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Handbuch für Detektive von Jedediah Berry

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Charles Unwin ist seit mehr als zwanzig Jahren Schreiber für die Agentur. Einige seiner Bearbeitungen gelten als musterhaft – wenn doch nur alle Schreiber zwischen Dolch und Stilett unterschieden. Außerdem ist er der Schreiber des besten Detektivs der Agentur – Travis Sivart. Jeden Morgen fährt Unwin vor der Arbeit mit seinem Rad zum Bahnhof und beobachtet verstohlen eine junge Frau im karierten Mantel. Sie scheint auf jemanden zu warten. Diesen Morgen lässt sie ihren Schirm fallen, aber bevor Unwin etwas unternehmen kann, wird er von einem Fremden angesprochen, der sich als Detektiv Sam Pith vorstellt. Er hat eine Nachricht für Unwin – Unwin ist jetzt zum Detektiv befördert worden. Und er müsse sich einen neuen Hut besorgen. Unwin macht sich Sorgen: Jetzt kommt er zu spät zur Arbeit und wie soll er die 'Beförderung' (bestimmt ein Irrtum) erklären? Auf dem Weg zur Arbeit erinnert er sich an einen Traum dieser Nacht: Detektiv Sivart lag in Unwins Badewanne und erklärte, er habe sich geirrt. Auch Unwin solle seine Arbeit sorgfältiger machen und Kapitel 18 des Handbuchs für Detektive lesen. An seinem Arbeitsplatz erwarten den Schreiber indes zwei Überraschungen: Zum einen hat die Frau mit dem karierten Mantel seinen Schreibtisch übernommen und zum anderen wurde er tatsächlich befördert. (Oder?) Im Fahrstuhl zu seinem neuen Vorgesetzten machen seine neuen Kollegen ihm klar: Mit diesem Hut wird Unwin sich keine Freunde machen!

 

Die Agentur sitzt in einem Hochhaus: Die Schreiber im vierzehnten Stock, die Detektive im neunundzwanzigsten und die Wächter im sechsunddreißigsten. Die Agentur ist gewaltig. Besonders die Bürokratie: Nur die Wächter nehmen Aufträge von Kunden entgegen, geben diese dann an einen ihrer Detektive und dessen Assistenten weiter. Der Detektiv schreibt Berichte, die dann an den Schreiber gehen, der den Fall für die Archive vorbereitet. Dort werden sie aufbewahrt und mit vielfältigen Querverweisen versehen. Nun dürfen die Angestellten verschiedener Abteilungen nicht direkt miteinander reden – alle Telefone gehen nach draußen – die interne Kommunikation läuft über kleine Kommuniqués, die von Boten verteilt werden. Die Agentur erinnert einerseits an die Detektei Continental Ops aus den Romanen Dashiell Hammetts wie Rote Ernte oder Der Fluch des Hauses Dain; wie die Ops ist die Agentur allgegenwärtig und besitzt große Vollmachten, es scheint beinahe so, als würde sie die reguläre Polizei ersetzen. Andererseits an die monströsen, anonymen Bürokratien aus Franz Kafkas Werken wie Das Schloss oder Der Prozess. Während Kafka aber auf das Entfremdende, Verstörende abzielt, ist Berry eher bizarr – man weiß in Einzelfällen nicht, ob das unheimlich oder komisch ist, doch der generelle Ton rückt es ins Letztere.

Der Widerstand gegen die Agentur formierte sich einst um den Wanderzirkus des Dr. Caligari – eine Ansammlung von Freaks mit nicht ganz koscherer Gesinnung. Doch der Zirkus wandert schon lange nicht mehr und der Direktor Dr. Caligari ist fort. Und dennoch, etwas gärt im Dunkeln. Der Name Caligari ist natürlich nicht umsonst gewählt worden. Mit ihm spielt Berry auf den Stummfilm Das Kabinett des Dr. Caligari an, der ebenfalls scheinbar wahllos Verbrechen verübte.

