Zurück zur Startseite


  Platzhalter

Galileos Flucht

Autor: Ute Mrozinski

Prolog

Dunkel! Oh – so dunkel! Doch es war eine andere Dunkelheit als die, die er von seiner Geburt her kannte. Die Dunkelheit der Geburt war eher eine warme, samtene, behütende Dunkelheit. Sie gluckerte, sie floss, schmiegte sich sanft um ihn herum und schubste ihn dann ins Licht. Doch dies hier war eine Finsternis! Undurchdringlich, feindlich! Sie schmiegte sich nicht um ihn, sie schien ihn zu würgen. Sie drang in ihn ein. Diese seltsame Kälte. Sie ergriff Besitz von ihm, kam aus dem Nichts.

Oder kam sie gar nicht aus dem Nichts, sondern – aus dem Raum? Und – fühlte nur er diese Kälte? Spürten die Anderen, diese nebelhaften Gestalten, die ihn umschwirrten, diese Kälte nicht? Die an seinen Zehenspitzen begann, sich scheinbar durch seine Glieder, durch seine Adern nach oben zu fressen schien? Gott im Himmel – durfte er diesen Namen überhaupt noch aussprechen? Oder war auch das verboten? Die Kälte, warum fachte hier niemand das Feuer etwas stärker an? Gott im Himmel, wieso fing es an so, dunkel zu werden. Ging es denn bereits auf die Nacht zu? Oh dieses verdammte Gefühl von Eis, das ihn – lähmte – das seinen Körper empfindungslos machte. Er musste die Laken – noch fester um sich ziehen, seine Gedanken verschließen gegen dieses Eis. Er war so – müde, so unendlich schläfrig. Seltsame Bilder zogen durch seinen Geist, Träume – Träume?

Die Kälte! Sie kroch immer weiter hinauf bis in seinen Bauchraum. Sie zog von seinen Fingerspitzen bis in die Arme. Es hatte nichts genützt, das er sich fester in die Laken gewickelt, das er seine Gedanken verschlossen hatte. Nichts – konnte diese betäubende Kälte aufhalten. Funktionen – herunterschalten, schlafen, träumen …?

Er fror! Er fror erbärmlich So schwer das Atmen! So heftig der Herzschlag! Die Herzspitze, wie in Eis getaucht. Es schmerzte …

Kalter Schweiß auf seiner Stirn. Luft wurde knapp. Sein Leben schien zu erstarren, zu ersticken in eisiger Kälte. Nicht der falsche Schwur, nicht die Angst vor den hochnotpeinlichen Verhören, nein Kälte! Zerfressende, betäubende Kälte – war das im Endeffekt das wirkliche Urteil, die wirkliche Strafe des…

 

*Es war mir von diesem heiligen Offizium von Rechts wegen die Vorschrift auferlegt worden, dass ich völlig die falsche Meinung aufgeben müsse das die Sonne der Mittelpunkt der Welt ist, und dass sie sich nicht bewegt, und das die Erde nicht der Mittelpunkt der Welt ist, und dass sie sich bewegt. Es war mir weiter befohlen worden, dass ich diese falsche Lehre nicht vertreten dürfe, sie nicht verteidigen dürfe und dass ich sie in keiner Weise lehren dürfe, weder in Wort noch in Schrift. Es war mir auch erklärt worden, dass jene Lehre der Heiligen Schrift zuwider sei. Trotzdem habe ich ein Buch geschrieben und zum Druck gebracht, in dem ich jene bereits verurteilte Lehre behandele und in dem ich mit viel Geschick Gründe zugunsten derselben beibringe, ohne jedoch zu irgendeiner Entscheidung zu gelangen. Daher bin ich der Ketzerei in hohem Maße verdächtig befunden worden …Ich Galileo Galilei, habe abgeschworen, geschworen, versprochen und mich verpflichtet, wie ich eben näher ausführte. Zum Zeugnis der Wahrheit habe ich diese Urkunde meines Abschwörens eigenhändig unterschrieben und sie Wort für Wort verlesen, in Rom im Kloster der Minerva am 22. Juni 1633. Ich, Galileo Galilei, habe abgeschworen und eigenhändig unterzeichnet.*

 

Er hatte es also getan. Er hatte es wirklich getan. Über dreiunddreißig Jahre später, nachdem er in einer turbulenten Nacht seine Entdeckungen machte, hatte er abgeschworen. Seiner tiefsten innersten Überzeugung, ach was – der Wahrheit abgeschworen. Tief Luft holend stand Galileo auf den äußeren Treppenstufen des Klosters St. Maria sopra Minerva. Eine einsame Gestalt. Ein alter Mann mit fast kahlem Schädel und einem weißen Bart. Das Gesicht schmal und eingefallen. Seine Schultern waren gebeugt, sein Atem ging schwer. Zitternd schlang er den baumwollenen Umhang fester um die Brust. Er fror nicht nur erbärmlich trotz der eigentlich sengenden Mittagshitze, sondern er fühlte sich auch erbärmlich. Nach dreiunddreißig Jahren Forschungsarbeit hatte er alles verraten, woran er geglaubt hatte. „Angst“, flüsterte er heiser. „Ja – ich habe Angst gehabt – zugegeben, ich habe Angst gehabt. Woher sollte ich wissen, ob sie mir die Folter wirklich nur androhen würden. Giordano Bruno haben sie damals verbrannt. Vielleicht hätten sie auch mich hingerichtet. Vielleicht hätten sie auch nur – ein hochnotpeinliches Verhör mit mir geführt. Es gibt viele Möglichkeiten einen Menschen zu vernichten! Dabei wissen sie es. Sie wissen schon längst, dass sie im Unrecht sind. Sie wissen das sie die Neuerungen in der Wissenschaft, in ihrer eigenen Kirche nicht mehr aufhalten können. Sie sind gebildete Männer, Bellarmin der Jesuit, genauso wie der Pabst. Machterhalt – ist ihr einziges Motiv!

