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Infiltriert von Vincent Voss

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Es gibt keine »neuen« Geschichten mehr; es ist quasi alles bereits einmal und irgendwann erzählt worden.

Möglich, aber das Merkmal eines guten, sehr guten Fabulierers besteht auch darin, aus dem Bekannten, dem Vorhandenen etwas Frisches, Unverbrauchtes zu formen, das nach nie Dagewesenem anmutet.

Vincent Voss ist einer von den sehr Guten. Der liebenswerte Autor aus Norddeutschland und selbsterkorene »Helene Fischer des Horrors« unterstreicht nun über ein Jahrzehnt lang, das man auf vertrautem Terrain dennoch ungeahnte Blumengattungen zu züchten vermag. Oder anders formuliert: viele von seinen Werken, insbesondere die Novellen und Romane mögen nicht verhehlen, woher sie stammen oder wem oder was die Aufwartung gemacht wird. Doch plump-einfallsloses Wiederkäuen ist nicht Vincent Voss’ Sache; never ever. Originelle Wendungen, neue Ausgangssituationen und ordentliche Schippen Lokalkolorit peppen auf und schaffen bisweilen komplett ungeahnte Betrachtungsweisen; einschließlich einem feinen Riecher für Nervenkitzel und Tempo. Darum gleich vorweg, stellt Infiltriert keinen Ausreißer nach unten dar.

 

Doch worum geht es?

Es fängt eingangs wahllos an; mit unerklärlichen Messresultaten an Bord eines Forschungsschiffes, verbunden mit den eigenartigen Dingen draußen auf der kabbeligen See, die es auf die MS Neptun abgesehen zu haben scheint. Pflanzt sich an Land fort mit Regenschauern, die es nicht geben dürfte, Bildstörungen im Fernsehen und menschlichem, beziehungsweise unmenschlichen Verhaltensweisen, die nicht sein dürften – marionettengleich. Oder bildet sich der Ehemann, Vater von zwei Töchtern und Biolehrer Florian Daunert alles nur ein? Liegt es am Sommer? Der überspannten Wahrnehmung?

Auch weil Töchterchen Lynn ähnlich empfindet, lässt sich Florian – Flo – nicht abspeisen, zumal weitere Vorgänge in der unmittelbaren ländlichen Nachbarschaft und in der Großstadt die Besorgnis schüren. Nicht lange, bis er erkennt, dass seine und die an Lynn übertragene »Krankheit« – die Rot-Blindheit – sie immun gegen … was auch immer macht. Im Zuge der rapide anwachsenden ANDEREN bleiben bald bloß noch Lynn, er und sein punkrockender, kiffender Bruder Tom übrig, dessen mitunter jenseits der Legalität wandelnden Vergangenheit und ein Outlaw-Netzwerk zu einer unschätzbaren Unterstützung machen. Zu viert – mitsamt Flos zweiter, infizierter Tochter im Gepäck – stellt man sich gegen das Unmögliche und sucht nach Hoffnung. Denn da draußen muss es noch welche wie sie geben, oder? ODER?

 

»Geheimnisumwoben« dürfte Vincent Voss’ nunmehr auch schön zwölften Roman (sofern kein Irrtum vorliegt) am passendsten umschreiben. Ferner bestätigt »Infiltriert« die dystopischen Vorlieben und Einflüsse des Autors und dessen besonderen Bezug zum nassen Element (man vergleiche hierzu den 2015 veröffentlichen Roman, Wasser). Es wird aber nicht plump nacherzählt und Zombies mit kannibalischen Gelüsten kommen auch keine vor. Wem während des Lesens Die Körperfesser kommen, The Faculty, Der Schwarm, Erich von Däniken und, zugegeben, ein bisschen Romero einfällt, der liegt nicht daneben. Gleichwohl setzt Voss unterlasslos zu neuen Finten an und entkommt eindeutigen Vergleichen und Mustern. Sind es Aliens? Woher kommen sie? Was wollen wie? Warum wollen sie es? Die Fragen türmen sich im Verlaufe auf, tragen aber zur Anspannung und der paranoiden Stimmung bei, wobei vermieden wird, die Story ins Globale aufzublähen. Infiltriert folgt Flo, dessen Familie, dessen Umfeld und verzettelt sich nicht in Nebenstränge. Voss schafft es nicht nur, sie zutiefst mit Leben und Tiefe zu erfüllen, vielmehr sind die meisten der »Helden« auch nur Menschen die manchmal das eine oder andere Geheimnis verbergen. Doch, ob gewollt oder nicht, wäre da noch die Metaebene von »Infiltriert«; diese differenzierte Anklage der gesellschaftlichen Verrohung und Distanz, die mich immer wieder innehalten ließ. Triggern wir uns womöglich selbst in eine Richtung, die das Menschliche immer mehr verschwinden lässt? Dies verschafft dem Werk noch mehr Gravitas und zusätzliche Nachhaltigkeit. Selbst ein Seitenhieb in Richtung einer bestimmten, blauen Partei darf da nicht fehlen.

 

Freilich kann man Infiltriert auch »nur« als superspannenden apokalyptischen Roman betrachten; dem Kampf eines einzelnen gegen Übermächte und für seine Familie, einem sich konstant steigernden Parforceritt, der in einer minutiös strukturierten, nie haarsträubenden Actiongroßtat gipfelt und darüber hinaus noch Platz für Nachschlag lässt. Von meiner Seite aus übrigens sehr gerne.

 

Fazit:

Kann man bei Helene Fischers Atemlos durchaus Magen- oder Ohrenschmerzen bekommen, wären bei Vincent Voss’ atemlosen Roman »Infiltiert« bereitstehende Blutdrucksenker keine üble Entscheidung. Mit einem makellosen Gespür türmt sich binnen der knapp dreihundert Seiten eine mitreißende Wucht auf, die in ihren besten Momenten ihresgleichen sucht. Für mich ist es Vincents bislang bester und ausgeklügelter Roman und mitsamt Timo Kümmels schlichter, aber einprägsamer Titelgestaltung ein definitiver Anwärter für das oberste Treppchen beim kommenden VINCENT PREIS.

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Eure Meinung:

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Buch:

Infiltriert

Autor: Vincent Voss

Taschenbuch, 316 Seiten

Verlag Torsten Low, 21. März 2019

Cover: Timo Kümmel

 

ISBN-10: 3940036501

ISBN-13: 978-3940036506

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 12.07.2019, zuletzt aktualisiert: 12.07.2019 15:15