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Exodus 38

Rezension von Ralf Steinberg

 

Rezension:

In ihrem Editorial zur 38. Ausgabe des Exodus-Magazins weisen René Moreau und Heinz Wipperfürth auf den Motor der Veränderung hin, der heute noch in der Science-Fiction erhalten bleibt, »in neue Welten führt und die alten hinter sich lässt.« Als anregende und literarische Beispiel sollen hierfür die enthaltenen Texte dienen, die übrigens bis auf einen politischen Kommentar von Heidrun Jänchen und dem Textanteil von Angela Steinmüller alle von Männern stammen.

 

Norbert Stöbe eröffnet den Storyteil mit Der Wächter.

 

Roboter beherrschen die Welt. Da findet man im Asteroidengürtel einen so seltsamen Datenstick, dass man hierfür einen echten Mensch heranzieht. In ihm schlummert das Potential, die Bots loszuwerden …

 

Die Geschichte enthält leider nicht mehr als eine Ideenskizze, was irgendwie Stas Rosin mit seiner Illustration hervorragend zum Ausdruck bringt.

 

 

Frank Neugebauer widmet sich danach der Auferstehung des Fleisches.

 

Er erzählt eine Geschichte mit zwei Handlungssträngen. In der einen sind wir in einer fernen Zukunft. Ein Dorf fristet ein karges Leben und plündert die Reste der längst untergegangen Zivilisation.

Im anderen Handlungsstrang versucht der Vertreter einer Firma für künstliches Fleisch, das große Geschäft zu machen.

 

Die Story entwickelt religiöse Tendenzen und geht den zugrundeliegenden heutigen Problemen nicht auf den Grund, sondern schürt neue Ängste. Damit wendet sich Neugebauer eher dem Horror als der Science-Fiction zu.

Jan Hoffmann ergänzt die Story mit eher konventionellen Illustrationen.

 

 

Uwe Post geht mit Die Borussia-Eskalation auf Nummer sicher. Fußball und Satire gehen immer. Sein gewohnt spritzige Zukunftssatire auf das Fußballfantum macht Spaß und will vielleicht sogar für eine neue Art der Konfliktbewältigung werben.

Thomas Hofmann stellt in seiner Illustration eher den Horror des Krieges heraus, der sich vom Fußballfeld auf Dämonenschwingen ins Universum hinaus erhebt.

 

 

In Thomas Kolbes Greifen Sie zu! will ein Xenolinguist außerirdische Schriftartefakte untersuchen und landet in einer Welt, deren Pflanzen eine Menge sehr tödlicher Tricks auf Lager haben.

 

Die tödliche Flora ist zwar kein neues Thema, aber Thomas Kolbe erfindet noch ein bis zwei recht fiese Pflänzlein. Der Schlussgag hingegen zündet nicht so richtig, zumal er auch inhaltlich nicht zur Forschungstätigkeit eines Linguisten passt.

Die Zeichnungen von Hubert Schweizer illustrieren die Geschichte eher konservativ und seltsam statisch.

 

 

Begegnung im Terminal oder Das dritte Photon von Angela und Karlheinz Steinmüller lässt erkennen, wie sich gewisse Reiseaktivitäten von Zukunftsforschern als Inspiration verwenden lassen.

 

Die locker erzählte Flughafenbegegnungsgeschichte kreist um die Idee, das Universum schlägt zurück, wenn jemand versucht, seine Gesetze zu brechen.

Letztlich werden aber zu viele Details ins Rennen geschickt und die eigentliche Science-Fiction-Idee wird etwas zu kurz behandelt, was Grafikkünstler Lothar Bauer nicht davon abhielt, eine beeindruckend kraftvolle Illustration zu erschaffen.

 

 

Christian Endres umgeht das Problem der technischen Glaubwürdigkeit in Mundtot ganz raffiniert, indem er seine Hauptfigur selbst berichten lässt.

So entsteht eine stilsicher vorgetragene Hacker-Legende, in der ein altruistischer Supernerd das System besiegt.

