Gullivers Reisen (Autor: Jonathan Swift)
 
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Gullivers Reisen von Jonathan Swift

Rezension von Matthias Hofmann

 

Vor fast 299 Jahren erschien der Episodenroman Gullivers Reisen von Jonathan Swift; anno 1726 noch unter dem umständlich langen Originaltitel Travels into Several Remote Nations of the World. In Four Parts. By Lemuel Gulliver, First a Surgeon, and then a Captain of Several Ships. Es war durchaus üblich in jenen Jahren, dass ein Buchtitel sehr deskriptive Züge hatte, ebenso wie es eine kleine Inhaltsangabe zu jedem einzelnen Kapitel gab.

 

Mit der Länge des Originaltitels hatte sich Swift fast noch zurückgehalten, denn der sieben Jahre zuvor veröffentlichte Roman Robinson Crusoe des Londoners Daniel Defoe kann folgenden Originaltitel vorweisen: The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner: Who lived Eight and Twenty Years, all alone in an un-inhabited Island on the Coast of America, near the Mouth of the Great River of Oroonoque; Having been cast on Shore by Shipwreck, wherein all the Men perished but himself. With An Account how he was at last as strangely deliver’d by Pirates. Written by Himself.

 

Wie »Robinson Crusoe« ist der fiktive Reiseroman von Swift über die Jahrhunderte zum Klassiker der Weltliteratur avanciert. Von den insgesamt vier Teilen, die den vier Reisen von Lemuel Gulliver entsprechen, sind die ersten beiden als Kinderbuch am berühmtesten geworden und inzwischen am meistgelesenen. Fast jeder kennt die Story von Gulliver, der auf der Insel Liliput, südwestlich von Sumatra, strandet und dort auf ziemlich kleine Menschen trifft.

 

Aber, Hand hoch, wer hat den Roman in seiner vollen Länge gelesen? Es gibt einige, die vielleicht die TV-Zeichentrickserie Die unwahrscheinlichen Abenteuer des Lemi Gulliver noch in Erinnerung haben, die 1979 vom ZDF ausgestrahlt wurde. Und Animationsfilmfans kennen eventuell den US-Kinofilm Gullivers Reisen aus dem Jahre 1939, mit dem die Fleischer Studios und Paramount dem zunehmenden Erfolg von Disney Paroli bieten wollten. Aber wer hat wirklich die Romanvorlage komplett gelesen?

 

Ich nicht. Bislang. Dabei stand »Gullivers Reisen« schon lange auf meiner »Bucket List of Books«, meiner Liste der Bücher, die ich im Leben einmal gelesen haben will. Nun hat der Anaconda Verlag den Klassiker in einer unschlagbar günstigen Hardcoverausgabe neu aufgelegt und mit einigen (leider wenigen) Illustrationen des französischen Künstlers Grandville (1803 – 1847) ergänzt. Der hat nicht nur Klassiker der Weltliteratur illustriert (u. a. auch »Robinson Crusoe« oder Don Quichotte), sondern war vor allem bekannt für seine skurrilen Zeichnungen von Mischwesen: Menschen mit Tierköpfen, Tieren mit Menschenköpfen oder Kombinationen von Pflanze und Mensch oder Tier.

 

Die Handlung der vier Reisen von Gulliver zusammenzufassen, ist etwas mühselig und bei einem weltbekannten Klassiker vielleicht eher redundant. Nimmt man heutzutage ein fast 300 Jahre altes Werk in die Hand, beschäftigt einen viel mehr zunächst die Frage, ob das Buch auch heute noch beeindruckt oder zumindest lesenswert ist.

 

Anaconda hat die Geschichte nicht neu übersetzen lassen, sondern die Übersetzung von Franz Kottenkamp nachgedruckt. Sie ist nicht nur von den gut verbreiteten Taschenbuchausgaben von Verlagen wie Insel oder Diogenes her bekannt, sondern ist selbst schon ziemlich alt. Sie stammt von 1839, als Swifts Werk in zwei Bänden im Adolph Krabbe Verlag erschien (im Übrigen mit 450 (!) Bildern und Vignetten von Grandville). Und sie hat sich erstaunlich gut gehalten, denn sie ist in der Tat auch heute noch gut lesbar, obwohl sie – zum Glück! – sprachliche kontemporäre Eigenheiten des frühen 19. Jahrhundert vorweist.

 

Was bei dem ganzen Kinderbuch-Aspekt über die Jahre für viele in Vergessenheit geraten sein mag, ist die Tatsache, dass Swift den Roman als Satire verstanden haben wollte. Vordergründig geht es zwar auf Reisen nach Liliput zu den Winzlingen und nach Brobdingnag zu den Riesen sowie in weitere fantastische Orte wie die Gelehrteninsel Laputa, eine fliegende kreisförmige Landmasse, die mittels eines riesigen Magneten schwebt und bewegt wird, oder ins Land der Houyhnhnms und Yahoos, wo intelligente Pferde über völlig verwahrloste Menschenartige herrschen. Hintergründig wollte Swift jedoch seine fiktiven Reiseberichte als Satire auf die Gesellschaft in Großbritannien und Europa verstanden wissen. Besonders der letzte Teil ist ziemlich kritisch ausgefallen und brachte dem Schriftsteller den Ruf ein, ein Menschenfeind zu sein.

 

Insgesamt ist »Gullivers Reisen« ein gekonnter erzähltechnischer Kniff, der sich des Paradoxons der »wahren Lüge« bedient. Besonders zur Zeit seiner Veröffentlichung kann es durchaus so gewesen sein, dass unbedarfte Leser viele Passagen für bare Münze genommen hatten.

 

Es lässt sich feststellen, dass »Gullivers Reisen«, besonders in seiner vollen Pracht, auch heute noch gut lesbar ist und zum Nachdenken anregt. Wer frühe fantastische Romane mag, der sollte ihn gelesen haben. Die günstigen 7,95 Euro für die neue Anaconda-Edition sind ein zusätzlicher Anreiz für einen Kauf.

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Buch:

Gullivers Reisen

Originaltitel: Gulliver’s Travels, 1726

Autor: Jonathan Swift

Übersetzung: Franz Kottenkamp

Titelillustration: Jean-Jacques Grandville

gebundene Ausgabe, 384 Seiten

Anaconda, 19.03.2025

 

ISBN-10: 3730615157

ISBN-13: 9783730615157

 

Erhältlich bei Amazon


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Erstellt: 27.06.2025, zuletzt aktualisiert: 01.10.2025 14:16, 24781