Gut hätte ich also widerstanden, hätte ich meine Überzeugung nicht verraten, dafür wäre ich aber vielleicht tot, oder seelisch und körperlich zerbrochen. So haben sie mir nur lebenslangen Hausarrest auferlegt. Ich kann mich in einem gewissen Radius um mein Domizil herum bewegen und meine Forschungen weiter betreiben. Ich darf sie nur nicht mehr verbreiten oder lehren. Aber auch da werde ich schon Möglichkeiten finden. Lücken gibt es irgendwo immer! Galileo straffte sich und der alte Mann, wirkte plötzlich gar nicht mehr so alt. „Ich werde jetzt diese Treppenstufen hinunter gehen“, murmelte er, „auf mein Pferd steigen und nach Siena reiten, zu dem Haus, in dem ich meinen Arrest …“ Da fiel, es ihm auf. Moment – was für einen Unsinn dachte er da? Was war das überhaupt für eine unsinnige Situation. Er war alleine! Er war alleine aus dem Festsaal des Klosters getreten in dem die Verhandlung des heiligen Offiziums stattgefunden hatte. Niemand, keine Soldaten hatten ihn begleitet. Er hatte die anwesenden Kardinäle und den Pabst hinter sich gelassen, war durch leere Hallen gegangen, aus denen kein Laut drang. Er war auf die Freitreppe getreten, und blickte auf eine – leere, vollkommen stille Stadt. Keine Menschen, keine Tiere, keine Karren in den Straßen, kein Windstoß! Noch nicht einmal das Läuten von Glocken war zu hören. Nur sein Pferd ein schwarzer Araberhengst stand plötzlich unten am Fuße der Treppe, blähte nervös seine Nüstern auf, scharrte mit den Hufen über den steinernen Boden, als fordere er ihn auf, hinunterzukommen, auf seinen Rücken zu springen, und zu fliehen. Aber – auch das – war vollkommen absurd. Er – er war ein alter Mann. Er hatte nicht mehr die Kraft, auf einem feurigen Araberhengst den ganzen Weg von Arcetri nach Rom zu sprengen, geschweige denn zurück nach Siena unter der „Obhut“ des Erzbischofs.

Doch bevor er weiter darüber nachdenken konnte, spürte er es – etwas kam da hinter ihm. Etwas schien da durch die Eingangshalle zu schleichen. Etwas Dunkles. Die Stille hinter ihm, um ihn herum schien eine fast körperliche Gestalt anzunehmen. Etwas ertönte jetzt doch, in der Halle aus der er getreten war. Klappernde Schritte, seelenlose, kalte Stimmen. „Er ist da draußen! Er versuch,t uns zu entkommen. Ich rieche seine Angst. Ich rieche seinen Willen zur Flucht. Doch er wird uns nicht entkommen. Niemand – ist uns jemals entkommen!“

Noch immer stand Galileo auf den Treppenstufen, steif wie die steinernen Engel am Portal des Klosters, unfähig sich umzudrehen, sich zu bewegen. Die klappernden Schritte, die seelenlosen Stimmen kamen immer näher bald mussten sie das Portal erreicht haben, und plötzlich war ihm klar das ihre Worte ihm galten, ihm alleine. Die Starre fiel von ihm ab. Lebenskraft pulste durch seine Adern, und in rasendem Lauf sprang er die Treppe hinunter, sprang auf das Pferd und packte die Zügel. Wiehernd schüttelte der Hengst seine schwarze Mähne, als habe er nur darauf gewartet, und preschte plötzlich davon. Noch aus den Augenwinkeln sah er wie das schwere Portal sich schabend öffnete und schwer bewaffnete, mit Eisen beschlagene Soldaten herausstürmten, die Visiere waren heruntergelassen. Durch die Augenschlitze der eisernen Masken funkelte es bläulich kalt.

Nichts wie weg! Durch den steinernen Torbogen, in die fremdartig stille und leere Stadt. Über die weiten Piazzas, die großzügig mit steinernen Platten gepflasterten Pracht- und Verkehrsstraßen, durch die kleineren kopfsteingepflasterten Gässchen – und nirgendwo in dieser Riesenstadt, in diesem prachtvollen Moloch Rom – eine Menschenseele.

Nur das Schnauben und Wiehern, das Klappern der Hufe seines Araberhengstes drang laut durch die gespenstische Stille. Was war das? Es schien ihm, als ob alles was lebte, in heller Panik diese Stadt verlassen hätte, „weil es hier nicht hingehört, weil dies gar nicht mehr Rom ist – Niemandsort!“ Was war das für ein Gedanke? Wie kam er auf diesen Gedanken? Endlich hörte er etwas. Aber eigentlich hörte er es auch nicht – das Klappern und Wiehern von fremden Pferden. Der infernalische Lärm schwoll immer mehr an. Er spürte ihn fast körperlich. Ähnlich seinem eigenen heftigen Pulsschlag. Er warf einen vorsichtigen Blick nach hinten. Da wurde es still. Vollkommen still. Und in dieser vollkommenen Stille, näherten sie sich. Unaufhaltsam, Meter für Meter. Die Soldaten mit den eisernen Masken, und den Augen aus kaltem Licht, hatten ihn gefunden, und lautlos – nur hörbar in seinem Kopf – machten sie sich bereit, ihn durch die Straßen dieser seltsamen Stadt zu jagen!

 

 

 

