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Ice Flow

Rezension von Björn Backes

 

Abenteuerlust im Polarmeer: Drei waghalsige Forscher streben danach, die eisigen Wasser der Beringstraße zu durchschreiten und während einer Expedition zu Fuß den Weg von Alaska nach Sibirien anzutreten. Doch diesen Wunsch haben in „Ice Flow“, dem aktuellen Titel aus dem Hause Ludorum Games, gleich mehrere Teams. Also starten sie einen Wettbewerb und versuchen, ihre Mannschaft am schnellsten über die treibenden Eisschollen über die berüchtigte Eisstraße zu bringen. Doch auf der Beringstraße lauern allerhand Gefahren: Nicht nur Eisbären und gefährliche Packeis-Abgründe behindern die Reise; auch die anderen Forscherteams sind mit allen Wassern gewaschen, um das Eis zu ihren Gunsten fließen zu lassen.

 

 

Spielidee:

 

In „Ice Flow“ übernehmen die Spieler ein Team aus drei Forschern und steuern es über die Eisschollen der Beringstraße von Alaska nach Sibirien. Dies ist jedoch einfacher gesagt als getan, da die Eisschollen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit vorantreiben und die Strömung die einzelnen Wissenschaftler nicht nur auseinander treibt, sondern auch keinen planmäßigen Routenverlauf zulässt. Also muss man äußerst taktisch vorgehen, um die Packeisscharten zu überwinden, zwischen den Eisschollen zu navigieren und hier und dort auch die gefährlichen Eisbären abzulenken. Fische geben zusätzliche Kraft und dienen als Bestechungsobjekt für die weißen Bestien, Seile wiederum ebnen den Weg über Packeis, werden aber auch als Angel eingesetzt, um an neue Fischvorräte zu gelangen. Doch im schweren Rucksack ist nicht viel Platz für neuen Proviant und Seile, was die Reise natürlich noch um einiges beschwerlicher macht. Und außerdem muss das Forschertrio am Ende auch noch an drei unterschiedlichen Stellen in Sibirien anlegen, um der Expedition ein erfolgreiches Ende zu schenken. Wem dies als erster gelingt, den kürt „Ice Flow“ zum Sieger; alle anderen wären besser beraten gewesen, die Strapazen des Fußmarsches besser gar nicht auf sich zu nehmen.

 

 

Ausstattung:

 

Rein optisch suggerieren Schachtel und Spielplan, dass „Ice Flow“ ein eher witziges Spiel ist. Nette Comicanimationen, fast schon kindliche Grafiken: Hier scheint ganz klar ein jüngeres Publikum angesprochen zu sein. Allerdings ist dieser erste Eindruck ein klarer Trugschluss, der aus der sympathischen, aber eben nicht ganz passenden Präsentation hervorgeht. Eigentlich nämlich ist der neue Ludorum-Titel vermehrt eine Mischung aus Familien- und Strategiespiel.

Die weitere Ausstattung ist im Übrigen wirklich vom Feinsten. Das Gros der Spielmaterialien ist aus Holz und als solches stabil und visuell ansprechend zugleich. Nichts wurde dem Zufall überlassen, denn in Sachen Atmosphäre und Design wirkt hier letzten Endes alles stimmig. Dies gilt im Weiteren auch für die transparent-blauen Eisschollen und das nette Kartenmaterial, die einen sehr schönen Eindruck vermitteln. Und um dies abzurunden, hat man der Schachtel auch direkt drei Regelwerke in deutscher, englischer und französischer Sprache beigelegt, um ein internationales Publikum anzusprechen. Ergo: Hochwertig aufgemacht, stimmig präsentiert!

 

 

Regelwerk:

 

Die Quantität diesbezüglich bedeutet leider nicht gleichzeitig, dass die Spielregel flüssig und selbstredend aufgebaut ist. Leider nämlich sind vor allem die Aktionsmöglichkeiten ein wenig verworren geschildert und werden im 4-seitigen Beiheft so manches Mal durcheinander gebracht. Ebenfalls erweist sich die gesamte Struktur als recht unvorteilhaft. Das Spielziel wird zum Schluss eher beiläufig erwähnt und macht das Ganze noch vertrackter, da man stellenweise gar nicht begreift, was einem diese oder jene Aktion nun bringen soll, sofern man sich für sie entscheidet. Zu guter Letzt setzen sich die Puzzleteile zwar wieder zusammen, aber wenn man bedenkt, wie simpel das Regelwerk eigentlich ist, hätte man mit einer klareren Struktur einiges entschärfen können.

