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Gamer hrsg. von André Skora, Armin Rößler und Frank Hebben

Anthologie

 

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Eine Hand am Joystick – die andere auf den Knöpfen: Du steuerst das Raumschiff durch den Lasersturm, ballerst wild; dann die Plasmabombe: BOOM! Next Level. Später an den 8-Bit-Wänden gecrashed. Du kannst nicht gewinnen, weil du nie genug Coins hast. Oder doch? Denn du bist der GAMER, mit den schnellen Reflexen; mit dem Blick, der Strategie. Du schießt die Kugel ins Rennen, rüttelst am Flipper, den Highscore vor Augen: TILT. Heute oder am Morgen danach, leere Hallen einer Videothek, die VHS-Tapes sind vom Blitz schwarz zerschmolzen; das Knistern im Ohr, ein Geigerzähler, als du deine letzten zwei Münzen in den Schlitz steckst – und spielst.

 

Rezension:

Eine Themen-Anthologie zum Thema Gamer im Science-Fiction-Umfeld verspricht jede Menge Cyberpunk, Retrocharme und Killerspielprobleme.

Was könnte solch einer Anthologie besser voranstehen, als ein Vorwort von Constantin Gillies? Der Autor der Extraleben-Reihe hat einen besonders nerdigen Blickwinkel auf die gute alte Zeit der Computer- und Konsolenspiele und ordnet die Beiträge der Anthologie in kurzen Statements darin ein.

 

Beginnen darf die einzige Autorin des Buches. Melanie Ulrike Junge erzählt in Start New Game? die Geschichte einer jungen Spielerin, die an einem Wettkampf für Retrospiele teilnimmt.

Der Autorin geht es dabei mehr um den sozialen Kontext ihrer Figur als eine fesselnde Story zu entwerfen.

 

Auch der zum Fantasyromanschreiber mutierte Christian Günther dringt tief in das soziale Umfeld seiner Heldin Butterfly ein.

In naher Zukunft ist das Internet zerstört. Doch mit der Zeit beginnen die Menschen in den Ruinen des Netzes nach Schätzen zu graben. Codeartefakte, Filmschnipsel, sensible Daten – auf dem Schwarzmarkt der Sucher lässt sich viel Geld verdienen. Doch der Freund von Butterfly gerät dabei in Teufelsküche und die junge Kellnerin muss sich entscheiden …

Die Story ist hart, dreckig erzählt und wirklich düster. Mit einem geteilten Ende bietet sie sogar ein recht digitales Feature.

 

Jan-Tobias Kitzel begleitet in Friedensleere eine Reinigungskraft durch eine geheimnisvolle Lagerhalle und ein alternder Polizist erlebt den besten Tag seiner Karriere …

Die gut erzählte Geschichte bebildert leider etwas zu schmalbrüstig die dystopische Grundidee.

 

Galactic Tentacles heißt das Spiel, welches Nick und Karl über alles lieben. Der Spielautomat steht im Keller einer Autobahnraststätte, es sind die 80er und cooleres kann man sich kaum vorstellen, als den ominösen CTH vom Highscore zu verdrängen. Doch das Spiel ist fies. Fieser ist nur die Realität …

Andreas Winterer taucht in eine längst vergangene Kindheit ein. Das sehr witzige Jungsabenteuer überzeugt durch Retrocharme.

 

Thorsten Küpers MetaGamer badet in einer für ihn typischen Kombination aus technischen Fehlentwicklungen, komplizierten Beziehungen und Horror.

Simon wird seit Jahren von einem geheimnisvollen Anrufer erpresst. Sein ganzes Leben ist inzwischen ruiniert und es gelingt Simon kaum, seine Familie zu schützen, selbst als er sich von Frau und Kind trennt. Doch da bietet sich die Gelegenheit zur Rache …

Die Story geht an einer Stelle weiter, an der andere Schluss machen. Trotzdem gelingt es Thorsten Küper, dass beide Teile wunderbar zueinander passen. Das Gefühl für Timing und Dramaturgie verlässt den Autor auf keiner Seite und obwohl er ganz locker ein paar Klischees bedient, gelingt ihm eine komplexe und ziemlich monströse SF-Geschichte.

 

Mike Krzywik-Groß wandelt in Die dritte Stadt auf den Spuren von Tron.

Ein japanischer Polizist untersucht 1983 den Tod eines Behinderten. Er starb umgeben von diversen vernetzten Computern und sie laufen noch …

Mehr als eine Verbeugung vor »Tron« ist die Geschichte leider nicht. Es kommt nie Spannung auf, die Idee ist uralt und das Ende lahm.