Der Disput

Die Zeit – dehnte sich! Es musste so sein. Begleitete ihn das Stakkato der Hufeisen nicht schon seit Ewigkeiten, wie eine dröhnende, disharmonische Weise? Wer war das, der da hinter ihm herjagte? Der Teufel und seine Gesellen? Hatte das Heilige Offizium ihm den Teufel auf den Hals gehetzt? Wohl kaum. Sie waren verbohrt aber Dämonenbeschwörer? Galileo keuchte, sein Mund war trocken, und seine Augen brannten, von dem schneidenden Wind, der hier mittlerweile überall herrschte. Seine Fäuste krampften sich um die Zügel des Hengstes. Besorgt registrierte er, dass dem Tier flockiger Schaum aus dem Maul flog, und das sein Körper glänzte vor kaltem Schweiß. Irgendwann würde es zusammenbrechen. Furchtsam warf er einen Blick nach hinten. Seine Verfolger waren näher gekommen. Sie verringerten den Abstand von Mal zu Mal. „Verflucht seien sie“, krächzte er. Sie hatten ihn schon kreuz und quer durch die ganze Stadt gejagt. Und Rom war groß – verdammt groß! Trotzdem hatte er das Gefühl, schon mehrmals über alle Plätze Straßen, Höfe, Stadtteile gehetzt zu sein. War er nicht schon das dritte Mal am Petersdom vorbeigeprescht? Durchkreuzte er jetzt nicht schon zum ungezählten Male das stille, verlassene Gelände des Vatikans? Hätte der infernalische Krach nicht schon jede noch so versteckte Maus oder Ratte aus den Kellern seiner Gebäude locken müssen? Oh er vergaß, dass anscheinend nur er das Donnern der Hufe hörte. „Lauf mein Pferd, lauf!“, brüllte er. „Irgendwann muss ihre Kraft doch nachlassen!“ Doch ihre Kraft schien unermüdlich. Sie kamen näher, immer näher! Lautlos – wie diese ganze merkwürdige Stadt. Als er sich noch einmal heftig atmend auf seinem Pferd umdrehte sah er ihre eisernen Masken nur noch wenige Meter entfernt. Das bläulich, irrlichternde Leuchten schien aus den Augenschlitzen herauszuschießen, und ihn einzusaugen. „Lauf“, brüllte er seinem Pferd wieder zu. „Lauf um unser Seelenheil willen!“ Das Pferd stieß ein schrilles Wiehern aus, schien über das Pflaster zu fliegen. Galileo spürte das Zittern der Flanken. Die Muskeln des Pferdes kontrahierten, und dann brach es plötzlich mitten im Sprung über einen der weitläufigen Plätze zusammen. Galileo schrie laut, krallte sich automatisch in der Mähne des Tieres fest, als er mit ihm zu Boden stürzte. Wie ein Sack plumpste das Tier auf die Steine. Galileo spürte den warmen Körper unter sich, erwartete ein Krachen, splitternde Knochen, schmerzerfülltes Wiehern zu hören, doch da war nichts! Gar nichts mehr. Er lag bäuchlings auf kaltem, harten Stein. Das Tier war fort. So als hätte er nie auf einem Pferd gesessen. Doch er hatte keine Zeit mehr sich darüber zu wundern. Als er stöhnend den Kopf hob, sah er die eisernen Reiter auf sich zu jagen. Schwer atmend, aber gelenkig wie ein junger Mann sprang er auf, drehte sich um und fing an zu rennen. Er achtete kaum auf seinen Weg. Egal wohin – nur weg hier! Weg von diesen schrecklichen Reitern. Weg aus diesem skurrilen Albtraum. Nur… fast wäre er gegen eine Säule gerannt! Abrupt stoppte er wenige Zentimeter vor einer marmornen Skulptur. Es war ein – Elefant auf einer Stele! Ein Elefant? Eine Kirche, ein Kloster im Hintergrund? Santa Maria, Sopra Minerva! Nach stundenlanger Flucht war er wieder an diesem verfluchten Kloster angelangt. Er spürte seine Verfolger fast, ihre – uralte Ausstrahlung. Jetzt würden sie ihn kriegen. Doch trotzdem rannte Galileo weiter auf das Kirchenportal zu. Es wirkte wie Ausweglosigkeit, wie eine Falle. Doch plötzlich wusste er, da kam noch was. Etwas würde sich jetzt verändern!

 

Atemlos erklomm er die letzte Stufe zum Haupteingang, legte die Hand auf den Türknauf, erwartete irgendwie das es geschlossen sein würde, wie es sich in einem Albtraum gehörte. Aber es war offen. Er stolperte fast in den dunklen Kirchenraum hinein. Von der Helligkeit draußen noch so sehr geblendet, dass er kaum was sehen konnte, bemerkte er die Gestalt die mitten im Gang stand erst, als er schon fast mit ihr zusammenprallte. In dem Versuch sich zu halten, schwankte er vor und zurück, wie eine Kirchenglocke. Gerade noch im letzten Augenblick konnte er seinen Körper stabilisieren.

Galileos Blick fixierte sein Gegenüber, das ihn fast zu Fall gebracht hatte. Und als er sah wer, da vor ihm stand, riss er die Augen weit auf vor Schrecken. Etwas, Jemand in einem roten Mantel – eher einer Soutane, auf dem fast kahlen Kopf, eine rote Kappe, geformt wie ein Dreispitz. Der dazugehörige Mann war eher klein, und schmal von Gestalt. Das Gesicht, asketisch mit starken Brauen, der Mund, irgendwie verkniffen. Die schmale Oberlippe und das Kinn zierte ein sorgsam zurechtgestutzter Bart.

„Bellarmin!“, keuchte Galileo entsetzt, „Kardinal Robert Bellarmin!“ Und noch bevor er sich von seiner Bestürzung erholen konnte, schoss Bellarmins Arm vor, packte Galileo am Handgelenk und zog ihn mit hartem Griff tiefer in die Kirche hinein, zerrte ihn nach links durch die mittleren Bankreihen und stoppte vor einem zwei Meter hohen, und ein Meter breitem Kasten aus kunstvoll geschnitztem Holz. Während er mit der einen Hand Galileos Arm immer noch fest umklammerte, riss er mit der Anderen den Vorhang des winzigen Raumes beiseite stieß ihn hinein und zog den Vorhang hastig wieder vor. Galileo stolperte nach hinten und landete mit dem Rücken auf der harten Kante einer kleinen hölzernen Sitzbank. Vor Schmerz und Überraschung stieß er einen lauten Schrei aus. „Reißt Euch zusammen Galileo!“, hörte er von draußen Bellarmins helle Männerstimme. Reißt Euch zusammen und bleibt bloß in diesem Beichtstuhl hocken. Sie können jeden Augenblick hereinkommen!“

Kaum hatte Bellarmin diese Worte ausgesprochen, hörte Galileo das Schaben eines sich öffnenden Tores. Eine Sekunde lang geschah nichts. Dann hörte er Bellarmin sprechen. „Ich grüße euch ihr Herren. Womit kann ich euch Beistand leisten?“

