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Kolumne: Die Zeit vergeht ...

Autor: Holger M. Pohl

 

… und manches ändert sich oder bleibt wie es ist. Das kräht sogar der Hahn von seinem Mist.

 

Dieses Jahr war wirklich nicht viel los mit meinen Kolumnen, ich gebe es ja unumwunden zu. Aber wer vielleicht verfolgt hat, dass das eine oder andere Printwerk von mir das Licht der lesenden Öffentlichkeit erblickt hat, der wird es mir vielleicht nachsehen. Oder auch darüber erfreut sein. Aber nun gehöre ich auch zu jenen, die sich irgendwo Rezensionen einfangen, die ihnen nicht alle gefallen. Schicksal des Autors. Das Leben ist eben hart und das der schreibenden Zunft sowieso.

 

Natürlich verfolge ich meine Foren, meine Facebook-Gruppen und wo ich sonst noch so ein Auge darauf habe weiter. Nur sage ich nicht immer etwas. Das soll wieder ein wenig anders werden.

 

Darüber, was ich davon halte, wenn Herr Strohmann ein gerade zufällig gefundenes Werk in den höchsten Tönen lobt, habe ich mich schon einmal ausgelassen: Schnäppchen. Dass es aber immer noch vorkommt, darüber will ich nicht lamentieren. Ich könnte es höchstens immer wieder kolumnieren. In der Hoffnung das steter Tropfen den Stein höhlt. Auch wenn ich befürchte, dass es so viel Wasser im gesamten Universum nicht gibt, damit dieser Stein jemals ausgehöhlt wird. Dazu gibt es einfach zu viele hoffnungsvolle Jungschriftstellerinnen und Jungschriftsteller, die sich schlau finden, wenn sie Herrn Strohmann oder Frau Strohpuppe vorschicken.

 

Vor kurzem durfte ich meinem geschätzten Kollegen Ralf Steinberg ein Interview geben. Er stellte mir viele Fragen und ich gab viele Antworten. Wahrscheinlich wird es demnächst irgendwann online geben. Ich will an dieser Stelle nichts vorwegnehmen, aber auf eine Frage, die er mir stellte, doch ein wenig in meiner Art darauf eingehen. Es war die Frage:

 

Mir kommt es so vor, als ob die LeserInnen sich von deutschsprachiger SF abgewendet hätten und lieber ihren Stoff bei englischsprachigen Verlagen suchten. Kannst Du diesen Eindruck bestätigen? Siehst Du andere Tendenzen?

 

Man könnte ketzerisch die Gegenfragen stellen: Haben sie sich ihr denn jemals wirklich zugewendet? Hatte es die deutschsprachige SF denn jemals leicht im internationalen Vergleich?

 

Für die nicht ganz so alten unter uns: Auch früher war das nicht anders! Entweder man griff zu Werken, die im Original fremdsprachig – bevorzugt Englisch – waren und übersetzt wurden. Oder die Damen und Herren Autoren verpassten sich ein wohlklingend englisch klingendes Pseudonym, das man unweigerlich damit assoziierte, dass da ein (wahrscheinlich) amerikanischer Erfolgsautor endlich übersetzt wird. Wer weiß noch, dass Hubert Straßl auch gerne mal als Hugh Walker oder Ray Cardwell publizierte? Oder dass Conrad Shepherd in Wirklichkeit Konrad Schaef hieß? Und machte sich nicht auch ein Clark Darlton besser als ein Walter Ernsting? Klang Mark Brandis nicht schwungvoller als Nikolai von Michalewski?

 

Die Liste ließe sich noch beliebig fortsetzen. Insofern aber: Bereits früher dachten die Damen und Herren, dass sich eine scheinbare Herkunft aus dem angloamerikanischen Raum möglicherweise besser macht, wenn es um SF geht. Was sich damals auch genauso in den Buchhandlungen niederschlug: Englischer Name neben englischem Namen. Erlaubt war (und ist) was den Verkauf fördert. Vielleicht sollte ich aus meinem Holger M. Pohl ein Henry M. Poole machen: „Hey, da schreibt ein Amerikaner bei D9E mit! Cool! Muss ich haben!“

 

Die Frage könnte aber auch durchaus lauten, wie der Autor – oder die Autorin – mit der SF selbst umgeht. Oder die Verlage. Vieles von dem, was zum Beispiel Frank Schätzing oder Andreas Eschbach in den letzten Jahren veröffentlich haben, war ziemlich eindeutig SF. Aber steht auf dem Cover etwas davon? Mitnichten! Man schreibt aber nicht SF-Roman drauf – man sagt einfach nur Roman. Macht sich besser in der Buchhandlung, weil SF (wobei das für jede Art von Phantastik gilt) ist was für Nerds (die auch so Schwachsinn wie Big Bang Theory schauen) oder Geeks oder einfach für Weltfremde. Diesen AutorInnen und Verlagen möchte ich gerne zurufen: „Hey, mehr Mut zur Lücke!“ Allein … der Ruf würde ungehört verhallen. Ich könnte wetten, dass weder Frank Schätzing (der diese Kolumne wohl nicht liest) noch Andreas Eschbach (der sie möglicherweise vielleicht in einer schwachen Stunde doch liest) ihren Verlag dazu bringen könnten auf das nächste Werk zu drucken: SF-Roman weil es SF ist! Warum auch? Frei nach Stephen W. Hawking*: Das Label SF halbiert – mindestens – die Leserschaft!

