Frank Hebben im Interview

geführt von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Gerade erschien mit Vampirnovelle im Begedia Verlag das neueste Werk von Frank Hebben und es wurde wirklich Zeit, dass wir den umtriebigen Phantastik-Autor und Lyriker um ein Interview baten:

 

Frank Hebben, Pressefoto
Frank Hebben, Pressefoto

Fantasyguide: Hallo Frank, Du beschenkst uns in schöner Regelmäßigkeit mit kleinen, feinen Büchern. Die dritte separat veröffentliche Novelle widmet sich Vampiren. Jetzt zur Abwechslung mal reiner Horror? Warum?

 

Frank Hebben: Beschenken? Ich will an euer Geld! Gegenfrage: Warum nicht? Genauer gesagt, und ich glaube, es waren deine Worte, ist die Vampirnovelle die stringente Fortsetzung zu den Fugen einer Stadt: Die Themen, die ich dort angerissen habe, sind in der Vampirnovelle ausformuliert. Und Horror ist das nicht, es sei denn: Der Alltag ist es.

 

Prothesengötter (2008/2013), Cover: Carsten Dörr
Prothesengötter (2008/2013), Cover: Carsten Dörr

Fantasyguide: In ihrem Nachwort sieht Karla Schmidt in der »Vampirnovelle« als zentrales Thema die Familie. Ein Zyniker übernimmt Verantwortung – für mich klingt das wie etwas, das im Fandom über Dich gesagt wird. Steckt etwas von Martin in Dir?

 

Frank Hebben: Der Autor ist tot. Es ist ein klassischer Fehler in der Literaturanalyse, den Protagonisten mit dem Autor gleichzusetzen. Aber ja: Martin hat mein vollstes Mitgefühl, auch wenn ich seine Bitterkeit nicht teile. Ich verstehe ihn … Muss ihn deshalb aber nicht mögen. Was wird denn im Fandom getuschelt? Dass ich ein soziales Gefüge jenseits der klassischen Familienblase für gut und richtig halte? Das kommt tatsächlich gerade häufiger in meinen Geschichten vor, im Algorithmus, oder auch in Erwache (NOVA 27):

 

»Und trau keinem über Dreißig … Sie lacht. In deiner Jugend gab es offene Gemeinschaften: diese Cliquen in der Schule, in der Universität – du warst willkommen; man interessierte sich füreinander, für dich, bis sich die Blasen nach innen stülpten, sobald jemand geheiratet hat, viele Freundschaften wegbrachen. Und wie auf Burgen oder Schlösschen saßen sie im Einfamilienhaus oder einer Hälfte davon und spähten grimmig durch die Gardinen (die blütenweißen), mit einem Küchenmesser in der Hand, weil sie jeden als Störenfried ihrer wohlverdienten Ruhe … All diese Königreiche aus Vorratsdosen und Porzellannippes und den vielen Baby-Fotos; vollgestopft mit Kitsch. Erinnerst du dich?«

 

Da bin ich aber auch nicht ganz alleine unterwegs: »Mit anderen Worten: Ich frage mich, ob das alles wirklich so sein muss, ob Blut letztlich immer dicker als Wasser ist, ob es nicht Formen der Gemeinschaft gibt, abseits der Kernfamilie, die verbindlich sein können und die nicht an besagte Grenze stoßen.« (Caroline Kraft)

 

Maschinenkinder (2012), Cover: Carsten Dörr
Maschinenkinder (2012), Cover: Carsten Dörr

Fantasyguide: Die Vampir-WG lebt in einer Art Subkultur-WG. Ist diese Art von Bohème tatsächlich noch in deutschen Städten zu finden? Was reizt Dich daran?

 

Frank Hebben: Mich reizt an der Bohème die Offenheit, künstlerisch wie gesellschaftlich: Komm zu uns! Sei willkommen! Es gibt im Film Das Leben ist eine Baustelle eine Szene, in der alle Künstler gespannt auf den Hauptprotagonisten blicken: Was kannst du? (Künstlerisch) Und er dann Gläser mit Wasser füllt, um eine Melodie zu spielen, auf der Glasorgel, durch den feuchten Finger am Glasrand. Ein magischer Moment. (Natürlich völlig kitschig und überkonstruiert, aber es trifft den Punkt: Den Menschen nach seinem künstlerischen Potenzial zu beurteilen und nicht nach seiner Krawatte, seinem Job; seinem Haus, dem Äffchen und dem Pferd.)

