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Gott der Barbaren von Stephan Thome

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

China, Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine christliche Aufstandsbewegung überzieht das Kaiserreich mit Terror und Zerstörung. Ein junger deutscher Missionar, der bei der Modernisierung des riesigen Reiches helfen will, reist voller Idealismus nach Nanking, um sich ein Bild von der Rebellion zu machen. Dabei gerät er zwischen die Fronten eines Krieges, in dem er am Ende alles zu verlieren droht, was ihm wichtig ist. An den Brennpunkten des Konflikts – in Hongkong, Shanghai, Peking – begegnen wir einem Ensemble so zerrissener wie faszinierender Persönlichkeiten: darunter der britische Sonderbotschafter, der seine inneren Abgründe erst erkennt, als er ihnen nicht mehr entgehen kann, und ein zum Kriegsherrn berufener chinesischer Gelehrter, der so mächtig wird, dass selbst der Kaiser ihn fürchten muss.

 

Rezension:

Philipp Johann Neukamp ist ein preußischer Ex-Revolutionär, dem die Niederlage der Revolution von 1848 schwer in den Knochen steckt. Um seinem Leben wieder ein Ziel zu geben, schließt er sich einer Missionsbewegung an, die den Chinesen das Christentum bringen möchte. Doch schon bald steckt er zwischen Opiumkriegen und dem Taiping-Aufstand fest, verliert seinen Glauben, die Frau, die er liebt – und seinen linken Arm …

 

Es gibt noch weitere Handlungsstränge in Stephan Thomes historischem Roman Gott der Barbaren. Ein chinesischer Freund Neukamps ist der Cousins des Anführers der Aufständigen. Als Mitglied einer ethnischen Minderheit verfolgen sie ihre eigene Adaption des Christentums und gründen in Nanking ein neues Reich.

Ihnen gegenüber steht das kriselnde Kaiserreich. Seit zwei Jahrhunderten sitzen Eroberer aus der Mandschurei auf dem Thron und Mandschus bilden auch die politische und militärische Elite. Ein Feldherr jedoch ist ein chinesischer Gelehrter: Zeng Guofan befiehlt eine selbst aufgestellte Armee, die sowohl den Rebellen, als auch den Madschus gefährlich werden kann.

Aber da gibt es noch die westliche Allianz von Briten, Russen und Franzosen, angeführt vom britischen Sonderbeauftragten Lord Elgin, deren Ziel es ist, die chinesischen Märkte zu öffnen. Dabei geht es vor allem um den Opiumhandel, durch den die Briten große Gewinne erzielen.

Sie stoßen dabei nicht nur auf kulturelle Unterschiede, die zu ernsthaften Missverständnissen führen, sondern auch auf ein militärisch rückständiges Großreich, dessen innere Konflikte es zusätzlich schwächt. Ein gefundenes Fressen für imperialistische Allüren …

 

Stephan Thome studierte Philosophie und Sinologie – eine perfekte Kombination für einen Roman über das chinesische Wesen und seinem Aufprall auf die westliche Welt.

Der geschichtliche Rahmen ist perfekt gewählt. Taiping-Aufstand und die Opiumkriege eignen sich hervorragend, die kulturellen und philosophischen Unterschiede in einen spannenden Kontext zu stellen. Dabei ist es vor allem der Handlungsstrang um den verkappten Missionar Philipp, Fei Lipu genannt, in dem die Abenteueraspekte des Romans deutlich werden und der auch den Rahmen der Erzählung bildet. Fei Lipu sieht sich als Freund der Aufständigen, nicht nur weil er Hong Rengan, dem späteren Schildkönig, seinen Freund nennt, sondern auch, weil er in dieser Bewegung Ideen sieht, die ihn an seine revolutionäre Zeit erinnern.

 

Der eigentliche Konflikt aber enthält zwei Kontrahenten, die als Symbole ihrer Hemisphären gelten können. Lord Elgin vertritt den dekadenten, blasierten und arroganten Westen, der in China ein barbarisches Land sieht, dass sich der neuen Zeit, also ihnen anzupassen hat. Die Scheinmoral seiner adligen Herkunft ist nur eine hauchdünne Fassade, die bald in der Hitze Chinas schmilzt. Selten wurde ein Adliger so unsympathisch dargestellt.

 

Besser ergeht es da dem chinesischen General und Gelehrten Zeng Guofan. Auch er muss sich wie Elgin unfreiwillig an die Spitze einer militärischen Operation stellen. Doch Thome nutzt die Figur, um ausführlich die voller Philosophie steckende Lebensweise der Chinesen darzustellen. Zeng Guofan schreibt zur Erholung Gedichte, zwingt seine Untergebenen Essays zu schreiben, damit sie durch das Beschäftigen mit klassischen Gelehrten und ihrer Weisheit, Lehren aus Fehlern ziehen. Zeng Guofan sieht sich als Lehrer und selbst die Ermordung tausender Kriegsgefangener kann er mit einem hintergründigen Spruch begründen. Während der schwierigsten Entscheidungen gehen ihm Bedeutungsebenen chinesischer Schriftzeichen durch den Kopf.

 

Das Makabre an der Situation zwischen Ost und West wird in dem Umstand deutlich, dass man sich gegenseitig als Barbaren sieht und kaum Mühen darauf verschwendet, die andere Kultur kennen zu lernen. Thome kann zumindest den chinesischen Part mit fundiert erscheinendem Wissen beleuchten. So lernt man nicht nur einen traurigen Teil der Geschichte – bis zu 30 Millionen Menschen verloren damals ihr Leben – sondern auch die Beweggründe, Gedanken und die Ethik der Menschen im damaligen China kennen. In einer Zeit, in der China einen immensen politischen und wirtschaftlichen Einfluss weltweit ausübt, ist dieser Blick in die chinesische Geschichte ein durchaus wichtiger Beitrag zum Verstehen aktueller Entwicklungen. Thome lässt nicht umsonst seinen Roman mit einem chinesischen Zeitungsartikel aus dem Jahre 2012 enden.

 

Fazit:

»Gott der Barbaren« von Stephan Thome ist ein tiefgründiger historischer Roman, der nicht nur einen der blutigsten Bürgerkriege der Geschichte beleuchtet, er liefert auch eine fesselnde Darstellung der chinesischen Kultur und Denkweise. Wer verstehen möchte, warum die Volksrepublik China im Gegensatz zu allen anderen sozialistischen Experimenten immer noch und erfolgreicher denn je agiert, sollte einen Blick in die Geschichte Chinas werfen. »Gott der Barbaren« bietet dazu eine fesselnde Möglichkeit.

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Eure Meinung:

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Buch:

Gott der Barbaren

Autor: Stephan Thome

Gebundene Ausgabe: 719 Seiten

Suhrkamp Verlag, 10. September 2018

Karten: Peter Balm

 

ISBN-10: 351842825X

ISBN-13: 978-3518428252

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B07CHWS1WV

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Weitere Infos:


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Erstellt: 05.10.2018, zuletzt aktualisiert: 01.12.2018 14:46