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Himmlische Gesänge

Autor: Torsten Scheib

 

Mein größter Fluch ist meine Unsterblichkeit. Ich kann nicht sterben. Und glauben Sie mir, ich habe es schon probiert. Im Schottland des 12. Jahrhunderts beispielsweise übergoss ich mich mit zähflüssigem Pech. 1751 überredete ich ein höchst eigenartiges Subjekt namens Hogarth – er gehörte zu der Vereinigung der Ritter des Heiligen Franziskus und folgte mir eine Zeitlang auf knappenähnliche Weise – mich zu vierteilen. Und wenn ich es nicht versuchte, so taten sich andere an mir gütlich; schließlich bekommt man ja nicht alle Tage die Gelegenheit, einen gefallenen Engel in Stücke zu reißen. Im Laufe der Zeit ist eine wirklich ansehnliche Liste von bekannten – und vergessenen – Persönlichkeiten zusammengekommen, von denen der Persische König Jahan oder jener irre russische Prediger namens Rasputin nur die Spitze dieses gewaltigen Eisberges darstellen.

Was mich hierher verschlagen hat, fragen Sie? Ganz einfach: ich habe mich gegen IHN aufgelehnt. Habe IHM gesagt, was ich von SEINER Schöpfung halte – und ganz besonders von den Menschen. Menschen … dieses Wort … es brennt auf meiner Zunge wie die Flammen der Hölle. ER hat euch nach SEINEM Abbilde geschaffen – und versagt. Spätestens, nachdem diese beiden Kretins Adam und Eva sich am Baume der Erkenntnis gütlich getan hatten und dann auch noch aus dem Garten Eden vertrieben wurden, hätte IHM bewusst werden müssen, dass diese Schöpfung ein Misserfolg war. Und es wäre ja auch nicht das erste Mal gewesen; mitnichten. Aber dennoch behielt ER seinen Glauben an euch; mehr als an jede Spezies, die ER zuvor erschaffen hatte.

Eine Zeitlang schwieg ich und führte aus, was ER mir auftrug. Sicher, ich bin weder ein Seraph noch ein Cherubin. Weder durfte ich Propheten eine Offenbarung zukommen lassen noch ganze Städte unter einem Flammenmeer begraben. Nur gelegentlich die eine oder andere unbedeutende Vision; belanglose Katastrophen hier, triviale Stigmen und Bilokationen da. Eine furchtbar, furchtbar monotone Arbeit. Schließlich konnte ich selbst Luzifers Groll verstehen, der immerhin SEINE rechte Hand war, ehe dieser dumme Zwischenfall – der Höllensturz, falls Sie schon mal davon gehört haben – passiert ist und nichts mehr so war wie vorher. Harmageddon … dieser lästige Krieg zwischen SEINEN Sprösslingen und Luzifers Schergen. Glauben Sie mir, er ist einzig und alleine auf SEINEM Mist gewachsen. Wäre ER den Zwischenfall mit Luzifer etwas diplomatischer und besonnener angegangen – die Zustände heute würden gänzlich anders sein. Und ihr wärt längst durch eine bessere Spezies abgelöst worden.

Nicht, dass ich mich Luzifer jemals anschließen würde. Zumindest jetzt nicht mehr. Die Zeit, die er damit verbracht hat, sein Reich zu erschaffen und Sünde, Zwietracht und Hass unter euch aufgehen zu lassen, hat ihn noch arroganter und narzisstischer werden lassen. Zwar konnte ich ihn auch schon damals nicht leiden, als er noch an SEINER Seite gestanden war, doch mittlerweile …

Tja, und eines Tages habe ich es ihm gleich gemacht. Ich. Jajael. Ein unbedeutender Thronoi. Habe IHM meinen Widerwillen entgegengeschmettert und dafür letztlich meine Strafe erhalten.

Ewige Verbannung aus dem Himmelsreich. Exil auf der Erde. Bis zum Ende aller Tage unter euresgleichen wandeln.

Welch Hohn …

Aber schon sehr bald werden sich die Dinge ändern. Wird sich alles ändern. Denn es ist etwas geschehen. Etwas, von dem ich niemals geglaubt hätte, dass es ausgerechnet mir widerfahren würde.