Doch die Verknüpfung zum Film geht darüber hinaus: Das phantastische Element bezieht sich ebenfalls darauf. Es geht um die Manipulation von Träumen und damit der Motivation von Menschen; letztlich stellt sich die Frage, welche Gedanken die eigenen sind. Ich will an dieser Stelle nicht zuviel verraten, doch die Rolle der Träume erinnerte mich durchaus an Russell Hobans Amaryllis Tag und Traum.

Auch der Rest des Settings passt dazu: Die Stadt ist namenlos, scheint aber eine amerikanische Großstadt mit Hafen. U-Bahn und Taxis zu sein – zu modern ist sie aber nicht, denn es gibt z. B. keine Computer. Insgesamt bleibt alles vage und unkonkret – der Autor bleibt bewusst hinter der üblichen Beschreibungsdichte zurück. So wird das Setting natürlich zur symbolischen Kulisse.

 

Die Anzahl der Figuren ist gemäßigt groß. Sie sind relativ eng an ihren Archetypen angelehnt, aber hinreichend mit exzentrischen Ecken, Kanten und Drehs versehen, um interessant zu sein. Die wichtigste Figur – und die einzige, von der man sich einigermaßen sicher sein kann, auf welcher Seite sie steht (nämlich auf ihrer eigenen) – ist Charles Unwin. Er ist seit über zwanzig Jahren bei der Agentur – und damit nicht mehr der jüngste. Weil er aber stets Fahrrad fährt, ist er einigermaßen fit. Es nützt dem Schreiber aber wenig – bei Handgreiflichkeiten wird er den Kürzeren ziehen. Seine Stärken liegen in anderen Bereichen: Er kann Berichte mustergültig bearbeiten. Als Detektiv scheint der schrullige Junggeselle völlig ungeeignet – warum also ist der Schreiber Sivarts ausgewählt worden? Zumindest ist er liebenswert: Der Leser wird sich gerne mit dem verwirrten Radfahrer (der ein System entwickelt hat, wie man mit einem aufgespannten Regenschirm radeln kann) mit dem falschen Hut identifizieren. Er ist so ordentlich und gewissenhaft – und träumt doch jeden Morgen davon, einfach mit dem Zug davonzufahren. Um Unwin herum sind allerlei Figuren positioniert: Da ist die Frau mit dem karierten Mantel, die lange Zeit im Hintergrund bleibt. Da ist Emily Doppel, seine Assistentin. Trotz ihrer schiefen Zähne und dem Geheimnis in ihrer Brotdose wäre sie eine gute Detektivin. Leider leidet sie unter Narkolepsie. Dann ist da noch die geheimnisvolle Cleo Greenwood, die jeden Mann bezaubern kann, der Erzschurke Enoch Hoffmann und seine Handlanger, die grobschlächtigen Rooks – ehemalige Siamesische Zwillinge. Sehr oft ist unklar, wer auf wessen Seite steht – und mit wem der Leser sympathisieren soll.

 

Vom Plot her ist es eine klassische hardboiled Detektivgeschichte. Der Ermittler Unwin ist in eine Position befördert worden, für die er ungeeignet ist – warum? Was ist mit Detektiv Sivart geschehen? Was ist mit der Frau mit dem karierten Mantel? Was mit Cleo Greenwood? Und was mag in Emilys Brotdose sein? Rätsel über Rätsel. Bald bekommt Unwin heraus, dass die alten Fälle Sivarts – das "Älteste Mordopfer der Welt", die "Drei Tode des Colonel Baker" und ganz besonders der ominöse "Diebstahl des zwölften Novembers" – nicht ganz so gelöst sind, wie er beim Verfassen der mustergültigen Berichte dachte.