 

Der Megafusion-Master Sven Klöpping beschert uns mit 50% Shootout: jeder Zweite wird gelöscht zwar auch keine neue Idee, überzeugt jedoch durch seine gewohnt abgefahrene Sprache für eine ruppige Zukunft, die trotz hoher Jahreszahl eher Near Future ist: Ein versiffter Punker wird Teil einer neuen Kampagne zur Lösung eines Problems mit Überbevölkerung.

Die Story ist nicht wirklich von Belang, ganz offensichtlich stand hier die Sprachgestaltung im Vordergrund.

 

Mit Evergreen / Nevergreen darf nun auch Constantin Gillies eine Geschichte zu »Gamer« beitragen. Sie beschert uns ein Wiedersehen mit Nick und Kee, die sich an den Erinnerungen ihrer alten Gamer-Tage ergötzen.

Wer »Extraleben« oder eine der Fortsetzungen las, wird sich sofort wohlfühlen. Die Geschichte kommt komplett ohne phantastische Elemente aus, aber die hier gefeierte Freundschaft erwärmt das Herz.

 

Peter Hohmann widmet sich in Cornstalk wird ewig leben dem Leben und Leiden eines MMO-Hardcore-Raidleiters. Aufgemotzt mit kritischer Betrachtung der Lebensumstände und etwas Thrill. Insgesamt aber doch zu brav und wenig fesselnd. Ein Großteil der Geschichte besteht aus einem Spielbericht.

 

Mit Kaleidoskop liefert Frank Hebben das erste Highlight der Anthologie.

In verschiedenen, mit Farbcodierungen versehenen Minikapiteln entführt uns der sprachfeilende Autor in eine – was sonst – dystopische Welt, in der man mit tanzenden Leichen Geld verdienen aber auch seine Hände verlieren kann. Eine Welt, in der einem die eigenen, aufgemotzten Augen verraten und man für unzüchtige Blicke instant bestraft wird. Eine Welt, in der letztlich die wahre Freiheit dem Punk gehört.

Die verschiedenen Handlungsstränge werden raffiniert durcheinandergeworfen und dennoch zu einem schlüssigen Gewebe verwoben. Frank Hebben entwickelt aus seinem Farb-Kaleidoskop eine Art Stakkato-Roman mit SF-Ideen, die man zwar schon kennt, aber bisher wohl kaum in dieser Kombination und krachenden Sprachbrillanz erleben durfte.

 

Die Story Das Netz der Geächteten von Michael K. Iwoleit wurde inzwischen mit dem Deutschen Science-Fiction Preis als beste Kurzgeschichte des Jahres 2016 ausgezeichnet.

Spark ist ein Gamer auf Entzug. Zum Offline-Leben verurteilt, muss er sich wohl oder übel mit seinen Strafauflagen arrangieren, samt Selbsthilfegruppe und regelmäßigen Amtsbesuchen. Doch er will unbedingt wieder zurück ins Spiel und so greift er zu, als sich ihm eine Tür ins Darknet, eben jenem Netz der Geächteten öffnet …

Eine ziemlich gewöhnliche Cyberpunkwelt und Onlinesucht – klingt alles nach 90er Jahre und wird zum Ende recht plump erklärt. Iwoleit kann erzählen, besonders das Manische der Sucht kitzelt er ganz hervorragend aus seiner Figur heraus aber leider vergisst er darüber, auch eine interessante Geschichte zu erzählen.

 

An den berühmten Film War Games erinnert Christian Lange mit seiner Story War Games – Kriegsspiele.

David und Jen sind Profigamer. Aus der Internetfreundschaft ist inzwischen mehr geworden, obwohl sie sich noch nie life begegnet sind. Doch ein neues Spiel eröffnet den Gewinnern einer ganz speziellen Beta-Phase die Aussicht auf eine Mitarbeit an der Entwicklung des Spiels. Die Reise nach Kalifornien bringt auch David und Jen zusammen …

Christian Lange erzählt eine Liebesgeschichte im Gamer-Umfeld, deren Begleitumstände leider vorhersehbar und wenig innovativ geraten sind.

 

Auch bei Niklas Peinecke geht es in Emukalypse um romantische Verbindungen.

In einem ziemlich abgefahrenen 8-Bit Universum rennen Susanne und der namenlose Ich-Erzähler durch eine Welt voller Reminiszenzen als Computerspielklassikern und versuchen sich zum Endboss durchzukämpfen: Kai, dem sie das ganze Schlamassel verdanken.

