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Hitlers Krieg im Osten

Filmkritik von Christel Scheja

 

Rezension:

 

Zu den am besten dokumentierten Zeiten des 20. Jahrhunderts gehören wohl das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg. Immer wieder werden neue Facetten der beiden Jahrzehnte beleuchtet und bestimmte Geschehnisse aufs Neue untersucht. So lange noch Zeitzeugen leben, kann man auf deren Schilderungen zurück greifen - die Zeit dafür beginnt allerdings langsam abzulaufen.

Einige der alten Männer und Frauen, die in der 1996 entstandenen Dokumentation „Hitlers Krieg im Osten“ noch zu Wort kommen, dürften mittlerweile schon verstorben sein, was die vier Folgen, die zum Teil auch auf Filmmaterial zurückgreifen, das von ehemals sowietischen Archiven freigegeben wurde, schon zu einem wichtigen Zeitdokument machte.

 

Was veranlasste Adolf Hitler Ende Juni 1941 den Krieg gegen Russland zu eröffnen, obwohl man Jahre zuvor mit Stalin noch einen Nichtangriffspakt abgeschlossen hatte. War es Leichtsinn oder strategisches Kalkül, wollte man den Überraschungsmoment nutzen oder war man durch die Erfolge im Westen übermütig geworden. Das untersucht die erste Folge, die von den geheimen Vorbereitungen und den überraschenden Einfall nach Russland am 22. Juni 1941 genauer unter die Lupe nimmt. Zeitzeugen und Filmausschnitte, aber auch nachgesprochene Textdokumente und Reden sprechen für sich, gleichzeitig erklärt man, warum sich die Anführer der Wermacht hinter Hitlers Entscheidung stellte. Immerhin hoffte man so den Gegner im Rücken zu besiegen, bevor er mit den anderen Feinden ein Bündnis eingehen und das deutsche Reich in die Zange nehmen konnte. Man glaubte, dass man mit den Russen, die technisch unterlegen waren, ein leichtes Spiel haben würde. Selbst die Engländer und Amerikaner waren davon überzeugt, das Hitler siegen würde.

Zunächst scheint auch alles glatt zu gehen. Deutsche Verbände erreichen Anfang 1942 Moskau und hinterlassen eine Spur der Verwüstung. Stalins verzichtet auf offene Feldschlachten, statt dessen machen Partisanen den Eindringlingen das Leben schwer. In dieser Phase des Krieges sterben viele Zivilisten - oft auch durch ihre Landsleute, nur um dem Gegner keine Blöße zu geben.

Doch mit Stalingrad kommt im Winter 1942 die Wende. Die sechste Armee wird eingekesselt und dezimiert, bis sich die letzten Überlebenden ergeben, die anderen Truppen müssen sich zurückziehen, um nicht ebenfalls aufgerieben zu werden. Wie schon einmal hat die schiere Größe des Landes es unmöglich gemacht, die Nachschub und Versorgungslinien aufrecht zu erhalten und nach Napoleon muss nun auch Hitler weniger vor menschlichen als natürlichen Feinden kapitulieren. Den Besiegten folgen die Sieger. Die rote Armee macht nicht mehr bei den eigenen Grenzen Halt sondern marschiert weiter. Längst hat sich Stalin mit den anderen kriegführenden Mächten verbündet. Letzte Versuche, die Sowiets aufzuhalten, in dem man die Oderbrücken sprengt, schlagen fehl - die rote Armee erreichen im April 1945 schließlich Berlin.

Und man zahlt das Leid zurück, das den eigenen Soldaten und Zivilisten angetan wurde. Grausamkeiten werden erwidert und erneut müssen vor allem Zivilisten unter der Wut leiden. Was zurück bleibt sind zerstörte Felder und die Trümmer einst lebendiger Städte. Nicht die Feldherren haben die größten Verluste erlitten - es ist die einfache Bevölkerung.

 

Das ist auch die Mahnung, die am Ende des Films stehen bleibt. Gerade der Krieg im Osten hat die beteiligten Völker mehr gekostet als alles andere und tiefe Wunden gegraben, die teilweise auch heute noch schwären. Der Feldzug nach Osten hat gezeigt, zu welchen Grausamkeiten Menschen wirklich fähig sind, ungeachtet ihrer politischen Ausrichtung und ihrer Kultur, und wen es dabei immer am meisten trifft.

