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Farm der Tiere

Reihe: Fables Bd. 2

Rezension von Christian Endres

 

Alle Fables sind gleich – nur manche sind gleicher ... ?

 

Nachdem er uns im ersten Sammelband seiner beliebt-erfolgreichen Vertigo-Serie Fables in die kleine Welt der ins Exil getriebenen Märchenfiguren mitgenommen hat, schnappt uns Fables-Schöpfer und -Autor Bill Willingham im zweiten Band nun, um einen kleinen Ausflug aufs Land zu machen. Mit den zerstrittenen Schwestern Snow White und Rose Red sowie dem kultivierten Schwein Colin geht es in die Außenbezirke von New York – und damit zu den abseits vom urbanen Zentrum der Exilanten lebenden Fables, die man der normalen Menschheit nicht so ohne weiteres zumuten kann: Tierische Märchenbewohner, Sagengestalten, Figuren aus Legenden und dergleichen.

 

Just als die so unterschiedlichen Schwestern auf der Farm erscheinen, begehren die Farmbewohner, die ihre empfundene Gefangenschaft schon lange nicht mehr stillschweigend hinnehmen wollen, endgültig auf und sprechen offen von Revolution, wobei sie auch nicht vor Waffengewalt und Mord zurückschrecken. Plötzlich liegt es an Snow White, den Aufstand auf der Farm der Tiere niederzuschlagen. Glücklicherweise ist sie dabei nicht ganz so allein, wie es zu Anfang scheint, da einige wenige Tiere weiterhin zu ihr und den alten Gesetzen stehen ...

 

Das zweite Trade von Fables, das die US-Einzelhefte #6 bis #10 enthält, ist, wenn man es mit dem furiosen Auftakt-Band vergleicht, vor allem eines: Komplett anders! Keine Krimi-Story im Noir-Stil, dafür die Farmumgebung mit all ihren Bewohnern: Die drei Schweine, die Dschungelbuch-Bande, Figuren aus Carolls Wunderland, Goldie und die Bären, Robin das Rotkehlchen ... – es ist eine schier endlose Liste. Willingham bedient sich in allen Epochen, Kulturen und Medien, um seine Animal Farm mit Leben zu füllen, das bald schon aufbegehrt – mit magisch verstärkten Waffen gegen den großen Feind, aber zunächst einmal gegen die Fables, die sich frei in der Welt der Menschen bewegen und in Fabletown in der großen Stadt schalten und walten können, während die Farmbewohner durch die Gesetze innerhalb der Fables-Gemeinschaft scheinbar auf dem Land gefangen gehalten werden ...

 

Der Konflikt zwischen den Schwestern Snow White und Rose Red aus dem ersten Sammelband, Legenden im Exil, wird ebenfalls noch einmal aufgegriffen, auf die Spitze getrieben und zu einem vermeintlichen Ende gebracht. Außerdem wird die Gangart der Serie spürbar härter: Diesmal gibt es auch einige explizite, brutale und blutige Szenen im Band, die aber geschickt in den Kontext der Story eingebettet sind, sodass sie nicht lediglich um ihres Schock-Effekts wegen inszeniert wirken. Im ersten Moment muss man sich dennoch erst einmal orientieren, wenn die tierischen Fables plötzlich aufrüsten und gen New York marschieren wollen, um, angeführt von Goldie, eine Revolution durchzusetzen und ein für alle mal aus dem lästigen Schatten ihrer Gefangenschaft herauszutreten.

 

Die Story weiß durchweg zu überzeugen, doch vor allem ihr Schluss ist brillant – hier zeigt Willingham, was für ein großer Autor er wirklich ist. Kleine, markante Szenen mit kernigen Dialogen in den letzten anderthalb Kapiteln geben ein furioses, einprägsames Schlussbild, ehe es noch einmal zur Aussprache der Schwestern kommt. Prinz Charming als eiskalter Richter über die Anführer der Revolution und Jack Ketch als legendärer Henker der Disney/Orwell-Verschwörung. Großartig! Wäre das Trade bis auf einige wenige Szenen nicht auf ganzer Linie ein Erfolg, würde es alleine von dieser Hand voll Seiten leben können ...

 

Und auch der Humor kommt trotz allen Blutes und aller zu Anfang oder Ende rollender Köpfe sowie der gewaltschwangeren Revolutionsstimmung nicht zu kurz. Exemplarischste Szene abseits des betrunkenen Flügelaffens aus Baums Zauberer von Oz sowie dem von diesem abgefüllten Ritter und dessen düsteren Zukunfts-Prophezeiung dürfte wohl der Fuchs und sein »Du hast doch sogar mit dem Wolf ...«-Dialog mit Snow White sein, eine trotz aller Gefahr durch den Tiger Shirkan urkomische Szene, in der sich der Fuchs der hübschen Snow als Liebhaber anbietet und auf ihre Vorzüge hinweist. Vorsicht, Schmunzelalarm!

