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Hüter des Tempels von Jorge Molist

Rezension von Christine Schlicht

 

Auf den führenden Medienkonzern der USA wird ein Bombenanschlag verübt, bei dem einer der höchsten Führungspersonen getötet wird, der schon als Nachfolger für den alternden Konzernchef gehandelt wurde und dessen bester Freund war. Doch dieser Anschlag war nur ein Anfang. Eine Sekte, die sich „Hüter des Tempels“ nennt und so gut wie unbekannt zu sein scheint, scheinbar auch dem FBI, will den Konzern unterwandern und ihre eigenen radikalen Ansichten verbreiten. Doch nicht nur die Hüter, sondern auch die Katharer besetzen führende Positionen in der Firma und versuchen, die Hüter an ihren Plänen zu hindern.

 

Das alles interessiert Jaime Berenguer, einen Latino in führender Position bei der Rechnungsprüfung nicht wirklich. Gerade frisch geschieden, versucht er mit ganz anderen Problemen fertig zu werden und sein Leben wieder in geordnete Bahnen zu bringen. Er begegnet der Konzernanwältin Karen Jansen und verliebt sich unsterblich in sie, ohne zu ahnen, das ihre Verbundenheit sehr viel tiefer geht. Karen gehört zu den Katharern und am Anfang scheint sie ihn nur benutzen zu wollen und überhaupt nicht mit ihm zusammen zu passen.

 

Jaime, ohnehin auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, lässt sich, angeleitet von ihr, darauf ein, zu den Katharern zu stoßen und willigt in ein Ritual ein, welches ihm möglicherweise einen Einblick in ein früheres Leben ermöglicht. Denn die Katharer glauben an die Reinkarnation der Seele und betrachten ihre Körper nur als ein Gefäß, das der Teufel geschaffen hat, um die Seelen auf ihrem Weg zur Vollkommenheit immer wieder zu binden und zu prüfen. Jaime soll aus den Fehlern seiner früheren Leben lernen und sich damit auf seine Zukunft vorbereiten.

 

Tatsächlich hat Jaime ein entsprechendes Erlebnis. Er ist Pedro I., der König von Aragon und lässt sich auf ein riskantes Unternehmen ein, um einer Frau zur Hilfe zu eilen: Der Katharerin Corba, in der er eine frühere Verkörperung Karens erkennt. Jaime wird immer tiefer in die Pläne der Katharer hinein gezogen, er kann bald nicht mehr zurück, da er Karen abgöttisch liebt.

 

Als eine Frau brutal gefoltert und ermordet wird, die Beweise für die Machenschaften der Hüter im Konzern gesammelt hatte, wird Jaimes Rolle immer gewichtiger. Er muss die Beweise hieb- und stichfest machen, um sie dem Konzernchef vorlegen zu können. Dieser, so nehmen die Katharer an, wird dann schon dafür sorgen, dass die Hüter aus dem Konzern entfernt werden.

 

Die Hüter sehen ihre Pläne in Gefahr und entschließen sich zu einem brutalen, verzweifelten Schritt: Sie beginnen einen Krieg im Konzern, bei dem der Konzernchef und seine Getreuen umgebracht werden und die Schuld den Katharern zugeschoben werden sollen. Doch Jaime und seiner von den Hütern zu den Katharern übergelaufenen Sekretärin gelingt es, den Chef zu retten und den Führer der Hüter aus dem Weg zu räumen...

 

 

El Mundo schreibt: „Jorge Molist schreibt auf einer Stufe wie seine amerikanischen Kollegen Ken Follet oder Noah Gordon.“ Das ist Falsch.

 

Er ist besser.

 

Dieses Buch legt man nur ungern beiseite. Es fängt zwar fast ein bisschen behäbig an, trotz des einleitenden Attentats, aber sobald man die wirklich facettenreichen Charaktere kennen gelernt hat, frisst man sich Seite für Seite genussvoll durch Molists hervorragenden Schreibstil bis zum atemlosen Ende. Völlig undurchschaubar bis zum Schluss rätselt man mit den Protagonisten um die Identität des „Erzengels“, des Führers der Hüter. Dadurch bleibt der Spannungsbogen auch bis zur letzten Seite erhalten und leiert nicht schon auf halbem Weg aus.

 

Zu keiner Zeit kommt es, trotz Rückblenden, wenn Jaime auf seine Reise in ein früheres Leben geht, zu Verwirrungen oder den in solchen Fällen häufig üblichen Längen in der Erzählung, wenn sich lang und breit in Beschreibungen der damaligen Zustände ergangen wird. Im Gegenteil, man wird Teil der Szene, fühlt sich als Teilnehmer der weinseligen Gelage oder begleitet den König in die Schlacht. Diese Rückblenden erscheinen sehr gut recherchiert, auch wenn sich natürlich schriftstellerische Freiheiten über die Motivation der historisch verbürgten Personen erlaubt werden. Das gehört dazu, schließlich kann heute niemand mehr mit Gewissheit sagen, was einen König im 13. Jahrhundert wirklich dazu getrieben hat, so zu handeln, wie er es tat und nicht anders.

 

Auch die Lebensumstände und die nach wie vor existierenden Animositäten der Amerikaner gegenüber Latinos und Exilkubanern wird glaubwürdig beschrieben. Ebenso die fast philosophischen Ausflüge in die Definition von Freiheit, welche diese Menschen bewegt. Trotz der scheinbaren Favorisierung der Katharer wirkt die Geschichte zu keiner Zeit so, als wolle Molist die Leser bekehren. Dafür sorgt sein Protagonist, der trotz aller Verbundenheit zu der Sekte immer noch einen kühlen Kopf bewahrt und sich nicht mit allen Einstellungen der „Guten Menschen“ identifizieren kann, sondern auch bewusst einigen Regeln zuwider handelt und sein Latino-Temperament auch gelegentlich mit ihm durchgeht. Das macht ihn sehr sympathisch, weil unbedingt glaubwürdig. Das Gleiche gilt auch für alle anderen Charaktere.

 

Dieses Buch sollte man nicht auf einer Studienreise lesen, denn man würde wahrscheinlich die Hälfte verpassen, weil man nicht aus dem Zimmer rauskommt. Man bleibt dabei hängen und wundert sich, wie schnell man durch 500 Seiten Hochspannung fliegen kann. Große Emotionen inbegriffen, einfach beste Unterhaltung.

 

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Hüter des Tempels

Autor: Jorge Molist

Broschiert: 512 Seiten

Verlag: Heyne (Juli 2007)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3453810902

ISBN-13: 978-3453810907

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 29.07.2007, zuletzt aktualisiert: 02.11.2017 18:47