Ich hatte eine Vision …

 

Gluckernd füllt sich das Schnapsglas mit bernsteinfarbener Flüssigkeit. Der Barkeeper schnappt sich die zerfledderte Banknote und stellt die Whiskeyflasche wieder zurück ins Regal an der Rückwand. Die müden Blicke seines Kunden sehen ihm dabei zu. Grau-blaue Rauschwaden umspielen seine hagere Gestalt wie neckische Gespinste. Er hebt das Glas. Hört das kratzige Lachen seines Nebenmannes. Kippt den Inhalt runter.

Es gab Zeiten, da mich Fürsten auf Seide betteten und mir ihr Königreich zu Füßen legten, wenn ich ihnen erzählte, wer ich bin.

Das Glas landet mit einem dumpfen Knall auf dem stumpfen Holz der Theke.

Heute bekomme ich dafür nicht mal mehr ein Glas Fusel spendiert – selbst in solch einer runtergekommenen Kaschemme nicht.

„U-und du heißt wirklich J-Jajael?“ lallt der Alte an seiner Seite; ein Miasma aus Körperflüssigkeiten verströmend. Seine Kleidung ist zerrissen, verdreckt. Mit zusammengekniffenen Augen blickt er zu dem anderen hinüber, sich dabei an die Stange der Theke klammernd als wäre es die Rehling eines Schiffes während schwerer See.

„So ist es“, antwortet sein Gesprächspartner, den Blick auf das Sammelsurium der Flaschen an der Rückwand gerichtet.

„U-und du bist w-wirklich ein … ein Engel?“

Ein Nicken.

„Wahnsinn. Das ich … so was noch … erleben darf!“ Das kratzige Lachen begleitet den Alten bei seinem Abstieg vom Barhocker. Ein kurzes „Auf Widersehen, Engel!“ von sich gebend, torkelt er gen Ausgang.

„Noch einen?“ Der Barkeeper hebt die Flasche hoch. Sein Kunde nickt.

Gluck-Gluck-Gluck …

Der Mann lässt die Flasche stehen und wendet sich dem alten Fernseher zu, der links vom Durchgang zu den versifften Toiletten auf einem schiefen Holzregal steht. Unvermittelt wendet sich das halbe Dutzend verbliebener Säufer von ihren Gläsern ab; vergessen ihr Selbstmitleid, das sie im Alkohol zu ertränken versucht haben.

„Lass’ drauf!“

„ … `s is’ National Idol!“

„ … geil …“

Jajael kann es nicht fassen. Ungläubig starrt er auf die blutunterlaufenen Augen, aufgedunsenen Gesichter und geplatzten Äderchen, bevor er sich dem dreckigen Bildschirm zuwendet.

„Gleich kommt er“, raunt der Barkeeper, dabei ein Bierglas trocknend. Ein verspielter, ja kindlicher Ausdruck hat sich auf seine Züge gelegt, seine Pupillen funkeln. Breit grinsend wendet er sich wieder der Glotze zu, wo ein junger Knabe – Jajael schätzt ihn nicht älter als sechszehn – vorgestellt wird. Er wirkt schüchtern. Ein Eindruck, der durch seine hagere Gestalt und den blonden Lockenkopf nur noch verstärkt wird.

„Also wenn der es nicht packt, dann …“ Nervös nagt der Barkeeper an seiner Unterlippe, das längst trockene Glas noch immer mit seiner Schürze bearbeitend.

„ Er kam, sah und – sang“, beginnt eine tiefe Stimme aus dem Off, während die einzelnen Stationen des Knaben in rascher Reihenfolge eingeblendet werden. „Und wie er sang … als wäre ein Engel vom Himmel hinabgestiegen …“

Jajael schürzt die Lippen. Auf seiner Stirn zeichnet sich eine Vene ab. Er ballt beide Hände zu Fäusten. Wendet sich vom Fernseher ab. Am Liebsten würde er jedem einzelnen hier drinnen die Augen aus den Höhlen reißen …

„ … und heute schließlich ist es soweit – dass große Finale … und damit auch die Antwort auf eine Frage, welche die ganze Nation seit Wochen quält: wird sich Jamie Graham auch gegen seinen schärfsten Konkurrenten durchsetzen? Oder ist die vierundzwanzigjährige Katie Pellner doch eine Klasse zu schwer für ihn? Dies alles und mehr – gleich, in National Idol! Aber vorher noch ein kleiner Vorgeschmack …“

Und plötzlich ändert sich … alles. Was da an Jajaels Ohren dringt, ist nicht einfach nur der Gesang eines Knaben, der ungewollt zum Kanonenfutter einer auf Lüsternheit und Gewalt aufgebauten Fernsehanstalt während der Primetime wird. Es ist mehr. So viel mehr … so klangen die Posaunen beim Sturze Jerichos, so klang SEIN Zorn, als ER die Feuersbrunst gen Sodom und Gommorha schickte …

So klingt die Melodie der Vernichtung.