Eine Stimme ertönte, die nicht aus einem – geschlossenen Körper zu kommen schien. Eine Stimme wie aus dem Nichts, seelenlos, kalt. Wie von jemandem, der es nicht gewohnt war zu reden. „Wo ist er!“

Er sah Bellarmin geradezu mit den Schultern zucken, „hier nicht, meine Herren. Oder seht ihr ihn irgendwo?“

„Redet keinen Unsinn Kardinal! Er ist hier rein gelaufen. Er muss hier irgendwo sein. Und ihr werdet uns sagen wo! Ihr wisst doch genau, warum wir hier sind. Wir müssen ihn über die Grenze bringen!“

„Über die Grenze?“, dachte Galileo. Wer ist das, der mich über die Grenze bringen will? Und warum? Hat die Inquisition irgendwelche martialischen Häscher geschickt, die mich heimlich über die Landesgrenzen bringen sollen? Aber warum? Und wieso jagen sie mich durch ganz Rom? Nicht zu vergessen, dass dieser Ort irgendwie gar nicht Rom zu sein scheint – oder warum ist das hier alles so merkwürdig leer?“

„Das weiß ich. Aber er ist noch nicht so weit. Geht!“

„Ich bin also noch nicht so weit! Wofür? Wieso schützt mich Bellarmin? Ausgerechnet er?“ Blitzartig schoss ihm ein anderer Gedanke durch den Kopf, der ihm ein ersticktes Keuchen entlockte. Robert Bellarmin dürfte gar nicht hier sein! Der Kardinal war 1621 verstorben. Er war seit 13 Jahren tot!

In diesem Augenblick wurde der Vorhang aufgezogen. Robert Bellarmin stand vor ihm. Und eigentlich sah er vollkommen normal aus. Keine ungesunde Blässe überzog seine Haut. Er sah so gesund aus, wie man mit neunundsechzig Jahren aussehen konnte.

„Starren Sie mich nicht so an, Galilei! Wenn Sie erwartet haben, das mir das Fleisch jetzt in Fetzen vom Körper fällt, das mir lange, spitze Zähne wachsen das ich mich zum Werwolf transformiere, oder mich in irgendeine dämonische Figur verwandle, dann muss ich Sie enttäuschen.“

Galileos Atem hatte sich mittlerweile wieder beruhigt. Er wusste zwar immer noch nicht, was hier vor sich ging. Aber so langsam verfiel er in eine Stimmung, in der ihm das ziemlich gleichgültig war. Anscheinend konnte er das Geschehen ja so wie so nicht beeinflussen. Also abwarten, was kam. „Nun ja“, er zuckte mit den Schultern. „Immerhin Kardinal sind Sie tot. Oder Sie sollten es zumindest sein. Es sei denn, man hat sie damals aus irgendeinem Grund verschwinden lassen. Aus welchem Grund kann ich mir zwar nicht denken. Aber ich soll ja auch, aus welchem Grund auch immer, über die Grenze gebracht werden.“

Bellarmins Mundwinkel bebten, und dann brach er in Lachen aus, in ein glucksendes amüsiertes Lachen. Sein gesamter Körper krümmte sich zusammen. Er hielt seinen Bauch, als ob er Schmerzen hätte, und geriet dabei so heftig in Bewegung, dass der Kardinalshut ihm fast bis über das linke Ohr rutschte. Der nahezu kahle Schädel mit dem noch dunklen Haarkranz kam zum Vorschein. „Es könnte lächerlich wirken. Aber irgendwie“, schoss es Galileo durch den Kopf, „wirkt er jetzt das erste Mal, seit dem ich diesen Mann kenne, menschlich.“ „Was ist daran so lustig? Sie wissen doch mehr. Geben sie’s zu Bellarmin“, sagte er laut. Und das erste Mal fiel ihm die Formlosigkeit, ja Respektlosigkeit auf, mit der er den Kardinal behandelte. Er war gar nicht auf den Gedanken gekommen, ihn mit „seine Eminenz“ oder ähnlichen Titeln anzureden. Aber Bellarmin schien das überhaupt nicht zu stören. Er verhielt sich genauso. Er schien sogar Spaß daran zu haben, endlich wie ein normales Lebewesen behandelt zu werden. Mittlerweile hatte der Kardinal seinen Lachanfall besiegt, richtete sich nach Luft schnappend wieder auf, und wischte sich noch immer vergnügt glucksend, die Tränen aus den Augen. „Oh Galileo entschuldigen Sie bitte“, stieß er schließlich hervor. „Aber – Ihre Analogie war so treffend, das sie schon wieder komisch war. Diese – Soldaten mit den eisernen Masken, oder wie Sie diese Burschen auch nennen wollen, sollen Sie tatsächlich über die Grenze begleiten. Aber etwas anders, als Sie denken.“ Dann hob er die Hände. „Bevor Sie fragen. Kommen Sie endlich aus diesem Beichtstuhl heraus. Er passt nicht zu Ihnen. Setzen wir uns doch hier in den Mittelgang in einer der Kirchenbänke.“ Wie ein Gastgeber wies Bellarmin auf den Mittelgang der Kirche mit den einfachen harten Holzbänken. Galileo erhob sich ächzend und folgte ihm. Zwischen den Bänken angekommen, setzte sich Galileo und wunderte sich das er das harte Holz kaum spürte. Doch was Bellarmin tat, war noch seltsamer, geradezu bizarr. Der Kardinal ging weiter und trat in den offenen Mittelgang. Er ging bis zum Altar, überwand die Treppen der kleinen Empore, mit dem Tisch aus weißem Marmor, und bevor Galilei erfassen konnte, was er da überhaupt tat, war es auch schon geschehen.