 

 

Spielvorbereitung:

 

Bevor die Partie nu beginnt, werden die Spielmaterialien auf die Personen aufgeteilt. Jeder Spieler erhält seine drei Forscher und eine bestimmte Zahl Eisschollen, die von der Mitspielerzahl abhängt. Insgesamt werden 12 Eisschollen verteilt. Im Uhrzeigersinn werden diese nun verteilt, indem man eine Eisscholle aus dem beiliegenden Säckchen zieht, weiterhin eine Karte nimmt und die darauf abgebildeten Dinge (Fisch, Seil, Eisbär) mit der Eisscholle auf irgendein freies Hexagon setzt. Dies wird nun solange fortgeführt, bis 12 Eisschollen ausliegen, wobei man beim Startaufbau darauf achten muss, dass keine Scholle auf die Eingänge der Beringstraße gesetzt werden und nicht zwei Schollen direkt nebeneinander liegen. Ein ähnliches Procedere vollführt man nun mit den Forschern: Jeder Spieler platziert in abwechselnder Reihenfolge einen Forscher auf ein Startfeld in Alaska. Allerdings dürfen auf jedem Startfeld nur zwei Forscher stehen. Als Letztes wird das Kartenmaterial noch einmal durchgemischt und auf das dafür vorgesehene Feld abgelegt. Überschüssige Fische, Seile und Eisbären gehen in den Vorrat. Anschließend beginnt das Spiel mit dem Startspieler – das ist derjenige, der beim vorangegangenen Verteilersystem als letzter auslegen durfte.

 

 

Spielaufbau:

 

Ein Spielzug gliedert sich im Folgenden in zwei unterschiedliche Aktionsmöglichkeiten, nämlich die Eisschollenaktion und die Forscheraktion. Während man in jedem Spielzug mit den Eisschollen arbeiten muss, sind die Bewegungen mit dem Forscher freiwillig und auch nicht immer durchführbar. In welcher Reihenfolge man indes vorgeht, ist in jeder Runde wieder freigestellt.

 

1.Eisschollenaktionen

a)Strömungsrichtung einer Eisscholle nutzen

Der Spielplan zeigt die verschiedenen Strömungen der Beringstraße, die jeweils in unterschiedliche Richtung südlich oder nördlich verlaufen. Weiterhin ist die Intensität der Strömung unterschiedlich, hier symbolisiert durch eine differierende Anzahl von Pfeilen. Will man nun die Strömungsrichtung einer Eisscholle nutzen, muss man dies genau so weit fortbewegen, wie Pfeile in der Strömung abgebildet sind. Sollte die Eisscholle dabei aus dem Spielfeld getrieben werden, geht sie gemeinsam mit den Gegenständen, die sich auf ihr befinden, zurück in die Auslage. Allerdings dürfen keine Schollen bewegt werden, auf der sich ausschließlich gegnerische Forscher befinden. Außerdem können Forscher nicht aus dem Spielfeld herausgedrängt werden.

 

b)Eigenrotation einer Eisscholle nutzen

Wer nachher seinen Forscher bewegen will, muss dabei die Packeis-Stellen einer Eisscholle berücksichtigen, Hierzu sind die Plastiksechsecke, die die Schollen darstellen, mit gezackten und glatten Rändern versehen. Für Bewegungen von einer ‚glatten’ Scholle zu einer benachbarten ‚glatten’ Scholle muss man nun keinen weiteren Aufwand betreiben. Bewegt man sich hingegen über gezackte Gebiete, muss man hierfür ein Seil verwenden und dieses auf der Ausgangsscholle zurücklassen. Sollte man nun kein Seil vorrätig haben oder nicht bereit sein, dieses zu opfern, kann man die Schollen auch um eine Position wenden und sich so mit der Eigenrotation in eine bessere Ausgangsposition bringen.

 

c)Entdecken einer neuen Eisscholle

Für den Fall, dass die Wege verbaut oder keine neuen Nutzgegenstände mehr greifbar sind, kann man auch neue Eisschollen nachziehen und sie entsprechend einer parallel gezogenen Eisschollenkarte bestücken. Diese starten nun auf einem der acht Startfelder der Beringstraße und können so in die Mitte des Spielfelds bewegt werden, um Nachschub zu senden oder neue Wege zu ebnen. Dies nennt man nun ‚eine Eisscholle entdecken’. Manchmal ist dies auch die einzige sinnvolle Alternative, weil man eine Eisschollenaktion auf jeden Fall durchführen muss.

 

2.Forscheraktion

a)Einen Forscher bewegen

Forscher können sich grundsätzlich über so viele benachbarte Eisschollen bewegen, wie eben möglich. Allerdings können mit der Bewegung verschiedene Kosten verbunden sein, so zum Beispiel ein Seil für die Überquerung von Packeis oder eben ein Fisch, den man verwendet, um den Eisbär abzulenken. Außerdem sind Fische bestes Kraftfutter und ermöglichen die Navigation durch ein sechseckiges Wasserfeld, sollten daran zwei Schollen angrenzen. Zu beachten ist lediglich, dass die Aktionen mit ein und demselben Forscher getätigt werden.