Mit einem Male ist ihm ganz schwindelig. Alles dreht sich. Die Umgebung wird undeutlich, macht Platz für eine Vision; eine Offenbarung: schreiendes Menschenvolk, das von den tiefen Rissen in der Erde verschluckt wird oder von den einstürzenden Gebäuden begraben, ein blutrot gefärbter Himmel, der keine Feuersbrunst spuckt, sondern tote Engel … Engel, die, toten Fliegen gleich in ihr Verderben stürzen, gefolgt von einem unendlich grellen, scheinbar alles verschluckenden Ball aus purem Licht, der sich mit rasender Geschwindigkeit den toten Himmelsboten anschließt und letztlich in Millionen Stücke zerplatzt …

Ja … so sieht DAS ENDE aus. Das Ende. Von … allem.

Er steht auf. Der Barhocker schabt quietschend über das rissige und wellige Parkett.

„Alter, wo willst du hin? Jetzt wird es doch erst interessant!“

Zu schnell für den Barkeeper und mit einer Kraft, die noch immer weit über der der Menschen steht, schleudert Jajael den Hocker in Richtung des Mannes. Der Barkeeper wird nach hinten gerissen, sein Kopf von beiden Seiten zerschmettert. Knirschend bohrt sich der Hinterkopf in die Wand, während sich der Hocker in seine Bestanteile auflöst – ganz wie die Front des Mannes. Blut, Knochensplitter. Überall. Putz, der von der Decke rieselt wie frischer Schnee am ersten Wintermorgen.

Ein letzter Blick rüber zum Fernseher. Der Junge ist verschwunden. Stattdessen preisen bunte Bilder und falsche Versprechen Wollust und Völlerei an.

Ich bin es so leid …

Der Mantel der Angst hat sich über diesen Ort gelegt. Gestandene Männer heulen leise, beflecken die Schritte ihrer Hosen oder verkriechen sich in dunklen Ecken.

Der Engel schenkt ihnen keine Aufmerksamkeit. Sein langer grauer Trenchcoat, unter dem sein größtes Geheimnis verborgen ist, weht um seine Füße wie träge Nebelschwaden. Gemächlich schlendert er gen Ausgang.

Er weiß, was zu tun ist.

 

In der winzigen Gasse neben der Kneipe erbreche ich den Inhalt meines Magens. Der gelblich-schleimige Brei dampft. Seine Konsistenz erinnert amüsanterweise an Babybrei – eine der wenigen Gelüste dieses abstoßenden Ortes, denen ich verfallen bin; zugegeben.

Als Engel besitze ich weder Geschlechtsorgane noch einen funktionierenden Anus. Aber auch wenn landläufige Meinungen etwas anderes behaupten, kann ich nicht ausschließlich von Luft und Liebe existieren. Ich muss essen, ich muss trinken. Und zwangsläufig müssen beide Komponenten wieder aus meinem Körper ausgeschieden werden. Andernfalls würde ich eines Tages die Größe eines Heißluftballons angenommen haben; ein Zustand, auf den ich mit Sicherheit nicht aus bin. Und das sprichwörtliche „Platzen“ ist ebenfalls ein Ding der Unmöglichkeit. Falls Sie es schon vergessen haben sollten: ich kann nicht sterben.

Mit dem Handrücken fahre ich mir über die Lippen. Wende mich von meinem ausgespieenen Mageninhalt ab und tauche tiefer ein in das Zwielicht der Gasse. In der Ferne kann ich Sirenen hören. Sie kommen näher.

Spielt keine Rolle.

Ich streife den Trenchcoat ab. Er landet auf dem mit Glasscherben und anderem Unrat bespickten Pflaster.

Den brauche ich nicht mehr.

Mein graues Shirt reiße ich mir einfach von der Brust und schleudere es davon. Langsam lasse ich meine Blicke in die Höhe wandern; hinauf zu dem winzigen, grau-blauen Rechteck und der –

„Sch-heiße, d-d-du bist ja … wirklich ein Engel!“

Ich kenne die Stimme. Wirble zur Seite. Und dort liegt er. Der Alte von vorhin. Hat es sich an einem rostigen, zerbeulten und vor Abfall überquellenden Container gemütlich gemacht.