Bellarmin kam zurück und blieb hoch aufgerichtet vor ihm stehen. Aus einer goldenen Kanne, goss er eine blutrote Flüssigkeit, in einen goldenen Pokal, nahm einen vorsichtigen Schluck davon und reichte ihn dann seinem ehemaligen Kontrahenten hinüber. Galileo riss die Augen auf. „Roberto!“, stammelte er, nicht merkend, zu was er sich da gerade verstieg. „Roberto Bellarmin! Was tun Sie da? Das ist…!“

„Ketzerei?“ Milde lächelnd sah Kardinal Roberto Bellarmin ihn an. „Nein Galileo, ich bin nicht verrückt geworden, und das ist auch keine Ketzerei. Es ist übrigens nicht sein Blut, wenn Du das denkst. Die Sache mit dem Blut war immer nur ein Symbol. Es ist ein wertvoller, hundert Jahre alter Wein aus den Weinbergen Italiens. Durchaus noch trinkbar. Bitte – nimm einen Schluck.“

Zögernd nahm ihm Galileo den Pokal aus der Hand und ließ mit geschlossen Augen einen winzigen Tropfen auf seine Zunge und die Kehle hinunterlaufen. Roberto Bellarmin hatte recht. Es war ein hervorragender trockener Wein. Er öffnete die Augen wieder.

„Das ist“, sagte Bellarmin und schaute ihm ruhig in die Augen, „wenn schon kein Freundschafts- dann aber ein Friedensangebot. Ich glaube Jesus von Nazareth wäre damit einverstanden. Denn das ist es doch, was er wollte, den Menschen den Frieden bringen. Und das sollten auch wir tun, Frieden schließen. Bevor du gehst Galileo, möchte ich dir noch etwas sagen. Ich stimme dir zu. Ich habe von Anfang an gewusst, dass deine Theorien richtig sind, dass sie stimmen, und die Menschheit irgendwann die Möglichkeiten finden wird, das endgültig zu beweisen. Spätere Jahrhunderte Galileo werden sich kopfschüttelnd fragen, was damals mit uns los war, dass wir nicht die Logik hinter deinen und den Theorien Kopernikus und anderer Wissenschaftler gesehen haben!“

„So?“, das sagst du mir jetzt – Bellarmin? Du gibst sogar zu, dass du schon immer an meine Theorien geglaubt hast! Wie schön! Das beruhigt mich ungemein. Hättest Du deinen Glauben, dein Wissen, der Welt und vor allen Dingen deinen Mitbrüdern, und dem Pabst nicht etwas eher mitteilen können? Es wäre mir einiges erspart geblieben. Ich hätte in den darauf folgenden Jahren viel unbeschwerter forschen können.“ Galileo lachte bitter. „Was soll dieses Spielchen, mit dem Kelch und dem Blut Christi – denn mehr ist es doch nicht, oder? Ein Spiel! Warum auch immer du hier in Fleisch und Blut gegossen vor mir sitzt. Du willst dich doch nur rein waschen oder? Es ist doch so – entweder du bist nie gestorben! Man wollte dich nur aus einem Grund den ich noch nicht kenne verschwinden lassen, oder du bist ein Gespenst. Ein Gespenst, das keine Ruhe findet, weil es noch etwas zu klären gibt, weil es sein Schuldbewusstsein mit sich herumträgt.“

Roberto Bellarmin hatte sich direkt links neben ihn gesetzt, auf eine der braunen, vom Sitzen abgenutzten Holzbänke. Sein Gesicht war ihm zugewandt. Nachdenklichkeit hatte sich in Bellarmins Züge geschlichen. Unwillkürlich fiel auch er in den vertrauten Ton, als er sprach. „Du hast recht Galilei, das hätte ich vielleicht tun sollen. Denn so ganz weit war ich eigentlich nie von dir entfernt. Wollen wir doch mal durchspielen, was geschehen wäre, wenn ich das getan hätte. Ich war Jesuit Galileo, und nicht nur das. Ich war kein kleiner Mönch, ich war Kardinal. Ich hatte einigen Einfluss und ich hätte einiges auslösen können. Was glaubst du Galileo, was geschehen wäre, wenn die konservativen Strömungen im Orden, in der Gesamtkirche erfahren hätten. Kardinal Bellarmin unterstützt diesen ketzerischen, ungläubigen Wissenschaftler, der die Frechheit besitzt, seine Lehre als Wahrheit zu bezeichnen. Gegen die Wahrheit der Heiligen Schrift. Kardinal Bellarmin unterstützt den Mann, der es wagt, den Theologen und kirchlichen Philosophen die Kompetenz abzusprechen, über die Zusammensetzung der Welt zu lehren.“

Galileo lachte freudlos. „Das also ist eure Angst gewesen Roberto. Dafür hat der größte Teil der Kirche, wider besseres Wissen, die Wahrheit mit Füßen getreten, Menschen degradiert, gefoltert, getötet, oder bestenfalls in ihrer Welt unmöglich gemacht. Aus Angst die geistige Führerschaft, und ihre weltliche Macht zu verlieren!“

Sichtlich unangenehm berührt nestelte Bellarmin am weißen Kragen seiner Soutane. Tief Luft holend sagte er. „Ja – ich glaube so ist es. So war es auch in meinem Orden verbreitet. Die Jesuiten waren immer ein zwiegespaltenes Völkchen. Aber Galileo – kannst du sie nicht auch irgendwo verstehen? Jahrhunderte, länger hat die Kirche die geistige Führerschaft unter den Menschen innegehabt. Wissenschaft war kirchliche Wissenschaft. Du hast das Selbstverständnis der Kirche infrage gestellt. Du hast durch deine Schriften, durch deine Art, deine Lehre rigoros durchsetzen zu wollen, den einzelnen kirchlichen Philosophen oder Theologen persönlich angegriffen. Zumindest haben sie sich so gefühlt. Und ich?“ Bellarmin ballte die Hand zur Faust, seine schmalen Lippen bebten. „Gott Galileo! Ich habe einfach nur Angst gehabt. Denn um meine Frage nach dem, „was wäre, passiert wenn“, zu beantworten. Ich hätte nicht nur meine Pfründe, mein Amt verloren. Möglicherweise hätte ich ja noch mehr verloren, der Kardinalstitel hätte mich vielleicht nicht geschützt. Es sind schon Könige gefallen und nicht mehr aufgestanden. Ich habe übrigens immer versucht Galileo, zu beschwichtigen und dir, wenn auch kleine – Möglichkeiten einzuräumen. Und du bist deinen Weg auch nicht zu Ende gegangen – du hast abgeschworen!“