 

b)Angeln

Eine zweite Forscheraktion besteht darin, einfach nur zu angeln. Dies bedeutet, man opfert ein Seil als Angelschnur und bekommt dafür zwei Fische ausgehändigt – kein schlechter Deal!

 

Auf diesem Wege steuern die Spieler nun ihre Forscher durch die Beringstraße und versuchen irgendwie, die freien Gebiete in Sibirien zu erreichen. Wichtig ist nur, dass jeder Forscher in einem anderen sibirischen Camp landet. Wer nun zuerst alle drei Forscher dort untergebracht hat, hat das Spiel gewonnen.

 

 

Spielspaß:

 

„Ice Flow“ gehört zweifelsfrei zu der Sorte Spiele, die man zunächst völlig unterschätzt, unter anderen auch wegen der wirklich liebenswerten Comic-Aufmachung und des Themas an sich. Auch der Blick in die Spielregel verheißt erst einmal nichts Außergewöhnliches, da das Spielprinzip keine großen Tücken offenbart und man den Eindruck bekommt, es handele sich alles in allem nur um ein kleines Wettrennen ohne größere Raffinesse.

 

Doch schon nach der ersten Partie sieht man sich hier ganz schnell eines besseren belehrt, da „Ice Flow“ auf alle Fälle eine ganze Menge taktischen Tiefgang bietet und das gesamte Spiel fast ausschließlich auf strategischen Aspekten beruht. Einzig und allein das Nachziehen der Eisschollenkarten kann man als Glücksfaktor umschreiben, da dieser jedoch letztendlich nur einen sehr bedingten Einfluss auf das allgemeine Spielgeschehen hat, ist er als solcher kaum noch relevant. Viel mehr kommt es darauf an, wie man die Eisschollen positioniert, um sich möglichst große Strecken offen zu halten, diese aber direkt danach wieder zu zerstören, um den Kontrahenten nicht den gleichen Vorteil zu verschaffen. Allerdings ist man in seinen Bewegungsmöglichkeiten durch das Rucksacklimit und vor allem auch durch den später nur noch schwer zu ergatternden Nachschub wieder stark beschränkt und muss immer wieder nach taktischen Auswegen suchen, um eine rasche Vorwärtsbewegung durchzuführen. Dazu kommen Gefahren wie Packeis, Eisbären und der gegnerische Einfluss auf die Strömungen und Eisschollen, die schier jeden Plan wieder zunichte machen und das Spiel auch bei vermeintlichen Vorteilen für eine Partei bis zur letzten Minute spannend gestalten – und dies sind Elemente, die man hinter „Ice Flow“ bei der ersten Draufsicht ganz bestimmt nicht erwartet hätte!

 

Der Spielspaß bzw. der allgemeine Reiz sind dadurch bedingt fast schon grenzenlos, da sich die Partien individuell doch immer wieder sehr stark voneinander unterscheiden und man keine einheitlichen Taktiken verwenden kann. Dies macht „Ice Flow“ speziell für gewiefte Taktiker zu einer echten Herausforderung, die durch ihr grundsätzlich einfaches Spielprinzip aber auch im Kreise der Familie bestens funktioniert. Und dieses Qualitätssiegel weisen nun mal leider die allerwenigsten Spiele dieser Spezies auf!

 

 

Fazit:

 

„Ice Flow“ ist eine enorm positive Überraschung und von der Gestaltung und Strukturierung fast schon reif für die Auswahlliste zum „Spiel des Jahres“ – zumindest was den Inhalt betrifft. Familientauglich, immens strategisch und vor allem ein echter Spaßgarant: Mit diesem Titel setzen Ludorum Games ihren Siegeszug fort, den sie bereits mit dem starken „Fagin’s Gang“ eindrucksvoll begonnen hatten.

 

(Anklicken zum Vergrößern)
 

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Brettspiel:

Ice Flow

Ludorum Games / Heidelberger Spieleverlag

Autor: Dean Conrad & John Streets

Spielerzahl: 2 bis 4

Spieldauer: 45 Minuten

Mindestalter: ab 11 Jahre

ASIN: B001BX3HCI

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:

Inhalt:

 

  • Spielregel in 3 verschiedenen Sprachen
  • 1 Spielplan
  • 24 Eisschollen
  • 1 Stoffbeutel
  • 14 Eisschollenkarten
  • 2 Diomede-Inselkarten
  • 12 Forscher
  • 15 Seile
  • 15 Fische
  • 5 Eisbären
  • 4 Spielhilfekarten
  • 4 Rucksackkarten

 


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Erstellt: 28.07.2008, zuletzt aktualisiert: 16.02.2018 17:50