Ich trete näher. Sage kein Wort.

Der Alte blickt zu mir auf. „Hassu auch keine Bleibe, Kumpel?“ Seine Frage wird von einem ebenso sinnlosen wie abstoßend wirkenden Kichern begleitet, untermalt von Reihen verfaulter Zähne. Ich stöhne auf.

Menschliches Geschmeiß – ihr seid so abstoßend; so … so …

Als ich ihm in die glasigen Augen blicke, schenke ich ihm mein schönstes Lächeln. Es verfehlt nicht seine Wirkung. Gebannt glotzt der Alte zu mir auf; erstarrt ob meiner himmlischen Aura.

Dann trete ich ihm die Nase ein. Das Siebbein gräbt sich tief in sein Hirn. Er ist auf der Stelle tot.

Ich bedenke ihn mit keinem weiteren Blick, gehe weiter zum Ende der Gasse.

Breite meine Flügel aus.

Und schwinge mich in die Höhe.

 

Seufzend wendet sich Davis Graham dem beeindruckenden Panoramafenster zu, schenkt der sich dahinter ausbreitenden Aussicht allerdings keine Aufmerksamkeit. Seine Gedanken sind woanders. Unruhig fummelt er an der billigen Steckkrawatte herum, die er gestern bei Woolworths gekauft hat. Auf seiner Stirn funkelt der Schweiß. Ihm fällt das Atmen schwer. Immer wieder reibt er sich die Hände.

„Ganz ruhig“, bemerkt sein Sohn, der es sich auf einem weißen Ledersofa bequem gemacht hat und desinteressiert ein Hochglanzmagazin durchblättert. Sein titangrauer Anzug stammt nicht aus der Auslage einer Einzelhandelskette. Oder dem Versandkatalog. Was er da an seinem Leibe trägt, entspricht mindestens vier Monatsgehältern seines Vaters.

Mister Davis zuckt zusammen, als die Garderobentür einen Spaltbreit geöffnet wird. Der Kopf eines jungen Mannes erscheint, ein Headset tragend. Er wendet sich Jamie zu, zeigt ihm die Finger seiner rechten Hand. „Noch fünf Minuten“, ruft er dem Jungen zu, begleitet von gedämpften Stimmen, Gelächter, Musik und etwas, das sich wie Applaus anhört. Dann ist er auch schon wieder verschwunden.

Jamie steht auf. Das Leder der Couch ächzt wie unter Schmerzen. Zielsicher marschiert er auf den großen Spiegel auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes zu und prüft den Sitz seines Anzuges.

Sein Vater beobachtet ihn. Er ist so anders geworden, denkt er. Das ist nicht mehr mein unschuldiger Junge; das ist nicht mehr der Jamie von einst … Plötzlich muss er an Marie denken. Seine Frau, die der Brustkrebs vor drei Jahren dahingerafft hat. Wenn sie doch nur hier wäre …

Seine Augen füllen sich mit Tränen. Er wischt sie beiseite.

„Du kannst mir eines glauben, Dad“, presst Jamie hinter geschlossenen Zahnreihen hervor, dabei am Ärmelaufschlag herumnestelnd, „ich werde diesen beschissenen Wettbewerb gewinnen! Diese Schlampe Pellner ist doch nichts weiter als eine gottverdammte Amateurin! Die hat doch nur – „

Jamie kommt nicht dazu, seinen Satz zu beenden. Genauso wenig, wie es Mister Graham schafft, seinen Sohn zu ermahnen. Etwas Gewaltiges kommt durch das Glas des Fensters geschossen; kalten Wind und rasiermesserscharfe Scherben mit sich bringend. Der infernalische Lärm geht unter in dem lautem Playback, den dröhnenden Verstärken und dem schallendem Gelächter aus dem Studio. Erst als der Aufnahmeleiter erneut seinen Kopf in die Garderobe zwängt und auf zerstörte Möbel, blutüberströmte Wände und die zerfetzten Überreste von Mister Davis starrt, ändert sich dieser Zustand. Kreischend, heulend, brüllend rennt er durch den Flur, zurück ins Studio – und verursacht ungewollt eine der schockierendsten Szenen der neuzeitlichen Fernsehhistorie.

Von Jamie fehlt jegliche Spur.

