt, ersten drei Fällen. Denn in der klassischen chinesischen Literatur ist es üblich, dass der Ermittler drei Fälle zugleich bearbeitet. Diese Eigenart hat van Gulik für seine Reihe übernommen; mal lösen die Fälle einander ab, mal laufen sie nebeneinander her, mal sind sie miteinander verquickt. In Geisterspuk in Peng-lai bekommt der Richter es mit sehr mysteriösen Vorgängen zu tun: Sein Vorgänger, Richter Wang, wurde ermordet und es scheint, als spukt er nun im Gerichtsgebäude – kein Wunder, dass die Gerichtsdiener sich seltsam verhallten. Dennoch ist es mit dem ersten Gerichtsschreiber Fan anscheinend noch schlimmer – warum? Dann treibt ein Tiger in der Gegend sein Unwesen und schließlich ist die Braut eines Notablen verschwunden. Ob irgendetwas davon mit den Gerüchten, es würden Waffen an die gerade besiegten Koreaner geschmuggelt, zusammenhängt? Richter Di hat einiges zu ermitteln.

 

An zwei der dieser drei Fälle nutzt van Gulik einen Kniff, der mir im Zusammenhang mit historischen Geschichten besonders gut gefällt – er verwendet Stilmittel der todorovschen Phantastik.

Historische Geschichten spielen in den allermeisten Fällen in einer Zeit vor dem Sieg der Rationalität: Die Menschen glaubten an Geister, Feenwesen, göttliches Wirken und die verschiedensten Arten von Zauberei. Es gibt nun grundsätzlich drei Arten, wie man mit diesem Umstand umgehen kann.

 

1. Alles ist wahr. Die Figuren können wahrhaftig Magie erleben, Geister können Mörder sein und Wahrsager unauffindbare Spuren entdecken. Wenn der Autor diesen Weg wählt, dann wird er möglicherweise dem Denken der beschriebenen Zeit gerecht, allerdings kaum dem eigenen, denn nur die wenigsten Leser werden glauben, dass der Inquisitor Konrad von Marburg die Deutschen vor bösartigen Magierinnen bewahrte. Der moderne Leser wird die Geschichte weniger für einen historischen Roman, als viel mehr für eine Art Fantasy-Geschichte halten.

 

2. Alles ist Aberglaube. Zwar mag es so scheinen, als wenn Geister und Hexen ihr Unwesen trieben, doch früher oder später wird klar, dass es sich bei dem Phänomen um Illusionen, betrügerische Täuschungen oder schlicht und einfach Sinnestäuschungen handelt. Das wird zwar dem Denken des modernen Lesers gerecht, aber nicht dem der Figuren. Zumeist beschleicht mich dann das Gefühl, hier würde ein moderner Mensch in einem historischen Kostüm stecken. Egal, wie akkurat die Lebensbedingungen recherchiert und dargestellt werden, wenn die Mentalität der Menschen nicht getroffen wird, dann ist es nicht wirklich ein historischer Roman; meistenteils wird dem entgegen gewirkt, indem die Frage nach dem Übernatürlichen ausgeblendet wird, was bedauerlich ist, weil es nur die halbe Wahrheit ist.

 

3. Man weiß es nicht. Ist der Geist wirklich ein Geist – oder bloß eine Sinnestäuschung? Es bleibt in letzter Instanz offen. So können die Figuren vom Übernatürlichen überzeugt sein, ohne wie Trottel zu wirken und der Leser kann – clever, wie er dank der humanistischen Bildung ist – auf eine rein natürliche Lösung vertrauen. Oder eben die Offenheit genießen. Der dritten Lösung widmete der bulgarische Literaturwissenschaftler Tzvetan Todorov eine nach wie vor bedeutsame Untersuchung. Darum nenne ich diese Art von Phantastik "todorovsche Phantastik".

 

Diesen Weg beschreitet van Gulik. Zwar wird am Ende viel Übernatürliches als Mummenschanz entlarvt, doch es bleiben ein paar Restzweifel: Die Morde, die dem Tiger zugeschrieben werden, wurden von einem geisteskranken Mann begangen. War er wirklich bloß geisteskrank oder war er doch von einem bösen Tiger-Geist besessen und wurde so zum Wertiger? Beide Lösungen stehen gleichberechtigt nebeneinander.