 

Mark Buckingham, dessen Artwork ich schon bei Spider-Man und Sandman sehr zu schätzen wusste, ist bei Fables genau richtig. Er und sein Stil scheinen schier für diese Serie und diese Art des modernen Fantasy-Comics gemacht zu sein. Er liefert hier wirklich phantastische Zeichnungen ab, auch wenn mir das Disney/Schlumpfhausen-Farm-Design nicht ganz so gut gefallen hat. Aber die Charaktere und insbesondere die Tiere gehen »Bucky« schon toll von der Hand, sodass man aus dem staunenden Betrachten gar nicht mehr heraus kommt. Dazu kommt eine gelungene Farbgebung, ein schönes Lettering und auch mal eine große Splashpage zwischendurch – das ist alles recht ordentlich und weiß auf ganzer Linie zu gefallen, was die Optik der Farm der Tiere anbelangt.

 

Auch mit der Aufmachung trifft man bei Panini voll ins Schwarze: Das Tradepaperback kommt auf Glanzpapier des Weges daher, dazu mit einer herrlich aufgemachten Klappenbroschur, deren äußerer Umschlag sprichwörtlich vor partiziellem Drucklack nur so glänzt. Charakter-Skizzen von Willingham und erste Figuren-Sketche von Buckingham, Cover-Entwürfe und frühe Layouts sowie die aus Band eins gewohnte, aber freilich auf diese zweite große Storyline zugeschnittene Übersicht der wichtigsten Figuren aus dem Band runden die diesmalige Dosis an Fables-Unterhaltung aufmachungstechnisch wunderbar ab.

 

Fazit: Innovationen, abwechslungsreiche Charaktere ohne Ende, gute Dialoge, interessante Wendungen, Action und Blut, guter Humor, ein unerwartetes Finale und auf dem Weg dorthin tolle Einfälle und spritzige Ideen am laufenden Band – bis auf wenige Ausnahmen ist auch der zweite Fables-Sammelband wieder ein herrliches Comic-Lese-Erlebnis, in das Autor Willingham unglaublich viel reingepackt hat. Nur der Handlungsstrang mit Goldie weiß als einziger Subplot der Geschichte nicht vollends zu überzeugen und hat zwischendurch hie und da ein bisschen genervt. Und vielleicht ist es alles in allem ein bisschen zu wenig Bigby Wolf (der sich somit aber wenigstes nicht abnutzt und von Willingham bis auf ein paar kleine Szenen clever aus dieser Storyline rausgeschrieben/halten wurde) und an manch einer Stelle womöglich auch ein bisschen zu abgedreht – unterm Strich fallen diese Dinge jedoch kaum ins Gewicht.

 

Obwohl gänzlich anders, ist der zweite Band sicherlich auf Augenhöhe mit dem ersten Trade. Willingham zeigt, dass in dieser Top-Vertigo-Serie scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten, frische Ideen und unendliche Variationen stecken und gibt uns mit seiner Version des Animal Farm-Themas eine erste Kostprobe, was uns bald noch erwarten könnte. Mit Mark Buckingham hat er darüber hinaus einen Zeichner an seiner Seite, der Emotionen ebenso geschickt einfängt wie den Humor einer Szene, aber eben auch in dynamischen oder actionreich Passagen besteht – genau der richtige Mann, um die Märchen und Willinghams Interpretationen und Visionen zum Leben zu erwecken. Diese beiden Komponenten in Sachen Story und Artwork sowie eine wirklich herausragende Aufmachung der Klappenbroschur lassen Farm der Tiere mit Schweinehufen, Pantherkrallen und Drachenschwingen an der Höchstnote kratzen.

 

Weltberühmte Disney-Schweine und andere mehr oder minder populäre Märchenwesen mit Orwell-Attitüden, brillant in Szene gesetzt von zwei hams – wer den ersten Band der Serie mochte, greift auch hier bedenkenlos zu und macht sich auf ein phantastisch-außergewöhliches Comic-Erlebnis abseits ausgetretener Pfade gefasst.

 

 

 

Eure Meinung:


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Comic:

Farm der Tiere

Reihe: Fables Bd. 2

Autor: Bill Willingham

Zeichnungen: Mark Buckingham

Paperback, Klappenbroschur

132 Seiten

Panini, März 2007

ISBN: 3866073704

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 09.05.2007, zuletzt aktualisiert: 23.06.2019 12:39