 

Mit dem Knaben in meinen Armen schwebe ich über den Dunstschwaden und Dächern der Stadt. Der Junge murmelt etwas. Unverständliche Worte. Ausgeworfen von einem Eiland, verankert zwischen Bewusstein und Schläfrigkeit. An meinen Händen klebt sein und das Blut seines Vaters.

Ich blicke hinab. Hinab zu diesem grauen Gefängnis aus Glas und Beton; dieser Brutstätte des Hasses und der Gewalt. Es ist kein Zufall, dass Luzifer sein Reich ähnlich gestaltet hat – eine nicht enden wollende Metropole der Verdammnis. Oder habt ihr eure Städte unter seinem Einfluss erbaut …?

Bald werden all diese Fragen und Spekulationen nicht mehr von Bedeutung sein.

Als mein Ziel sich aus dem Nebel hervorzuschälen beginnt, verlangsame ich meinen Flug und gewinne weiter an Höhe. Dieser Monolith aus Stahl ist das größte Gebäude der Stadt – und dieser Welt. Perfekt für meine Botschaft. An euch. An IHN. An alle.

Auf dem Dach angekommen – es ist sonst niemand in der Nähe – lege ich den Knaben zu meinen Füßen ab. Langsam kommt er wieder zu sich. Als er aufblickt und mich erkennt, möchte er schreien, doch das Entsetzen schnürt ihm die Kehle zu. Wie ein Wurm weicht er vor mir zurück. Ich schnappe ihn mir, zerre ihn in die Höhe.

Lächle ihn an.

„Bist du dir deiner Bedeutung überhaupt bewusst?“

Seine Lippen zittern.

„Natürlich nicht“, beantworte ich meine eigene Frage. „Aber in dir steckt eine Macht, von solch unvorstellbarer Kraft, von solch kosmischen Ausmaßen, dass ich – „

Ich halte inne, als ich erkenne, dass der Knabe namens Davis kein einziges meiner sorgsam erwägten Worte verstehe. Wozu also noch warten?

Ich lege eine Hand um seinen Nacken. Konzentriere mich.

Konzentriere mich …

Der Junge fängt an, sich am ganzen Leibe zu schütteln. Schweiß quillt aus seinen Poren, während ein Teil meines Ichs mit dem des Knaben verschmilzt.

Konzentrieren …

Er verdreht die Augen, bis nur noch das Weiße zu erkennen ist.

Konzentrieren …

Aus seiner Nase rinnt Blut. Aus seinen Ohren rinnt Blut. Aus seinen Brustwarzen rinnt Blut.

Konzentrieren!

„Singe!“ schmettere ich ihm den Befehl entgegen. „Singe, wie du noch niemals zuvor gesungen hast!“

Er öffnet den Mund. Auch sein Zahnfleisch hat zu bluten angefangen. Seine Zähne sind mit einem scharlachroten Mantel bedeckt.

Im gleichen Moment, in dem er zu singen beginnt, reiße ich ihm das Skrotum ab. Er singt noch immer, doch hat sich in den Cantus der Sopran des Schmerzes geschlichen. Die Klänge sind unbeschreiblich – selbst für himmlische Verhältnisse. Der einsetzende Wind trägt das Falsett der Zerstörung hinaus in die Welt, deren Erwiderung umgehend erfolgt.

Zuerst bebt nur der Boden unter unseren Füßen. Fast banal. Unspektakulär. Dann – das laute Scheppern von Glas. Das Ächzen schwerer Stahlträger, die sich verformen wie heißes Wachs. Ein dumpfes Dröhnen. Als ob die Erde auseinandergerissen wird. Der untrügliche Kanon tausender Stimmen, in ihrem Leid zu einer Einheit verwachsen …

Über uns verdunkelt sich der Himmel. Die Wolken zerplatzen wie Seifenblasen. Ein Regen aus grauen Schleiern fällt in die Tiefe. Und am Horizont – eine immer dunkler werdende Sonne, deren Korona mit jedem weiteren Augenblick immer mehr schwindet …

„JA, SINGE!“ bricht es aus mir hervor, während ich die ersten Hochhäuser einstürzen sehe und Flugzeuge vom Himmel stürzen wie angeschossene Vögel. ER wird ihnen schon sehr bald folgen … dann wird all dies endgültig ein Ende haben und –

„SINGE!“

- und -

Es passiert schnell. Zu schnell. Ich bemerke den Schatten zu spät. Bemerke die Klinge zu spät.