In Rückerinnerungen erfahren wir nach und nach, wie sich die drei Nerds kennenlernten, was sie verband, was sie trennte und letztendlich, wie es sie herführte.

Niklas Peinecke erzählt seinen Stoff kunterbunt und modern. Er hätte bequem auch für einen Roman gereicht. Die Figurenkonstellation und der Konflikt hätten das Potential dazu. Wer die erwähnten Spiele kennt, wird zudem einen Riesenspaß am Schwelgen in Erinnerungen haben und sicher einige der wilden Handlungssprünge in der Endzeit besser nachvollziehen können. Definitiv ein weiterer »Gamer«-Höhepunkt.

 

Etwas ganz besonderes ließ sich Uwe Post für seine dystopische Kurzgeschichte Beschluss 4/7/90 einfallen.

In einer Art Alternativwelt oder gar Simulation begleiten wir einen Jugendlichen in der DDR. Als leidenschaftlicher Computerspieler nutzt er die Lücken des totalitären Systems, um an ein besonders schweres Spiel zu gelangen.

Doch ist es ein Spiel?

Die DDR als Handlungsort zu wählen, ist genial. Zwar sind die Abweichungen teilweise befremdlich, passen aber sehr gut in das Szenario und einige der beschriebenen Szenen hätten sich so tatsächlich ereignen können.

Der für seine humorige SF bekannte Autor, geht damit dieses Mal eher sparsam um, allenfalls etwas Situationskomik ließ er einfließen, ansonsten gibt sich die Geschichte sehr düster.

Das Ende befriedigt nicht ganz, man spürt, dass hier eigentlich zu früh abgebrochen wurde.

 

Zum Abschluss liefert Mitherausgeber Armin Rößler mit Katar 2022 noch einen bitterbösen Kommentar zu Korruption und Machtmissbrauch im Fußball.

In einer Textcollage werden fiktive Ereignisse um die Vergabe der Fußball-WM 2022 nach Katar verknüpft mit einer Zeitreise und Einzelschicksalen.

Armin Rößler seziert schmerzhafte politische Themen raffiniert mit SF-Mitteln und bohrt tief mit dem Messer in den Wunden. So sollte moderne SF sein!

 

Zwischen den Geschichten gibt es farbige Illustrationen, die jeweils die Geschichte davor oder grafisch interpretieren. Hier hat sich ein illustrer Kreis bekannter und unbekannter KünstlerInnen eingefunden und wertet mit tollen Zeichnungen die insgesamt mehr als lohnenswerte Anthologie zusätzlich auf.

 

Fazit:

»Gamer« ist ein vergnügliches Buch geworden mit erstaunlich vielen experimentellen SF-Texten, die man in solcher Konzentration mal wieder in einer Nova-Ausgabe finden möchte.

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Eure Meinung:

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Buch:

Gamer

Herausgeber: André Skora, Armin Rößler und Frank Hebben

Taschenbuch: 301 Seiten

Begedia Verlag, 10. Juni 2016

Illustrationen: Santana Raus, Nicolaj Djatschenko, Si-yü Steuber, Robert Porazik, Jessica May Dean, Nummer 85, Carsten Dörr, Jan Neidigk, Stas Rosin, Christoph Jaszczuk, Sunny Ray, Volker Konrad, René Nowotny, Christian Günther

Cover: Tim Eckhorst

Vorwort: Constantin Gillies

 

ISBN-10: 395777070X

ISBN-13: 978-3957770707

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B01GZUOU0O

 

Erhältlich bei: Amazon

Inhalt:

  • Melanie Ulrike Junge – Start New Game?
  • Christian Günther – Butterfly
  • Jan-Tobias Kitzel – Friedensleere
  • Andreas Winterer – Galactic Tentacles
  • Thorsten Küper – MetaGamer
  • Mike Krzywik-Groß – Die dritte Stadt
  • Sven Klöpping – 50% Shootout: jeder Zweite wird gelöscht
  • Constantin Gillies – Evergreen / Nevergreen
  • Peter Hohmann – Cornstalk wird ewig leben
  • Frank Hebben – Kaleidoskop
  • Michael K. Iwoleit – Das Netz der Geächteten
  • Christian Lange – War Games – Kriegsspiele
  • Niklas Peinecke – Emukalypse
  • Uwe Post – Beschluss 4/7/90
  • Armin Rößler – Katar 2022

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Erstellt: 23.05.2017, zuletzt aktualisiert: 07.06.2019 15:55