Meike Schultchens Illustration unterstreicht den subjektiven Charakter der Geschichte.

 

 

Im Mittel- und Höhepunkt des Heftes befindet sich die Bildergalerie mit Werken von Michael Marrak. Seit Jahrzehnten erschafft der Künstler nicht nur großartige Illustrationen und Cover, seine fantasievolle Imagination schlägt sich auch in einer ganzen Reihe bezaubernder Geschichten nieder. Udo Klotz würdigt diese Leistungen in seinem Artikel Michael Marrak. Erzählende Bilder und bildgewaltige Erzählungen.

Udo Klotz liefert hier eine beeindruckende Übung darin, Leidenschaft in trockene Worte zu packen, voller Informationen und Interpretationen – definitiv ein guter Grund, diese »Exodus«-Ausgabe zu kaufen.

 

 

Mitherausgeber Olaf Kemmler steuerte mit Wie man Liebe sichtbar macht eine eher ideengetriebene Story bei.

 

Ein liebeskranker Informatikstudent versucht, mithilfe einer spröden Kommilitonin und einer nigelnagelneuen KI herauszufinden, ob sich aus dem Verhalten der Menschen zueinander, Rückschlüsse auf ihre tatsächlichen Gefühle ziehen, also berechnen lassen.

 

Zwar bemüht sich Olaf Kemmler darum, eine wissenschaftliche Basis für die Ereignisse aufzubauen, der KI-Teil selbst klingt aber wie Magie. Auch das erwartbare Ende überrascht nicht. Dafür aber gelingen sixtinine design sehr psychedelisch, fetzige Illustrationen.

 

 

Eine zweite Das-Universum-schlägt-zurück-Geschichte liefert Wolf Welling mit Osmose.

 

Nach einer Explosion in seinem Forschungslabor erlebt ein Professor für Quantenphysik verstörende Formen der Ignoranz, bis er überhaupt nicht mehr wahrgenommen wird.

 

Intensiver erzählt als die Geschichte der Steinmüller, fehlen hier Erklärungen für das Phänomen. Auf der einen Seite ist es schön, eine sehr emphatische Story zu lesen, aber auf der anderen Seite wird ein wissenschaftlicher Hintergrund aufgebaut und dann nicht intensiviert. Gelungen ist die typographische Unterstützung des Verschwindens.

Jan Hillens Illustration verjüngt den Professor und stellt ihn in einer eher makaber-witzigen Szene dar.

 

 

Herbert W. Franke schließt sich an mit Das tellurische Kabinett, welches als Inspiration das gleichnamige Gemälde von Lutz R. Ketscher benennt, das auch mit abgedruckt wurde.

 

Der einfühlsame Text über den neuen Job eines alternden Schauspielers verbindet technische Möglichkeiten mit denkbarem Grauen.

 

 

In der Übersetzung von Horst Pukallus beschließt Adrian J. Walker den Storyteil.

 

Der Käfig handelt vom Transport eines seltsamen Massenmörders kurz nach dem US-amerikanischen Bürgerkrieg zu seiner Hinrichtungsstätte.

 

Die Story ist im wesentlichen ein stilistisch starker, sehr fesselnder phantastischer Western, kongenial illustriert vom Comic-Künstler Michael Vogt. Leider spielt der SF-Teil keine wirkliche Rolle in der Geschichte.

 

Die Lyriksektion wird von Christian Morgenstern und Bernd Karwath. Karwaths Prähistorischer Wald ist ein sehr gutes, stimmungsvolles Gedicht, dass der Exodus-Ausgabe einen düster-poetischen Schimmer verleiht, der sich wunderbar in den Bildern Michel Marraks spiegelt.

 

Eine sichere Bank sind die beiden KuFoMIKS-Seiten von Kostas Koufogiorgos, der seine Karikaturen mit spitzer Zeichenfeder in die Wunden unserer Zeitebene materialisieren lässt.

