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Herz der Finsternis von Joseph Conrad

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Ein Klassiker über Kolonialismus, Anmaßung und Unterdrückung von erschreckender Aktualität.

In seinem berühmten Roman ›Herz der Finsternis‹ verarbeitet Joseph Conrad seine abenteuerliche letzte Reise nach Afrika, die er nur mit viel Glück überlebte und die ihm für den Rest seines Lebens eine zerrüttete Gesundheit und alptraumhafte Erinnerungen bescherte.

Kapitän Marlow berichtet von seiner Fahrt ins Innere eines unbekannten Kontinents. Die Reise in den Dschungel öffnet ihm nicht nur die Augen über die dunklen Abwege europäischer Eroberungen; sie wird zur Entdeckungsreise: ins Ungewisse der eigenen Existenz, in die Untiefen des Halb- und Unterbewusstseins, ins finstere Labyrinth von Lüge und Schuld.

›Herz der Finsternis‹ hat von Anfang an Leser und Interpreten fasziniert und hat bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt.

Die Neuübersetzung des berühmten Kongo-Thrillers: ein Meisterwerk.

 

Rezension:

Es macht einen großen Unterschied beim Lesen von Joseph Conrads 1899 erschienenen Roman Herz der Finsternis, ob man den Film Apocalypse Now von Francis Ford Coppola kennt oder nicht.

Die hypnotische Flussreise, die abstrakte Sinnlosigkeit und vor allem die überbordende Perversion Kurtz, gespielt von einem brachialen Marlon Brando, prägen unvermeidbar die Lektüre.

Dabei ist Coppolas Interpretation keine direkte Abfilmung des Romans.

 

Der erzählerische Rahmen schon ist geprägt von der Macht der Finsternis. In einem Boot an der Themse-Mündung treibend, erzählt Kapitän Marlow von seiner Fahrt in das Innere des Kongos. Von Anfang an stellt er klar, dass diese Reise ihn in Abgründe führte, die nicht nur in der mystischen Schwärze Afrikas lagen, sondern auch in ihm und dem, wo er her kommt.

Die Entscheidung, für eine französische Gesellschaft zu fahren, die durch Elfenbeinhandel zur Reichtum und Einfluss kam, trifft Marlow spontan. Trotz diverser dunkler Vorzeichen setzt er alles daran, diese Fahrt auch durchzuführen, als müsse er einer geheimnisvollen Stimme folgen, einem zwingenden Schicksal.

Selbst, als er sein Schiff beschädigt auf dem Boden des Flusses vorfindet, drängt es ihn weiter und weiter. Hier bekommt die lockende Stimme auch einen Namen. Kurtz.

Von Anfang an fasziniert ihn dieser Mann, der als erfolgreichster Elfenbeinjäger gilt und dessen Erfolg so seltsam ist, dass er der Gesellschaft unheimlich wurde.

Als die Fahrt endlich beginnt, steigert sich die Erwartungshaltung Marlows ins unermessliche. Kurtz wird immer mehr zu einem Teil von ihn. Anders als im Film steht im Finale nicht Marlows Seelenheil zur Disposition, vielmehr schwimmt der Seemann auf der Finsternis. Er entzieht sich ihr durch eine merkwürdige Distanz, die zwar dem Wahnsinn trotzen kann, aber in voller Selbstreflektion als Schein erkannt wird.

Marlow nimmt nicht nur Kurtz Vermächtnis mit, sondern auch ein Stück der Finsternis, vielleicht sogar ihr Herz.

 

Der Roman lebt von einer kraftvollen und an Symbolen reichen Sprache. Die Unmenschlichkeit in den "weißen" Aktivitäten offenbart Conrad in den begleitenden Bildern, es gibt kaum direkte Verurteilungen. Vielleicht kommt daher der Vorwurf, Conrad sei selbst rassistisch gewesen. Wer weiß. Der Roman fragt den Leser, den Betrachter der Szenen. Der magische Sog der fernen Stimme, das Verwildern der Zivilisation, der direkte Vergleich mit den schwarzen Barbaren ist mehrdeutig. Immerhin war es Jahrhunderte lang völlig normal, Schwarze als von Natur aus unterlegen und primitiv anzusehen. Selbst, wenn Conrad ihr Leid verurteilte oder die Kolonialpolitik anprangern wollte, bleibt unklar und letztlich für das Buch auch unwichtig, ob Conrad diesem Rassismus entwachsen war.

 

Ergänzt durch eine Zeittafel und ein kurzes Nachwort, präsentiert der dtv das Werk in der Autorenbibliothek gewohnt schnörkellos aber gehaltvoll.

 

Fazit:

Mit sprachlich höchster Präzision und magisch druckvoll reist Joseph Conrad in die Abgründe der Zivilisation. »Herz der Finsternis« ist eines jener Werke, die lange nachhallen und deren verstörende Folgerichtigkeit eine Welt offenbart, in der Ordnung und Wahnsinn nur haarscharf von einander entfernt sind.

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Eure Meinung:

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Buch:

Herz der Finsternis

Original: Heart of Darkness, 1899

Autor: Joseph Conrad

Übersetzerin: Sophie Zeitz

dtv, September 2009

Taschenbuch, 156 Seiten

 

ISBN-10: 3423191317

ISBN-13: 978-3423191319

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 23.11.2009, zuletzt aktualisiert: 22.07.2018 21:44