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Exiles

Reihe: Marvel Monster Edition Bd. 14

Rezension von Christian Endres

 

 

Bevor wir uns in die reißenden Mahlströme der Zeit stürzen, zunächst einmal der Teaser zum ersten Monsterband mit Marvels Exiles von der Verlagshomepage:

 

Eine andere Zeit – an einem anderen Ort. Die Exiles: Sechs X-Men aus verschiedenen Realitäten. Blink aus Age of Apocalypse! Nocturne, Tochter von Nightcrawler und Scarlet Witch! Magnus, Sohn von Magneto und Rogue! Morph, aus X-Men Animated! Thunderbird und Mimic aus fremden Universen! Ihre Aufgabe: Fehler der Geschichte zu bereinigen, oder bei diesem Versuch zu sterben. Ihre Gegner: Xavier, Dark Phoenix, Galactus und der Hulk. Grandios in Szene gesetzt von Pulitzer-Kandidat Judd Winick und Mike McKone. Mission Impossible trifft Quantum Leap. Alles ist möglich ... nur nicht verpassen!

 

Die Zeit besitzt ihr eigenes Wesen. Gerät sie aus den sprichwörtlichen Fugen oder läuft sie Gefahr, dass sich in ihrem komplexen Gewirr aus Alternativ- und Parallelwelten ein Knoten bildet, setzt sie – zumindest im Marvel Universum – auch schon mal ihre zeitlose Macht ein und reißt kurzerhand einzelne Individuen rücksichtslos aus ihren Zeitströmen, um diese zwangsrekrutierten Helden in der Folge zu einer schlagkräftigen Einsatz-Truppe zusammenzuwürfeln. Dieses kunterbunte Zeitreise-Ensemble muss fortan im Auftrag der Zeit in den einzelnen Welten und Universen diverse Korrekturen vornehmen, damit alles wieder so läuft, wie die liebe Zeit sich das vorstellt. Die Gruppe der aus ihren Universen gerissenen Mutanten sind also klassische Exilanten, bis zu ihrer Rückkehr Vergessene ihrer Zeit und Kämpfer für eben diese Rückkehr. Mehr noch: Sie sind die Exiles ...

 

Auf den ersten Blick, ja auch auf den ersten Seiten des Monsterbandes, sieht das alles recht ungewohnt und noch etwas befremdlich aus, was Autor Judd Winick uns zum Auftakt seiner X-Serie bietet: Genauso wie die Helden wird man einfach so in das Abenteuer geworfen und findet sich in der Leere der Wüste wieder, ehe man ein paar karge Brocken an Informationen zugeworfen bekommt und es danach auch schon direkt los geht mit der ersten Mission für die bunt aus allen Dimensionen, Parallelwelten, Universen und Zeitströmen zusammen gewürfelte Mutantentruppe, deren Mitglieder erst dann wieder in ihre eigenen Welten und Zeiten – und damit Leben – zurück dürfen, wenn sie eine noch unbestimmte Anzahl anderer alternativer Zeitströme so manipuliert oder korrigiert haben, wie die Zeit das möchte.

 

Diese Ausgangssituation der X-Serie ist alles andere als konventionell, doch sind die Faszination des Gedankenspiels und vor allem dessen spätere Umsetzung so gelungen, dass man etwaiges Verwirr-Potential der Kontinuität oder Plausibilität gerne außen vor lässt und sich bereitwillig von der Geschichte dieses extravaganten, kraftvollen Superhelden-Comics mit seinen starken Charakteren mitreißen lässt. Kurzum: die Exiles rocken! Winick macht einen tollen Job: Er hat grandiose Figuren, echte Comic-Persönlichkeiten, geschaffen, indem er Anleihen an der klassischen Marvel History nimmt, aber auch genügend eigene Ideen und Variationen in Design und Charakteristik der Figuren einbringt. Man fiebert und leidet und kämpft und lacht und grübelt nur allzu gerne mit dieser Mutantengruppe, während innerhalb dieser sogar zarte Liebesbande geknüpft und zuweilen auch tragische Abschiede genommen werden. Und nachdem man die ersten zehn Hefte der Serie im Monsterband gelesen hat, erkennt man schließlich beeindruckt und zufrieden, wie sehr Blink, Morph, Thunderbird und die anderen einem ans Herz gewachsen sind.