 

Dirk Alt nutzte eine Absage der Exodus-Redaktion für eine seiner Geschichten kreativ. In seinem Artikel Wie politisch ist die Deutsche Science-Fiction? befragte er Andreas Brandhorst, Frank Hebben, Thorsten Küper, Wolf Welling, Michael K. Iwoleit, Thomas Franke, Frank Neugebauer, Dirk van den Boom und Uwe Post zu dieser Thematik. Der Großteil der Standpunkte sind keine Überraschungen, soweit man die Autoren und ihre Meinungen kennt.

Nach der Galerie stellt dieser hochinteressante Artikel das eigentliche Highlight der Ausgabe dar. Abgesehen vom unverständlichen Fehlen weiblicher Stimmen ist dieser Diskurs begrüßenswert.

 

Vielleicht um das Provokationspotential zu erhöhen, stellt Arlt im Anschluss daran zwei Meinungen zur Migration gegenüber. Heidrun Jänchen geht dabei von einer sehr emotionalen persönlichen Erfahrung aus, während Frank W. Haubold rechtspopulistische Thesen und Verschwörungstheorien wiederholt.

 

Es ist wichtig, dass »Exodus« die politische Diskussion im Fandom zum Thema macht. Und natürlich kann man auch bekennende Verschwörungstheoriefans zu Wort kommen lassen. Immerhin gibt es mit einem humanistischen Text von Heidrun Jänchen ein kraftvolles KONTRA zu Haubolds milliardenschweren Existenzängsten.

 

Fazit:

»Exodus 38« ist ein bunt gemischtes Heft, das leider eher nicht durch herausragende Storys glänzt, sondern durch seine Bilder und Illustrationen sowie einer provokant geführten Debatte zur Politik in der SF und im Fandom.

An einigen Texten hätte man besser noch gearbeitet. Der Eindruck entsteht, dass hier beim Schreiben viel zu oft eine schnelle Beendigung und Abgabe Ziel ist und nicht die gründliche Beschäftigung mit der inspirierenden Thematik.

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Eure Meinung:

Ralf, 14.11.2018, 18:49:
Na, zum Glück steht’s ja nachlesbar in dieser Exodus-Ausgabe.
So kann sich jede und jeder über Deinem Text eine eigene Meinung bilden.
Was Du da schreibst, gibt genügend Auskunft über Dich.
Frank, 14.11.2018, 08:11:
Wenn man jemandem das Verbreiten von Verschwörungstheorien unterstellt, dann sollte man das auch belegen können. Anderenfalls handelt es sich um eine diffamierende Unterstellung.
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Magazin:

Exodus 38

Herausgeber: René Moreau, Olaf Kemmler und Fabian Tomaschek

Cover: Michael Marrak

Illustrationen: Meike Schultchen, Lothar Bauer, Jan Hillen, Jan Hoffmann, Thomas Hofmann, Lutz R. Ketscher, Stas Rosin, Hubert Schweitzer, sixtinine design und Michael Vogt

Galerie: Michael Marrak

Comic: Kostas Koufogiorgos

September 2018

Großformat, 106 Seiten

 

ISSN: 1860-675X

 

Erhältlich bei: www.exodusmagazin.de

Inhalt:

  • Norbert Stöbe: Der Wächter
  • Frank Neugebauer: Auferstehung des Fleisches
  • Uwe Post: Die Borussia-Eskalation
  • Christian Morgenstern: Das große Lalula
  • Thomas Kolbe: Greifen Sie zu!
  • Angela und Karlheinz Steinmüller: Begegnung im Terminal oder Das dritte Photon
  • Christian Endres: Mundtot
  • Olaf Kemmler: Wie man Liebe sichtbar macht
  • Udo Klotz: Michael Marrak. Erzählende Bilder und bildgewaltige Erzählungen
  • Wolf Welling: Osmose
  • Herbert W. Franke: Das tellurische Kabinett
  • Adrian J. Walker: Der Käfig
  • Bernd Karwath: Prähistorischer Wald
  • Dirk Alt: Wie politisch ist die deutsche Science-Fiction?

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Erstellt: 08.11.2018, zuletzt aktualisiert: 08.11.2018 19:02