 

Zwar halte ich die dritte Lösung für die ideale, doch alle drei Lösungen rücken die historischen Geschichten zumindest in die Nähe der Fantasy, sofern das Übernatürliche überhaupt eine Rolle spielt. Selbst, wenn sich am Ende alles als fauler Zauber erweist wie in Wolfgang Hohlbeins Der Inquisitor. Aber es gibt darüber hinaus weitere Aspekte, in denen historischer Roman und Fantasy einander ähneln. Das materielle Setting braucht man kaum zu erwähnen – die meisten historischen Romane spielen im europäischen Mittelalter, die meisten Fantasy-Romane verwenden ein Setting, dass deutlich vom europäischen Mittelalter inspiriert wurde. Wenn man so will: Die Bühnenbilder sind weitgehend austauschbar.

 

Auch die Figuren selbst ähneln sich überwiegend sehr: Tapfere Ritter, schöne Hofdamen, adlige Intriganten, offenherzige Schankmaiden, Bettler, Gaukler, Landsknechte – man findet sie in beiderlei Literatur. Auch Hexen und Hofmagier treten in beiderlei Geschichten auf, bei denen unterscheiden sich die Handlungsoptionen aber am Stärksten. Während ein Söldner stets sein Schwert oder sonstiges Mordswerkzeug schwingt, können Magier in historischen Geschichten entweder nur scheinbare oder geringfügige Veränderungen erwirken – je mächtiger der Magier, desto banaler ist seine Macht – in Fantasy-Geschichten aber können sie ganze Kontinente vernichten. Tun sie meistens aber nicht. Üblicherweise wirken sie nur geringfügige Veränderungen. Ganz wie ihre 'historischen' Kollegen.

Daraus resultieren natürlich auch im konkreten Ablauf von gewissen Plots erhebliche Ähnlichkeiten. Liebesgeschichten – die sich im historischen Roman besonderer Beliebtheit erfreuen – laufen oftmals sehr ähnlich ab. Sehr große Gemeinsamkeiten gibt es auch zwischen Geschichten mit Hofintrigen – ob die Ritter nun (zumeist off-scene) Dunkelelfen oder Sarazenen erschlagen, ist für den Plot egal, und da die Möglichkeiten für die Akteure meist dieselben sind, werden in der konkreten Szene heimlich Geheimnisse erlauscht, heimtückisch bei dem großen Fest ein Gerücht gestreut und schließlich mit Schwertern gefochten.

Vielleicht sehen die Schurken bizarrer aus, weil sie Dämonen sind, vielleicht ist der Pfeil des Elfen treffsicherer als der Robin Hoods, doch am Ende sind die Unterschiede vielfach nur kosmetisch. (Wobei, das sei angemerkt, es auch genügend Fantasy-Geschichten gibt, die nicht mehr mit wenigen Veränderungen zum historischen Roman gemacht werden können – als Beispiele seien hier Michael Endes Unendliche Geschichte oder Lord Dunsanys Die Königstochter aus Elfenland genannt.)

 

Besonders interessante Ähnlichkeiten bestehen meines Erachtens zwischen dem historischen Krimi und der Sword & Sorcery.

Der Krimi steht im Ruche, reine 'Unterhaltungsliteratur' zu sein. Das hängt damit zusammen, dass hier in erster Linie auf klassische Spannungsquellen gesetzt wird – es gibt einen (mehr oder minder) Guten – meistens den Ermittler – der einen (mehr oder minder) Bösen – üblicherweise einen Verbrecher, gerne einen Mörder – zu stellen versucht. Dabei kommt es neben Dialogen zu Verfolgungsjagden, Schlägereien und sonstigen physischen Konfliktlösungen. Kurzum: Der gewöhnliche Krimi nutzt einen Handlungs- und keinen Charakterplot. Hard-boiled Detektivgeschichten und Thriller passen hier zwar besonders gut. Netterweise passt auch der historische Krimi hier häufig besonders gut – auch wenn es Ausnahmen gibt – die Bruder Cadfael-Reihe von Ellis Peters nutzt die üblichen Action-Szenen nur gelegentlich; nichtsdestoweniger sind es klare Handlungsplots. Die Richter Di-Romane treffen hier wieder ganz gut: Ma Jung und Tschiau Tai, zwei ehemalige Straßenräuber, die der Richter als besondere Ermittlungsbeamte gewinnen konnte, müssen oft genug Schurken beschatten, überwältigen oder sich gegen ebensolche mit Waffengewalt erwehren.

