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Experiment des Grauens

Andrax Werkausgabe Bd. 1

Rezension von Christian Endres

 

Gesamt- und Werkausgaben haben derzeit auf dem deutschen Comic-Markt Hochkonjunktur. Und auch wenn man eine Serie wie Kaukas Eigengewächs Andrax eher beim Verlag des kürzlich verstorbenen Norbert Hethke erwartet, hat die Serie doch nun tatsächlich bei Szenepublisher Cross Cult eine neue verlegerische Heimat gefunden. Dort wiederum mutet die neu bearbeitete Edel-Werkausgabe des Primo/Zack-Helden Andrax aufgrund seiner trashigen Anmutung durchaus etwas seltsam an, reiht er sich im Portfolio des ambitionierten Verlages doch gewissermaßen zwischen Hellboy, Sin City und bald auch anspruchsvollen Moebius-Stoffen ein.

 

Davon abgesehen, entpuppt Andrax sich recht schnell als unglaublich pulpige Verquickung von Fantasy und Science Fiction, in der die Stereotypen der Genres fröhlich durchgemixt werden oder gar hart wie Granit erhalten bleiben. Nachdem der mit drei Goldmedaillen behangene Zehnkämpfer und Olympionike Michael Rush durch ein Experiment im Jahr 1976 in Tiefschlaf versetzt wird und erst 2000 Jahre später wieder erwacht, entfaltet sich ein feucht-fröhlicher Mischmasch der phantastischen Genres und deren nicht immer sonderlich innovativen Vergangenheit: Zeitreisen, archaische oder barbarische Welten mit einer ordentlichen Portion Endzeitstimmung, schöne, aber gefährliche Frauen, starke Krieger, Seeungeheuer, Flugdinosaurier, Riesenratten, UFOs, Unsterbliche, Roboter, verlassene oder dekadente Utopien, degenerierte Untergrundkulturen, Raubritter, Graf Dracula persönlich, ...

 

Letztlich wirkt es alles wie eine leicht pubertäre Mischung aus pulpiger Heroic-Fantasy der 1960er und Stoffen wie Mad Max oder Flash Gordon – allerdings im gnadenlosen und offenkundig primär auf Action getrimmten Schnelldurchlauf, bestenfalls garniert mit der einen oder anderen zündenden Idee eines findigen Heftroman-Autors der 1970er oder 1980er. Das muss nicht zwingend schlecht sein, und das hat auch seinen ganz eigenen Charme und Reiz und erst Recht Fandom, sicher – aber handwerkliche Mängel lassen sich trotz allem nicht leugnen.

 

So sind die Texte trotz Bearbeitung durch Andrax-Wegbereiter Peter Wiechmann oftmals bemüht und eher holprig und hölzern, die Dialoge in der Folge ebenfalls nicht sonderlich spritzig oder frisch, und eine Grundlage für tiefreichende Charakterisierungen oder komplexe Subhandlungen bietet das simple Handlungsgerüst nun auch nicht gerade. Dafür aber abwechslungsreiche, wenn auch durch und durch trashige Settings und Hintergründe en masse. Diese wiederum wurden vom spanischen Allroundtalent Jodi Bernet großartig in Szene gesetzt, ja mehr noch: Bernets markiges Schwarzweiß-Artwork entpuppt sich am Ende als eigentlicher Gewinn dieser Gesamtausgabe und verpasst der oftmals antiquierten, überholten oder gar naiven Story tatsächlich einen halbwegs zeitlosen, mit Sicherheit aber stets ordentlichen und ansprechenden Look.

 

Vielleicht ist die Werkausgabe von Andrax samt des ersten Bandes “Experiment des Grauens“ am Ende tatsächlich vor allem als Experiment zu sehen: Dahingehend, wie sich sichtlich angestaubtes und restauriertes Kauka-Material abseits von Fix und Foxi heute noch auf dem Markt positionieren lässt; und freilich auch dahingehend, wie kaufkräftig die im Internet und den dortigen Foren stets so präsente und lautstarke Anhängerschaft von Andrax, Captain Terror und Co. tatsächlich noch ist.

 

 

Eure Meinung:


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Comic:

Experiment des Grauens

Reihe: Andrax Bd. 1

Text: Peter Wiechmann

Zeichnungen: Jodi Bernett

Cross Cult, Oktober 2007

160 Seiten, Hardcover, A5

ISBN: 3936480753

Erhältlich bei Amazon


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Erstellt: 11.10.2007, zuletzt aktualisiert: 07.04.2019 17:49