Dabei beeindrucken weniger die Filmaufnahmen, eher das Zusammenspiel von Augenzeugenberichten und Bildern. Ehemalige Soldaten erzählen, was sie erlebt haben, Männer und Frauen aus der Zivilbevölkerung, wie sie das Eindringen der Deutschen und umgekehrt der Russen miterlebt haben.

Dabei werden aber auch nicht die Gefühle, Träume und Hoffnungen vergessen, die die Menschen beider Seiten hatten, so lange sie noch nicht mit der bitteren Wirklichkeit konfrontiert worden waren.

Insgesamt beschönigt die Dokumentation nicht, dass beide Seiten ihren Teil dazu getan haben, um die Wut und den Hass aufeinander zu schüren und sich weder in der Propaganda noch im Kampf etwas schenkten.

Man kann nach all dem, was man zuvor gesehen und gehört hat, den sowjetischen Soldaten durchaus verstehen, wenn er davon berichtet, wie er Angehörige der Waffen-SS, die auch nach der Kapitulation der Wehrmacht erst zurück schossen, ehe sie sich ergaben, einfach absticht wie ein Schwein.

Bewohner Berlins berichten, wie weit die Angst vor den russischen Soldaten, manche von ihnen getrieben hat - denn nicht wenige Männer der Gestapo oder SS begingen Selbstmord und töteten vorher ihre Familien. Sie erzählen von Leid und Grausamkeit. Aber auch hier weiß man durch die vorhergehenden Folgen, dass die Deutschen bei ihrem Vormarsch in Russland nicht viel anders gehandelt haben.

Weniger die strategisch-militärischen Geschehnisse, als die Wirkung, die der ganze Feldzug auf die Menschen beider Seiten hatte, stehen im Vordergrund. Und auch nach Kriegsende ist die Geschichte noch nicht zu Ende, zeigt sie doch, dass sich nicht alle der strahlenden Sieger lange in ihren Erfolgen sonnen konnten, waren sie doch dem misstrauischen Diktator in ihrem eigenen Land scheinbar zur Gefahr geworden.

Die Dokumentation arbeitet überwiegend mit zeitgenössischen Filmmaterial, das zuvor noch nicht bekannt war und größtenteils aus sowjetischen Archiven stammt. Einige Aufnahmen sind sogar farbig, aber allen sieht man das Alter an, auch der Ton ist oft dementsprechend. Zwischen den Filmen sind Interviews und Erzählungen von Augenzeugen eingestreut, die die Bilder noch vertiefen.

Reden wurden nachgesprochen und Auszüge aus Briefen und Tagebüchern vorgetragen. Extras gibt es allerdings keine, auch verzichtet man auf eine Untertitelung.

 

 

Fazit:

 

Das macht „Hitlers Krieg im Osten“ zu einer sehr interessanten Dokumentation, denn sie versucht nicht Partei für nur eine Seite zu ergreifen, sondern aufzuzeigen, dass sowohl die Russen als auch die Deutschen Grausamkeiten provoziert und verübt haben, gleichermaßen Täter und Opfer wurden. Sie läßt einen sehr nachdenklich zurück und macht deutlich, dass eine Seite in einem solchen Krieg immer der Verlierer ist, gerade wenn die Masken fallen und die dunkle Seite des Menschen zum Vorschein kommen: Die Zivilbevölkerung.

 

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20230205182502c825b659
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DVD:

Hitlers Krieg im Osten

The War of the Century - When Hitler fought Stalin, GB 1996

Fernseh-Dokumentation der BBC, des History Channel und des NDR in 4 Teilen

Produzent: Laurence Reese

Bildformat: 4:3

Synchro: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

FSK: Freigegeben ab 12 Jahren

Studio: Polyband & Toppic Video/WVG

2 DVD’s. erschienen am 28. März 2008

Spieldauer: 180 Minuten (4 Folgen a 45 min)

Extras: keine

 

ASIN: B0011U155M

 

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Episoden

1. Der Überfall

2. Der Terror

3. Der Wendepunkt

4. Die Vergeltung

 


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Erstellt: 26.04.2008, zuletzt aktualisiert: 02.08.2022 20:01