Die Sword & Sorcery befasst sich gerne mit ähnlichen Niederungen, wenn auch eher auf der anderen Seite des Gesetzes: Conan ist nicht nur Söldner, sondern auch Dieb, bei Fafhrd und dem Grauen Mausling sieht es nicht anders aus. Auch in der Sword & Sorcery wechseln sich kleinliche Schäbigkeit und magnifizente Grandezza ab – mal rollen Köpfe für eine Handvoll Goldmünzen, mal geht es um den größten Rubin der Welt. Zwar strolchen die Spitzbuben mit gewisser Regelmäßigkeit in einsamen Gegenden herum, um alte Schätze zu heben, doch es zieht sie immer wieder zu den Menschen, in die Städte, um den frisch erworbenen Reichtum beim Saufen mit Glücksspiel und Huren zu verprassen. Ich schätze, Ma Jung und Tschiau Tai würden sich köstlich beim Würfelspiel und einem Becher Wein vor dem Besuch eines Blumenbootes mit Fafhrd und dem Mausling amüsieren können – bis die wackeren Sonderermittler feststellen, dass die beiden Herumtreiber die Frauen einiger Notabeln verführt und den Goldbuddha aus dem Tempel gestohlen haben.

Schließlich ist noch das eher geringe Magie-Nieveau in der klassischen Sword & Sorcery zu vermerken. Sicherlich müssen sich die Knechte Shilbas und Ningaubels selbst mit den Göttern streiten, doch andererseits verschlägt es die besten Diebe Lankhmars sogar ins antike Syrien – und in Conans Hyboria ist der Hexenmeister oft ein besserer Taschenspieler als Hexer.

 

Also, wer Fantasy mit einem niedrigen Magie-Niveau mag und experimentierfreudig ist, kann es gut einmal mit historischen Romanen, besonders Krimis versuchen; vielleicht wird sich der geneigte Leser zusammen mit Richter Di, Ma Jung und den anderen auf die Spur von Fuchsgeistern, uigurischen Hexen und gedungenen Mördern setzen – auch im alten China sind zahllose Abenteuer zu bestehen.

 

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Eure Meinung:

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Robert van Gulik

Robert Hans van Gulik (1910-1967) führte ein bewegtes Leben. Der Niederländer wuchs in Indonesien auf, wo er neben anderen ostasiatischen Sprachen begann Chinesisch zu lernen. Zurück in Europa erlernte er neben klassischen Sprachen wie Griechisch und Latein moderne west- und osteuropäische Sprachen, von Englisch und Französisch über Deutsch hin zum Russisch. In jener Zeit bezahlte er einen chinesischen Privatlehrer von seinem Taschengeld. Wenig überraschend, dass er diese Beschäftigung in einem Studium der Literaturwissenschaft vertiefte. Später war er als Diplomat und zuletzt Botschafter vor allem im ostasiatischen Raum tätig. Die Erkrankung an einem Lungenkrebs setzte Karriere und Leben jedoch ein frühes Ende.

Seine Faszination von der chinesischen Kultur lebt in den Richter Di-Romanen fort.

Richter Di

Richter Di ist nicht nur eine Romanfigur, er ist auch eine historische Persönlichkeit. Di Renjie (630-700 n. Chr.) war tatsächlich ein Beamter der Tang-Dynastie - er war also einige Jahre als Richter tätig. Sein Kampf gegen Staatskorruption, der seinen Höhepunkt in der Auseinandersetzung mit der Kaiserin Wu Zetian hatte, fand einen Nachhall in der chinseischen Literatur, in der sein Scharfsinn, seine Weisheit und sein Gerechtigkeitssinn modellhaft gelobt werden.

Historische Romane:

Als historische Romane gelten üblicherweise Geschichten, die ein realistisches Setting verwenden, dass vor der Geburt des Autors liegt. Die Zeitspanne reicht (momentan) also von der Steinzeit bis ins 20. Jh. Am beliebtesten sind allerdings Romane, die im Mittelalter spielen.

Wer jetzt nach historischen Krimis sucht, mag Anregungen in dieser kleinen Liste der Mediavistin Ina Lommatzsch suchen.


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Erstellt: 12.04.2010, zuletzt aktualisiert: 16.05.2019 13:31