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Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten von Christian Kracht

Rezension von Oliver Kotowski


Rezension:

In Europa herrscht seit hundert Jahren Krieg – es lebt niemand mehr, der sich an den Frieden erinnern könnte. Der Erste Weltkrieg hörte einfach nicht mehr auf: Die Amexikaner hatten nie eingegriffen. Lenin war in Zürich geblieben und erwirkte mit seinen Mitstreitern die Gründung der Schweizerischen Sowjetrepublik (SSR). Man erreichte schnell Anfangserfolge. Irgendwann verbündeten sich die britischen Faschisten mit den deutschen Faschisten, während die SSR große Unterstützung aus Ostafrika erhält. Der Krieg entwickelt sich seither kaum mehr: Die Deutschen bombardieren beständig die große Bergfestung, den Réduit. Dafür verrohen die Menschen immer mehr: Die Sowjets können kaum mehr lesen und schreiben. In diesem Krieg wird der Kommissär beauftragt, den flüchtigen Oberst Brazhinsky, einen polnischen Juden, zu verhaften. Er beginnt eine Suche, die ihn durch die desolate Schweiz führt.

 

Der Parteikommissär beginnt seine Suche in Neu-Bern, das erst vor wenigen Tagen von den Faschisten zurückerobert wurde. Die an den deutschen Besatzern und deren Kollaborateuren verübten Rachegräuel sind noch frisch in Erinnerung – es müssen zahllose Leichen unter dem Eis der Aare treiben. Das Geschehen müsste sich in der nahen Zukunft – vielleicht 2017 – zu tragen, doch Zeit spielt kaum mehr eine Rolle. Der Krieg ist zu einer ewig gleichen Wiederholung des ewig Gleichen geworden – mal wird eine Stadt erobert, dann wieder zurückerobert. Seit dem Verfall der Schriftkultur und der Erinnerungskultur überhaupt zählt ohnehin nur noch das Jetzt. Eine große Rolle spielt das Réduit. Das Réduit ist eine gewaltige Bergfestung, die tief in die Alpen hineingegraben wurde. Unzählige Stollen und Kammern sind das Bollwerk gegen die Deutschen. Der Kommissär wird sehen, dass das Réduit, dieses 'Dungeon', ein eigenes 'Land' innerhalb der SSR ist – dort gelten eigene Regeln.

Das Setting neigt klar zum Milieu, vielfach wird die Verzahnung von Krieg und verrohendem Menschen thematisiert. Oftmals schwelgt der Autor aber auch im Fabulieren über diesen finsteren, andersartigen Ort – dann neigt das Setting zum Ambiente. Das Setting spielt eine große Rolle, ist aber keineswegs die 'Hauptfigur', da es stets an der Suche des Kommissärs entwickelt wird – und es hält einige Überraschungen bereit.

Phantastische Elemente gibt es einige: Da ist zunächst die völlig veränderte Situation in Europa. Dann gibt es auch einige kleinere Details, die kaum ausgeführt werden wie etwa die Sonden, anscheinend Spionagedrohnen. Etwas mehr Bedeutung kommt der "Rauchsprache" zu, eine Art Psionik. Trotzdem bleiben die relevanten Nova gesellschaftlicher Art – damit gehört der Roman in das Umfeld der Alternativweltgeschichte bzw. Dystopie.

 

Mit den Figuren wird es schwierig. Zwar gibt es eine Handvoll von relevanten Figuren – da ist natürlich Oberst Brazhinsky, die Divisionärin Favre und der seltsame Bauer Uriel – doch die meisten spielen nur kleine Rollen. Kaum eine Figur tritt in mehr als einem Kapitel auf. Sie sind entsprechend nur skizziert, aber durchaus kraftvoll und interessant. Sie neigen alle zur Exzentrik. Die zentrale Figur ist der Kommissär. Ihn wiederum kann man in einer Rezension nicht gut beschreiben, weil mit ihm einige Überraschungen verknüpft sind. Der linientreue Apparatschik, der gerne Papierosy (Zigaretten) raucht und Mbege (afrikanisches Bier) trinkt, hält einiges bereit – z. T., weil es sich erst langsam herausschält, z. T., weil er sich im Zuge seiner Suche verändert. Seine Charakterisierung nimmt einen wesentlichen Teil der Geschichte ein – dennoch ist es keine Biografie, sondern stets an Ereignissen der Suche entwickelt. Der namenlose Kommissär ist eine beeindruckende Figur: ungewöhnlich, voller Eigenarten, ohne dabei zu einer albernen oder grotesken Figur zu werden.

 

Der Plot ist leicht identifiziert: Es ist eine Queste. Der Kommissär erhält den Auftrag, Oberst Brazhinsky zu verhaften. Er verfolgt den Flüchtigen zum Réduit. Je näher der Kommissär dem Oberst kommt, desto bizarrer werden die Episoden seiner Reise. Darin erinnert die Geschichte an Joseph Conrads Herz der Finsternis oder mehr noch an Francis Ford Coppolas Apocalypse Now – es ist wohl kein Zufall, dass der zu verhaftende Oberst ein besonderes Verständnis des verrohenden Kriegs entwickelt hat. Doch wie in diesen beiden Geschichten sind auch bei Krachts Roman die seltsamen Episoden, Figuren, Details des Settings eminent wichtig – damit ist es ebenso sehr eine Wundergeschichte, im geringeren Maße sogar eine Rätselgeschichte, wie es eine Queste ist.

Der Plotfluss wirkt eher gemessen, doch tatsächlich kommt die Geschichte recht zügig voran.

 

In puncto Erzähltechnik reizt Kracht die Konventionalität aus. Es ist die Ich-Erzählung des Kommissärs. Die Suche wird schon halb progressiv, halb regressiv geschildert, hinzukommen noch rein regressive Rückblenden, die die Figuren oder das Setting erläutern und außerdem die ohnehin schon vorhandene Episodenhaftigkeit noch verstärken. Dies spiegelt die Zerrissenheit des Landes durch den dauerhaften Krieg – oder die Zerrissenheit von Menschen nach einem Granatentreffer – und findet sich in den kurzen, fragmentarisch wirkenden Absätzen wieder.

Der Stil wirkt schmucklos und adjektivarm – er erinnert an hardboiled-Krimis, allerdings neigen die Sätze zur Länglichkeit und sind gelegentlich verschachtelt. Zudem werden viele Wörter ausgeliehen – Papierosy, Mbege, Réduit – was die zunehmende Entfremdung reflektiert. Insgesamt fängt der karge Stil das ruppige Geschehen gelungen ein.

 

Fazit:

Oberst Brazhinsky erregte das Missfallen des Obersten Sowjets der SSR und so beauftragte man den Kommissär, die Verhaftung vorzunehmen. Der Kommissär folgt dem Flüchtigen durch eine zerstörte Schweiz hin zum Réduit – eine Reise, die den Kommissär selbst verändern wird. Christian Kracht gelingt mit seiner kleinen Mischung aus Dystopie und Wundergeschichte eine reizvolle Synthese von Unterhaltung und Kunst.

 

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Buch:

Titel: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten

Reihe: -

Original: -

Autor: Christian Kracht

Übersetzer: -

Verlag: dtv (2010)

Seiten: 149 - Broschiert

Titelbild: Corbis/Philadelphia Museum of Art

ISBN-13: 978-3-423-13892-5

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 13.11.2010, zuletzt aktualisiert: 06.10.2019 17:40