„Gut“, Galileo nickte und leckte sich über die trockenen Lippen. „Diesen Teil hast du gewonnen Roberto.“ „Das muss ich schon zugeben Kardinal. Ich habe abgeschworen. Und wenn wir schon dabei sind – als ich vor dem heiligen Offizium stand habe ich an nichts anderes gedacht, als Unheil von mir abzuwehren. Möglich, dass ich das alles hätte verhindern können, wenn ich behutsamer vorangeschritten wäre. Kann sein, das dann irgendwann so nach und nach akzeptiert worden wäre, dass die Erde sich um die Sonne dreht, und nicht umgekehrt, dass man akzeptiert hätte, dass der Mond nicht glatt, sondern eine kleine Welt ist. Dass man verstanden hätte, es gibt keine Sphären, das man eingeräumt hätte, das der Nebel der Milchstraße Hunderte von Sternen beinhaltet, und unter Umständen sogar noch mehr. Aber wie lange hätte das gedauert? Und wer sagt mir dass es nicht doch still und heimlich unter den Tisch gekehrt, und unterdrückt worden wäre? Bist du deshalb aus deinem Exil zurückgekommen, Roberto um mit mir darüber zu reden? Da steckt doch irgendetwas anderes hinter! Und noch etwas Roberto – ich habe in den vergangenen Jahren, nach dem Schuldspruch des Offiziums trotz alle dem weiterforschen können. Mein Wissen und meine Erkenntnisse sind trotz meines Hausarrestes durch meine Schüler in alle Welt transportiert worden. Es ist nicht mehr aufzuhalten Kardinal!“

Galileo verstummte. Unbehagen stieg in ihm hoch. Etwas stimmte doch nicht. Irgendetwas störte ihn in seinen Gedanken und in seiner Rede. Wie konnte er hier sitzen und mit Bellarmin reden, in dieser Kirche, nach dem Urteil, wenn er doch direkt danach verbannt worden war? Erst nach Siena und dann in sein Haus in Arcetri? Es war alles vollkommen anders abgelaufen! Verdammt – er konnte sich daran erinnern. Er konnte sich an seine Forschungen erinnern! Aber die ganze Situation war ja auch … Bellarmin! Langsam erhob sich der Kardinal. Die Strahlen der nunmehr aufgehenden Sonne, die durch die bunten Kirchenfenster drang, schienen seine Gestalt zu durchdringen. Er glühte geradezu, als ob das Licht sich in den Zellen seines Körpers sammeln würde, um dann wieder nach außen zu dringen. Aber das war doch nur eine optische Täuschung oder? Fing Bellarmins Gestalt wirklich an zu flackern und durchscheinender zu werden, als ob er sich auflöste?

„Du hast es verstanden? Nicht wahr Galileo?“ Bellarmins Stimme bekam einen seltsamen Hall. Als wenn er schon weit entfernt sei und nur noch seine Hülle zwischen diesen Kirchenbänken stände. „Du hast es verstanden Galileo! Oder? Nein – nein das hast du nicht. Du spürst nur den Widerspruch in deinen Worten. Ich bin aus keinem Exil zurückkehrt Galileo. Mein Körper ist tot, aber ich bin auch kein Gespenst! Ich bin – die materielle Manifestation meines Geistes. Die kurzfristig wieder in Materie gegossene Vitalenergie, des Menschen der Bellarmin genannt wurde. Wir beide Galileo könnten noch Jahrtausende hier sitzen und miteinander diskutieren, keiner der Gläubigen, derjenigen, die die Messe aufsuchen würde uns bemerken. Genauso wenig, wie sie dich in Rom bemerkt haben. Es wimmelt von Leben in Rom, in dieser Kirche. Aber sie bemerken dich nicht. Und du bemerkst sie nicht. Denn wir Galileo existieren in einer anderen Dimension, in einem Zwischenreich, das ihr Verstand, und auch deiner noch nicht wahrnehmen kann. Doch bald Galileo wird es so weit sein, du …“Wie horchend hob Bellarmin den Kopf in Richtung Portal. Galileo schaute ihn fassungslos an. Dann hörte er seine Stimme, und sie schien ihm jetzt noch weiter entfernt. „Geh jetzt Galileo geh! Nimm den Ausgang hinter dem Altar. Sieh noch einmal genau hin. Schnell – sie kommen zurück … sie kommen, kommen, kommen….!“

Von einem Augenblick auf den anderen hatte sich die Situation verändert. Dort wo Bellarmin gestanden hatte, war plötzlich nichts mehr. Er war nicht weggegangen, hatte sich nicht langsam verflüchtigt. Er war einfach nicht mehr da.

 