 

Das Lied der Grammphonbäume (2013), Cover: Jessica May Dean und Frank Hebben
Das Lied der Grammphonbäume (2013), Cover: Jessica May Dean und Frank Hebben

Fantasyguide: Du erwähnst, dass Sex zwischen Vampiren und Vampirinnen gefährlich ist und verhinderst dadurch, dass Ruth und Martin übereinander herfallen (mal von der Duschrubbelei abgesehen). War das eine rein Story-taktische Entscheidung oder war da mehr geplant?

 

Frank Hebben: Also erstmal sollst du für das Wort Vampirinnen mit lodernden Flammen zur Hölle fahren! Nicht mal ein *Sternchen dran … tss. Das ist eine der vielen Bug-Fixes, die man braucht, um so eine Story überhaupt (noch) ans Laufen zu kriegen: Je tiefer man blickt, desto absurder wird das Ganze. Ich habe es eben als Infektionskrankheit hergeleitet; deshalb können Vampire untereinander schon (Safer-)Sex miteinander haben; allerdings vermeiden sie es: Es ist bei ihnen eher eine gesellschaftliche Konvention, keine (offiziellen) Liebesbeziehungen miteinander einzugehen ...

Sicher kommt es vor, dass ein Partner (Vampir) einen anderen Partner zum Vampir macht, um AUF EWIG (Nachhall: … auf ewig, auf ewig …) mit ihm zusammen zu sein; aber, wüste Spekulation, vielleicht ist das nicht gerne gesehen, weil eben nichts für die Ewigkeit ist, schon gar nicht die Liebe.

 

Fantasyguide: Du verwendest auf der einen Seite klassische Bestandteile des Vampirmythos, andererseits versuchst Du durch medizinische Erklärungen den Mythos realistisch zu gestalten. Hattest Du Scheu vor magischen Verwandlungen zur Fledermaus oder ähnlichem?

 

Frank Hebben: Wie gesagt: Bei genauerer Betrachtung wird der Mythos noch absurder, je länger man draufstarrt. Gerade in einer modernen Großstadt. Die Erdung des Ganzen oder wie Josefson (Jürgen Doppler – Anm. d. Red.) im derStandard.at richtig diagnostiziert: »Hebbens Ansatz läuft kurz gesagt auf Totalentmystifizierung hinaus.«

Das ist nichts Neues. Auch in American Horror Story: Hotel wird der Vampirismus durch einen Virus erklärt. Und an den Wänden hängen Leucht-Kunstwerke. Ich habe so gekotzt! Immer war vor dir jemand auf dem Mond. Aber: Gute Staffel.

 

Der Algorithmus des Meeres (2015), Cover: Thomas Franke
Der Algorithmus des Meeres (2015), Cover: Thomas Franke

Fantasyguide: Ist Verwandlung durch ein Virus/Bazille/Pils nicht eigentlich Science-Fiction?

 

Frank Hebben: Ach! Wo will man da die Grenze ziehen zwischen Phantastik/Fantasy/Horror/SF?

Alles ist in allem angelegt, alles kommt aus demselben Stall: Shelley (*1797), Poe (*1809), Verne (*1828), Stoker (*1847), Lovecraft (*1890).

 

Man kann dann gerne noch hingehen und ein paar *punks hinten anhängen: Steampunk, Cyberpunk, Kartoffelpunk, Zombiepunk – letztlich nur Labels.

 

Fantasyguide: Zwei moralische Dilemmata des Vampirthemas schneidest Du nur an. Das Problem mit der Langeweile für die Unsterblichen und ihr Rassismus. Martin emanzipiert sich ja recht flott von beidem. Oder ist das schon Teil Deiner schnellen Inszenierung?