 

Dialoge, Humor, Action – zum Auftakt der Exiles kommt jeder auf seine Kosten, wobei natürlich vor allem das wahnsinnig innovative Konzept überzeugt, das erfreulicherweise zeigt, dass selbst das fünfzig Jahre alte Marvel-Universum noch Überraschungen bereit hält und tolle, packende Abenteuer abseits der ausgetretenen Pfade zu erzählen weiß. Einer der wenigen Kritikpunkte an Winicks ersten Heften, die es in diesem Monsterband zu bestaunen gibt, ist für mich dann eigentlich auch nur das schnelle Ausscheiden von Magnus, das man etwas hätte hinaus zögern sollen, um eine stärkere Bindung zur Figur zu schaffen – sein schneller Ausstieg dürfte wohl damit zusammen hängen, dass Winick erkannt hat, dass er hier einen zu mächtigen Mutanten geschaffen hat, welcher der Serie auf Dauer mehr schaden denn nutzen würde. Allerdings wäre es vielleicht ganz sinnvoll gewesen, Magnus noch eine Portion Größenwahn in Bezug auf den Posten als Anführer der Exiles ausleben zu lassen, ehe man ihn zum tragischen Helden der außergewöhnlichen Mutantentruppe werden lässt...

 

Außergewöhnlich ist auch die Traumepisode ohne Worte aus dem schweigsamen nuff said-Monat bei Marvel USA (Februar 2002), die zwar als charmantes Einzelabenteuer überzeugt, aber nicht ganz in den Kontext des restlichen Sammelbandes und dessen homogenen Abfolge an eher actionreichen, spritzigen und Dialog lastigen Einzelheften passt. Dessen ungeachtet hat auch diese im wahrsten Sinne des Wortes ruhige Geschichte ihre brillanten und gefühlvollen Momente, entwickelt die Charaktere buchstäblich über Nacht weiter und stellt neben den Sehnsüchten der Exiles eben eine gänzlich andere Art des Storytellings zur Schau – womit sie letztlich trotzdem wieder haargenau zum innovativen Tenor des Bandes passt und unterstreicht, dass Winick sein Handwerk wirklich versteht.

 

Das Artwork von Mike McKone passt ebenfalls bestens zu dieser frischen Serie, auch wenn die brillante Farbgebung auf dem rauen Papier der deutschen Monsterbände nicht ganz so zur Geltung kommt, wie man es sich vielleicht wünscht. Davon einmal abgesehen, weiß McKones Zeichenstil ebenso zu gefallen wie Winicks Erzählweise: Beide gehen mit einer Leichtigkeit und spannungsvollen Dynamik zu Werke, die sich in jedem Panel, jeder Einstellung und jedem Kapitel dieses Comic-Sammelbandes der Extraklasse wieder spiegelt.

 

Es macht einfach Spaß, den Exiles durch die mal mehr, mal weniger stark variierenden Zeiten und Welten zu folgen. Besonders interessant wird es natürlich immer dann, wenn die Exilanten auf Bekannte oder gar Verwandte aus ihrer Zeit treffen und diese schmerzlich nahe am ihnen bekannten Original sind – oder eben schmerzhaft weit von diesem entfernt. In solchen Fällen geht es oftmals sehr gefühlvoll zu, aber eben auch ziemlich actionreich. Winicks alternative Interpretationen von Professor X, Dark Phoenix, Reed Richards, dem Hulk, Alpha Flight, Peter Parker, Galactus oder Captain America sind ein nettes und in der Regel sehr gut inszeniertes Aha!-Erlebnis für jeden halbwegs sattelfesten Marvel-Fan.

 

Fazit: Der erste deutsche Exiles-Monsterband enthält die US-Hefte #1 bis #10 aus dem Jahr 2002 und gibt sich trotz seines Umfangs von satten 252 Seiten ungemein lesefreundlich. Mittlerweile steht die US-Serie bei der #98 und wird vom legendären Chris Claremont geschrieben, während dieser Tage das 15. (!) Trade erscheinen wird. Laut Steve Kups von PaniniComics könnte es, wenn der Civil War und Planet Hulk ausgestanden sind, 2008 auch hierzulande endlich mit einem zweiten Exiles-Monsterband weiter gehen.

 

Diese Serie mit ihrem großartigen Konzept und ihren tollen Charakteren euphorisiert. Man möchte am liebsten einen Zeitsprung in eine alternative Welt wagen, wo es den zweiten, dritten, vierten und fünften Monsterband mit den folgenden Abenteuern dieser außergewöhnlichen Truppe bereits zu kaufen gibt. Eine wahnsinnig innovative Comic Serie aus dem Haus der Ideen, die trotz aller Mainstream-Allüren großartig abseits des ab und an etwas überstrapazierten Schemas zu unterhalten weiß.

 

Konzept, Story, Artwork – hier stimmt einfach alles. Eine der besten Marvel-Serien der letzten zehn Jahre und vielleicht die derzeit beste X-Serie überhaupt.

 

Unbedingt zugreifen!

 

 

 

 

 

Eure Meinung:


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Comic:

Exiles

Marvel Monster Editon Bd. 14

Autor: Judd Winick

Zeichner: Mike McKone

Verlag: Panini

Format: Softcover

Sprache: Deutsch

Anzahl Seiten: 252

Preis: 24,95

erhältlich bei Panini


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Erstellt: 15.05.2007, zuletzt aktualisiert: 20.08.2019 17:15