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Ich, Gregory! von Marc Hempel

Gregory Bd. 1

Rezension von Christian Endres

 

Mit der Veröffentlichung von Marc Hempels Gregory demonstriert Cross Cult eindrucksvoll, dass die Philosophie crossing culture beim Szenepublisher Programm ist und man die Grenzen der Kulturen, aber eben auch des Comic-Mediums als solche bereitwillig hinter sich lässt ...

 

Der kleine Gregory ist ein hochkarätiger Sympathieträger, seine skurrile Umgebung und sein nicht weniger skurriles Leben in der kargen Sanatoriums-Zelle eine Fundgrube komischer, anrührender oder einfach nur abgedrehter Begebenheiten. So zeigt Marc Hempel zu Beginn des Bandes zunächst Gregorys verrückten Anstaltsalltag, seine »Fenster-Konfrontationen« mit der »normalen« Außenwelt oder sein mehr oder weniger wohlwollendes Pflegepersonal und dessen Versuche, Gregory auf den Pfad der Normalität zu leiten. Spätestens aber, wenn Herman Vermin, eine egozentrische Ratte mit Hang zu einem raschen Tod und einer ebenso raschen Wiedergeburt, und Wendell, eine kleine, käsesüchtige Maus, die Gummizelle rocken, ist das schräge Bild dieser Comic-Serie komplett. Und wenn der kultige Herman schließlich seinen ureigenen Ängsten und gar unser aller Schöpfer gegenüber treten muss, wird es stellenweise arg makaber und köstlich schwarzhumorig, was uns Hempel in seinen eigenwilligen Episoden um das schräge Dreigespann seiner Gregory-Comics präsentiert ...

 

Political correctness sieht freilich anders aus, und mit Sicherheit wird es den ein oder anderen Leser geben, der sich an der Ausrichtung oder den zum Teil recht eindeutigen Scherzen stören wird. Dem streng konservativen Theologen wird Hermans Begegnung mit Gott definitiv sauer aufstoßen, und der übereifrige Menschenrechtler will den Begriff glücklicher Irrer bestimmt nicht allzu gerne hören. Doch genau das ist es, was den Reiz von »Ich, Gregory!« , dessen Tendenzen und Verbindungen zum Independent Comic unverkennbar sind, mitunter ausmacht: Mut, Kreativität und keine Angst, irgendwo anzuecken.

 

Dabei zeichnen sich die einzelnen Episoden vor allem durch eine große Experimentierfreude aus – inhaltlich, aber in erster Linie eben auch zeichnerisch. Zwar braucht Hempels cartoonlastiges Schwarzweiß-Artwork ein paar Seiten, bis man sich daran gewöhnt hat, und auf den ersten Blick ist es alles andere als ein Reißer – doch irgendwann erkennt man, wie perfekt die Symbiose mit dem abgedrehten Inhalt der Strips ist. In der Folge weiß man es durchaus zu schätzen, wenn Hempel trotz seines reduzierten und eher schlichten Strichs freimütig mit Perspektiven und Einstellungen spielt, Panelgrößen und -Grenzen skrupellos variiert oder verschiebt und sogar die ein oder andere Collage eingebaut wird, wenn ein Traum von Herman der Ratte ins Surreale abdriftet und Gregory in der Traumwelt seines tierischen Zellengenossen gar zum Freud’schen Psychodoktor mutiert. Und nicht einmal vor seinen Sprechblasen, Textboxen oder dem Lettering macht Hempel Halt – auch diese gestalterischen Elemente bezieht er konsequent in seine teils recht innovative Seitengestaltung mit ein, ohne sich allzu viel um gängige Konventionen zu scheren.

 

Mit großem Abwechslungsreichtum bewegen wir uns also durch die mal knackig-kurzen, mal ausufernd langen Spinnereien mit dem kleinen Gregory in seiner Zwangsjacke und seiner Zelle, aber eben auch seinem großmäuligen Freund Herman Vermin – dem heimlichen Helden des Bandes, der nicht ohne Zufall in fast jeder der Geschichten vertreten ist, die hundertprozentig zu überzeugen wissen. Bei all dem erinnert Herman ein wenig an Snoopy von Charles M. Schulz’ Peanuts – bissiger und schwarzhumoriger, sicher, doch ist eben auch Herman das belebende Element der Gregory-Geschichten. Im zweiten Teil des Sammelbands wird er sogar zum eigentlichen Protagonisten – und darf, wie weiter oben schon erwähnt, unter anderem mit Gott über sein Reinkarnations-Problem reden, bis der Schöpfer ihn genervt aus dem Himmel verbannt und die Ratte direkt auf der Couch eines Psychiaters landet, nachdem ihre Todessehnsucht zuvor schon zum Teil bedenkliche Ausmaße angenommen hat ...

 

Abgerundet wird der außergewöhnliche Band durch ein ausführliches Interview mit Marc Hempel; ein Interview, das 1994 begann, 2006 fortgesetzt wurde und somit einen interessanten Blick auf zwölf Jahre des Kernstücks von Hempels vielleicht wichtigster Schaffensperiode wirft. Darüber hinaus besticht das A5-Hardcover von Cross Cult wie üblich durch eine tolle Aufmachung und Gestaltung – speziell der prächtig plakative Buchrücken weiß zu gefallen, wenngleich das aufwendige Lettering im Inneren des Bandes nicht immer ganz den Nerv trifft und das Leseverständnis manchmal etwas erschwert.

 

Fazit: Wie der erste Eindruck doch täuschen kann. Hempels kleiner Anstaltsbewohner und seine rattenscharfen Freunde Herman und Wendell machen auf den ersten Blick nicht allzu viel her und geben im Grunde keinen sonderlich großen Anreiz, sich weiter mit dem Band zu beschäftigen. Doch spätestens der zweite Blick und die ersten Episoden überzeugen einen schnell vom Gegenteil und beweisen, dass sich auch hinter einem seltsam anmutenden und optisch sehr experimentierfreudigen und ungewöhnlichen Werk wie »Ich, Gregory!« ein kleines Comic-Meisterwerk verbergen kann.

 

»Ich, Gregory!« – ein einzigartiger, mutiger Comic, der aufgrund seiner Andersartigkeit und Abgedrehtheit ein großartiges Plädoyer für die herrlich hinreißende Verrücktheit des Lebens ist.

 

Eure Meinung:

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Comic:

Ich, Gregory!

Reihe: Gregory Bd. 1

Autor und Zeichner: Marc Hempel

Verlag: Cross Cult

Album, Hardcover

ISBN-Code: 3936480184

Anzahl Seiten: 192

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 14.03.2007, zuletzt aktualisiert: 01.05.2020 11:16