 

Frank Hebben: Also, die Frage nach der Langeweile der Unsterblichkeit habe ich in Erwache schon, für mich, angerissen, und – Surprise – sie ist deckungsgleich zu anderen Szenarien, die sich mit der Unsterblichkeit auseinandersetzen, z. B. gibt es eine Star-Trek-Voyager-Folge, in der man Einblicke ins Q bekommt:

 

»Das ist das Q-Kontinuum? Eine Straße in einer Wüste?«

»Wir haben dieses Erscheinungsbild des Kontinuums gewählt, in der Hoffnung, dass es Ihrer Verständnisebene entspricht. […] Die Straße: Sie bringt uns in das Universum und dann führt sie uns wieder her: ein endloser Kreislauf. […] Zu Beginn der neuen Ära war das Leben als Q ein konstanter Dialog voller Entdeckungen und Themen und Humor aus dem ganzen Universum. Aber schauen Sie sich die Q jetzt an: hören Sie sich ihre Dialoge an:«

»Ich bedaure: Ich höre gar nichts.«

»Weil alles bereits gesagt wurde.« (Staffel 2, Episode 18: Todessehnsucht)

 

Im Nebel kein Wort (2016), Cover: Nikolaj Djatschenko
Im Nebel kein Wort (2016), Cover: Nikolaj Djatschenko

Fantasyguide: Und ganz wichtige Frage: Was ist an einer Zombieapokalypse so toll?

 

Frank Hebben: Gegenfrage: Was nicht!? Meiner Meinung nach gibt es zwei Wege aus der Midlife-Crisis: Der Weg nach innen, also: seelische Reifung durch den Nachtbogen der Heldenreise (Dante: Lasst alle Hoffnung fahren) oder alles abzureißen! (The World’s End, Film) Da endet die Heldenreise auch in einer zünftigen Post-Apokalypse. Mir hat’s gefallen, und es ist ja nicht so, dass da jetzt müde Horror-Action herrscht ...

 

Ich habe die Helden selten mit Fahrrädern aufs Dorf radeln sehen, habe aber auch nicht den Gesamt-Überblick. Vamos a la playa!

 

Fantasyguide: In der »Vampirnovelle« klingen dank Deines technischen Stils viele Absätze wie Gedichte von Dir. Siehst Dich mehr als Dichter oder Erzähler?

 

Frank Hebben: Auch hier hat Josefson schon die richtigen Worte gefunden: »Die Reduktion auf das Wesentliche«. Alles andere kann raus. Alles kann ein Gedicht sein, aber auf die Wirkung kommt es an: »Bunt sind schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder, und der Herbst beginnt.« Oder: »Fort die Taube, noch wippt der Ast.« Das ist einfach wahnsinnig gut. Oder, wie bei mir (nicht ganz so gut): »Dein Ecstasy rauscht immer noch in mir: Liebe und Glück, für eine Nacht, und schon vorbei, wenn der nächste Morgen graut.«

Das ist es. Ich denke, damit dringt man durch. Und darum geht es mir: Zum Leser durchzudringen, nicht einfach konsumiert zu werden, sondern verstanden, besser: gefühlt zu werden.

 

Fantasyguide: Verwendest Du Fragmente von Gedichten für Geschichten oder umgekehrt Textteile für eine lyrische Bearbeitung?

 

Frank Hebben: Wie gesagt. Kann. Alles. Ein. Gedicht. Sein. Oder wie Andreas Eschbach es so charmant formuliert hat: »Sprich, die meisten, die Gedichte schreiben, tun es, weil man so schön schnell fertig ist und es einfach aussieht – ein paar Worte dunkelsinnig zusammengesetzt, fertig.« (Quelle)

 

 

Hardy Kettlitz 2014 mit dem von ihm gesetzten Lyrik-Bändchen »Oubliette« von Frank Hebben
Hardy Kettlitz 2014  mit dem von ihm gesetzten Lyrik-Bändchen »Oubliette« von Frank Hebben

Fantasyguide: Wie wichtig ist Dir die Verwendung eigener Grafiken bei der Gestaltung Deiner Bücher?

 

Frank Hebben: Die bessere Frage wäre: Wie wichtig ist dir, die komplette Kontrolle über alle Aspekte der Buchgestaltung zu behalten: vom eigentlichen Skript, über das Lektorat, über den Satz, über den Schmuck im Innenteil, über das Cover und den Klappentext? Es ist für mich essenziell! An meine Bücher lasse ich nur Rößler und Kettlitz (Armin Rößler Lektorat, Hardy Kettlitz Satz – Anm. d. Red.).

