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H. P. Lovecraft. Das Werk herausgegeben von Leslie Klinger

Rezension von Cronn

 

Kaum ein Autor existiert in der dunklen Phantastik des 20ten Jahrhunderts, der größeren Einfluss auf das Genre genommen hat als Howard Philips Lovecraft. Seine Kurzgeschichten und Novellen wirkten auf andere Autoren und inspirierten sie. Lovecrafts Werk wurde in Filmen zitiert, in Videospielen adaptiert, zu Hörspielen umgewandelt und vieles mehr.

Epigonen, die vom Nachahmen seines Stils leben, gibt es viele. Es ist eine gute Schule für einen Weird Fiction Autoren sich Lovecrafts Handwerksmittel anzuschauen, sie liegen relativ offen vor. Damit schult man seinen eigenen Stil und erkennt, was die Literatur des Grauens ausmachen kann. Doch hier darf man selbstverständlich als Autor nicht stehenbleiben.

Was nicht so leicht zu durchschauen ist, liegt in der Tiefe der Texte als literarische, zeitgenössische Anker verborgen. Die Rede ist von Bezügen, die Lovecraft in vielerlei Hinsicht vornahm, zum Teil unbewusst, und die erhellend für ein vertieftes Verständnis der Geschichten und der Einordnung von Lovecraft in den Kanon der unheimlichen Literatur sein können.

Leslie Klinger hat sich der Mammutaufgabe verschrieben, diese Inhalte für heutige Leser sichtbar zu machen und der Fischer-Verlag hat mit seinem Label Tor dafür gesorgt, dass auch deutsche Leser diese Erfahrung machen dürfen.

Wie gelungen ist die Ausgabe und wie umfangreich ist die sekundärwissenschaftliche Arbeit darin? Das soll in der nachfolgenden Kritik aufgezeigt werden.

 

Inhalt und Kritik:

»Bücher, die geworfen tödlich wirken« – dieser Kalauer geht einem unwillkürlich durch den Kopf, wenn man zum ersten Mal H. P. Lovecraft. Das Werk in den Händen hält: Über 900 Seiten, gebunden als Hardcover – das ist schon ein schwerer Brocken, den man nicht mal so locker-flockig in der U-Bahn mitschleppt und liest.

 

Dazu ist das Buch auch nicht gedacht. »H. P. Lovecraft. Das Werk« sieht sich als Mischung aus wissenschaftlichem und literarischem Werk. Das wird schon im Inhaltsverzeichnis klar.

»H. P. Lovecraft. Das Werk« besteht grob gesagt aus drei Teilen: einer Einführung, den Geschichten und den Anhängen. Den Abschluss machen Bibliographie und Danksagung.

 

Kein geringerer als Alan Moore, Schriftsteller und Autor von Comics (u. a. Watchmen), hat eine Einführung beigesteuert, die zugleich sprachlich eloquent, als auch in all ihrer Kürze sehr erhellend ist. Dieser folgt eine lange Einleitung von Leslie Klinger, der auf Einzelheiten der Lovecraft-Bedeutung eingeht und auch den Bogen der unheimlichen Literatur von der Antike bis hin zur Neuzeit spannt. Beide Einführungen sind gut geschrieben, wobei der Teil von Leslie Klinger wissenschaftlich sauber ausgeführt ist. Einzig fehlt bei seiner Darstellung der literarischen Historie der Phantastik der Bereich des Gilgamesch-Epos aus Assyrien.

 

Die Kurzgeschichtenauswahl ist gelungen und enthält die wichtigsten Geschichten, angefangen von Dagon über Cthulhus Ruf bis hin zu Der Schatten aus der Zeit in einer würdigen Übersetzung von Andreas Fliedner und Alexander Pechmann.

 

Was den Band so hervorragend macht, erkennt man hier: Auf jeder Seite wurden dem eigentlichen literarischen Text erklärende Zusatztexte oder Fotografien an den Rand gestellt. Diese erklären historische Bezüge, stellen Orte, Gebäude dar und ermöglichen einem heutigen Leser das Eintauchen in die Welt von damals. Auf diese kritische Weise werden Bezüge und Querverweise von Lovecraft deutlich, die bei der reinen Lektüre des Textes bei einem Zeitgenossen aufgetaucht sein mochten, die aber zumindest von Lovecraft bewusst/unbewusst intendiert waren. Hier hat Leslie Klinger hervorragende Arbeit geleistet, indem er diese Erfahrungswelt wieder zugänglich macht.

Das einzige, was dem Lovecraft-Enthusiasten fehlt, ist eine historisch-kritische Ausgabe, in der verschiedene Textversionen miteinander verglichen werden. Aber das würde die Aufgabe von Leslie Klinger ins Überproportionale bringen und dem Lesecharakter von „H. P. Lovecraft. Das Werk“ nicht zuträglich sein.

 

Die Anhänge beleuchten zudem sehr eingehend den Einfluss von Lovecraft in vielfältiger Weise, u. a. auf die Pop-Kultur des 20ten und 21ten Jahrhunderts, sodass genügend sekundärwissenschaftlicher Lesestoff vorhanden ist.

 

Fazit:

»H. P. Lovecraft. Das Werk« ist eine geglückte Werkausgabe, die sehr intensiv auf die zeitgenössischen Umstände der innertextlichen Bezüge eingeht und darüber hinaus ein breites Spektrum an Perspektiven auf Lovecraft ermöglicht.

Für Neuleser von Lovecraft ist das Werk nicht zu empfehlen. Hier sollte ein frischer Zugang ermöglicht werden, unbedarft von akademischer Bürde. Aber alle Lovecraft-Enthusiasten finden hier einen Leckerbissen an fundiert recherchiertem Hintergrundwissen vor, der seinen Preis rechtfertigt.

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Eure Meinung:

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Buch:

H. P. Lovecraft. Das Werk

Original: The New Annotated H.P. Lovecraft, 2014

Herausgeber: Leslie Klinger

Übersetzer: Andreas Fliedner und Alexander Pechmann

Gebundene Ausgabe, 912 Seiten

FISCHER Tor, 21. September 2017

 

ISBN-10: 3596037085

ISBN-13: 978-3596037087

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 02.11.2017, zuletzt aktualisiert: 02.11.2017 18:47