Zu den Rätseln kommt noch ein bisschen Action und ein paar schön geratene Wunder – denn die eigentlichen Themen des Romans sind Träume und Zeit. Berry verknüpft beides auf clevere Art und Weise. Das Ganze ist ein komplex verschachtelter Fall, der den Leser aber nie mit seinen Rätseln erstickt – dazu ist einerseits der Ton zu locker und zu leicht und andererseits ist Unwin ordnungsliebend und gewissenhaft und ribbelt das verworrene Gewebe sorgfältig auf, ohne den roten Faden aus den Blick zu lassen. So ist auch der Plotfluss angenehm flott – Eingangs ist er etwas behäbig, nimmt dann aber stetig an fahrt auf, ohne je rasant zu werden.

Zur Intertextualität habe ich ja schon etwas gesagt und werde weiter unten auch noch mehr sagen, hier aber noch ein Punkt: Der Roman wird gelegentlich mit den Werken J. L. Borges' verglichen; das liegt wohl an der Rolle, die den Träumen und den Bizarrheiten zukommt. Es gibt allerdings bessere Vergleiche, wie ich meine. Etwa mit Italo Calvino. Es ist vor allem der Ton, an den ich dabei denke, aber auch die Verschrobenheit zwischen Horror und Humor, wie sie etwa in Wenn ein Reisender in einer Winternacht zu finden ist – es ist stets der Ton, der alles ins Komische kehrt.

 

Der Clou des Romans liegt meines Erachtens in der Erzählstruktur und zwar im Handlungsaufbau. Formal gibt es einen Strang, der aus der personalen Perspektive Charles Unwins erzählt wird. Dieser entwickelt sich progressiv und dramatisch. So weit, so konservativ. Doch Berry nutzt Berichte, Erinnerungen, Erzählungen und besonders die Träume sehr geschickt, um dieses Schema aufzubrechen: Es gibt Perspektivwechsel und Rückblenden, die sich einerseits ganz organisch aus dem Plot ableiten, andererseits diesem zu interessanten Wendungen verhelfen können. Dabei kann man wirklich ins Staunen geraten; einige der Wendungen erinnern an Tim Powers Die Tore zu Anubis Reich.

Der Stil lehnt sich natürlich an die hardboiled Detektivgeschichten à la Dashiell Hammett oder Raymond Chandler an: Die Sätze sind adjektivarm, meist gradlinig und kurz – ein paar Bandwürmer und Schachteln gibt es aber doch. Außerdem ist der Ton leicht und locker mit augenzwinkernder Ironie.

Schließlich bekommt der Leser noch ein "Hilfsmittel für Detektive" – ein albernes, kleines Gimmick, das mir aber gefallen hat (und nicht zuletzt auch wirklich hilfreich war).

 

Fazit:

Nachdem Travis Sivart, der beste Detektiv der Agentur, verschwunden ist, wird sein Schreiber Charles Unwin selbst zum Detektiv befördert – warum nur? Plötzlich geht alles drunter und drüber, und der völlig ungeeignete Exzentriker muss sich einem Feind stellen, dem selbst Sivart nicht gewachsen war. Handbuch für Detektive könnte man als postmodern light beschreiben: Es ist an die Klassiker der hardboiled Detektivgeschichten angelehnt, steckt voller Intertextualität und geht spielerisch an Handlungsaufbau und Erzählperspektive heran – doch es bleibt stets leicht zugänglich. Hervorragende leichte Unterhaltung: spannend, humorvoll, durchaus gewitzt, aber auch ohne echten Tiefgang.

 

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Roman:

Titel: Handbuch für Detektive

Reihe: -

Original: The Manual of Detection (2009)

Autor: Jedediah Berry

Übersetzer: Judith Schwaab

Verlag: C. H. Beck (Juli 2010)

Seiten: 383 Gebunden

Titelbild: Geviert

ISBN-13: 978-3-406-60515-4

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 18.09.2010, zuletzt aktualisiert: 05.10.2019 13:43