Zunächst darf festgehalten werden, dass es ein erfreuliches Zeichen ist, dass ein großer Publikumsverlag eine Storysammlung veröffentlicht. Die Kurzgeschichte führt in Deutschland leider seit Jahrzehnten ein Schattendasein. Da ist diese Veröffentlichung ein Lichtblick.
Meine traurigen Toten ist eine Geschichte über Geistererscheinungen. Sie sind allerdings eingebettet in den realen Horror Argentiniens, in der es immer wieder zu Gewaltakten auf offener Straße und Raubüberfällen, sowie Einbrüchen kommt. Mariana Enriquez stellt dies den Folgen gegenüber in Form von Geistern, welche die Überlebenden mit ihren Taten oder fehlenden Taten konfrontieren. Eine schockierende Geschichte, die mit leisem Horror genauso arbeitet wie mit gewalttätigen Bildern.
In Die Vögel der Nacht erzählt Enriquez von Frauen, die sich in Vögel verwandeln. Gleichzeitig beschreibt sich die Protagonistin als lebende Tote, deren Gesicht verwest. Die Story lebt von krassen Bildern und folkloristischen Einsprengseln.
Das Unglück im Gesicht handelt von den Folgen einer Vergewaltigung, die sich in der Vergangenheit abgespielt hat. Der Täter wird als Mann ohne Gesicht beschrieben, was die Unfähigkeit zur Bewältigung der Vergewaltigung ausdrückt. Und diese Tat wirkt noch nach Generationen nach, sodass der Enkelin des Opfers das Gesicht nach und nach verschwindet. Eine bedrückende Geschichte, die betroffen und traurig macht.
Julie: Die Geschichte eines Mädchens, das nirgendwohin zu passen scheint. Gleichzeitig beschäftigt sich die Story mit der Rolle Argentiniens auf dem Kontinent und dem Einfluss der USA auf die Lebenspläne der Menschen. Eine eher schwache Horrorstory.
Verwandlung ist stärker. Hier dreht sich alles vordergründig um den sich verändernden Körper einer Frau, die dem Alterungsprozess unterworfen ist. Dazu kommen Krankheiten wie Myome an der Gebärmutter, worauf diese chirurgisch entfernt wird. Die Protagonistin nimmt das Myom mit nach Hause. Im Lauf der Zeit wird der Wunsch größer, dies wieder in ihren Körper zu integrieren. Bodyhorror aus weiblicher Sicht, sehr gelungen!
Die titelgebende Story Grelles Licht für darke Leute beschreibt ein Ereignis im Leben einer Journalistin, die in Buenos Aires für eine New Yorker Zeitschrift schreibt. Sie ist auf der Spur einer urbanen Legende, in der Mystiker den Geist eines in einem Wassertank ertrunkenen Mädchens auf einem Hausdach beschwören. Eine sehr packende, realistisch eingebettete Geschichte.
Die Hymnen der Hyänen erzählt von einem Pärchen, das zu Besuch bei den Eltern ist. Der Protagonist hat immer wieder depressive Phasen und sein Freund Mateo versucht ihn zu unterstützen. Die Schwulenfeindlichkeit wird unterschwellig thematisiert, als die beiden ein ehemaliges Foltergefängnis aufsuchen und von Geistern bedrängt werden.
Verschiedene aus Tränen gemachte Farben zeigt die Geschichte einer Protagonistin, die alte Kleider aufkauft und wieder verkauft. Sie gerät an einen obskuren Verkäufer, dessen Kleider seiner Frau ein bizarres Eigenleben besitzen. Gruseliger Horror, der vom unterschwelligen zum grotesken Grauen umschwenkt.
Die leidende Frau zeigt eine seltsame Situation: Eine Frau bekommt von einer unbekannten Person Sprachnachrichten. Es entwickelt sich eine Story rund um Krebs und Verfall. Etwas verwirrend geschrieben.
Der Friedhof der Kühlschränke trägt die Handschrift Stephen Kings. Auch hier wird eine Tat in der Kindheit zum Mühlstein um den Hals der Protagonisten in der Gegenwart. Gelungen und spannend.
Ein lokaler Künstler erzählt eine Geschichte, die mit dem Grotesken der Malerei spielt. Ein Pärchen kommt als Touristen in ein abgelegenes Dorf und dort werden sie Zeuge merkwürdiger Vorgänge rund um einen lokalen Maler. Stimmiger Horror.
Die Story Schwarze Augen beschließt den Band mit einer unheimlichen Begegnung mit zwei Jungs, die schwarze Augen besitzen, in denen das Böse lauert. Recht kurz, aber in seiner Schlussphase grandios mit wenigen Worten.