Die Klinge, die den Körper des Knaben in zwei Hälften teilt und aus meiner Waffe totes Fleisch werden lässt.

Es ist vorbei.

Vorbei …

Ich will es nicht wahrhaben. Heulend falle ich vor Davis’ sterblichen Überresten in den Staub und werde von seinem Blute getränkt, während meine Hände über seine Lippen streichen, die kälter werdende Haut liebkosen, die dampfenden Gedärme zu entwirren versuchen …

Luzifer tritt einen Schritt vor. Noch immer schweigt er.

Ich blicke zu ihm auf. Es ist lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Abgesehen von seinem Schwert und dem dazugehörigen Gürtel würde er unter SEINEN Geschöpfen nicht auffallen. Er trägt deren Gewänder, hat seine pechschwarzen Haare nach ihren Vorstellungen gescheitelt, seinen Bart sauber gestutzt …

Er legt eine Hand auf meine Wange. Beinahe zärtlich, mitfühlend.

„Jajael“, säuselt er mit seiner tiefen Bassstimme, „armer Jajael …“

Ich blicke zu ihm auf. Was soll ich sagen; was soll ich tun – was?

Der Lichtbringer nimmt mir die Entscheidung ab.

„ER hat dich benutzt, Jajael.“ Seine Worte werden von einem schiefen, Mitleid verkündenden Lächeln begleitet. Es verschwindet, als er fortfährt: „Du weißt doch, was ein Sündenbock ist?“

Seufzend wendet er sich ab, macht ein paar Schritte auf den Dachrand zu. Obwohl er wie ein gewöhnlicher sterblicher Stadtstreicher gekleidet ist, besitzt jede seiner Bewegungen etwas Erhabenes; zweifellos. Sie sind würdevoll und elegant zugleich. Beide Hände hinter dem Rücken verschränkt, mustert er die Spuren meiner nicht vollständig ausgeführten Apokalypse. Feuer, Leid, Zerstörung.

„Der alte Mann liebt einfach das Dramatische, Jajael. Hat er schon immer. So wie ER auch einfach zu feige ist, seine Fehler zuzugeben. Oder den Menschen eine eigene Wahl einzuräumen. Etwas, wofür ich seit Äonen kämpfe, liebster Jajael.“

Er wendet sich mir wieder zu. Seine harten Züge entsenden eine mitfühlende Aura, während ich noch immer neben dem toten Fleisch knie wie ein armseliger Bettler.

„ER war von Anfang an dagegen, dass sie ihren eigenen Weg gehen sollten. Also band ER sie fest mit seinen Doktrinen und Geboten. ER verwandelte das Göttliche und Heilige in eine totalitäre Institution, die nicht das Leben und die Individualität anpries, sondern kollektiv ein Netz aus Angst und Eigennutz spannte und gleichzeitig mich als die schlimmste aller Bedrohungen verunglimpfte.“

Ich schweige, höre nur zu.

„All die Kriege, Völkermorde und Kreuzzüge – sie sind SEIN Werk. ER hält sie gefügig wie dressierte Affen. ER will, dass sie IHN ansehen. Weil ER es genießt, ein Gott zu sein. Weil ER es liebt, wenn auf mich und meinesgleichen gespuckt wird. Und weil ich stets dagegen war; weil ich mir bewusst war, dass SEINE Menschen nur in Ungezwungenheit existieren können, hat ER mich von seiner Seite verbannt und in die unvorstellbaren Tiefen der Finsternis geschleudert.“

Ein Augenblick des Schweigens. Nur das Säuseln des kühlen Windes.

Dann: „Anders als ER liebe ich die Menschen; liebe ich sie wirklich. Ich sehe sie nicht als meine missgestalteten Marionetten an; vielmehr bewundere ich sie für das unbeschreibliche Potenzial, dass in ihnen schlummert – und welches von IHM seit Jahrtausenden unterdrückt wird. Darum geht es beim Armageddon; dies ist der Preis, den ich erringen will!“

„Du kannst die Menschen nicht lieben, Luzifer“, sage ich kopfschüttelnd, „das kannst du einfach nicht …“

„Ich weiß um deine unvorstellbare Abscheu den Menschen gegenüber“, entgegnet Jajael. „Und ich kenne auch den Grund.“

Die bitteren Tränen in meinen Augen lassen die Umgebung verzerren.