Das ist auch genau der Grund, warum ich Begedia die Treue halte: Nicht, weil wir – mal wieder – nicht auf der Buchmesse vertreten sind, sondern weil mir Harald (Harald Giersche, Begedia-Verleger – Anm. d. Red.) sämtliche Freiheiten lässt, weil er weiß, dass ich weiß, was ich tue. Mir geht es nicht um den kommerziellen Erfolg (sehr gerne!), sondern, wie Nabokov sagt, »um mir die Bücher vom Hals zu schaffen!« Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

Ich will die Teile im Regal stehen haben, damit sie wirklich und wahrhaftig sind. E-Books interessieren mich nicht. Auch das Cover für unsere neue Anthologie Elvis hat das Gebäude verlassen habe ich dann lieber selbst gemacht. (Grafik von Jan Neidigk)

 

Die Fugen einer Stadt (2017), Cover: Nikolaj Djatschenko
Die Fugen einer Stadt (2017), Cover: Nikolaj Djatschenko

Fantasyguide: Ruth kreiert Kunstwerke mit Neon-Leuchten. Gab es dafür reale Anregungen?

 

Frank Hebben: Da braucht man eigentlich nur durch die Facebook-Timeline scrollen, schon poppen einem die »geilsten« Sprüche entgegnen a la: Stay wild inside. (Okay: Google Suche)

 

Fantasyguide: Seit diesem Jahr gibt es Dein Projekt LetsListen.de auch als Podcast. Phantastische Kurzgeschichten, eingelesen von den Autorinnen und Autoren selbst. Bist Du damit am Puls der Zeit? Wie läuft das Projekt? Wie ist das Feedback, erreichst Du die unnahbare Jugend?

 

Frank Hebben: Wieder eins meiner undankbaren Projekte, die ich mache, ums zu machen. Viel Arbeit für die Katz. Oder besser: für eine Handvoll Hörer. Aber okay. Mache ich gerne. Ich finde das Konzept super, und ich mag die Hörbücher total! <3 Danke, danke.

Auf der Kehrseite: Muss dann immer schmunzeln, wenn neue Sprecher mit Stundensätzen und Business loslegen, und ich so: »Hey, hey, hey! Von oben kommt nix rein, daher kann ich unten auch nix rausgeben.« Eigentlich eine ganz einfache Formel: Verdiene ich Geld damit, um dich zu bezahlen? Ja/Nein? Und falls nein: Dann stell dich nicht so an! Es bricht dir kein Zacken aus der Krone, wenn du etwas pro bono machst. Ich hasse diese Künstler-Attitüde, für jedes Wort, für jeden Pinselstrich bezahlt zu werden. Ich, als Autor, stecke so viele Stunden in meine Storys und verschenke sie dann! Also kommt mal runter. Und ja: Es ist auch Werbung für dich! (ein untermalender Cartoon von Der Flix: Heldentage – Tag 224)

 

Die Jugend™ haben wir längst verloren. Die schaut sich die Teile auf Netflix an. Und ja: Black Mirror (Das Leben als Spiel // San Junipero // Bandersnatch) oder Electric Dreams (Autofac) oder Love, Death & Robots (To-do-Liste), das ist es!

 

Vampirnovelle (2019), Cover: Frank Hebben
Vampirnovelle (2019), Cover: Frank Hebben

Fantasyguide: Welchen LetsListen-Teil empfiehlst Du Hörneulingen als Einstieg?

 

Frank Hebben: Ach, da sind richtig geile Dinger dabei! Ich persönlich, weil witzig, liebe Die Hölle ganz für mich allein. Und: Aliens aßen meinen Nudelsalat. Großes Kino.

 

Fantasyguide: Was kommt bei Dir als nächstes? Eine Fantasy-Novelle?

 

Frank Hebben: Lass mich überlegen: nö. Ich mache jetzt erst einmal den dritten Kurzgeschichtenband fertig: Elektroteufel. Danach gibt es Ernteland oder Invictus. Je nachdem, wie ich so drauf bin.

 

Fantasyguide: Wann kann man Dich wieder einmal live erleben? Planst Du Con-Besuche oder Lesungen?

 

Frank Hebben: Bin ne Kellerassel. Komme selten vor die Tür.

 

Fantasyguide: Vielen Dank für das Interview!

 

Frank Hebben: Gerne. Gerne.

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Eure Meinung:

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Buch:

Vampirnovelle

Autor: Frank Hebben

Nachwort: Karla Schmidt

Taschenbuch, 240 Seiten

Begedia Verlag, 8. März 2019

Cover: Frank Hebben

 

ISBN-10: 395777120X

ISBN-13: 978-3957771209

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B07N8XWT39

 

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zuletzt aktualisiert: 15.09.2019 17:26 | Users Online
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