Aufbruch

Sekundenlang starrte Galileo noch auf den Punkt, an dem sein ehemaliger Kontrahent gestanden hatte – dann – spürte er es. Es wurde kälter. Zitternd schlug er die Arme um die Schultern. Ein Klacken, ein Schaben! Langsam wandte Galileo sich um. Das Kirchenportal öffnete sich fast gemächlich. Ein schmaler Streifen des schwindenden Lichts breitete sich auf dem Fußboden aus. Ein Schatten fiel in den Kirchenraum, groß, kompakt, pechschwarz. Galileo wartete gar nicht erst ab – er wusste, wer da kam. Hastig sprang er auf, rannte in den Mittelgang, seine Schuhe klapperten laut, auf den marmornen Fliesen. Er verspürte den fast unwiderstehlichen Drang, sich umzudrehen. Doch er wusste, wer da hinter ihm war, wer ihn jagte! Wusste er es? Keuchend erklomm er die Stufen zum Altar, umrundete den Marmortisch mit der Monstranz und dem flackernden Kerzenleuchter. Dahinter die dunkel glänzende, eichene Tür zur Sakristei. Hart packte er die eiserne Klinke, drückte sie herunter, stieß die Türe auf, in seinen Augenwinkeln blitzten die Schatten der eisernen Masken. Er holte tief Luft und rannte los. Sein Herz pumpte Blut in heftigen Schlägen, schien fast seinen Brustkorb zu durchstoßen! Im Rhythmus seiner Herzschläge schien er die Sakristei zu durchqueren, achtete nicht auf ihre Einrichtung, nicht auf ihre Ausmaße, kam endlich zum Ende dieses Raumes, öffnete die nächste Tür, stürmte hindurch, ohne auf den Weg zu achten. Er war so panisch, dass er erst Minuten später wahrnahm, wo er war! Seine Füße stolperten über einen schmalen steinigen Pfad, ständig blieb er an wucherndem Gestrüpp hängen, rutschte über glitschige moosige Steine. Irgendwann verlor er das Gleichgewicht und knallte mit den Armen rudernd, mitten in eine feuchte, erdig riechende Masse. Seltsamerweise spürte er keinen Schmerz, nur Furcht – eiskalte Furcht. Er wollte schreien! Doch die feuchte sandige Masse, in der er fast versank, verstopfte ihm den Mund und die Nase. Er konnte nicht mehr atmen. Die Angst zu ersticken ließ ihn aufspringen, wie eine gespannte Feder. Und als er wild mit den Armen rudernd seinen Stand endlich stabilisierte, brach ein Licht auf in dieser undurchdringlichen Finsternis – der volle Mond. Der Mond beleuchtete mit seinem Licht unbarmherzig die ganze Szenerie. Als Galileo sah, wohin er geflohen, und in was er gestürzt war, fing er wirklich an zu schreien! Das fahle Licht des Mondes erhellte den Friedhof hinter der Sakristei. Doch etwas war falsch an diesem Friedhof. Die Grabsteine waren alt und verwittert, die Gräber, überwuchert von Gestrüpp, Moos und Flechten. Seine Füße standen in schmutzigem, lehmigem Erdreich. Von Grauen geschüttelt starrte er auf einen halb zerbrochenen Grabstein mit einer gerade noch leserlichen Inschrift.

Galileo Galilei

Geb. 1564

Gest. 1642

Heftig keuchend, wie von einer Lähmung befallen, stand er da und starrte auf seinen eigenen Grabstein. Hastig schloss er die Augen, kniff sie so fest zu, dass rote Schleier vor seinen Augen wallten. Konzentriert versuchte er herauszufinden, ob dies nun die grausame Wirklichkeit, „aber ich stehe ja nun mal hier“, oder ein furchtbarer Albtraum war, aus dem er nicht mehr herauszufinden schien. Vielleicht war er ja auch verrückt oder senil geworden! Dann kam ihm ein anderer Gedanke. Die Masken, die eisernen Masken! Verdammt an die hatte er gar nicht mehr gedacht. Schnell riss er die Augen wieder auf, nur um festzustellen, das sich die Situation schon wieder verändert hatte. Aus dem verwitterten Grabstein war plötzlich ein prächtiges steinernes Grabmal geworden, gestaltet im früh-römischen Stil. In einem kunstvollen Relief war ein marmorner Sarg angedeutet worden, umrahmt von drei Figuren. Der Sarg stand auf einem ebenfalls angedeuteten Sockel, in dem dieselbe Grabinschrift geprägt worden war. Doch kaum hatte sich das veränderte Bild in seinen Geist geprägt, verschwamm es schon wieder, zu einem schlierigen, verwaschenen Farbbrei, der sich in Sekunden Schnelle wieder zu einer neuen Konstellation zusammenzusetzen. Er spürte sich wieder rennen. Es war, als ob er durch eine skurrile Galerie seines Lebens rannte. Rasend schnell glitt er vorbei an dem alten Mann, der 1633 kurz nach dem Urteil nach Siena überstellt wurde, vorbei an dem fast schon erblindeten Mann, der sich in die Obhut des Erzbischofs Ascana Piccolomini begab. Der Botschafter von Toscana, Gott hab ihn selig, bat damals beim Pabst um seine Befreiung. Doch der Pabst lehnte ab.

Nächstes Bild. Von Freunden und Aufpassern begleitet, siedelte ein alter, kranker Mann in sein Haus in Arcetri über.

Er sah seine bleiche Tochter Maria-Celeste, die Nonne geworden war. „Oh Maria-Celeste war es wirklich eine Krankheit, oder hat dich der Gram um mich dahin gerafft?“

Er rannte vorbei an einem weißbärtigen Greis, der in seiner Stube sitzend einen Brief diktierte …“Biete ich den Generalstaaten von Holland meine Entdeckungen über die Bestimmung der Längengrade auf dem Meer an!“

Er sah diesen Greis auch einen seiner Mitstreiter heimlich instruieren, Abschriften des Dialogs über die neuen Wissenschaften nach Deutschland zu bringen.

Er sieht ihn vollkommen erblindet in seiner Studierstube in Arcetri sitzen.

Weiterrennen! Ohne zu denken! Nur nicht nachdenken vielleicht hört dieser Albtraum dann irgendwann auf.

Er stolpert in das nächste Bild. Der Greis gestikuliert aufgeregt mit den Händen. Springt auf von seinem Stuhl, ballt die Hände vor Schmerz. Die Bewegung hat ihm eine Muskelzerrung eingebracht. Seine Lippen beben vor Zorn. „Ich kann diese wertvolle Goldkette, die Anerkennung der holländischen Generalstaaten nicht annehmen! Verdammt es kommt mir nicht auf den Wert des Goldes an. Aber da gibt es einen Staat deren Universität einer meiner Entdeckungen auszeichnet – und ich kann es nicht annehmen, weil dieser verbohrte Pabst und seine Inquisitoren dann Bauchschmerzen bekommen.

Galilei spürte wie die Hitze der Wut, und der Demütigung in ihm aufstiegen.

Doch weiter immer weiter….und plötzlich kam das nächste Bild auf ihn zu. Es schlug förmlich über ihn zusammen wie eine anbrandende Welle.