„Es ist Neid. Neid auf ihre Fähigkeit, inständig und aus vollstem Herzen lieben zu können. Eifersucht darauf, sich weiterentwickeln zu können. Etwas, dass du niemals konntest, Jajael.“

„Schweig!“ platzt es aus mir heraus.

Doch Luzifer tut mir diesen Gefallen nicht: „Wie ein verzogenes Kind bist du vor SEINEN Thron getreten, hast ihm deinen Hass entgegengeschmettert, die ganze Abneigung, die an deiner Seele nagt. Doch deswegen hat ER dich nicht verbannt, Jajael.“

Erneut eine Pause.

„ER wollte dich nicht mehr an SEINER Seite haben, weil dein Stolz ein falscher war – und du nichts gelernt hast. Nichts lernen wolltest. Du dummer, dummer Thronoi. ER hat dich nicht mehr an SEINER Seite geduldet, weil du IHM so ähnlich geworden bist.“

„Es gibt nichts, was ich und ER gemein-„

„Doch jetzt, wo sich SEINE Menschlein – SEINE Marionetten – begonnen haben, aus SEINEN Händen zu befreien, ist es ihm offenbar gleichgültig geworden, ob SEINE Schöpfung weiterexistiert oder ausgelöscht wird. Doch statt von SEINEM Throne hinabzusteigen und es SEINEN Geschöpfen zu verkünden, schickt ER einem unbedeutenden, armseligen Statisten eine Vision, um es dem alten Luzifer hinterrücks heimzahlen zu können …“

„Ich. Bin. Nicht. Unbedeutend!“

„Es ist IHM nicht gelungen“, fährt Luzifer unbeirrt fort.

„Ich kann es nicht glauben, dass ausgerechnet du Partei ergreifst für dieses … dieses Ungeziefer“, knurre ich.

„Das tue ich aber. Denn ich glaube an sie.“

„Wie kannst du dass tun“, plärre ich. „Wie kannst du dass nur? Sieh’ sie dir an; sieh’ dir ihre Welt an – sieh’ dir an, was sie aus ihr gemacht haben! Eine stinkende Müllkippe!“

„Sie haben angefangen, aus ihren Fehlern zu lernen, Jajael. Es ist ein langwieriger Prozess, zugegeben, aber er hat begonnen. Schon sehr bald werden sie zu den Sternen greifen und nach den gleichen göttlichen Kräften, die ins uns stecken. Und dann wird alles so sein, wie es sein sollte. Und bis dorthin werde ich alles in meiner Macht mögliche tun, die Menschen auf ihrer Reise zu unterstützen.“

„Du bist in der Tat der Herr der Lügen!“ Ich spucke die Wörter förmlich aus mir heraus. Ungehindert rinnen mir Tränen an den Wangen hinab. Ich zittere jetzt am ganzen Körper – wie Davis’ vor einigen Momenten.

Unberührt von meinen Anschuldigungen legt Luzifer eine Hand auf meine Schulter. Er hat wieder zu lächeln begonnen.

„Du wünschst dir nichts sehnlicher, als einen langen, immerwährenden Schlaf, hab’ ich Recht? Ein Ende deiner Unsterblichkeit.“

Unvermittelt spüre ich eine Kälte in mir aufsteigen, während beständig die Kraft aus meinem Körper weicht. Mit immer schwerer werdenden Lidern verfolge ich, wie Luzifer die Überreste des Knaben aufhebt und zum Dachrand geht.

„Es liegt noch viel Arbeit vor mir.“ Er blickt zu mir zurück. „Schlaf jetzt, Jajael.“

Mein Körper kippt nach hinten.

Das letzte, was ich von dieser Welt zu sehen bekomme, ist ein grauer Wolkennebel, der sich langsam lichtet und einem strahlend blauen Himmel Platz macht.

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Dämonenreiche

Erstmals erschienen in

Michael Sonntags Dämonenreiche

bei der Edition PaperONE

Homepage des Autors

Torsten Scheib

Disclaimer

Die Charaktere dieser Geschichte, sowie alle Handlungen sind geistiges Eigentum des Autors. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten oder Handlungen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Der Autor verfolgt kein kommerzielles Interesse an der Veröffentlichung dieser Geschichte.

Freigabe zur Weiterveröffentlichung besteht, soweit vom Autor nicht anders angegeben nur für "FantasyGuide.de". Für alle weiteren Veröffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.

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Erstellt: 16.05.2009, zuletzt aktualisiert: 26.07.2019 10:10