 

Und was für die beiden Herren gilt, gilt sicher auch noch für andere Autorinnen und Autoren. Und für die großen Publikums-Verlage sowieso. Die deutschsprachige SF findet in der Regel dort nicht statt. Wo sie stattfindet? Nun, auch darüber habe ich mich schon einmal ausgelassen: Ab in die Ecke!

 

Mir stellt sich daher eher die Frage, wer sich von der deutschsprachigen SF abgewendet hat? Die Leser auf der einen Seite oder doch eher die Produzenten derselben auf der anderen Seite? Gäbe es die zahlreichen Klein- und Kleinstverlage nicht, dann würde die Leserschaft höchstwahrscheinlich gar nicht erst in den Genuss kommen, so etwas wie deutschsprachige SF, wo auch SF draufsteht, zu lesen. Wie viele Verlage, wie viele Autoren soll ich Euch nennen, bei denen Ihr deutschsprachige SF findet? Aber Ihr kennt sie doch! Das Dumme ist nur: Otto Normallaufkundschaftsinderbuchhandlungkaufleser kennt sie nicht und Lieschen Ichwilleinfachnurlesenmüller ebenso wenig. Ob die nun in der virtuellen Online-Buchhandlung kaufen oder beim Buchhändler ihres Vertrauens um die Ecke.

 

Und wenn wir ehrlich sind: Es geht doch dem Rest der Phantastik nicht anders! Einzige Ausnahme ist hier die Fantasy. Was aber nun sicher nicht an der Fantasy als solcher liegt. Sondern daran, dass diese etwas geschafft hat, wovon SF, Horror und was es sonst noch an Subgenres der Phantastik gibt, nur träumen kann: Eine (sehr) junge Leserschaft wurde mobilisiert! Harry Potter und Der Herr der Ringe sei Dank! Und … uups, die sind ja im Original ebenfalls englischsprachig! Dennoch, ohne deren Erfolg wären Erfolge wie die Heitzschen Zwergenromane, Funkes Tintenromane usw. wahrscheinlich gar nicht möglich gewesen. Der SF fehlen aber solche Hype-Macher, die den ganz normalen, nicht nerdigen, geekigen Leser dazu bringen, nach deutschsprachiger SF zu verlangen.

 

Also liebe Autorinnen, Autoren und Verlage, solange ihr nicht dazu steht, dass das, was ihr da veröffentlicht SF ist, solange wird der, der nach SF sucht sich eher dort bedienen, wo es solche Berührungsängste anscheinend nicht gibt: Bei englischsprachiger Literatur. Dumm nur, wenn jemand dem Englisch nicht so mächtig ist, dass es ausreicht ein Buch zu lesen. (Und liebe Verfechter der englischen Originale: Es soll tatsächlich Menschen geben, die nicht ganz so gut Englisch können wie Ihr. Verurteilt diese Menschen nicht! Sie können höchstwahrscheinlich etwas anderes besser, von dem Ihr keine Ahnung habt!). Hofft, dass ein englisches Original ins Deutsche übersetzt so einen Run auf die SF auslöst!

 

Oder – was vielleicht einmal als Alternative in Betracht gezogen werden könnte – schreibt und verlegt es selbst! Liefert einen Harry Potter im Weltraum oder einen Der Herr der Ringe im Universum. Ihr werdet sehen, die Leser werden es Euch danken. Denn die SF vorwärtszubringen bedeutet nicht nur literarisch und inhaltlich anspruchsvolle Werke zu liefern. Es bedeutet auch die deutschsprachige SF aus dem Schatten ans Licht zu führen. Leider scheinen aber viel zu viele viel zu gerne im Schatten zu leben … und lieben es darüber zu jammern, dass es so furchtbar dunkel ist …

 

Also ab ans Licht. Damit der Hahn von seinem Mist krähen kann: Es bleibt doch nicht so, wie es ist!

 

*“Jede mathematische Formel halbiert die Verkaufszahl eines Buches!“ (Im Vorwort von Stephen W. Hawkings „Eine kurze Geschichte der Zeit“)

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Erstellt: 14.09.2015, zuletzt aktualisiert: 29.03.2020 09:59