Passend zum neuesten MCU-Kinofilm bringt Panini einen weiteren fetten Sammelband heraus. Die Fantastic Four Anthologie Marvels Superheldenfamilie enthält insgesamt zwölf Storys aus fünf Jahrzehnten des bekannten Vierergespanns.
Aber das ist längst nicht alles. Zusätzlich zu den Geschichten gibt es Hintergrundartikel sowie erläuternde Texte von Thomas Witzler. In ihnen zeichnet der nicht nur kenntnisreich die wechselhafte Geschichte der Fantastic Four nach, sondern ordnet diese auch in die Marvel-Historie ein. Zudem gibt es wie gewohnt Informationen über Verbündete, Gegner, (ehemalige) Team-Mitglieder etc. Vorbildlich.
Aber kommen wir zum Wichtigsten: den Geschichten. Wenig überraschend macht hier Die Fantastischen Vier! aus dem Jahr 1961 den Anfang. Denn hier bannt das legendäre Duo Stan Lee und Jack Kirby die Superheldenfamilie erstmals auf Papier. Das Ergebnis ist erzählerisch überraschend dynamisch, zumal die Herkunftsgeschichte gerade nicht am Anfang steht. Allerdings wirkt hier noch viel überdramatisiert: Spannung war hier offensichtlich wichtiger als Plausibilität. Mit Mole Man stand dann auch nicht der interessante Antagonist im Fokus. Dennoch ein guter Startpunkt, bei dem allerdings das Charakterdesign des Dings noch etwas plump wirkt.
Drei Jahre später stellen Lee und Kirby dann mit Der fantastische Ursprung von Dr. Doom den Hauptgegner der F4 vor. Dessen Geschichte ist interessant erzählt, allerdings mag der Name Victor von Doom nicht ganz zu seiner Herkunft – umherziehendes Volk aus Osteuropa – passen. Zudem wirken die lilafarbenen Uniformen des Militärs etwas merkwürdig. Dafür überzeugt das Design des Schurken und dürfte etwa auch den legendären Darth Vader beeinflusst haben.
Die dritte Story Und es werde … Leben (1968) verdient sich ihren Platz durch die fantastische Reise in die Negativzone und den interessanten Antagonisten Annhilus. Dabei setzt Kirby sowohl den Schurken als auch die fremdartige Welt ziemlich ansprechend um und wechselt auch mal häufiger ins Großformat. Warum die Negativzone auf einer Doppelseite in Schwarz/Weiß erscheint, wird allerdings nicht deutlich.
In der Schlacht der Giganten (1971) geht es rund, da hier der Kampf von Hulk und dem Ding im Fokus steht. Auch wenn nicht alle Charaktere ganz nachvollziehbar agieren, macht die Geschichte Spaß. Das liegt auch an Zeichner John Buscema, der die beiden Giganten dynamisch in Szene setzt.
Für den Kampf der Titanen (1978) dürfen dann Marv Wolfman als Autor sowie Keith Pollard und Joe Sinnot als Zeichner übernehmen. Hier geht es für die F4 wieder gegen Erzfeind Doom, der nach der Weltherrschaft strebt. Spannend ist vor allem der Konflikt zwischen Reed und Doom gestaltet.
Zurück zu den Wurzeln verweist auf den Beginn der Ära von John Byrne als Autor, Zeichner und Tuscher. Der rückt der Vierer-Familie in Gestalt von Diablo mit elementaren Gegnern zu Leibe. Dabei punktet Byrne mit einigen guten Ideen und einer Prise Humor – etwa wenn sich der mächtige Diablo mit seiner Vermieterin herumärgern muss.
In Ende der Kindheit (1982) wertet Byrne zudem die bislang eher vernachlässigte Figur der Unsichtbaren auf. Gleichzeitig wirft er einen Blick in die Zukunft und Psyche von Ben Grimm, wobei er ganz ohne großen Antagonisten auskommt.
Ein echtes Highlight der Anthologie ist Die Verhandlung von Reed Richards (1984). Das liegt nicht nur daran, dass sich John Byrne hier als Figur sehr humorvoll und augenzwinkernd einbaut. Auch die intergalaktische Gerichtsverhandlung gegen den Anführer der F4 ist stark inszeniert. Allerdings hätten einige Panels – etwa wenn es um das Verschlingen ganzer Welten geht – spektakulärer ausfallen dürfen.
Mit Vives Les Fantastiques (1998) geht es auf Top-Niveau weiter. Das liegt nicht nur an der spannenden interdimensionalen Geschichte von Scott Lobdell, die stellenweise richtig witzig ist, ohne zur Witznummer zu werden. Auch die Zeichnungen von Alan Davis gehören bezüglich Detailreichtum und Design der Charaktere zum Besten, was die Anthologie zu bieten hat. Sogar eine Verbeugung vor Tim und Struppi lässt sich in der Geschichte entdecken.
Die Story Alltag (2002) bleibt diesem Ansatz treu, da Autor Mark Waid einen amüsanten Blick hinter die Kulissen und die Vermarktung der F4 wirft. Auch die Zeichnungen von Mike Wieringo – und hier vor allem die Gestaltung der Figuren – überzeugen.
In Jonathan Hickmans Drei, Teil 5: Das letzte Gefecht (2011) spielt sich dann ein Drama ab: Einer der F4 muss sein Leben lassen. Das ist mitreißend – vielleicht mit etwas zu viel Personal – gestaltet und von Steve Epting visuell gut in Szene gesetzt.
Das fantastische Leben ist zwar bereits fünf Jahre zuvor erschienen. Allerdings soll die Geschichte als Abschlussstory von Karl Kesel wohl einen poetisch-nostalgischen Abschluss bilden. Unbedingt gebraucht hätte es den aber nicht.
Unter dem Strich kann die Story-Auswahl zwar überzeugen. Allerdings findet sich recht wenig über die Kämpfe der F4 mit Galactus bzw. dessen Schergen. Etwas mehr davon wäre das passende Gegenstück zu Die Verhandlung von Reed Richards gewesen, in der der Anführer der Fantastischen Vier wegen der Verschonung des Weltenverschlingers vor Gericht steht. Überhaupt keine Rolle spielen leider Folgen mit alternativen F4-Team-ups – etwa mit Crystal oder She-Hulk. Zudem ist der chronologisch letzte Beitrag der Anthologie nicht ganz up to date und hat bereits 14 Jahre auf dem Buckel. Hier wäre ein etwas aktuellerer Schlusspunkt passend gewesen.