Er tauchte ein, in….ein hell erleuchtetes Zimmer. Da war ihm schlagartig klar, was hier die ganze Zeit vor sich ging. Er wusste nun, wer das Wesen war, dessen Körper von dieser tödlichen, zerfressenden Kälte heimgesucht wurde. Er wusste nun auch, wer dieser greise Mann war, dem er bei seinem rasenden Lauf, vorbei an den verschwimmenden Bildern begegnet war. Er wandte seinen Blick auf diese letzte Szene, er floss geradezu in sie hinein!

Zwei große dreiarmige Kerzenleuchter standen auf einem einfachen, hölzernen Tisch, der in der Mitte stand. Auf der linken Seite des Zimmers brannte ein flackerndes Feuer in einem sorgsam gemauerten Kamin. Ein alter, scheinbar schwerkranker Mann, lag in einem Bett. Das blütenweiße Laken, mit dem er zugedeckt war, und die roten Flecken auf seinen Wangen unterstrichen noch die wächserne Blässe seines Gesichtes. Der Mann atmete schwer, in heftigen Stößen. Sieben Menschen standen um ihn herum, die Betroffenheit, die Trauer in ihrem Blick sprach Bände. Einige weinten. Jäh – spürte Galileo die Feuchtigkeit, die Wärme der Laken, die Feuer in den Adern dieses Körpers. Die Angst machende Kälte vom Anfang war verschwunden. Es war sein Lebensrhythmus, sein Herzschlag, der wild und ungebärdig gegen die Rippen dieses Körpers schlug. Als begehre er, hinausgelassen zu werden. Plötzlich sah Galileo durch die Augen dieses Körpers, verschmolz mit ihm. Er erkannte die Menschen, die trauernd um das Bett herum standen. Seine Schüler Torricelli und Viviani, „Vincenzio mein Sohn!“, krächzte er heiser. Neben Vincenzio stand Sestilia seine Schwiegertochter. Der Ortspfarrer, die Hand segnend erhoben. Noch einmal begehrte er auf! Wehrte sich gegen eine endgültige Erkenntnis „Verdammt – wieso?“ Ein heftiger, gewaltiger Schmerz wühlte in seiner Brust. Jemand rief – weinend. „Es – ich glaube es ist so weit!“ Wie weit? Verdammt – er hatte Schmerzen. Er wollte – das nicht! Kalter Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Er schnappte nach Luft bäumte sich auf. Irgendwer – Vincenzio? – griff beruhigend nach seiner Hand. Doch er, sah – sah in einer Ecke zwei der anscheinend allgegenwärtigen, eisernen Masken stehen. Ihre in einem bläulich, kalten Licht schimmernden Augen schienen Strahlenbündel auf ihn abzuschießen. Er musste weg hier! Noch einmal bäumte er sich auf. Sein Atem war wie abgeschnitten. Das rhythmische Klopfen war nur noch ein hohles Echo, in seinem Kopf, setzte vollkommen aus. Nein! Ein allumfassender gewaltiger Schmerz, lief durch seinen Körper, ließ für einen winzigen Bruchteil der Zeit seinen Körper, sein Bewusstsein erzittern. Dann war es vorbei – Ruhe! Wie in einem Traum, der nur einen Lidschlag lang währte, fühlte er, dass sich Etwas von diesem Körper löste, mit dem, was ihn ausmachte, verschmolz. Und dann war er es auch wieder, der durch diesen Raum ging, festen Schrittes! Den Körper, der dort lag, und der seiner war, zurücklassend, öffnete er die Haustüre, trat auf die Straße, mitten hinein in ein heftiges Gewitter! Regen durchnässte ihn, doch er spürte es nicht. Donner rollte, laut knallend tosten die elektrischen Entladungen der Blitze durch die Dunkelheit. Er war alleine. Plötzlich geschah es – in einer unheimlichen Lautlosigkeit, durchzog ein heftiger Blitz den Himmel, schien ihn geradezu aufzureißen! Hinter ihm wieder die eisernen Masken. Vor ihm tobte ein infernalisches Wetterchaos. Nur der Aufriss im nächtlichen Himmel verhielt sich ruhig, wie das Auge eines gewaltigen Sturms. Ein gezackter, mit Elmsfeuern besetzter Aufriss, so bläulich kalt leuchtend, wie die Augen seiner Häscher. Aber es war keine Bedrohung, die ihm da entgegen sprang. Es war etwas Anderes. Etwas sehr Altes, etwas was schon immer da gewesen war. Samtige Schwärze, mit glitzernden funkelnden Lichtsprenkeln schimmerte daraus hervor, unendliche Kälte, gewaltige heiße Energien, uraltes Wissen, unglaubliche Kräfte, Verheißung und Hölle, drangen auf ihn ein. Wollte er entkommen – musste er dort hin! Es war ein Aufriss, der Zeit – und es war seine Chance! Er rannte los – zum letzten Mal.

 

 

* Den Auszug aus dem Text des Abschwur, den Galileo vor dem "Heiligen Offizium", halten musste habe ich der Biografie "Galilei", geschrieben von Johannes Helmleben, entnommen. Dieses Buch ist erstmals im Sept. 1969 erschienen. Das Zitat stammt aus der 19. Auflage aus dem Jahr 2006 und ist zu finden auf der ersten Seite unter der Überschrift Einleitung.

Alle anderen biografischen Informationen stammen entweder auch aus diesem Buch oder aus Zeitschriften, wie

"Sterne und Weltraum", oder diversen Fernsehsendungen.

Der Rest basiert auf der "Was wäre wenn Fantasie", der Autorin.

 

Ute Mrozinski am 02.Juli, 2011.

Zum Seitenanfang

Eure Meinung:


Keine Einträge
Keine alten Kommentare vorhanden.

Zum Seitenanfang

Platzhalter

Disclaimer

Die Charaktere dieser Geschichte, sowie alle Handlungen sind geistiges Eigentum des Autors. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten oder Handlungen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Der Autor verfolgt kein kommerzielles Interesse an der Veröffentlichung dieser Geschichte.

Freigabe zur Weiterveröffentlichung besteht, soweit vom Autor nicht anders angegeben nur für "FantasyGuide.de". Für alle weiteren Veröffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.

weitere Infos:


Platzhalter
Platzhalter
Erstellt: 13.02.2011, zuletzt aktualisiert: 23.02.2019 14:17